Aufstehen, anständig sein

Mit dem Folgenden bin ich spät dran, ich weiß. Andere haben das alles schon vor mir gesagt und meistens auch viel höflicher, aber raus muss es doch noch.

Ihr kotzt mich an, ihr “Ich bin kein Nazi, aber”-Typen, ihr “Ich hab nichts gegen Ausländer, aber”-Sager, ihr Steineschmeißer und Brandstifter, ihr Scheiß-Nazis, ihr kleinen Würstchen, die im Leben nichts erreicht haben und sich dann den Nächstschwächeren aussuchen und auf ihn runtergucken, um sich das eigene kleine Ego aufzupolieren – ihr seid widerlich. Und es ist höchste Zeit, dass die Anständigen aufstehen und genauso laut sind, wie ihr es immer seid mit euren ekelhaften, braunen, Nazi-Scheißhausparolen.

Glaubt ihr denn ernsthaft, dass jemand jahrelang Geld spart, um sich die lebensgefährliche Überfahrt nach Europa leisten zu können – in kaum seetüchtigen Nachen, in Schlauchbooten, mit Hunderten von anderen Menschen, ohne zu wissen, ob man heile dort ankommt, wo man hinwill, weil es so lustig ist? Meint ihr, jemand verlässt aus reiner Abenteuerlust seine Familie, die Freunde, das Leben, das er oder sie sich aufgebaut hat? Nein, man tut so etwas, weil man absolut verzweifelt ist und keinen anderen Ausweg mehr sieht, keinen noch so winzigen Silberstreif am Horizont, kein Fünkchen Hoffnung mehr. Mir bleibt jedes Mal das Herz stehen, wenn ich sehe oder lese, unter welchen Umständen Menschen zu uns kommen, müde, abgerissen, verzweifelt, traumatisiert, mit nichts als ihrem Telefon und dem, was sie auf dem Leib tragen. Ich bin recht hart im Nehmen, aber wenn ich die weinenden Kinder, hochschwangeren Frauen und müden Männer sehe, die da am Mittelmeer aus den Booten fallen, dann muss ich heulen. Jedes Mal. Ich habe die Bilder so oft in den Medien gesehen, und sie verlieren ihren Schrecken für mich nie. Wie kann man diese Menschen als “Dreck” beschimpfen, den man schnellstmöglich loszuwerden hat?

Und ihr sitzt da auf euren fetten, arroganten Wohlstandsärschen und erdreistet euch, Sachen zu sagen wie “Die Albaner sollen erst mal ihr eigenes Land aufbauen, bevor sie zu uns kommen”, mit hasszerfressenen Hackfressen braune Parolen in die Kameras zu geifern, ihr steckt Flüchtlingsunterkünfte an, brüllt braune Parolen, wollt “unser Land schützen”,  fühlt euch so erhaben und seid doch nur verachtenswert. Ihr seid feige Würstchen, nichts anderes. (Und wenn ihr sagt, man solle doch erst mal die Sozialhilfe und Arbeitslosengeld II-Bezüge für die deutschen Arbeitslosen erhöhen, kommt es mir hoch. Ich hab selber mal ALG II bekommen und kann mich noch gut erinnern, wie es damals hieß, ich sei Sozialschmarotzer. Aber was kümmert euch euer Geschwätz von gestern, was?)

Woher kommt das nur, dass ihr immer denkt, man nehme euch was weg? Ich persönlich verdiene keinen Cent weniger, nur weil um die Ecke ein syrischer Flüchtling, der zu Hause die Hölle auf Erden erlebt hat, vielleicht eine Lebensmittelmarke bekommt. Kein deutscher Rentner bekommt auch nur einen Euro weniger Rente, weil zwei Straßen weiter ein Containerdorf gebaut wird. Und schon gar nicht bekommt ein Asylbewerber oder ein Flüchtling einen Job, den ihr gerne haben wollt. Niemandem von euch wird etwas weggenommen, und die Flüchtlinge und Asylbewerber haben viel, viel weniger als ihr. Auf was zur Hölle seid ihr denn so neidisch?

Wie klein und scheiße seid ihr, dass ihr jemandem, der nach einer Odyssee durch halb Europa nun in Deutschland angekommen ist und sich nach Ruhe, Frieden und einem halbwegs normalen Leben sehnt, nicht mal das Schwarze unter den Fingernägeln gönnt? Ach ja, das sind da alles nur Wirtschaftsflüchtlinge, die es sich hier hübsch machen wollen. Abgesehen davon, dass das Unsinn ist: Wirtschaftsflüchtlinge, politische Flüchtlinge – das ist doch völlig egal. Jeder Mensch hat das Recht auf ein Leben in Frieden, mit einem Job, einem Familienleben, einem Kinobesuch hier und da, Abendessen bei Freunden, einem sonnigen Nachmittag im Park. Wie könnt ihr euch erdreisten, das anderen Menschen abzusprechen, nur weil ihr selbst das Glück hattet, in einem Land geboren zu werden, in dem man (im Vergleich zu anderen Ländern) den Puderzucker mit einem Silberlöffeln in den Arsch geblasen bekommt?

Gerade wir Deutschen, ob gebürtig auf dem Osten, dem Westen, dem Norden, dem Süden, müssten doch wissen, wie brüchig Frieden sein kann, wie schnell Stimmungen umschlagen können, wie plötzlich man gezwungen sein kann, alles hinter sich zu lassen, was einen ausmacht, was einem Identität und Halt gibt. Wir Deutschen waren vor nicht allzu langer Zeit schuld daran, dass Millionen Menschen Leben und Heimat verloren, aus ihrem eigenen Land flüchten mussten und auf die Hilfe anderer angewiesen waren. Aber es scheint uns fremd zu sein, daraus den Schluss zu ziehen, dass man ein solches Schicksal anderen Menschen ersparen oder leichter machen sollte. Nein – wenn es uns mal schlecht ging, soll es anderen auch nicht besser gehen. Und schon gar nicht den Ausländern, die für euch ja keine Menschen sind, sondern “Dreck”.

Die Mittvierziger und -fünfziger haben mit der Nazizeit nichts mehr zu tun und selbst die Leute, die heute um die 70 sind, haben den Krieg nur als Kinder erlebt. Aber dennoch ist das ein Teil unserer Geschichte, und wir müssen damit, verdammte Scheiße noch eins, leben. Wir können das Unrecht, das wir der Welt angetan haben, nicht ungeschehen machen. Aber wir haben jetzt die Chance, der Welt ein bisschen zurückgeben, ein kleines Bisschen wieder gutzumachen, indem wir keine Arschlöcher sind. Wir sollten den Menschen, die unsere Hilfe brauchen, mit Warmherzigkeit und Nächstenliebe entgegentreten, sie aufnehmen, ihnen helfen, etwas schenken – und wenn es nur ein Lächeln ist oder ein freundliches Wort.

Die Menschen, die im Augenblick zu uns kommen, haben alle die Hölle hinter sich, jeder auf seine Weise. Wir sollten dafür sorgen, dass sie hier ein wenig Frieden erleben können, und ich bin fest davon überzeugt, dass jeder von ihnen es uns doppelt und dreifach zurückzahlen wird – auch jeder auf seine Weise, und wenn es “nur” ein dankbares Lächeln ist. Dass wir diesen Menschen helfen, schreibt nicht nur unser Grundgesetz vor, es gebietet auch einfach die Menschlichkeit.

Wer das nicht versteht, Flüchtlingsheime anzündet, Steine schmeißt, Menschen als “Dreck” beschimpft, braune Parolen brüllt, der kotzt mich dermaßen an, dass ich keine Worte dafür hab.


Heimat ist nicht nur ein Ort

Wo bin ich eigentlich zu Hause? Wo ist meine Heimat? Hamburg? Lippstadt? Der Yukon? Hawai’i? Bei meinen Eltern? Bei meinen Freunden? Auf diesen Fragen hab ich neulich während einer vierstündigen Autofahrt rumgekaut, die mich von Hamburg nach Lippstadt brachte. Auslöser war die Frage einer Kollegin, ob ich jetzt Feierabend hätte und nach Hause führe. Ich sagte: “Wenn ich mal nur nach Hause müsste – aber ich muss ja heim.” (Das “muss” bezog sich dabei nur auf die Tatsache, dass ich 300 Kilometer über die Autobahn gondeln musste, nicht darauf, nach Lippstadt zu fahren – darauf freute ich mich sehr, nur nicht auf die Fahrt.)

Ich stand während der Fahrt im Stau, es regnete wie Sau, vor mir gewitterte es schaurig-schön – genug Zeit zum Nachdenken. Leider nicht genug Zeit, um eine Antwort zu finden.

Ich habe mich schon an so vielen Orten zu Hause gefühlt – oder neben so vielen Menschen. Das bringt eine Biografie heute eben so mit sich. Als ich neulich von meinem Besuch zu Hause berichtete, fragte mein Chef, ob ich nicht irgendwann wieder nach Westfalen zurück wolle – wegen meiner Familie, wegen meiner Borussia und überhaupt. Ich dachte kurz drüber nach und sagte dann: Nein. Ich werde ja bis zur Rente wohl nicht aus Norddeutschland weggehen. Und dann ist die Frage, wie es in meiner Heimatstadt aussieht – wer wird von der Familie noch da sein, von den Freunden? Der beste Cousin von allen und sein kleines rothaariges Mädchen ganz sicher noch, die älteren Verwandten nur noch mit sehr viel Glück. Mein Elternhaus werde ich alleine nicht halten können – und ich will auch gar nicht. Vielleicht ist die beste Lippstädter Freundin dann noch da. Und auch wenn das eine schöne Vorstellung ist, bei ihr auf der Terrasse zu sitzen, Kaffee zu trinken und irgendwas wie “Runter vom Rasen!” zu brüllen – ich sehe mich nicht mehr in Lippstadt.

Es ist für ein paar Tage schön da, und hätte ich nach dem Volontariat dort eine Stelle bekommen, wäre ich noch immer da und vermutlich auch als Lokalredakteurin glücklich. Aber jetzt ist es mir zu klein, vielleicht auch zu provinziell. Das klingt sicher arrogant, dabei könnte ich mir durchaus vorstellen, mal auf dem Land oder wieder in einer Kleinstadt zu leben. Bloß nicht in einer, in der mir früher so viele Leute gesagt haben, was ich alles nicht schaffen und werden kann. Hamburg dagegen – hier hatte ich immer das Gefühl, dass ich fast alles kann. Mein Chefredakteur in Lippstadt wollte mich nicht, meine Chefin in Hamburg hat mich zur Redakteurin vom Dienst in Festanstellung gemacht – mit einem Arsch voll Verantwortung und einem Haufen Untergeb… Kollegen, die alle machen müssen, was ich sage. (Dass sie es nicht immer tun, macht mein Leben so aufregend und lebenswert.)

Das ist jetzt vielleicht ein blödes Beispiel, aber der Job in Hamburg war nun mal der Ausweg aus der Arbeitslosigkeit, die mich beinahe an allem hätte verzweifeln lassen. Und Hamburg ist eben Hamburg (hier Herzchen einfügen). Ich habe mich von Anfang an hier zu Hause gefühlt – in der Stadt, bei den Menschen, in der Nähe zum Meer und überhaupt.

Aber was ist mit all den schönen Orten, an denen ich in Urlaub war? Die Strände von Maui, Vancouver, Dublin, die kanadischen Rockies – Orte, an denen das Herz so groß wird, dass man ganz tief Luft holen muss, um nicht vor Glück zu platzen? Orte, an denen man, obwohl man vorher noch nie da war und die man bald wieder verlassen wird, weiß, dass man dort auf eine ganz bestimmte Art hingehört?

Und muss Heimat denn immer ein Ort sein? Für mich ist Heimat auch da, wo ein Herrengedeck für mich bereitgestellt wird, ohne dass ich das bestellen muss.

Vielleicht lautet die Antwort auf die Frage nach meiner Heimat ganz einfach: Ich habe viele Heimaten – und ich bin sehr dankbar dafür, dass es so ist.


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Immer wieder fragen mich die Menschen: “Kirsten, wie machst du das nur, dass deine Geburtstage zu so unvergesslichen schönen Erlebnissen werden, von denen man noch wochenlang zehrt?”

Und weil man mich das immer und immer wieder fragt, antworte ich natürlich gern. Vielleicht hört die Fragerei dann mal auf.

Hier die Anleitung für einen schönen Geburtstag.

Zunächst einmal bestelle man sich für seinen Ehrentag das allerschönste Sommerwetter, das es gibt. (Das gilt natürlich nicht für in den Wintermonaten geborene Leute, ihr müsst zusehen, wie ihr das hinkriegt.) “25 Grad und Sonnenschein mit gelegentlichen Schäfchenwolken” funktioniert natürlich nur, wenn man so ein kleiner Sonnenschein ist wie ich und eine Standleitung zu Petrus hat. (Das ironische Husten da hinten in der letzten Reihe hab ich gehört!)

Wenn möglich, nehme man sich bereits den Tag vor seinem Geburtstag frei und konsumiere über mehrere Stunden verteilt ein Sixpack. Denn alles, was mit Geburtstag zu tun hat, ist Urlaub, und in dem soll man ja bekanntlich frühzeitig damit beginnen, sich zu betrinken.

Man starte in den eigentlichen Ehrentag um Mitternacht mit einem Gläschen Sekt und dem Öffnen der Geschenke, die bereits angekommen sind. Freue sich über das Fußballbuch vom besten Freund und ein “Ferienbuch” von der ältesten Freundin, das man ein paar Stunden später schön am Meer lesen kann.

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Anschließend falle man ins Koma, erwache frühestens gegen 9 und frühstücke ebenso spät wie opulent. Falls man nicht mehr plant, mit dem Auto zu fahren, schraube man sich schon dabei eine Flasche Sekt in den Kopp.

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Da man sich im Vorfeld drei Tage lang die schönsten Ziele an Nord- und Ostsee ausgeguckt hat, werfe man das am besten eine Stunde vor der geplanten Abfahrt alles über den Haufen und fahre einfach nach Laboe. Immer schön spontan bleiben.

Schon auf der Fahrt male man sich in den schillerndsten Farben aus, was man zu Mittag an opulenten Fischgerichten zu sich nehmen wird. Denn natürlich hat man trotz den ausufernden Frühstücks doch schon wieder Hunger. Pannfisch? Zander? Was mit Lachs? Und welche Beilagen? Mmh. Dann biege man nach erfolgreicher Parkplatzsuche an der erstbesten Fischbrötchenbude ab und esse ein fantastisches Brötchen mit dem besten Butterfisch aller Zeiten. Spontan und so, ne.

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Unerlässlich für das Wohlbefinden ist es übrigens, das Brötchen in maritimer Atmosphäre zu verzehren.

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Jetzt folgt der wichtigste Teil des Geburtstags: Man suche sich ein halbwegs stilles Plätzchen am Strand, lege sich in die Sonne und schließe die Augen oder schaue die Wolken an. Später lässt man minutenlang Sand durch die Finger laufen, immer und immer wieder. Eine Handvoll und noch eine Handvoll. Einfach so. Weil es sich so wunderbar anfühlt. Weil der Sand da ist. Weil Geburtstag ist.

Man denke nicht. Der ganze Schrott, der einem sonst im Kopf rumgeistert, hat am Geburtstag dort nichts zu suchen. Sorgen werden in den Wind geschossen, wenigstens für diesen einen Tag. Man atme tief ein, bis die ganze Stadtluft und die Enge weggeatmet sind, versuche herauszufinden, wonach die Luft an diesem Tag schmeckt, der nur einem selbst gehört. Antwort: nach Freiheit. Sorglosigkeit. Leben. Fliegen.

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Man beobachte genau, wie sich das Gras in den Dünen bewegt. Denn es bewegt sich immer gleich und immer wieder anders.

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Man schreibe dummes Zeug auf, das einem doch wieder in den Kopf gekrochen war, anstatt ihn zu verlassen.

Man höre Musik.

Man schaue den Schiffen hinterher und laufe am besten gleich selbst ein bisschen im Wasser herum.

Geburtstag5

Man verteile Sand in jeder nur denkbaren Körperöffnung.

Wenn die Sonne sich entgegen der Absprache kurz verzieht, trinke man einen Kaffee und einen Sanften Engel.

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Man suche sich einen Platz zwischen Blumen.

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Man beobachte Drachen.

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Man will nicht wieder nach Hause.

Geburtstag13

Da man aber doch fahren muss, singe man die ganze Zeit auf der Heimfahrt.

Man beschließe den Tag mit einem guten Rotwein.

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So geht Geburtstag, Freunde.


Berlin, Berlin, wir waren in … ach

DFB-Pokalfinale, Borussia Dortmund – VfL Wolfsburg 1:3

Da mir aufgrund eines akuten “Ende der Saison”-Erschöpfungssyndroms mit schweren Symptonen von “Jürgen Klopp wird mir fehlen”-Blues und “Ich hab die Nacht durchgemacht”-Müdigkeit die Worte fehlen, wird der Bericht aus Berlin eher fotolastig ausfallen.

Was ich aber unbedingt loswerden muss: Es war trotz der Niederlage ein fantastischer Tag und eine lustige, lange Nacht in Berlin. Ich bedanke mich bei meiner zauberhaften Begleitung, die ich bis dahin nur übers Internet kannte, mich aber dennoch mit einer Karte fürs Spiel versorgt, viel gute Laune verbreitet und mich Landei zielsicher durch die Stadt geführt hat. Berlin und ich sind immer noch nicht die besten Freunde, aber unser Verhältnis wird besser. Das lag möglicherweise daran, dass Berlin bei diesem Besuch von den Farben her doch sehr an Dortmund gemahnte.

1Wecker

2Kaffee

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breitscheidplatz

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5stadion

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7mannschaft

8Klopp

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13Mannschaft

14Klopp

15Siegerehrung

 

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17Goldelse

18Brandenburger Tor

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21Stadt

22Stadt

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Danke BVB


Hinweis in fremder Sache

Die fantastische Anastasia ist mit anderStark.de wieder online!

Ich bin natürlich auch wieder/immer noch dabei. :-)


Fernbeziehung verboten?

Als ich am Samstag in der Schlange vor der Südtribüne stand und mich zentimeterweise vorwärts schob, um endlich eingelassen zu werden zur Mutter aller Derbys, musste ich hinter mir folgende Konversation mitanhören:

Typ 1: Ey, weißte wat – die meisten, die hier stehen, die sin gah nich aus Doatmund.
Typ 2: Ja, watten? Ich bin doch auch aus Berchkamen!
Typ 1: Ja, dat is ja auch okay. Aber alle, die so weiter als 200 km wech sind, dat sin alles so Schönwetter-Fans, die nur einma in Jahr im Stadion gehen und uns alle de Katten wechnehmen.

Ich hatte große Mühe, mir die einzig angemessene Antwort auf diese gequirlte Scheiße zu verkneifen, nämlich: Samma, has du Lack gesoffen?!

Denn schließlich falle ich ja auch in diese Kategorie – ich wohne mehr als 300 km vom Stadion weg. So ist das nun mal in diesen Zeiten: Die Menschen bleiben nicht immer an einem Ort. Aber die Echte Liebe, die nehme ich doch überall mit hin. Ich fahre nach Dortmund, so oft es geht, wenn ich nicht kann, nimmt mein Vater meine Dauerkarte und vertritt mich mehr als würdig. Mein Platz im Block 15 bleibt also nie leer. Ich bin ganz sicher kein Schönwetter-Fan, wie ich hier ja schon deutlich zu machen versucht hab. Darf ich meinen Jungs denn nicht wenigstens ab und zu nahe sein, wenn ich schon so weit von ihnen weg wohne? Wie soll denn eine Fernbeziehung sonst funktionieren? Und natürlich bin ich beim Derby dabei, DAS GEHT DOCH NICHT ANDERS!

Oder will man den vier Fans aus Regensburg, die der beste Freund am Bierstand traf und die so glücklich waren, endlich mal Karten für ein Spiel im schönsten Stadion der Welt bekommen zu haben, einen Besuch auf ewig verwehren, weil sie im falschen Bundesland wohnen? Oder den vier gutgelaunten Japanern, die auf dem Bahnsteig im Sekundentakt mit “SHINJI!” begrüßt wurden und jedes Mal lachend und gutgelaunt “KAGAWA!” zurückschrien?

Wer fordert, dass wir alle dem Stadion künftig fernzubleiben hätten, hat das mit der Echten Liebe aber mal so überhaupt nicht verstanden.

Der beste Freund wusste es dagegen so viel besser, als er mich zur Begrüßung auf der Südtribüne lange in den Arm nahm und meinen wegen der beschwerlichen Anreise miesepetrigen Gesichtsausdruck und das obligatorische “Ich hasse Menschen, ey” wegwischt mit: “Aber jetzt bist du doch zu Hause.”

So sieht’s nämlich aus.


Es hilft ja alles nix

“Es hilft ja alles nix” – ein Satz, der immer geht und den ich häufig sage. Ob ich mich mit Freunden in der Kneipe verabrede (“Es hilft ja nix – wenn keiner das Bier trinkt, wird es ja schlecht”), mich morgens zum Laufen aus dem Bett aus dem Bett quäle (“Hilft ja nix, wenn die Achillessehne nicht anständig gequält wird, tut sie morgen ja nicht weh”) oder zur Arbeit fahre (“Es hilft ja nix – bevor ich reich heirate, muss ich eben selbst die Miete verdienen”).

In jüngster Zeit aber seufze ich diesen bestimmten Satz immer häufiger im Zusammenhang mit Fußball. Ob der BVB verliert oder gewinnt, schlecht spielt oder Zauberfußball zeigt, oben oder unten in der Tabelle steht, ob ich jammer, resigniere oder den Rumpelfußball und die rote Laterne stoisch ertrage – es hilft doch alles nix. Wir müssen da durch. Wir alle. Zusammen.

“Auch in ganz schweren Zeiten
werden wir Dich stets begleiten,
Brussia, wir sind immer für Dich da” –

wenn wir so was auf der Tribüne singen (oder – je nach unseren gesanglichen Möglichkeiten – grölen), dann müssen wir auch dazu stehen. Ich musste mir zuletzt oft anhören, der Abstiegskampf sei ja für mich ganz neu, damit könne ich sicher nicht umgehen. Ich will auch nicht behaupten, dass mir das leichtfällt. Aber im Gegensatz zu Nicht-Borussen oder manchen Neu-Borussen weiß ich, dass die vergangenen paar Jahre nicht alles waren, was Borussia Dortmund ausmacht. Da die meisten Menschen die Gedächtnisspanne einer Stechmücke haben, denken sie bei Borussia Dortmund gerade nur noch an Meisterschaften, Hurra-Fußball, Pokalsieg, Double, Pokalfinale, Champions-League-Finale, in die Höhe gereckte Meisterschalen und Pötte, den Borsigplatz voller schwarz-gelb gewandeter Menschen, die ebenso übernächtigte wie glückstrunkene Mannschaft, die Dortmund in Schutt und Asche feiert.

Ich denke bei Borussia Dortmund aber auch dran, wie ich im Winter der Saison 2004/2005 (korrigiert mich, wenn ich das falsch im Kopf hab) in Hamburg in einer Kneipe saß und mir der beste Freund aus dem Stadion simste: “0:1 gegen Bielefeld verloren.” Sicher folgte noch ein gottloser Fluch hinterher, aber den habe ich vergessen. Was mir aber bis heute im Gedächtnis geblieben ist, ist diese Traurigkeit und Verzweiflung, die nicht nur daher rührte, dass ich nicht glauben konnte, dass man zu Hause gegen Bielefeld verlieren kann, sondern auch daher, dass der BVB damit auf einen Abstiegsplatz rutschte.

Was mir aber nie in den Sinn kam, war, meine Leidenschaft für den BVB aufzugeben oder zum Beispiel beim Eishockey zwischenzuparken, bis wieder bessere Zeiten kommen. Zum 1. Januar 2005 trat ich in den BVB ein. Im März 2005 beobachtete ich von der Redaktion in Hamburg die Eilmeldungen im Nachrichtenticker, um zu erfahren, ob mein Herzensverein die Insolvenz hatte abwenden könnte. Als die Meldungen im Sekundentakt über den Bildschirm flimmerten, dass das Undenkbare vorerst abgewendet, ging ich in die Teeküche, öffnete das Eisfach, von dem ich wusste, dass da von einer Kollegin selbstgemachter finnischer Salmiak-Schnaps drin war, und kippte einen Kurzen. (Ich denke, nach knapp zehn Jahren ist das verjährt, oder?)

Was auch viele vergessen: Die Zeiten wurden nicht sofort besser oder gar golden, als Jürgen Klopp bei uns Cheftrainer wurde. Wir wurden nicht sofort Meister, es gab viele finstere unentschiedene und vergurkte Spiele, in denen man die Qualität der Mannschaft allenfalls erahnen konnte. Wir haben ihm damals die Zeit gegeben, seinen Jungs sein Spielsystem beizubringen, und ich bin zuversichtlich, dass wir ihm auch jetzt die Zeit geben, alles wieder gut zu machen.

Liebe Leute, ich kenne also auch die anderen, die traurigen und die ganz traurigen Zeiten. Als ich in den Verein eintrat, stand dieser halb im Grab. Und ich wäre ihm ohne Zögern gefolgt – meinetwegen bis in die Kreisliga. Wenn ich mich einmal für jemanden entschieden habe, ist es für den denjenigen sehr schwer, mich wieder loszuwerden. Ich gehe dann für den durch die Hölle. Glaubt ihr echt, mich könnte die Aussicht auf die Zweite Bundesliga schocken?

Echte Liebe geht nicht kaputt. Ich bleibe bei euch. Es hilft doch alles nix.


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