Darf ich okay sein?

Mit der geistigen Gesundheit ist das ja so eine Sache. Wenn man sie nicht hat, sollte man sich gut überlegen, ob man das jemandem mitteilt und vor allem, wem. Man kann sich ja teilweise schon denken, was die anderen sagen. Oder man weiß es, weil man es bereits probiert hat, über seine Macken zu sprechen.

Und na ja, eigentlich ist es ja auch wahr, eigentlich hat man ja alles, anderen geht es ja tatsächlich viel schlechter und eventuell muss man wirklich einfach mehr an die frische Luft, dann wird das alles schon wieder. Und man funktioniert ja auch noch ganz gut, ein bisschen Knirsch und Knack gibt es in jedem Getriebe, kneifen wir den Arsch halt zusammen, dann geht das schon. Hopphopp, wieder an den Schreibtisch, es gibt Dinge zu tun. Und komischerweise geht es irgendwie wieder.

Aber so insgeheim fragt man sich doch, ob es nicht auch anders sein kann. Ob man abends immer so kaputt sein muss, auch wenn der Job echt Spaß macht und die Kolleg*innen prima sind. Ob man Treffen mit Freund*innen nicht anders als noch eine Verpflichtung sehen müsste, die man, obwohl man weiß, dass es schön wird, ab liebsten absagen würde. Ob man nicht mal wieder was malen oder schreiben sollte. Ob man wirklich erst immer sonntagsabends die nötige Entspannung erreichen sollte, um endlich in ein Wochenende zu starten, das den Namen auch verdient. Über so was macht man sich dann Gedanken, wenn man drei Stunden dösig auf dem Sofa liegt, von dem man eigentlich vor zwei Stunden hatte aufstehen wollen, um Dinge zu tun.

Und im Grunde ist einem klar, was helfen würde, aus dieser Falle zu entkommen: weniger. Weniger unterwegs sein müssen, mehr zu Hause bleiben können, weniger Kontakt zu Menschen. (Das klingt hart, aber ich habe schon immer viel Zeit für mich alleine gebraucht, um nicht unter die Räder zu kommen. Auch Begegnungen, die mir Spaß machen, strengen mich an.) Wenn man all seine Energie für Begegnungen mit Menschen in acht Stunden Büro aufbraucht, ist klar, dass man abends nur noch mit Elchen zu tun haben will/kann, die nicht gerade als Plaudertaschen bekannt sind.

Gerade, als ich im März dachte, sehr lange geht das jetzt aber nicht mehr so weiter mit mir, kam mir etwas zu Hilfe. Eine Pandemie.

Von einem auf den anderen Tag durfte ich zu Hause arbeiten, keine Freund*innen mehr treffen, leider auch auch die Familie vorerst nicht mehr. Das war alles etwas überraschend, es ruckelte zu Beginn noch hier und da, aber nachdem ich mich erst mal eingerichtet hatte, so etwa nach zwei Wochen, begann eine der besten Zeiten meines Lebens. Und weil ich weiß, wie das klingt, habe ich sehr lange gezögert, diesen Text zu schreiben. Aber weil ich Hoffnung habe, dass es anderen auch so geht, hab ich es jetzt doch getan. So.

Um es ganz deutlich zu sagen: Es ging mir seit Jahren nicht mehr so lange Zeit am Stück gut. Zunächst mal fiel der Weg zur Arbeit weg, der, egal, ob ich mit dem Auto, dem Rad oder zu Fuß unterwegs bin, mit Idioten gepflastert ist, die mir nach dem Leben trachten. Das waren schon mal 40 Minuten mehr Lebensqualität – jeden Tag. Und überhaupt die Zeit. So viel mehr Zeit! Mein Dienst von zu Hause beginnt eine halbe Stunde später als zu normalen Zeiten, was bedeutete, dass ich mich nach dem Frühsport nicht mehr so abhetzen muss oder vor der Arbeit bequem einkaufen gehen kann. Haare föhnen nach dem Duschen fällt auch weg, sieht ja keiner. Gleiches gilt für Make-up. Und ob man Hosen trägt, ist auch egal. (Mach ich aber trotzdem, ich bin ja kein Tier.) Ich hab noch nie so viel Gesundes gegessen wie zu Homeoffice-Zeiten, ich konnte ja in der Mittagspause mal eben in meine Küche springen und was zaubern. Und das mit Glück auch noch auf dem Balkon essen. Das ganze Stressessen fiel weg, ich hab bislang drei Kilo abgenommen. Nach der Arbeit direkt zum Yoga? Kein Ding, einfach rüber ins Schlafzimmer, Sportsachen an und los. Kein Arbeitsweg mehr, auf dem man es sich dreimal anders überlegen kann. Der Weg vom Schreibtisch zum Sofa dauert auch nur zwei Minuten (das Umziehen von der Jeans in die Jogginghose eingerechnet), fertig ist der Feierabend.

Auf einmal konnte ich mir meine Zeit so einteilen, wie ich wollte, es gab keine Störungen, keine Überraschungen, selten wurden meine Pläne über den Haufen geworfen. Ich hab so viel gemalt wie noch nie, ich habe nach mehr als zehn Jahren, die ich mit dieser Idee schwanger gehe, endlich meinen Romanplot fertiggeschrieben, mich um meine Pflanzen gekümmert, bin viel spazierengegangen, gejoggt, hab Yoga und Krafttraining gemacht und meine Wohnung verschönert. Ich war glücklich, nein, ich bin es immer noch. Nachdem ich endlich nicht mehr das Gefühl hatte, dass 24 Stunden am Tag an mir herumgezerrt wird, hatte ich endlich Zeit, mich wieder neu zusammenzusetzen.

Aber noch ein Gefühl war lange Zeit da: Schuld. Schuld, dass es mir so gut ging und dass ich schon wieder kaum jemandem sagen konnte, wie ich mich fühle. Dass ich als Freak angesehen wurde, weil ich nicht litt. Denn musste es mir nicht schlecht gehen, weil ich so isoliert zu Hause saß, weder Kolleg*innen noch Freund*innen sehen konnte, allein vor mich hin arbeiten musste, musste ich nicht in das allgemeine Jammerkonzert einstimmen? (Und damit meine ich ganz klar nicht die Menschen, die wirklich aus vielen Gründen unter der neuen Situation litten und leiden. Denen gilt meine volle Solidarität, mein ganzes Mitgefühl.) Ich war kurz in Versuchung, denn jetzt hätte ich endlich mal all das loswerden können, was ich sonst immer auf dem Herzen hatte. Jetzt hätten es sicher alle verstanden. Aber dann dachte ich: Warum zur Hölle? Ich muss mir keine Sorgen um meinen Job machen, noch nicht mal um mein Gehalt, ich kann mir meine Zeit frei einteilen, ich muss keine Kinder zu Hause unterrichten, ich gehöre nicht zu irgendeiner Risikogruppe, kann immer noch Sport machen wie vorher – ich hab alles, warum soll ich jammern? (Was ja lustigerweise das „Argument“ ist, mit dem einem die Leute sonst immer die depressiven Verstimmungen ausreden wollen.)

Also hab ich irgendwann beschlossen, diese Zeit tatsächlich als Geschenk zu betrachten. Der Druck kommt früh genug zurück.

Jeder ist ein Kritiker

„Jaja, ganz nett, aber du musst auch mal was Eigenes machen, nicht immer von Vorlagen.“

„Und wann malst du endlich mal in Öl?“

„Also ich könnte das nicht.“

„Langweilig, das ist ja immer dasselbe.“

Das sind vier von zahlreichen Sätzen, die mir mein bescheuertes Gedächtnis zuletzt gerne mal wieder ins Bewusstsein spülte. Vorzugsweise immer dann, wenn ich malte, was vermutlich damit zu tun hat, dass ich das seit etwa einem Jahr wieder häufiger tue. Und ich kann gar nicht sagen, wie froh ich darüber bin, dass ich das wieder kann. Denn jahrelang lagen Kreide, Kohle, Bleistifte, Acrylfarben und Aquarellfarben in einer Kiste und litten dort vermutlich ebenso still vor sich hin wie ich. Dass ich all die schönen Farben und die Ideen befreien konnte, liegt vor allem an einem sagenumwobenen Ort, über den ich hier schon geschrieben habe. Es hat eine Weile gedauert, aber jetzt habe ich wieder richtig Spaß am Malen, es gibt keine bessere Methode, um zur Ruhe zu kommen. Und ich sehe bereits wieder eine gewisse Entwicklung zwischen den Bildern, die ich vor Weihnachten gemalt hab und denen, die ich zuletzt im Sommer aufs Papier gebracht hab.

Die oben zitierten Sätze haben zum Glück inzwischen keine Macht mehr über mich, aber zumindest zwei von ihnen haben mir über lange Zeit meine Kunst kaputt gemacht.

Der erste Satz wurde gesagt von einer damaligen „Freundin“, die zugegebermaßen sehr begabt war, was Malen und Zeichnen anging. Sie bezog sich darauf, dass ich (übrigens bis heute) von Fotos „abmale“. Ich konnte damals halt nicht eben mal so eine Flusslandschaft aufs Papier zaubern, sondern brauchte eine Vorlage. Ich hatte aber, als der Satz fiel, gerade mal etwa eineinhalb Jahre zuvor so richtig mit dem Malen begonnen, nämlich in der 11. Klasse. Bis dahin hatte ich halbwegs okay vor mich hingepinselt, es hatte immer für eine Zwei im Kunstunterricht gereicht. (Ob man in Fächern wie Kunst und Musik überhaupt Noten vergeben sollte, ist noch mal eine ganz andere Frage.) Ich hatte immer sehr viel besser malen können wollen, aber wie das bei mir immer so ist: Der Knoten platzt oft spät, dann aber richtig.

Ich kann mich erinnern, dass wir im Kunstunterricht irgendwas mit Sieg und Niederlage zeichnen sollten, ich nahm mir ein Leichtathletik-Buch als Vorlage zur Hand und zeichnete einen am Boden liegenden Läufer und die daneben stattfindende Siegerehrung, und ich weiß nicht genau, warum, aber diese Zeichnung gelang mir erstaunlich gut. Eventuell lag es an einer für mich neuen Schraffiertechnik, die mein damals neuer Kunstlehrer uns gezeigt hatte, und die mir irgendwie lag. Auf jeden Fall kam ein – wie ich fand – schönes Bild dabei raus und sogar eine Eins.

Von da an war ich nicht mehr zu bremsen. Ich malte mit Acrylfarben, mit Aquarellstiften, Bleistift und Kohle. Beim Malen und Zeichnen konnte ich am besten abschalten, ich war komplett weg, abgetaucht im Farb- und Formenrausch. Und endlich gelangen mir Bilder halbwegs so, wie ich sie mir im Kopf vorgestellt hatte. Es war so unfassbar toll.

Und klar – natürlich fehlten mir da noch die Grundlagen. Ich hatte nicht wie andere Leute schon als Kind ständig vor mich hin gekritzelt, Skizzenbücher gefüllt, Kurse belegt und somit dauernd geübt. (Ich habe Bücher mit Texten gefüllt, weil ich halt auch eine Begabung fürs Schreiben hatte.) Ich war zwar schon 19, aber noch eine Anfängerin. Bin ich jetzt, mehr als drölfzig Jahre später, eigentlich immer noch.

Trotzdem war ich überaus glücklich mit dem kleinen Bisschen Kunst, das ich mir erobert hatte. Und deswegen ärgerte mich dieser dämliche Satz umso mehr. Warum konnte die „Freundin“ damals nicht anerkennen, was ich bis dahin geschafft hatte? Oder halt einfach den Mund halten? Ich brauche bis heute Vorlagen, wenn ich was male. Oft fotografiere ich Motive im Urlaub nur deswegen, weil ich schon sehen kann, wie ich sie später malen werde – vom Foto. Und? Mir doch egal. Ich will damit ja kein Geld verdienen, ich mache das nur für mich und für Freund*innen, die halt ein Bild gemalt bekommen, wenn mir sonst kein Geschenk einfällt.

Der zweite Satz, der mit dem Öl, kam von einem Freund meiner Eltern. Ich war so stolz auf das, was ich bislang mit Acrylfarben und Aquarell gezaubert hatte, da wurde mir gesagt, nur wer mit Öl male, sei ein richtiger Künstler. Klar, als Schülerin oder Studentin kann man sich das Malen mit Öl auch locker leisten. Aber auch hier: Ich war erst mal nur stolz auf das, was ich bin dahin erreicht hatte, und plötzlich war das nichts mehr wert, weil es das „falsche“ Material war. Der Satz kommt mir immer mal wieder in den Sinn, wenn ich mit Hingabe ins Mischen von Acrylfarben eintauche oder fasziniert beobachte, wie sich die Aquarellfarben manchmal erst auf dem Papier zum gewünschten Farbton vermischen und das Meer plötzlich genau die Farbe bekommt, die ich haben wollte. Das ist die reine Magie, das ist Zauberei, und ich bin immer wieder überrascht, dass ich das kann. Ich habe die beiden Techniken für mich gefunden, und auch wenn ich gerne mal Ausflüge in die Pastellkreiden, Kohle, Bleistifte und Buntstifte mache, liebe ich Aquarell und Acryl einfach am meisten.

Der dritte Satz kam ebenfalls von einer Freundin, die, auf mein neues Hobby Malen angesprochen, diese Worte äußerte. Als ich ihr mal ein Bild malte, knickte sie es, um es in ihre Tasche zu kriegen. (Vielleicht sollte man aufs Kunstverständnis oder auf freundliche Worte von solchen Menschen sowieso wenig geben, aber ich war damals sehr verletzt.) Erst viel später begriff ich, dass dieses leicht beleidigte „ich könnte das nicht“ nur Ausdruck von Neid war. Die Dame war in der Schule viel besser als ich, also musste sie mir Kunst und Sport, worin ich besser war, madig machen. Es durfte halt keine Götter neben ihr geben.

Es ist jetzt nicht so, dass ich gleich mit dem Malen aufgehört hätte,wenn man mir dummes Zeug erzählt hat, aber ich hatte immer im Hinterkopf, dass es irgendwie besser sein muss, egal, wie schön ich selbst vielleicht ein Bild fand. Aber tatsächlich hab ich dann irgendwann aufgehört zu malen und zu zeichnen, wenn auch immer mit einem schlechten Gewissen, weil ich ein Talent brachliegen ließ. Die beiden ersten obengenannten Sätze waren nicht allein daran schuld, die Schreibblockade kam in etwa zur selben Zeit (über die Sätze, die mir das Schreiben versaut haben, berichte ich dann vielleicht ein andermal).

Was ich eigentlich sagen möchte, abgesehen von der Tatsache, dass ich möglicherweise übersensibel auf Aussagen meiner Mitmenschen reagiere, obwohl sie mir eigentlich scheißegal sind, ist: Behaltet eure Kommentare doch einfach für euch. Oder sagt einfach was Nettes, wenn es nicht allzu schwer fällt. Positive Verstärkung kann so viel bewirken, nicht alle Menschen fühlen sich von Kritik angestachelt, es besser zu machen. Manche werfen den Scheiß dann auch einfach in die Ecke und verlieren die Lust an ihrem Tun. Falls es das ist, was ihr beabsichtigt habt, macht natürlich gerne so weiter. Ist dann aber halt scheiße.

Ach so, und der vierte Satz?

Den sagten mir die Erzieherinnen im Kindergarten. Da malte ich nämlich immer und immer wieder, tagtäglich, wochen- und monatelang, dasselbe Motiv: ein Haus mit einer Sonnenblume davor. Meine Mutter fand das schön und sagte, ich würde jeden Tag besser. Also warum sollte ich was anderes malen, wenn meine Mama sich doch so darüber gefreut hat?

Und außerdem: Dem aufmerksamen Beobachter wird auffallen, dass die Bilder mitnichten immer gleich sind, sondern die junge Künstlerin hier mit den Farben experimentiert und auch Motive wie Sonne oder blauer Himmel variiert.

Möglicherweise hatte ich aber auch keinen Bock, mir stundenlang zu überlegen, was ich denn nun malen könnte oder irgendwelchen Erwartungen gerecht zu werden.

Vielleicht wusste ich aber auch damals schon, dass wahre Meisterschaft nur durch Schweiß, Übung und Wiederholungen zu erreichen ist.

Bücher meiner Kindheit

Zurzeit sortiere ich aus. Das mache ich phasenweise immer mal wieder gerne, und im Augenblick haben viele von uns ja Zeit für so was. Im Moment bin ich bei den Büchern, den Kinderbüchern, um genau zu sein. Ich habe schon immer viele Bücher gehabt, und Bücher sind ein Luxus, den ich mir fast immer leiste. Bücher sind Freunde, gute Freunde, manchmal die besten Freunde. Deswegen fällt es mir oft schwer, mich von ihnen zu trennen. Ich habe viele Bücher, die ich schon mehrmals gelesen habe und sicher noch einige Male lesen werde.

Es ist aber nicht so, wie ich mir mal vorwerfen lassen musste, dass ich mich nicht von Büchern trennen kann. Das kann ich sehr wohl, aber ich überlege gut, bevor ich das tue. (Aber selbst wenn ich es nicht könnte – wen kümmert’s? Also außer den Menschen, die meine Wohnung ausräumen müssen, wenn mich eines Tages ein freakiger Badezimmerunfall während des Homeoffice‘ dahingerafft hat?)

Mit Büchern ist es wie mit Freunden – viele bleiben lange, manchmal sogar ein Leben lang treu, wenn man sie besucht, weiß man, was einen erwartet: ein gutes Gespräch, eine Tasse Tee, Schnaps, warme Worte. Und so wie Freunde besucht man bestimmte Bücher zu bestimmten Zeiten, weil jedes etwas anderes bietet.

Aber wie bei Freundschaften wird man auch hier und da enttäuscht, weil sich Menschen auseinanderleben und bisweilen mit dem Alter komische Schrullen entwickeln. Das ist mir zuletzt mehrfach mit Kinderbüchern passiert, speziell denen, die von Frauen für Mädchen geschrieben wurden. Ich erinnere mich daran, dass ich diese Bücher verschlungen habe und dachte, so wie die Autorin wollte ich auch mal schreiben können. Und wenn ich das heute lese, wird mir regelmäßig schlecht angesichts des Frauenbildes, das dort teilweise transportiert wird. Da wundern sich junge Mädchen, warum sich der hübsche Student für sie interessiert, obwohl sie doch ganz klein und dumm seien (zum Beispiel bei Berte Bratt). Da wird voller Hochachtung von einem Mädchen gesprochen, das gerne ein Junge sein will und mit Werkzeug auch genauso gut wie ein Junge umgehen kann (zum Beispiel bei Elke Müller-Mees). Aber immer wieder wird betont, dass es sich dabei um ein sehr hübsches Mädchen handelt, puh, dann ist es ja gut. Aber wenn es sich doch nur ein bisschen besser kleiden würde, nicht immer so schlampig, ist es ihm denn ganz egal, wie es aussieht? Aber wenn der Vater etwas im Haus reparieren muss, fragt er nur diese eine Tochter um Hilfe, und das ist jedes Mal ein Ritterschlag. Und selbstverständlich ist es der Vater, der Sachen repariert, die Mutter hält die Bude nur notdürftig zusammen, wenn „der Mann“ auf Dienstreisen ist. Das klappt zwar einigermaßen, aber am Ende sind alle froh, dass er wieder da ist und alles endlich richtig instandsetzen kann. Halleluja. Mädchen sind halt noch richtige Mädchen, wenn sie sich hübsch zurecht machen, mit Schminke umgehen können, sich für Jungs interessieren und ansonsten die Fresse halten. Und das sind keine Bücher aus den 30ern oder 40ern, die sich in unserem Haushalt auch noch finden, sondern aus den 80ern. Und in „Försters Pucki“ aus dem Jahre 1935 findet sich gar folgender, das Herz erfreuender Textabschnitt:

„Du brauchst mit den drei Buben nicht immer mitzuklettern. Kleine Mädchen müssen artiger sein als Jungen.“
„Warum denn, Mutti?“
„Weil sie schon ein viel feineres Stimmchen haben und weil sie der liebe Gott nicht so kräftig geschaffen hat wie die Knaben.“

[…]

„Oh, ich hab schon Kräfte. Der liebe Gott hat gemeint, ich bin ein Junge.“
„Du bist unser liebes, kleines Mädchen und sollst es bleiben. Ich möchte auch ein artiges kleines Mädchen haben, keinen Eigensinn, wie du manchmal einer bist. Du sollst doch später ein liebes Mädchen werden, das alle Menschen gern haben.“

Ich hab mich neulich beim Lesen mal gefragt, wie ich angesichts solcher Lektüre halbwegs gescheit im Kopp werden konnte. Andererseits – wie soll man da nicht zur Feministin werden?

Mit dem Humor am Ende

Da wir ja gerade den Internationalen Weltfrauen „feiern“ und man mir deswegen zuhören muss, hier ein paar Sachen, die ihr euch (und ich spreche mit diesem Text Männer und Frauen an, dass sich hier am Ende keiner rausredet) in Zukunft bitte ebenso wie die Rosen zum Weltfrauentag dahin stecken könnt, wo keine Sonne scheint:

  • Die Annahme, dass ich als Frau gerne eine Rose geschenkt bekommen möchte. Ich möchte gleiche Rechte für alle, weltweit. Oder eine Flasche Schnaps. Und zwar den richtigen, harten, nicht dieses rosa Gesuppe, von dem Frauen unterstellt wird, dass wir das gerne trinken.
  • Die Meinung, dass der Mann an sich gefeiert werden muss, weil er mal den Müll runterträgt. Lasst euch mal von meinem Papa erklären, wie das geht, wenn man zusammen wohnt und dabei ganz selbstverständlich die Hälfte der Aufgaben an Hausarbeit und Kinderverziehung übernimmt. Das hat der nämlich schon in den 70ern gemacht. In den SIEBZIGERN, ihr Schiffsschaukelbremser*innen.
  • Die Annahme, dass Frauen gerne die Halbtagsstellen nehmen, weil sie sich ja eh die Hälfte der Zeit um die Familie kümmern wollen. Und die „Karrierefrau“-Abstemplung der Frauen, die gerne in Vollzeit arbeiten, weil sie irgendwann man denken gelernt haben und diese Fähigkeit jetzt gern im Berufsleben anwenden wollen, die kann auch weg.
  • Die Annahme, dass alle Frauen gerne Kinder wollen und sich auch prinzipiell gerne um andere Menschen kümmern.
  • Die Forderung, dass Frauen lieb zu sein haben, damit sie bekommen, was sie wollen. Oder immer lächeln sollten. Erstens hat das Liebsein in den vergangenen Jahrhunderten ja wohl wirklich mal gar nichts gebracht, und der letzte Typ, der mir sagte, ich solle mal lächeln, er habe lieber was Schönes zum Angucken, wird das hoffentlich nie wieder zu einer Frau sagen. (Und der Typ daneben, der das mitbekommen hatte, bestellte mir ein Bier. So geht das.)
  • Die Meinung, wenn eine Frau sich sexy anziehe, sei sie eine Schlampe und „wolle es doch auch“. Wir dürfen anziehen, was wir wollen, und wenn euch unsere Orangenhaut nicht passt, dürft ihr gerne wegschauen und die Klappe halten. Niemand hat mir zu sagen, was ich anziehen soll oder wie ich meine Haare zu tragen habe.
  • Ansagen wie „dann meld dich doch mal bei Parship an“. Geht es in eure Köpfe, dass man auch als Frau alleine sehr glücklich sein kann?
  • Die Denke, dass Frauen keine Körperfunktionen haben und immer gut riechen und von Natur aus haarlos sind. Und dass wir blaue Ersatzflüssigkeit ausscheiden, weil das hübscher aussieht.
  • Sprüche wie „haha, ihr habt doch schon alles erreicht, wir brauchen langsam mal einen Männerbeauftragten, wir dürfen ja bald gar nichts mehr, haha“. Einen Scheiß haben wir erreicht. Nur weil ich persönlich tatsächlich dasselbe verdiene wie meine männlichen Kollegen, hat sich nicht auf wunderbare Weise die Lage der Frauen in aller Welt verbessert. Und deshalb kann ich mich nicht zurücklehnen und die Klappe halten.
  • Das Vorurteil, dass Feministinnen Männer hassen. Ich hasse so ziemlich alle Menschen gleichermaßen, die, die mir ungefragt die Welt erklären, vielleicht noch ein bisschen mehr. Aber ich kenne so viele großartige Männer, die ganz selbstverständlich Feministen sind und denen trotzdem kein Ei aus der Hose gefallen ist.
  • Die Annahme, beim Feminismus gehe es darum, Männer zu benachteiligen. Nein, meine lieben Blödmannsgehilf*innen, es geht darum, dass wir alle dieselben Rechte und Pflichten haben, ob Mann, Frau, divers, weiß, schwarz, dunkelgrün, Menschen mit deutschem Pass oder welche, die von woanders weg sind. Und der nächste Satz richtet sich jetzt doch mal größtenteils an die Männer: Hört auf, rumzuheulen, wenn Frauen dieselben Rechte zugestanden werden wie euch. Ihr habt deswegen nicht weniger Rechte, es sind genug Rechte für alle da. Hätten wir alle dieselben Rechte, wäre unser aller Leben besser.

Und jetzt, da ich all das aufgeschrieben hab, fühle ich mich sehr, sehr müde. Weil ich das alles nicht zum ersten Mal aufgeschrieben oder erklärt habe, auch nicht zum 20. Mal.  Ich bin mit der Geduld am Ende und mit dem Humor auch. Ich kann über diese ganzen Idiotien nicht mehr milde weglächeln. Es erscheint mir alles immer sinnloser, weil sich so wenig so langsam ändert. Die guten Leute wissen all das, was ich hier erkläre schon, die haben das schon vor Jahren verstanden und leben das alles ganz selbstverständlich. Und die Doofen werden es entweder nicht lesen, nicht verstehen oder nicht verstehen wollen. Und die Doofen sterben halt nie aus, das macht mich so müde.

Tschüss, 20fucking19

Man könnte ja mal wieder was bloggen, jetzt, da sich das Jahr dem Ende nähert und mich ein wenig das schlechte Gewissen plagt, was meine Blogfrequenz angeht. Ich fürchte allerdings, dass der Rückblick auf ein eher durchwachsenes Jahr nicht viel rausreißen wird.

Zugenommen oder abgenommen?
Ach, Fresse.

Haare länger oder kürzer?
Erst sehr viel länger, dann das Überschüssige wieder ab, jetzt wieder alles wie immer. Und nein, ich trage meine Haare nach wie vor nicht gerne offen, danke der Nachfrage.

Kurzsichtiger oder weitsichtiger?
Kurzsichtiger, dazu noch das immer schlimmer werdende Unvermögen, bei Nässe und Dunkelheit vernünftig gucken zu können.

Mehr ausgegeben oder weniger?
In etwa gleich. Wenig für Klamotten, Gedöns und Kokolores, dafür wieder eine Reise gebucht, die es in sich hat. Dazu im August mehr.

Der hirnrissigste Plan?
Ich mache kaum noch Pläne, das bewährt sich, stelle ich fest.

Die gefährlichste Unternehmung?
Radfahren im Hamburger Stadtverkehr. Man lernt, alle und ich meine alle anderen Verkehrsteilnehmer zu hassen, weil einem jeder nach dem Leben trachtet.

Die teuerste Anschaffung?
Vermutlich das dritte Implantat. Und wir reden hier von Zähnen, ihr Schmutzfinken.

Das leckerste Essen?
Mamas Matjessalat und alles beim Grillen mit der Familie am letzten Sommerabend des Jahres.

Das beeindruckenste Buch?
„Kleine Stadt der großen Träume“ von Fredrik Backman, ein unfassbar schönes, trauriges, weises, witziges und rundherum großartiges Buch, voller Verständnis für die Nöte, Leidenschaften und Sehnsüchte der Menschen.

Der ergreifendste Film?
„Bohemian Rhapsody“. Es gibt wenig Filme, die mich so nachhaltig durcheinandergerüttelt und emotional fertig gemacht haben. Rami Malek ist ein großer Künstler und ich kann mich nur immer wieder bei Freddie Mercury entschuldigen, dass ich ihn zu Lebzeiten nie genug geliebt habe. Aber jemand wie Freddie stirbt ja eh niemals.

Die beste CD?
Ich hab zwei zu Weihnachten bekommen, die ich aber noch nicht zu Ende gehört habe. Aber schöne Sachen macht zum Beispiel Emma Russack, die ich 2019 entdeckt habe, ebenso Larkin Poe.

Das schönste Konzert?
Schon wieder nur eines besucht – Neil Young, Sommer, Waldbühne Berlin. Nicht so legendär wie vier Jahre zuvor am selben Ort, aber dennoch wunderbar. Vor allem, weil das Publikum so entspannt war, sich, als ich vom Bierholen zurückkam, vor mir teilte wie das Rote Meer vor Moses. Und weil es nach Ende des Konzert noch ewig „Rockin‘ in a free world“ weitersang. Darum.

Die meiste Zeit verbracht mit …?
Mir selbst und einem bestimmten kleinen Elch.

Die schönste Zeit verbracht mit …?
Mit selbst und einem bestimmten kleinen Elch. Besonders schön war die Zeit auf Jersey. Nur ich, der Elch, das Meer und ein paar grundentspannte, freundliche Insulaner.

Vorherrschendes Gefühl 2019?
„Boah, echt jetzt?“

2019 zum ersten Mal getan?
Alle Folgen „Akte X“ geguckt.

2019 nach langer Zeit wieder getan?
Gemalt und geschrieben, Ersteres noch mehr als Letzteres und beides sogar so, dass es mir selbst gefiel. Und festgestellt, dass ich dabei so komplett abschalten kann, dass es wie ein Kurzurlaub ist. Wenn den Scheiß jetzt noch jemand kauft, wird das so langsam  was mit dem Haus am Meer. Je nach Großzügigkeit des Mäzens/der Mäzenin am Atlantik oder Pazifik.

3 Dinge, auf die ich gut hätte verzichten mögen?
Ein geklautes Rad, ein Sturz beim Joggen, Lärm.

Die wichtigste Sache, von der ich jemanden überzeugen wollte?
Ich habe es aufgegeben, jemanden von etwas überzeugen zu wollen, wenn der oder die es eh nicht will. Das ist verschwendete Energie. Und man ahnt nicht, wie viel Seelenfrieden es bringt, manchmal einfach den Arsch rumzuschmeißen, zu gehen und nicht zurückzuschauen.

Das schönste Geschenk, das ich jemandem gemacht habe?
Womöglich die fünf Acrylgemälde, die ich meinen Eltern für den frisch renovierten Flur gemalt hab.

Das schönste Geschenk, das mir jemand gemacht hat?
Es mag komisch klingen, aber ich wundere mich immer wieder, dass Menschen gerne Zeit mit mir verbringen wollen, obwohl sie mich schon lange kennen. Also danke für zahlreiche lustige, feuchtfröhliche Abende und Tage und das Gefühl, dass meine mannigfaltigen Sonderbarkeiten vielleicht gar keine sind. Oder zumindest nicht so schlimm.

Der schönste Satz, den jemand zu mir gesagt hat?
„Du bist echt begabt.“

Der schönste Satz, den ich zu jemandem gesagt habe?
Ich habe einen Verdacht, aber das ist privat.

2019 war mit einem Wort …?
Achgehtsokanneigentlichweg.

2020 wird …?
Sehr viel besser. SEHR viel besser.

Von Kaiserbad bis Wasserschloss

Also – wenn die hier was können auf Usedom, dann ist es Himmel.

War heute sonst noch was? Ach ja, Mellenthin samt Wasserschloss.

So lecker diese Waffel war – sie ist doch Sinnbild für eine Tragödie. In der kleinen Gaststätte hatte ich bei meinem allerersten Besuch 2002 eine fantastische Pizza gegessen – mit knusprigem Boden, Rucola und einer selbstgemachten Tomatensoße, von der ich heute noch träume. 2009 hatte ich zuerst draußen gesessen und zu spät gesehen, dass es Pizza nur drinnen zu bestellen gab. Und dieses Jahr gab es sie aufgrund eine Inhaberwechsels nicht mehr. Ich werde diese Pizza also NIE WIEDER essen. Und ihr denkt, ihr hättet Probleme.

Abstecher nach Peenemünde

Hier sah alles noch ziemlich genau so aus, wie ich es von meinem jüngsten Besuch auf Usedom, der nun auch schon elf Jahre zurückliegt, in Erinnerung hatte. Da ich mich aber an viele geschichtliche Details zur V2-Rakete und den Forschungen hier erinnern konnte, machte der Besuch auch ein zweites bzw. eigentlich schon drittes Mal Spaß. Zumal das Wetter auch eher bescheiden war und es eh schöner war, seine Zeit drinnen zu verbringen.

Zum ersten Mal war ich dann auch oben auf dem Dach – sehr schöne Aussicht hat man von hier, bei dramatischem Wolkenhimmel vielleicht sogar eine schönere als bei Sonnenschein.

Das Kraftwerk war auch noch mal einen Besuch wert, an das konnte ich mich so gar nicht erinnern. Und Industriekultur ist für Menschen aus der Nähe des Ruhrgebiets auch immer was Schönes.

Ins U-Boot schafften wir es diesmal nicht mehr, aber wir sind ja noch ein paar Tage hier.

Was wir uns aber nach dem obligatorischen Fischbrötchen noch gönnten, war ein Abstecher ans Wasser, um das Feuerwerk zum 3. Oktober, dieses Jahr der 30. Jahrestag des Mauerfalls, anzuschauen. Dieses zog sich wie eine explodierende Perlenkette an der ganzen Küste entlang, alle Viertelstunde war ein weiterer Ort dran, in der Ferne sahen wir so zunächst die Funken über Zempin sprühen, dann waren „wir“ in Koserow dran.

Erst mal die Hood checken

Erster richtiger Urlaubstag, erst mal die Gegend erkunden und sehen, wo es die besten Fischbrötchen und Bier dazu gibt. Denn merke: Auch nach einem ausgiebigen Frühstück hat man irgendwann wieder Hunger. Außerdem sind meine Eltern Rentner, und ich bin über 40. Regelmäßige Mahlzeiten werden immer wich… Wo war ich ? Ach ja, erst mal spazierengehen.

Wenn einem das Meer mal zu viel wird, ist auch der Wald in Koserow nicht weit weg.

Mutter Natur hat doch immer noch die schönsten Beleidigungen auf Lager. Ihr Hohltauben!

Aber lange hält man es ja ohne Meer nie aus.

Mission accomplished:

Text/Bild-Schere, Symbolfoto:

 

Auf der Straße ohne Namen in die Erholung

Und die Frage, die unweigerlich kommen muss, gleich vorweg zu beantworten: Ja, ich habe schon wieder Urlaub, auch wenn ich in diesem Jahr schon auf Jersey und auf Helgoland war. Deal with it.

Diesmal zieht es aber nicht nur mich weg, sondern gleich die ganze Familie, also Vater, Mutter, Kind und Elch. Und zwar nach Usedom. Für mich ist es mittlerweile das dritte Mal, aber da ich jedes Mal in einem anderen Ort war, fühlt es sich noch nicht ganz wie Nachhausekommen an.

Diesmal war ich aber das erste Mal mit Navi unterwegs, was aber auch nicht durchgängig dazu beitrug, die Orientierung zu erleichtern.

Egal, wir kamen trotzdem an. Und nun: Hoch die Tassen, es ist URLAUB.