Voll auf den Nerv

Ich habe zu Schulzeiten nicht einmal die Schule geschwänzt, wirklich kein einziges Mal.

Doch, Moment. Ich durfte einmal mit Erlaubnis meiner Eltern zu Hause bleiben, weil unser damaliger Mathelehrer eine Arbeit schreiben lassen wollte, in die er neue Themen packen wollte, die er zuvor nur sehr unzureichend erklärte hatte. Ich hätte diese Arbeit verhauen und hätte mir damit eine Note versaut, und meine Eltern sagten, ich dürfe an diesem Tag zu Hause bleiben. Aber eigentlich zählt das nicht als Schwänzen – mit Erlaubnis ist es ja legal und somit langweilig.

Ich habe mich als Teenager nicht übermäßig für Politik und Klimaschutz interessiert, wobei ich schon Angst hatte, was sauren Regen, Waldsterben und Umweltverschmutzung anging. Aber meine Strategie, was Unangehmes angeht, war schon in jungen Jahren: Augen zu, nicht dran denken, dann geht es vielleicht von alleine weg.

Ich war bislang zweimal in meinem Leben auf einer Demo. Die eine in den 90ern gegen den Irak-Krieg, die zweite etwas später zu Studienzeiten gegen eine geplante Einführung von Studiengebühren.

Auf nichts von den oben erwähnten Dingen bin ich besonders stolz, ich wäre gern wagemutiger, vielleicht sogar unvernünftiger gewesen, anstatt wie immer überall nur Probleme zu sehen und deswegen lieber brav und langweilig zu bleiben. Ich hätte mich viel früher für Politik interessieren sollen, und vor allem hätte ich öfter auf die Straße gehen sollen. (Heute ist das Problem, dass ich oft arbeiten muss, wenn große Demos in Hamburg sind, weil mein Sender darüber berichtet, aber nun.)

Ich habe also den größten Respekt vor jungen, mutigen Leuten wie Greta Thunberg, die jetzt einfach mal die Schnauze voll haben von der Art, wie die Dinge heute laufen, und die auch tatsächlich etwas dagegen tun, die aufstehen, laut sind und nicht länger schweigend alles hinnehmen, was die Erwachsenen so anrichten.

Und genauso groß wie mein Respekt ist auch meine Wut. Meine Wut über die Berufsmotzer, die die Freitagsdemos peinlich finden, Greta Thunberg belächeln, weil sie irgendwie „anders“ sei, laut tönen, die jungen Leute sollten lieber in die Schule gehen, anstatt Erwachsene zu kritisieren. Mal abgesehen davon, dass aufgrund des Lehrermangels sowieso dauernd Stunden ausfallen, wieso sollte ich als Schüler*in denn noch (oft nutzloses) Wissen anhäufen, wenn die Welt gerade den Bach runtergeht? Dauernd schimpfen sie, die Alten und Verknöcherten, die Teenager heutzutage seien zu uninteressiert und zu unpolitisch, aber wenn sie auf die Straße gehen, ist es auch wieder nicht recht? Ich bin unfassbar genervt von diesen chronisch Schlechtgelaunten, die alles und jeden doof finden wollen und sich dann an einer Nichtigkeit aufhängen, damit sich die Diskussion auch bitte schön weit weg vom eigentlichen Kern entfernt, damit man über den bloß nicht mehr nachdenken muss.

Wir sollten langsam mal aufhören, nur Erwachsene und vermeintliche Experten als zurechnungsfähig und ernstzunehmen einzustufen. Wenn man sich mal anschaut, was wir bezüglich der Bewahrung von Ressourcen und des Umweltschutzes allein in den vergangenen 100 Jahren so geleistet haben, sollten wir mal schön die Klappe halten, das war kein besonders guter Job. Nennen wir das Kind ruhig deutlich beim Namen: Es war ein beschissener Scheiß-Job, den wir da hingelegt haben. Und wenn wir Greta Thunberg und all die anderen jungen Leute brauchen, um uns das zu sagen und vielleicht Dinge zu ändern, dann sollten wir froh sein, dass wir sie haben. (Genauso, wie die USA froh sein können, dass Emma Gonzalez und ihre Freunde gegen den dortigen Waffen-Wahn der NRA kämpfen und die Jugend mobilisieren. Aber das ist noch mal ein ganz anderes Thema.)

Und dann wollen wir doch ganz am Ende eines nicht vergessen: Dafür, dass Greta Thunberg angeblich keine Ahnung hat, nur ein kleines Mädchen mit einer fixen Idee ist, dafür regen sich gewisse Leute doch ein bisschen zu viel über sie auf. Das zeigt, dass sie offenbar einen Nerv getroffen hat.

Und ein schmerzender Nerv lässt sich nur ganz schlecht ignorieren. Gut so.

 

Not an Instagram Life

Wie ich sie hasse, diese perfekt gestylten Mädchen in ihren perfekten Wohnungen, die sich morgens als Erstes zu klassischer Musik einen Tee in ihrer blitzsauberen Küche kochen und sich dann zusammen mit ihrer Katze überlegen, was sie denn wohl heute Schönes kochen und wie sie sich und ihren Lieben das Leben schön machen können. Schön und noch perfekter, als es eh schon ist. Diese Mädchen sehen aus, als hätten sie keinerlei Verdauung und wenn doch, dann kacken sie Rosen und Nüsse. Sie wuppen alles mit Leichtigkeit, nichts ist ihnen zu schwer, nach einem vollgepackten Arbeitstag in der Einhornschule gehen sie noch einkaufen und anschließend ins Fitnessstudio, wo sie ihre eh schon makellosen Körper in Form bringen, dabei wie schon den ganzen Tag über perfekt gekleidet sind und natürlich nicht ansatzweise  schwitzen. Vielleicht transpirieren sie ein wenig, aber das riecht dann nach Lavendel. Alles ist Glitzer und Glamour, alles blitzt und blinkt, it’s all so shiny.

Ich habe eben in den ältesten Sportklamotten, die ich besitze, Krafttraining gemacht (nach einem gesunden und nahrhaften Frühstück, bestehend aus Limettenmuffins und Käsebrot), dabei geschwitzt wie ein Schwein und anschließend gestunken wie ein Puma. Mein Platz im Wohnzimmer ist sehr deutlich als mein Platz zu erkennen, weil da die ganzen Krümel von den Tortillachips liegen, die ich zu Mittag hatte. Und wenn ich lange genug in meinem Unterhemd suche, finde ich da sicher auch noch welche. Ich habe keine perfekte kleine Hauskatze, die mir zur Begrüßung abends freundlich um die Beine streicht, ich habe schlechterzogene Elche. Wenn ich einen Scheißtag im Büro hatte, und das habe ich oft, kann ich nicht mehr einkaufen gehen, weil ich den ganzen Supermarkt in Schutt und Asche legen würde, weil mir die Menschen da so unsagbar auf die Nerven gehen. Da ess ich lieber auch noch zum Abendessen Chips und trinke Leitungswasser, anstatt abends einkaufen zu gehen. Wenn ich joggen gehe, dann frühmorgens im Schutz der Dunkelheit, weil mich dabei Menschen sehen könnten, die meine Mitarbeiter sind und dann jeglichen vielleicht noch vorhandenen Restrespekt verlieren könnten.

Was ich sagen will: Ich tauge so was von überhaupt nicht für Instagram, ich habe keinen Instagram-Husband, der mich gekonnt in Szene setzen könnte, ich bin viel zu faul, um auch nur ansatzsweise den Schein zu erwecken, dass ich ein perfektes Leben hab und überhaupt. Weil ich bei Instagram aber nun auch einen Account hab, mache ich mit dem … was anderes.

Pretty Peschiera

Frisch gestärkt machten wir uns nach dem Frühstück auf einen ersten Spaziergang rund um den Gardasee. Okay, einmal am Ufer lang bis ins nächste Örtchen, das zauberhafte und quirlige Peschiera del Garda. Das war auch der einzige Programmpunkt für heute, neben Auspacken, Einrichten im Bungalow und ein wenig Shopping (in diesem Fall der Weineinkauf. Wofür ist man denn in Italien, wenn nicht für Wein und Eiscreme.)

Landschaftlich ist es auf jeden Fall schon mal sehr schön hier.

Peschiera hat, auch wenn es nicht wirklich groß ist, einiges zu bieten. Zum Beispiel für deutsche Muttersprachler ungewöhnliche Cocktailkreationen …

… viel Liebe für Blumen und winzigkleine Pylone …

… überraschende Einblicke hinter alten Torbögen …

… und vor allem viel Wasser.

Die Möwen laufen hier übers Wasser …

… die Schwäne sind genauso hübsch wie überall …

… und die Elche tragen Hut.

Dann wollen wir jetzt aber mal wieder schnell nach Hause und ans Trinken kommen.

Viva l’Italia

Hui, da sind wir doch glatt schon wieder unterwegs, der Elch und ich. Reisebesetzung diesmal: die dekadente Ziege, die schon wieder zum zweiten Mal in einem Jahr in Urlaub fährt (ich), die Mutter der dekadenten Ziege, deren Schulfreundin und deren Tochter. 50 Prozent dieser charmanten kleinen Reisegruppe kannten sich vorher nicht, waren sich aber gleich sympathisch. Moosebert versteckt sich noch im Rucksack, denn – und das ist der winzigkleine Nachteil dieser Reise – es sind auch noch Dutzende, vielleicht sogar Hunderte, wenn nicht gar Tausende Schüler aus Lippstadt mit dabei. Aber wir wollen mal zu unser aller Wohl hoffen, dass die eben vorgestellte, charmante kleine Reisegruppe mit den Schülern nicht allzu viel zu tun haben wird. Außer uns gibt es natürlich noch erwachsene Begleitpersonen und ich will ehrlich sein – ich hoffe, dass wir mit denen auch nicht so viel zu tun haben werden. SCHERZ.

Wir starteten gen Abend von Lippstadt aus in mehreren Bussen, und ich weiß nicht, wie der Fußballgott das zulassen konnte, aber wir sind in Bus Nummer 04.

Die Nachtfahrt überstanden wir eigentlich ganz gut, ich hatte es mir wirklich schlimmer vorgestellt. Abgesehen von „Mamma Mia“, ein Film, den ich nie freiwillig geschaut hätte, aber gut. Die jungen Menschen heutzutage haben halt einen anderen Geschmack. Ratzfatz waren wir schon in Österreich, noch schneller dann in Italien und pünktlich zum Frühstück am Gardasee.

Ferienwohnung

Wie einige geneigte (haha) Leser vielleicht wissen, bin ich vor einiger Zeit umgezogen. Die alte Wohnung war mir endgültig zu schimmelig geworden, der laute Nachbar zu laut, der Nachtspeicherofen zu teuer und zu unpraktisch. Also begab ich mich auf Wohnungssuche in Hamburg und zog nur wenige Wochen später um. Glaubt mir keiner? War aber so. Ich hab mir tatsächlich nur elf Wohnungen angesehen, bei fünfen wusste ich schon vorher, dass sie eigentlich nichts sein würden, aber ich wollte ja nicht gleich zu Anfang so wählerisch sein. Einige waren hübscher als auf den Bildern, andere nicht so und einige hatten so schangelige Badezimmer, dass ich wusste, ich würde die nicht so putzen können, dass ich sie benutzen wollen würde. Am Ende bewarb ich mich ernsthaft nur für zwei Wohnungen, wusste aber auf dem Nachhauseweg von der ersten bereits, dass ich die zweite lieber haben wollte. Die hatte ich zu dem Zeitpunkt noch gar nicht besichtigt, aber heute wohne ich drin.

Es war wirklich Liebe auf den ersten Blick. Ich weiß nicht, ob es der Wohnung auch so ging, aber ich wusste gleich beim Betreten, dass sie und ich untrennbar zusammengehören würden. Sie ist vielleicht nicht mehr ganz so ruhig wie die alte, weil sie an einem vielbefahrenen Kreisverkehr liegt, aber das stört mich nicht besonders. Sie hat alles, was ich immer haben wollte: einen Balkon, drei Zimmer (wie ich hier ja bereits schrieb, bin ich nun stolze Besitzerin eines magischen Schreibarbeitsnähmalbastelzimmers), Badewanne und vor allem einen Balkon. Seit 45 Jahren möchte ich gerne einen Balkon haben, und nun hab ich es endlich geschafft.

Wisst ihr, wie sich das anfühlt? Wie im Urlaub. Es ist wie eine Ferienwohnung, in der man sich, sehr, sehr wohlfühlt. Es ist das Gefühl zu wissen, dass man hier definitiv hingehört, gepaart mit dem Gefühl „AAAH! Ist das wirklich meinsmeinsmeins?!“

Ich hab den halben Sommer auf dem Balkon verbracht und in den Morgen-, Abend- und Nachthimmel geschaut, ich freue mich, dass die Arbeitsflächen in der Küche viel höher sind, was meiner Länge sehr entgegenkommt, ich habe schon wieder Bilder gemalt, ich freue mich, dass ich endlich einen Kleiderschrank habe, der nicht wackelt wie ein Lämmerschwanz und in den so unfassbar viel Zeugs reingeht; im Bad zieht es nicht wie Hechtsuppe, und wenn es jetzt Winter wird, muss ich mir endlich nicht mehr einen Tag vorher überlegen, ob wir kalt sein wird und wenn ja, wie sehr. Ja, es ist wie Urlaub!

Dazu passt, dass ich die Gegend um die Wohnung herum derzeit noch mal ganz neu entdecke. Und vor allem, wie es eben auch in den Ferien ist, weil ich auch richtig Lust draufhab, mir hier noch mal alles anzusehen. Alles ist auch nach dreieinhalb Monaten noch ganz neu und aufregend. Und das, obwohl die Wohnung lustigerweise in einer Parallelstraße von der Straße liegt, in der die Wohnung ist, in der ich ganz zu Anfang gewohnt hab, als ich das allererste Mal in Hamburg gearbeitet hab. Ich kenn das hier eigentlich alles, aber ich entdecke immer wieder was Neues. Zum Beispiel diesen bezaubernden Park hier:

WIE. URLAUB.

Liebster Award: Travel, travel

Die weltbeste Claudia hat mich für den Liebster Award nominiert, und weil es ums Reisen geht, springe ich nur zu gern in die Luft und fange das Stöckchen auf. Zumal mir gerade noch von eher unqualifizierter Seite in sehr süffisantem Ton geraten wurde, ich solle mir doch mal die Welt ansehen, da gebe es viel zu entdecken.

Aber zurück zum Wesentlichen und sehr viel Erfreulicherem, den Fragen von Claudia. Up, up and away:

1. Welches war die erste Reise, die du je allein gemacht hast? Wohin ging sie und was hast du aus der Erfahrung für dich mitgenommen?

Die Antwort auf diese Frage muss ich zweiteilen. Denn ich reise ja fast immer allein, aber fast immer mache ich auch Gruppenreisen. Alleinsein an sich ist nichts Besonderes für mich, es ist eher ungewöhnlich, dass ich mich längere Zeit in Gruppen wohlfühle. (Deswegen war die Neuseeland-Reise Anfang des Jahres auch so etwas Besonderes.)

Zum ersten Mal allein-allein war ich auf Kreta (und später noch auf Usedom, Guernsey, Alderney, Singapur), das muss 2001 gewesen sein. Ich war komplett alle vom Studium, dem Examen, dem Umzug nach Lippstadt und den ersten Monaten des Volontariats. Ich war eigentlich fast nur am Strand, kurz unterbrochen von einigen wenigen Ausflügen, bin fast jeden Tag geschwommen und schlief ansonsten die Anstrengungen der letzten Jahre weg. Das war sehr schön. Vor allem, dass ich machen konnte, was ich wollte, und niemandem Rechenschaft schuldig war. Was ich aber vor allem daraus gelernt habe, war, dass Frauen, die alleine reisen, immer komisch angesehen werden, vor allem im Frühstücksraum des Hotels.

Zum ersten Mal nichtallein-allein war ich dann 2011 in Kanada, neun Tage an der Ostküste, neun Tage an der Westküste. Es war fantastisch, alles war organisiert, ich musste mich nur in den Bus setzen und wurde aufs Bequemste rumkutschiert. Was ich daraus gelernt habe, war, dass Frauen, die alleine reisen, immer komisch angesehen werden, vor allem im Frühstücksraum des Hotels.

2. Dein bester Tipp, um neue Orte abseits der klassischen Sightseeing-Spots zu entdecken?

„Second star to the right and straight on ‚til morning.“

Den Reiseführer in die Tasche stecken, sich umschauen und einfach der Nase nach. Genau dahin nicht gehen, wo alle hingehen, Herz und Augen öffnen, in kleine Gassen rechts und links schauen, den Blumen nach, dem Geruch von Pfannkuchen folgen, nur noch einmal um die nächste Ecke schauen, dann vielleicht um die nächste auch noch, mal lesen, was auf der Plakette an dem Haus dahinten steht, erkunden, was da für eine Statue gebaut wird, zwischendurch stehenbleiben, vielleicht doch die Richtung wechseln, sich irgendwo hinsetzen und einfach hören, gucken, atmen, dann findet sich ein neuer Weg, und das ist nur meiner und genau der richtige.

3. Gibt es etwas, das du auf Reisen schon immer mal machen wolltest, aber noch nie gemacht hast?

Nicht wirklich. Ich fahre ja gerne weit weg, aber als übermäßig abenteuerlustig würde ich mich nicht bezeichnen. Camping in Alaska war so ziemlich das Wagemutigest bisher. Bungeejumping etc. aber stand noch nie auf meiner Liste. Natürlich würde ich gerne auf irgendeiner Reise mal einen hübschen reichen Holzfäller oder Tom Hiddleston heiraten und mit dem einfach dableiben, aber ich bin inzwischen realistisch geworden, was die Chancen dafür angeht. Ich bin recht zufrieden mit den Dingen, die ich bisher gesehen und erlebt hab; ich mache ja gerne Naturreisen und da komme ich fast immer auf meine Kosten. Setzt mich ans Meer und holt mich in drei Stunden wieder ab, dann bin ich glücklich. Und da ist es fast egal, ob es Nelson/Neuseeland oder Niendorf/Ostsee ist.

4. Wie, wo und durch was lässt du dich für neue Reisen inspirieren?

Durch die Welt, die so unfassbar großartig und spannend ist. Von der ich schon so einiges gesehen hab und im Grunde doch gar nichts. Es gibt ein paar Orte, die ich noch auf meiner Bucket List habe, zum Beispiel Wales, Jersey, Sark, Norwegen, Schweden, Finnland, Kalifornien, die kanadische Ostküste, die Northwest Territories … Aber meistens fliegt mich das nächste Ziel immer irgendwie zufällig an. Sei es, dass mir mein Reisebüro einen Katalog zuschickt und ich denke: „JAWOLL. Island!“ oder dass ich bei der Arbeit eine Doku über den „Aurora Explorer“ gucke und denke, da will ich mal mitfahren. Die Reiseziele fliegen mich so an, und dann fliege ich zu ihnen. Ein Konzept, das sich aufs Allerbeste bewährt hat.

5. Nutzt du Reise-Apps? Auf welche würdest du auf keinen Fall verzichten wollen?

Ich bin eine sehr alte Frau, die sehr altmodisch ist. Ich nutze keinerlei Reise-Apps, ich benutze Reiseführer, Flyer, Stadtpläne, Karten und einen Elch.

6. Reist du voll durchgeplant oder lässt du dich vor Ort spontan treiben?

Ja und ja. Ich habe meistens bestimmte Pläne oder eine Liste von Orten, die ich sehen möchte, aber es gibt keine Reihenfolge. Auf Guernsey und Alderney ist es mir diverse Male passiert, dass ich für den Tag ein bestimmtes Ziel hatte und am Ende ganz woanders landete, weil vielleicht eine Straße gesperrt war, ich den falschen Bus erwischt hatte oder eine Seitenstraße so spannend aussah, dass ich einfach beim zweiten Stern rechts abbog.

Was ich aber wirklich gerne hab, ist zum Beispiel die Sicherheit, dass ich morgens weiß, wo ich abends schlafe. Ein Hotel muss ich also haben, und wenn ich weiß, dass der Transfer zu diesem Hotel gewährleistet ist, reise ich auch ein wenig beruhigter los.

7. Was war dein bisher verrücktestes Reiseerlebnis?

Vielleicht, dass der Guide, den wir auf Big Island, Hawai’i hatten, aus Rheda-Wiedenbrück kam, aber es ist ja schon fast ein Klischee, dass man im Ausland auf Leute trifft, die aus der Nähe der Heimat stammen.

Ansonsten war es vermutlich die Geschichte von der unglaublichen Elchentführung.

Und jetzt muss ich wen nominieren, oder? Ach, das fällt mir immer so schwer, und neue Fragen mag ich mir auch grad nicht ausdenken? Ich mach es einfach wie immer: Wer mag, darf das Stöckchen gerne aufgreifen und heimtragen.

Das dritte Zimmer

Während ich dies schreibe, sitze ich an seinem sehr besonderen Ort. Ich sitze in meinem dritten Zimmer, dem dritten Zimmer, das ich mir schon so lange gewünscht hatte und das ich nun endlich wieder habe. Es sollte ein Arbeitszimmer sein, aber was es wurde, ist ein Bastelschreibmalkrumelnähhandarbeitsnachdenkkreativitätszimmer. Denn ich habe es geschafft, in diesem winzigen Zimmer drei Tische unterzubringen. Den Nähtisch, den Schreibtisch und den Maltisch. Es beherbergt meine ganzen gesammelten Papiere, mein Schmierpapier und meine Notizbücher, meine Bastelbücher, meine Unterlagen, die Scrapbooks, meine Acryl- und Stoffmalfarben, meine Buntstifte, meine Pastellkreiden. Hier lagern meine Stoffe, meine Skizzen, meine Entwürfe, das ganze halbfertige Zeug. Das dritte Zimmer verschluckt die ganze Unordnung, die bisher immer vor Weihnachten oder Geburtstagen von Freunden im Wohnzimmer herrschte. Hier liegt meine ganze Kreativität, hier kommt alles hin, was meinen Kopf zu voll macht. Das dritte Zimmer bewahrt es auf, ohne dass der Alltag aus Arbeit und Pflichten die Ideen kaputt macht. Hier liegt alles sicher und trocken.

Wenn ich ganz früh in diesem Zimmer sitze, sehe ich, wie sich der Himmel rot färbt, weil die Sonne an dieser Seite der Wohnung aufgeht. Und dann verarbeite ich die Sachen, die ich auf der anderen Seite der Wohnung in mein Notizbuch geschmiert hab, während ich am Abend vorher auf dem Balkon, dem zweiten sehr besonderen Ort dieser Wohnung gesessen und beobachtet hab, wie die Sonne unterging. (Aber zum Balkon kommen wir vielleicht ein andermal.)

Vielleicht ist es kein Wunder, dass ich in der alten Wohnung nie so richtig kreativ sein konnte, dass ich immer wollte und nicht konnte, wenn doch die ganze Kreativität hier, in der neuen Wohnung, in diesem magischen Zimmer, gefangen war.

Denn genau das ist es: ein magisches Zimmer.

(Und es ist mir vollkommen egal, dass das Fahrrad auf der Skizze ein zu kleines Vorderrad hat und die Perspektive nicht stimmt. Es ist das Erste, was ich seit Monaten gezeichnet habe, und es ist somit das schönste Bild eines Fahrrad ever. So.)

Warum ich nicht auf Klassentreffen gehe

Man mag es angesichts meines jugendlichen Aussehens kaum glauben, aber in diesem Jahr könnte ich 25 Jahre Abi feiern, wenn ich das wollte. Beziehungsweise ich könnte die Feier besuchen, die es anlässlich dieses Jahrestags geben wird, wenn ich das wollte. In der WhatsApp-Gruppe sind alle schon gaaaanz aufgeregt und freuen sich, während ich die ganze Zeit überlege, ob es zu pubertär wäre, am Stichtag einfach 20 Gifs mit Mittelfingern zu schicken, um die Gruppe direkt darauf zu blocken. (Ich bin nur deswegen noch in der Gruppe, weil ich chronisch neugierig bin. Es ist wie ein Autounfall. Man weiß, man sollte einfach weiterfahren und das Ganze vergessen, allein, man kann den Blick nicht abwenden.)

Aber um die Frage in der Überschrift ganz kurz und fix zu beantworten: Ich gehe nicht auf Klassentreffen, weil ich meine Zeit nicht mit Leuten verschwenden will, die ich früher schon nicht leiden konnte. Mit Leuten, die mich von der achten bis zur zehnten Klasse gemobbt haben und erst allmählich damit aufhörten, als die Klassenverbände in der Oberstufe aufgelöst wurden. Und nein, man kann das nicht so einfach hinter sich lassen, vergessen und verzeihen. Ich finde auch nicht, dass man das muss. Man sollte schon weiterleben und das alles irgendwie hinter sich zu lassen versuchen, aber es waren wichtige, prägende Jahre, in denen dieses Mobbing passierte. Und nur, weil etwas lange her ist, heißt das keinesfalls, dass es mich nicht immer noch beschäftigt und in mir nachwirkt. Das verklärt sich auch nicht im Rückblick. Falls eins von den Arschlöchern von früher diesen Text liest: Gut gemacht, ihr könnt stolz auf euch sein. Aber erwartet nicht, dass ich heute noch mehr als einen gelegentlichen Gedanken an euch verschwende. Dafür gibt es viel zu viele liebe Menschen in meinem Leben, die es wert sind, dass ich ihnen Aufmerksamkeit schenke.

Dazu kommt, dass einen ein Klassentreffen in Sekundenschnelle in die Schulzeit zurückfallen lässt. Das mag mancher schön finden, aber leider entwickelt sich auch meine Persönlichkeit dann zu diesem dussligen Mädchen zurück, das ich damals war. Von Mitschülern gemobbt, von Lehrern übersehen, die mir kaum was zugetraut haben. Das bin ich schon lange nicht mehr, wobei sich über eine gewisse Restdusseligkeit sicher trefflich streiten lässt. Ich hab es inzwischen ja doch zu ein bisschen was gebracht, und genau deswegen würde ich vermutlich rasch in das berühmte „Mein Haus, mein Auto, mein Pony“-Schema fallen. Schaut mal, ich bin leitende Redakteurin beim Norddeutschen Rundfunk, schaut mal, ich habe ein Buch geschrieben, schaut mal, ich wohne in der schönsten Stadt der Welt, und Westdeutsche Vizemeisterin im Kugelstoßen war ich auch mal. Ich würde es den Pennern von damals verzweifelt beweisen wollen, obwohl sie mir doch eigentlich komplett egal sein sollten. Und vermutlich würde von denen sicher mehr als einer sagen: „Aber Mann und Kinder haste nicht, oder?“ Und schon wäre ich wieder ein Verlierer, mit dem sich niemand abgeben will. Und für diese Spielchen bin ich mir zu schade.

Dabei bin ich durchaus noch mit Klassenkameraden von damals befreundet, einige hab ich auf Facebook wiedergefunden, und darüber freue ich mich sehr. Manche treffe ich sogar gelegentlich im echten Leben, und nur selten sprechen wir dann über die Schulzeit und die „guten alten Zeiten“. Dafür ist die Gegenwart doch viel zu spannend. Also: Habt ein schönes Klassentreffen, ihr sieben bis zehn netten Menschen von damals, schwelgt in Erinnerungen, macht es euch schön. Allen anderen entbiete ich die allerherzlichsten Grüße:

Angst vor dem Fremden

Vor einigen Jahren beschwerte sich mal eine ehemalige Klassenkameradin aus der Grundschule, sie könne ja in Lippstadt, unserer gemeinsamen Heimatstadt, nicht mehr frei denken, weil in den Turnhallen dort jetzt Flüchtlinge nächtigten. Es war keinesfalls so, dass sie sich Sorgen machte, dass es den Menschen dort in den beengten Verhältnissen nicht gutgehen könne. Nein, es ging vielmehr darum, dass sie sich in ihrer Freiheit beschnitten sah, weil in den Turnhallen Leute untergebracht waren, die nach einer traumatisierenden Flucht nun ihr und ihrer Familie nach dem Job, der Wohnung, womöglich gar dem Leben trachteten. (Dass die Familie dieser Klassenkameradin selbst in den 60ern aus dem damaligen Jugoslawien nach Deutschland gekommen war, lassen wir mal außen vor, die Sache ist schon absurd genug.)

Ich kenne leider noch einige Leute mehr, die so denken, und das Verstörende ist, dass diese Menschen in ihrem Alltag kaum Berührungspunkte mit „Ausländern“ haben, sie kennen keine Muslime persönlich, vom Judentum haben sie, wenn es hochkommt, mal irgendwas gelesen. Und trotzdem haben sie Angst vor diesen Menschen, die irgendwie anders sind, die sie in ihrer kleinen heilen deutschen Welt bedrohen könnten, womit auch immer.

Wie wenig Ahnung sie doch haben. Da sitzen sie in ihrer kleinen spießbürgerlichen Welt, in ihrer kleinen deutschen Höhle und ängstigen sich vor Menschen, denen sie wahrscheinlich vollkommen egal sind, weil die nämlich auch nur ihr kleines Leben leben wollen. Diese Spießbürger müssten mal in meinem Viertel in Hamburg leben, dann könnten sie wenigstens mitreden. In der Parallelstraße zu meinem Haus ist eine iranische Schule, noch eine Straße weiter findet sich eine Moschee, und sonntags höre ich die Glocken der Russisch-Orthodoxen Gemeinde. In der Hochhaussiedlung gegenüber wohnen ziemlich viele Menschen, die wohl einen „Migrationshintergrund“ haben, ein paar Straßen weiter gibt es ein brasilianisches Restaurant und einen asiatischen Lebensmittelmarkt. Ich bin umgeben von Menschen, die irgendwie anders sind als ich, es ist unfassbar. Habt ihr überhaupt eine Ahnung, wie so was das Leben beeinflussen kann? Wie oft ich jeden Tag mit Angst aus dem Haus gehe, weil mir fremdländisch aussehende Menschen begegnen können?

Ich sage euch mal, wie das mein Leben jeden Tag beeinträchtigt:

Gar nicht.