Jeder ist ein Kritiker

„Jaja, ganz nett, aber du musst auch mal was Eigenes machen, nicht immer von Vorlagen.“

„Und wann malst du endlich mal in Öl?“

„Also ich könnte das nicht.“

„Langweilig, das ist ja immer dasselbe.“

Das sind vier von zahlreichen Sätzen, die mir mein bescheuertes Gedächtnis zuletzt gerne mal wieder ins Bewusstsein spülte. Vorzugsweise immer dann, wenn ich malte, was vermutlich damit zu tun hat, dass ich das seit etwa einem Jahr wieder häufiger tue. Und ich kann gar nicht sagen, wie froh ich darüber bin, dass ich das wieder kann. Denn jahrelang lagen Kreide, Kohle, Bleistifte, Acrylfarben und Aquarellfarben in einer Kiste und litten dort vermutlich ebenso still vor sich hin wie ich. Dass ich all die schönen Farben und die Ideen befreien konnte, liegt vor allem an einem sagenumwobenen Ort, über den ich hier schon geschrieben habe. Es hat eine Weile gedauert, aber jetzt habe ich wieder richtig Spaß am Malen, es gibt keine bessere Methode, um zur Ruhe zu kommen. Und ich sehe bereits wieder eine gewisse Entwicklung zwischen den Bildern, die ich vor Weihnachten gemalt hab und denen, die ich zuletzt im Sommer aufs Papier gebracht hab.

Die oben zitierten Sätze haben zum Glück inzwischen keine Macht mehr über mich, aber zumindest zwei von ihnen haben mir über lange Zeit meine Kunst kaputt gemacht.

Der erste Satz wurde gesagt von einer damaligen „Freundin“, die zugegebermaßen sehr begabt war, was Malen und Zeichnen anging. Sie bezog sich darauf, dass ich (übrigens bis heute) von Fotos „abmale“. Ich konnte damals halt nicht eben mal so eine Flusslandschaft aufs Papier zaubern, sondern brauchte eine Vorlage. Ich hatte aber, als der Satz fiel, gerade mal etwa eineinhalb Jahre zuvor so richtig mit dem Malen begonnen, nämlich in der 11. Klasse. Bis dahin hatte ich halbwegs okay vor mich hingepinselt, es hatte immer für eine Zwei im Kunstunterricht gereicht. (Ob man in Fächern wie Kunst und Musik überhaupt Noten vergeben sollte, ist noch mal eine ganz andere Frage.) Ich hatte immer sehr viel besser malen können wollen, aber wie das bei mir immer so ist: Der Knoten platzt oft spät, dann aber richtig.

Ich kann mich erinnern, dass wir im Kunstunterricht irgendwas mit Sieg und Niederlage zeichnen sollten, ich nahm mir ein Leichtathletik-Buch als Vorlage zur Hand und zeichnete einen am Boden liegenden Läufer und die daneben stattfindende Siegerehrung, und ich weiß nicht genau, warum, aber diese Zeichnung gelang mir erstaunlich gut. Eventuell lag es an einer für mich neuen Schraffiertechnik, die mein damals neuer Kunstlehrer uns gezeigt hatte, und die mir irgendwie lag. Auf jeden Fall kam ein – wie ich fand – schönes Bild dabei raus und sogar eine Eins.

Von da an war ich nicht mehr zu bremsen. Ich malte mit Acrylfarben, mit Aquarellstiften, Bleistift und Kohle. Beim Malen und Zeichnen konnte ich am besten abschalten, ich war komplett weg, abgetaucht im Farb- und Formenrausch. Und endlich gelangen mir Bilder halbwegs so, wie ich sie mir im Kopf vorgestellt hatte. Es war so unfassbar toll.

Und klar – natürlich fehlten mir da noch die Grundlagen. Ich hatte nicht wie andere Leute schon als Kind ständig vor mich hin gekritzelt, Skizzenbücher gefüllt, Kurse belegt und somit dauernd geübt. (Ich habe Bücher mit Texten gefüllt, weil ich halt auch eine Begabung fürs Schreiben hatte.) Ich war zwar schon 19, aber noch eine Anfängerin. Bin ich jetzt, mehr als drölfzig Jahre später, eigentlich immer noch.

Trotzdem war ich überaus glücklich mit dem kleinen Bisschen Kunst, das ich mir erobert hatte. Und deswegen ärgerte mich dieser dämliche Satz umso mehr. Warum konnte die „Freundin“ damals nicht anerkennen, was ich bis dahin geschafft hatte? Oder halt einfach den Mund halten? Ich brauche bis heute Vorlagen, wenn ich was male. Oft fotografiere ich Motive im Urlaub nur deswegen, weil ich schon sehen kann, wie ich sie später malen werde – vom Foto. Und? Mir doch egal. Ich will damit ja kein Geld verdienen, ich mache das nur für mich und für Freund*innen, die halt ein Bild gemalt bekommen, wenn mir sonst kein Geschenk einfällt.

Der zweite Satz, der mit dem Öl, kam von einem Freund meiner Eltern. Ich war so stolz auf das, was ich bislang mit Acrylfarben und Aquarell gezaubert hatte, da wurde mir gesagt, nur wer mit Öl male, sei ein richtiger Künstler. Klar, als Schülerin oder Studentin kann man sich das Malen mit Öl auch locker leisten. Aber auch hier: Ich war erst mal nur stolz auf das, was ich bin dahin erreicht hatte, und plötzlich war das nichts mehr wert, weil es das „falsche“ Material war. Der Satz kommt mir immer mal wieder in den Sinn, wenn ich mit Hingabe ins Mischen von Acrylfarben eintauche oder fasziniert beobachte, wie sich die Aquarellfarben manchmal erst auf dem Papier zum gewünschten Farbton vermischen und das Meer plötzlich genau die Farbe bekommt, die ich haben wollte. Das ist die reine Magie, das ist Zauberei, und ich bin immer wieder überrascht, dass ich das kann. Ich habe die beiden Techniken für mich gefunden, und auch wenn ich gerne mal Ausflüge in die Pastellkreiden, Kohle, Bleistifte und Buntstifte mache, liebe ich Aquarell und Acryl einfach am meisten.

Der dritte Satz kam ebenfalls von einer Freundin, die, auf mein neues Hobby Malen angesprochen, diese Worte äußerte. Als ich ihr mal ein Bild malte, knickte sie es, um es in ihre Tasche zu kriegen. (Vielleicht sollte man aufs Kunstverständnis oder auf freundliche Worte von solchen Menschen sowieso wenig geben, aber ich war damals sehr verletzt.) Erst viel später begriff ich, dass dieses leicht beleidigte „ich könnte das nicht“ nur Ausdruck von Neid war. Die Dame war in der Schule viel besser als ich, also musste sie mir Kunst und Sport, worin ich besser war, madig machen. Es durfte halt keine Götter neben ihr geben.

Es ist jetzt nicht so, dass ich gleich mit dem Malen aufgehört hätte,wenn man mir dummes Zeug erzählt hat, aber ich hatte immer im Hinterkopf, dass es irgendwie besser sein muss, egal, wie schön ich selbst vielleicht ein Bild fand. Aber tatsächlich hab ich dann irgendwann aufgehört zu malen und zu zeichnen, wenn auch immer mit einem schlechten Gewissen, weil ich ein Talent brachliegen ließ. Die beiden ersten obengenannten Sätze waren nicht allein daran schuld, die Schreibblockade kam in etwa zur selben Zeit (über die Sätze, die mir das Schreiben versaut haben, berichte ich dann vielleicht ein andermal).

Was ich eigentlich sagen möchte, abgesehen von der Tatsache, dass ich möglicherweise übersensibel auf Aussagen meiner Mitmenschen reagiere, obwohl sie mir eigentlich scheißegal sind, ist: Behaltet eure Kommentare doch einfach für euch. Oder sagt einfach was Nettes, wenn es nicht allzu schwer fällt. Positive Verstärkung kann so viel bewirken, nicht alle Menschen fühlen sich von Kritik angestachelt, es besser zu machen. Manche werfen den Scheiß dann auch einfach in die Ecke und verlieren die Lust an ihrem Tun. Falls es das ist, was ihr beabsichtigt habt, macht natürlich gerne so weiter. Ist dann aber halt scheiße.

Ach so, und der vierte Satz?

Den sagten mir die Erzieherinnen im Kindergarten. Da malte ich nämlich immer und immer wieder, tagtäglich, wochen- und monatelang, dasselbe Motiv: ein Haus mit einer Sonnenblume davor. Meine Mutter fand das schön und sagte, ich würde jeden Tag besser. Also warum sollte ich was anderes malen, wenn meine Mama sich doch so darüber gefreut hat?

Und außerdem: Dem aufmerksamen Beobachter wird auffallen, dass die Bilder mitnichten immer gleich sind, sondern die junge Künstlerin hier mit den Farben experimentiert und auch Motive wie Sonne oder blauer Himmel variiert.

Möglicherweise hatte ich aber auch keinen Bock, mir stundenlang zu überlegen, was ich denn nun malen könnte oder irgendwelchen Erwartungen gerecht zu werden.

Vielleicht wusste ich aber auch damals schon, dass wahre Meisterschaft nur durch Schweiß, Übung und Wiederholungen zu erreichen ist.

Bücher meiner Kindheit

Zurzeit sortiere ich aus. Das mache ich phasenweise immer mal wieder gerne, und im Augenblick haben viele von uns ja Zeit für so was. Im Moment bin ich bei den Büchern, den Kinderbüchern, um genau zu sein. Ich habe schon immer viele Bücher gehabt, und Bücher sind ein Luxus, den ich mir fast immer leiste. Bücher sind Freunde, gute Freunde, manchmal die besten Freunde. Deswegen fällt es mir oft schwer, mich von ihnen zu trennen. Ich habe viele Bücher, die ich schon mehrmals gelesen habe und sicher noch einige Male lesen werde.

Es ist aber nicht so, wie ich mir mal vorwerfen lassen musste, dass ich mich nicht von Büchern trennen kann. Das kann ich sehr wohl, aber ich überlege gut, bevor ich das tue. (Aber selbst wenn ich es nicht könnte – wen kümmert’s? Also außer den Menschen, die meine Wohnung ausräumen müssen, wenn mich eines Tages ein freakiger Badezimmerunfall während des Homeoffice‘ dahingerafft hat?)

Mit Büchern ist es wie mit Freunden – viele bleiben lange, manchmal sogar ein Leben lang treu, wenn man sie besucht, weiß man, was einen erwartet: ein gutes Gespräch, eine Tasse Tee, Schnaps, warme Worte. Und so wie Freunde besucht man bestimmte Bücher zu bestimmten Zeiten, weil jedes etwas anderes bietet.

Aber wie bei Freundschaften wird man auch hier und da enttäuscht, weil sich Menschen auseinanderleben und bisweilen mit dem Alter komische Schrullen entwickeln. Das ist mir zuletzt mehrfach mit Kinderbüchern passiert, speziell denen, die von Frauen für Mädchen geschrieben wurden. Ich erinnere mich daran, dass ich diese Bücher verschlungen habe und dachte, so wie die Autorin wollte ich auch mal schreiben können. Und wenn ich das heute lese, wird mir regelmäßig schlecht angesichts des Frauenbildes, das dort teilweise transportiert wird. Da wundern sich junge Mädchen, warum sich der hübsche Student für sie interessiert, obwohl sie doch ganz klein und dumm seien (zum Beispiel bei Berte Bratt). Da wird voller Hochachtung von einem Mädchen gesprochen, das gerne ein Junge sein will und mit Werkzeug auch genauso gut wie ein Junge umgehen kann (zum Beispiel bei Elke Müller-Mees). Aber immer wieder wird betont, dass es sich dabei um ein sehr hübsches Mädchen handelt, puh, dann ist es ja gut. Aber wenn es sich doch nur ein bisschen besser kleiden würde, nicht immer so schlampig, ist es ihm denn ganz egal, wie es aussieht? Aber wenn der Vater etwas im Haus reparieren muss, fragt er nur diese eine Tochter um Hilfe, und das ist jedes Mal ein Ritterschlag. Und selbstverständlich ist es der Vater, der Sachen repariert, die Mutter hält die Bude nur notdürftig zusammen, wenn „der Mann“ auf Dienstreisen ist. Das klappt zwar einigermaßen, aber am Ende sind alle froh, dass er wieder da ist und alles endlich richtig instandsetzen kann. Halleluja. Mädchen sind halt noch richtige Mädchen, wenn sie sich hübsch zurecht machen, mit Schminke umgehen können, sich für Jungs interessieren und ansonsten die Fresse halten. Und das sind keine Bücher aus den 30ern oder 40ern, die sich in unserem Haushalt auch noch finden, sondern aus den 80ern. Und in „Försters Pucki“ aus dem Jahre 1935 findet sich gar folgender, das Herz erfreuender Textabschnitt:

„Du brauchst mit den drei Buben nicht immer mitzuklettern. Kleine Mädchen müssen artiger sein als Jungen.“
„Warum denn, Mutti?“
„Weil sie schon ein viel feineres Stimmchen haben und weil sie der liebe Gott nicht so kräftig geschaffen hat wie die Knaben.“

[…]

„Oh, ich hab schon Kräfte. Der liebe Gott hat gemeint, ich bin ein Junge.“
„Du bist unser liebes, kleines Mädchen und sollst es bleiben. Ich möchte auch ein artiges kleines Mädchen haben, keinen Eigensinn, wie du manchmal einer bist. Du sollst doch später ein liebes Mädchen werden, das alle Menschen gern haben.“

Ich hab mich neulich beim Lesen mal gefragt, wie ich angesichts solcher Lektüre halbwegs gescheit im Kopp werden konnte. Andererseits – wie soll man da nicht zur Feministin werden?

Und sonntags ein bisschen Kunst

Was Jersey so mit einem macht – da ist man gerade mal einen Tag auf einer anderen Insel, schon hat man fast Heimweh. Und das Heimkommen gestern fühlte sich auch fast so an, als sei ich nach einer langen Reise wieder zu Hause. Und weil heute Sonntag war, war mir nach einem Besuch im Jersey Museum and Art Gallery. Ein bisschen Geschichte und Kunst am Wochenende haben noch niemandem geschadet. Und außerdem taten mir von den 17 Kilometern auf Sark dermaßen die Füße weh, dass ich keine weiten Spaziergänge unternehmen wollte.

Das Museum ist in mehrere Bereiche aufgeteilt, und jeder bietet was für alle Altersgruppen. Ganz am Eingang zum Beispiel ein Tastbild, bei dem das Anfassen nicht nur gestattet, sondern sogar erwünscht ist:

Immer wieder begegnet einem die Kröte, sinnbildlich für die Einwohner Jerseys. (Die von Guernsey sind übrigens Esel, also Donkeys. Falls die Frage mal bei Günther Jauch drankommen sollte.)

Folgender Herr ist fast zu echt, da gruselt es einen fast ein bisschen.

Das untere Bild zeigt sämtliche Dinosaurierknochen, die an einer bestimmten Ausgrabungsstelle der Insel gefunden wurden – oder auf der ganzen Insel? Ich weiß es nicht mehr, verklagt mich, es ist bereits September, während ich das schreibe.

Der innere Aufbau eines Martello-Turms, davon finden sich ja einige auf den Kanalinseln:

Sie haben ein Händchen dafür, Geschichte erlebbar zu machen, diese Insulaner. Bei diesem konspirativen Treffen am Küchenfenster fängt man unwillkürlich an, auf Zehenspitzen zu laufen.

(Feld-)Postkarten mit Stickerei, das sollte man dringend wieder einführen.

Ein paar Türen weiter gelangt man in das Haus einer Kaufmannsfamilie aus dem 19. Jahrhundert, das ganz wunderbar hergerichtet ist. Nicht ganz so wunderbar aber geht es der Familie, denn sie steht vor dem Ruin. Deshalb finden sich an zahlreichen Möbeln und Gegenständen im Haus Preisschilder, und bei dem einen oder anderen war ich doch in Versuchung, mitzubieten. Könnte bloß schwierig mit dem Reisegepäck werden.

Mittels einer Art von holografischer Installation kann man der Familie von Charles Ginestet sogar recht nahekommen und sich anhören, was die einzelnen Mitglieder zu erzählen haben.

Ein Highlight, zumindest für mich, war die Handarbeitsausstellung. Dabei wird weitaus mehr gezeigt als nur ein paar Häkelarbeiten älterer Damen, wenn auch diese Darstellung von „The Death of Major Peirson“ in der Schlacht um Jersey sehr beeindruckend ist:

Schwer zu ertragen aber diese Szene vom Modellbahnhof. Was macht man da? Schafe können doch nicht alleine wieder aufstehen, man soll ihnen ja helfen, wenn man so was auf dem Acker sieht, aber hier stand was von „Do not touch“ dran, da steht man doch etwas hilflos davor und muss sich darauf beschränken, dem Schaf gut zuzureden. Aber wenn einer der geneigten Leser demnächst mal da vorbeikommt, hätte ich gerne gewusst, ob das Schaf wohlauf ist. Verbindlichsten Dank.

Einsamkeit, Symbolbild:

Für den Nachmittag hatte ich mir ja eigentlich noch einen kleinen Spaziergang vorgenommen, aber … Warum sollte ich mich hier wegbewegen? Warum.

Not an Instagram Life

Wie ich sie hasse, diese perfekt gestylten Mädchen in ihren perfekten Wohnungen, die sich morgens als Erstes zu klassischer Musik einen Tee in ihrer blitzsauberen Küche kochen und sich dann zusammen mit ihrer Katze überlegen, was sie denn wohl heute Schönes kochen und wie sie sich und ihren Lieben das Leben schön machen können. Schön und noch perfekter, als es eh schon ist. Diese Mädchen sehen aus, als hätten sie keinerlei Verdauung und wenn doch, dann kacken sie Rosen und Nüsse. Sie wuppen alles mit Leichtigkeit, nichts ist ihnen zu schwer, nach einem vollgepackten Arbeitstag in der Einhornschule gehen sie noch einkaufen und anschließend ins Fitnessstudio, wo sie ihre eh schon makellosen Körper in Form bringen, dabei wie schon den ganzen Tag über perfekt gekleidet sind und natürlich nicht ansatzweise  schwitzen. Vielleicht transpirieren sie ein wenig, aber das riecht dann nach Lavendel. Alles ist Glitzer und Glamour, alles blitzt und blinkt, it’s all so shiny.

Ich habe eben in den ältesten Sportklamotten, die ich besitze, Krafttraining gemacht (nach einem gesunden und nahrhaften Frühstück, bestehend aus Limettenmuffins und Käsebrot), dabei geschwitzt wie ein Schwein und anschließend gestunken wie ein Puma. Mein Platz im Wohnzimmer ist sehr deutlich als mein Platz zu erkennen, weil da die ganzen Krümel von den Tortillachips liegen, die ich zu Mittag hatte. Und wenn ich lange genug in meinem Unterhemd suche, finde ich da sicher auch noch welche. Ich habe keine perfekte kleine Hauskatze, die mir zur Begrüßung abends freundlich um die Beine streicht, ich habe schlechterzogene Elche. Wenn ich einen Scheißtag im Büro hatte, und das habe ich oft, kann ich nicht mehr einkaufen gehen, weil ich den ganzen Supermarkt in Schutt und Asche legen würde, weil mir die Menschen da so unsagbar auf die Nerven gehen. Da ess ich lieber auch noch zum Abendessen Chips und trinke Leitungswasser, anstatt abends einkaufen zu gehen. Wenn ich joggen gehe, dann frühmorgens im Schutz der Dunkelheit, weil mich dabei Menschen sehen könnten, die meine Mitarbeiter sind und dann jeglichen vielleicht noch vorhandenen Restrespekt verlieren könnten.

Was ich sagen will: Ich tauge so was von überhaupt nicht für Instagram, ich habe keinen Instagram-Husband, der mich gekonnt in Szene setzen könnte, ich bin viel zu faul, um auch nur ansatzsweise den Schein zu erwecken, dass ich ein perfektes Leben hab und überhaupt. Weil ich bei Instagram aber nun auch einen Account hab, mache ich mit dem … was anderes.

Das dritte Zimmer

Während ich dies schreibe, sitze ich an seinem sehr besonderen Ort. Ich sitze in meinem dritten Zimmer, dem dritten Zimmer, das ich mir schon so lange gewünscht hatte und das ich nun endlich wieder habe. Es sollte ein Arbeitszimmer sein, aber was es wurde, ist ein Bastelschreibmalkrumelnähhandarbeitsnachdenkkreativitätszimmer. Denn ich habe es geschafft, in diesem winzigen Zimmer drei Tische unterzubringen. Den Nähtisch, den Schreibtisch und den Maltisch. Es beherbergt meine ganzen gesammelten Papiere, mein Schmierpapier und meine Notizbücher, meine Bastelbücher, meine Unterlagen, die Scrapbooks, meine Acryl- und Stoffmalfarben, meine Buntstifte, meine Pastellkreiden. Hier lagern meine Stoffe, meine Skizzen, meine Entwürfe, das ganze halbfertige Zeug. Das dritte Zimmer verschluckt die ganze Unordnung, die bisher immer vor Weihnachten oder Geburtstagen von Freunden im Wohnzimmer herrschte. Hier liegt meine ganze Kreativität, hier kommt alles hin, was meinen Kopf zu voll macht. Das dritte Zimmer bewahrt es auf, ohne dass der Alltag aus Arbeit und Pflichten die Ideen kaputt macht. Hier liegt alles sicher und trocken.

Wenn ich ganz früh in diesem Zimmer sitze, sehe ich, wie sich der Himmel rot färbt, weil die Sonne an dieser Seite der Wohnung aufgeht. Und dann verarbeite ich die Sachen, die ich auf der anderen Seite der Wohnung in mein Notizbuch geschmiert hab, während ich am Abend vorher auf dem Balkon, dem zweiten sehr besonderen Ort dieser Wohnung gesessen und beobachtet hab, wie die Sonne unterging. (Aber zum Balkon kommen wir vielleicht ein andermal.)

Vielleicht ist es kein Wunder, dass ich in der alten Wohnung nie so richtig kreativ sein konnte, dass ich immer wollte und nicht konnte, wenn doch die ganze Kreativität hier, in der neuen Wohnung, in diesem magischen Zimmer, gefangen war.

Denn genau das ist es: ein magisches Zimmer.

(Und es ist mir vollkommen egal, dass das Fahrrad auf der Skizze ein zu kleines Vorderrad hat und die Perspektive nicht stimmt. Es ist das Erste, was ich seit Monaten gezeichnet habe, und es ist somit das schönste Bild eines Fahrrad ever. So.)

Keine Bilder im Kopf

Auf meiner ersten Kanada-Reise 2011 fragte mich jemand aus meiner Reisegruppe, warum zum Teufel ich denn so viele Fotos machen müsse. Sie selber brauche das nicht, sie genieße das Leben lieber nicht durch eine Linse, sondern habe die schönsten Bilder eh alle im Kopf. (Und im Übrigen hatte sie einen Mann, der die ganze Zeit so ziemlich alles knipste, was ihm vor die Nase kam, aber das nur am Rande.)

Die Antwort auf die Frage, warum ich so viel fotografiere, ist ganz einfach: Weil ich es kann und weil ich es will.

Ich habe mich wirklich lange gegen Digitalfotografie gesperrt, weil ich ein sehr altmodischer Mensch bin, der Veränderungen hasst. Heute liebe ich meine digitale Spiegelreflexkamera und vor allem die Speicherchips, auf die ich im übertragenen Sinne Tonnen von Fotos speichern kann. Ich nämlich weit davon entfernt, die beste Fotografin aller Zeiten zu sein, und für mich ist es fantastisch, sofort alles sehen und zur Not wieder löschen zu können, weil ich Murks gemacht hab. Als ich nämlich eben schrieb, ich „fotografiere“, war das maßlos übertrieben, ich hätte besser schreiben sollen, ich „knipse“. Vor allem dafür liebe ich meine Kamera, sie gleicht nämlich aus, was ich so zusammendilettiere. Und was die Kamera nicht rettet, dilettiere ich dann mit Photoshop zu verdammten Meisterwerken zurecht.

Ich neige außerdem dazu, meine Urlaube in Landschaften zu verbringen, die von solcher Schönheit sind, dass es einem den Atem raubt. Und in einer solchen Umgebung möchte ich mich nicht auf die 36 Fotos beschränken, die die Filme früher hatten und voller Sorge daran denken müssen, dass mich das Entwickeln der Fotos nach dem Urlaub in etwa genauso viel kosten wird wie die Reise selbst. Ich will draufhalten können wie bekloppt und alles, aber auch alles festhalten. Und weil meine Kamera so viel kann, bin ich mit dem Knipsen auch immer relativ schnell fertig und habe immer noch genug Zeit zum Gucken und Genießen. Denn das ist mir schon wichtig. Ich will die Welt nicht nur durch die Linse wahrnehmen, ich will sie schon auch in echt sehen und über sie staunen.

Und dann dieses Fest, wenn ich wieder zu Hause  bin und die ganze Reise noch einmal auf einem größeren Bildschirm erleben kann – und zwar wieder und wieder und wieder, wann immer mir nach Hawai’i, Alaska, dem Yukon oder New York oder was auch immer ist. Denn ich gucke mir die Bilder auch nach dem Urlaub noch relativ häufig an, und das ist jedes Mal wie noch ein kleiner Urlaub. Möglich, dass andere das alles im Kopf haben, mein Hirn ist voll mit Songtexten aus den 80ern, der Erinnerung daran, wo ich mein Auto abgestellt habe und Gedanken daran, wie ich Jungs verprügele, die mich im Kindergarten an den Haaren gezogen haben. Und irgendwann, wenn ich mal wieder anfangen sollte zu malen, hab ich dermaßen fantastische Vorlagen, dass alle grün vor Neid werden. So. Deswegen die vielen Fotos. Und jetzt lasst mich, ich muss die Kamera für den Island-Urlaub vorbereiten.

In a dark night

It’s before dawn we fight the demons
It’s before light we meet the fairy king
In that dark hour we see things forgotten
In that dark night madness spreads its wings

But with the first light all the monsters vanish
With the first glow we reach reason’s shore
But all the demons stay within us
Waiting for the night to rise once more

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Der 21. März ist der Welttag der Poesie. Was es alles gibt.

 

Warum Schreiben harte Arbeit ist

Schreiben sei ein lockerer Job, so ein bisschen tippeditipp, ein Weinchen dabei, tralala, fertig ist der Roman – das denkt ihr doch alle, oder? Dass das ein Irrglaube ist, möchte ich mal mit einer kleinen Geschichte illustrieren, nämlich der Geschichte davon, was passiert, wenn ich endlich mal wieder was Kreatives schreiben will, sprich, endlich mal wieder mit diesem #+%$&§-Roman weitermachen will, den ich eigentlich geschrieben haben wollte, bevor ich 40 wurde:

Ich fahre den Laptop hoch, rufe Word auf, suche die Stelle, an der ich weitermachen muss. So weit, so brav, so ambitioniert.

Irgendwann aber, dem Gesetz folgend, das besagt, dass mir am Tag mindestens zehn Menschen auf die Nerven gehen müssen, damit die Welt im Gleichgewicht bleibt und ich nicht alles mit meiner guten Laune zum Explodieren bringe, passiert eines der folgenden Dinge (und die Liste ist beliebig erweiterbar):

  • mein Arschloch-Nachbar dreht den Shit Metal auf
  • mein Arschloch-Nachbar hat beim Musikhören zwar Kopfhörer auf, grölt aber wie ein besoffener Pavian mit der Musik mit
  • auf dem Rasen des Nachbarhauses liegen drei Blätter, was sofort the incredible Laubbläserman auf den Plan ruft
  • der Nachbar im Nebenhaus macht den Fernseher so laut, dass ich mit dem Musikantenstadl mitsingen könnte
  • der Hausmeister mäht den Rasen hinter unserem Haus

Nun bin ich sehr lärmempfindlich bzw. empfinde schon Dinge als Lärm, die andere gar nicht hören. Und wenn mir dann noch jemand den schönen Ratschlag gibt, ich solle doch einfach nicht hinhören, werde ich zudem noch wütend, und dann kann ich überhaupt nicht mehr arbeiten.

Ich mache also selbst Musik an. Und das Unheil nimmt seinen Lauf.

Eine Weile geht es gut, mit Musikuntermalung zu schreiben. Aber dann passiert es immer irgendwann, dass ich etwas nachschlagen muss und das Internet anschalten muss. Leider ist es mir aufgrund meiner genetischen Disposition nicht möglich, nur duden.de aufzumachen. Ich muss den Rest des Internets auf öffnen, um „nur mal kurz zwischendurch zu gucken, was so los ist“.

Los ist dann unter anderem, dass einer meiner Facebook-Freunde ein Bild postet, das mich an einen Helden meiner Kindheit erinnert, nämlich Petzi-Bär. Ich frage mich, ob es Petzi noch gibt und mache Wikipedia auf. Ach, schau an, es gibt 40 Bände. Ich frage mich, ob es die heute noch gibt und was die wohl kosten mögen, und öffne die Seite eines bekannten Versandhändlers. Und wenn ich schon mal da bin, kann ich auch gleich gucken, was die fünfte Staffel „The Walking Dead“ inzwischen kostet, denn ein Leben ohne Rick Grimes ist möglich, aber sinnlos. Ach, Rick … Dann frage ich mich, wie es denn nun schon wieder passieren konnte, dass ich mich so schnell habe ablenken lassen und finde, es könnte amüsant sein, darüber zu bloggen. Ich öffne wordpress.de, und da ich nun schon mal dabei bin, auch gleich Twitter, um den unfassbar witzigen Tweet „Vorm Nachbarhaus liegen drei Blätter, und ich setzte mich just mit einem guten Buch aufs Sofa. Auftritt: the incredible Laubbläserman.“ abzusetzen, der zwar nicht ganz das wirkliche Geschehen beschreibt, aber ich lasse mir erstens von der Realität nicht meine Tweets kaputtmachen und zweitens geht es ja auch keinen was an, dass ich eigentlich gerade einen Roman schreiben will. Petzi-Bücher gibt es im Übrigen noch, sie sind gebraucht auch nicht wirklich teuer, und wusstet ihr, dass Petzi eigentlich ein Däne ist? Zwischendrin schreibe ich dann mal wieder einen Satz in das Worddokument, das mal der Roman werden soll, während der Musikplayer bei dieser jüngst von mir entdeckten isländischen Band angekommen ist, in der der Bruder unseres Handballnationalmannschaftstrainers spielt. „Handballnationalmannschaftstrainers“ – deutsche Sprache ist fantastisch, oder? Die Band heißt übrigens Mono Town und ich muss erst mal gucken, welche Songs ich von denen noch kaufen kann. Zwischendrin brummt auch immer mal wieder das Handy, und weil ich da ungern Nachrichten schreibe, erst mal WhatsApp am Rechner öffnen und ein paar Leuten antworten. Man will ja nicht als wunderlicher Sonderling gelten, der keine sozialen Kontakte pflegt. Oh, und die Waschmaschine ist auch fertig.

Liebe Kinder, nun wisst ihr, warum es so schwer ist, einen Roman zu schreiben. Bitte, gern.

Was soll, kann, muss ich tun?

Eigentlich steht ja hier schon alles – und zwar viel besser, als ich es jemals ausdrücken könnte. Aber so zwei, drei eigene Gedanken muss ich nun doch noch loswerden.

Der feige Anschlag auf die Redaktion von „Charlie Hebdo“ in Frankreich hat mich fassunglos gemacht. Ich kann noch immer nicht begreifen, dass jemand für etwas, das ich als eines unserer wichtigsten und richtigsten Kulturgüter erachte, nämlich die Presse- und Meinungsfreiheit, sterben muss. Dass Kollegen hingemetzelt werden, weil sie sich  nicht verbiegen lassen, weil sie nicht klein beigeben, sich nicht den Mund verbieten lassen, weitermachen, weil sie das, was sie tun, für richtig halten. Das mögen manche für blöd, leichtsinnig und irre halten, ich bewundere das. Und ich überlege, ob ich das auch getan hätte.

Ich muss nicht lange überlegen – ich weiß, dass ich feige wäre. Zu feige.

Und dennoch – ich weiß, dass ich etwas tun muss. Irgendwas. Ich muss was tun, damit die Idioten und Arschlöcher da draußen nicht gewinnen, wie ich ja hier vor nicht allzu langer Zeit schrieb. Aber wenn mein Leben in Gefahr wäre, würde ich vermutlich die Beine in die Hand nehmen und rennen. Oder eben schweigen. Töten ist eine neue Dimension. Damit komme ich nicht klar.

Aber eigentlich will ich etwas tun und etwas sagen. Ich kann doch nicht zulassen, dass etwas, woran ich neben der Presse- und Meinungsfreiheit noch glaube, nämlich das Recht aller Menschen auf ein friedliches Leben in Freiheit und ohne Angst, in Gefahr gerät, weil ein paar durchgeknallte Idioten beschließen, dass sie das, was sie für richtig halten, mit Waffengewalt und Terror durchsetzen müssen.

Aber was kann ich tun? Was soll ich tun? Was muss ich tun?

Muss ich mich zum Beispiel mit diesen Pegida-Idioten auseinandersetzen, obwohl ich doch weiß, dass man deren verqueres Weltbild mit guten Argumenten und Worten nicht geraderücken kann? Soll ich mich an denen abarbeiten, oder lasse ich sie stehen wie ein ungezogenes Kind, das im Supermarkt einen Tobsuchtsanfall bekommt und nur Aufmerksamkeit will? Hilft es eher, wenn ich diesen Vollpfosten ständig und andauernd Paroli biete, oder ist das zu viel der Aufmerksamkeit? Andererseits – wenn ich nichts tue, gewinnen diese Bewegungen vermutlich noch viel mehr Anhänger, weil wir Guten es versäumt haben, verirrte Seelen auf der Suche nach Orientierung (oder einem Feindbild, je nach dem) frühzeitig vom falschen Weg abzubringen. Aber wenn wir früh genug ansetzen, gibt es vielleicht eine Chance. Denen die Bretter vom Kopf zu reißen, die sowieso schon vernagelt sind – das wird schwer. Aber vielleicht können wir dafür sorgen, dass sie nicht noch allzu viele andere Leute auf die dunkle Seite ziehen. Das muss doch zu schaffen sein.