Auf Knien in die Vergangenheit

Für diesen Text spulen wir die Geschichte mal ein ganzes Stückchen zurück. Noch ein Stück, noch ein Stück, ja, noch ein Stück, bis in die Zeit zwischen  3100 und 2600 v. Chr., wenn es genehm ist. Angekommen?

Denn in dieser Zeit, so vermutet man, entstand der Dolmen La Hougue Bie, ein mehr als imposanter und im Inneren auch ein wenig unheimlicher Steinhaufen in Grouville. Rundherum aber gibt es viel zu sehen, eine Ausstellung zu Ausgrabungsfunden auf Jersey und der geologischen Entwicklung der gesamtem Gegend, außerdem eine Gedenkstätte für Zwangsarbeiter sowie zwei kleine Kapellen oben auf dem Hügel.

Ich muss gestehen, dass ich zunächst gar nicht begriffen habe, dass dieses kleine viereckige Loch da unten tatsächlich der Eingang zum Dolmen ist.

Ja, genau das:

Das, wo den kleinen verängstigten Elch keine zehn Pferde hineingebracht hätten.

Dabei wäre der Elch der Einzige gewesen, der diese außergewöhnliche Stätte aufrecht hätte betreten können, ohne die Schaufeln, äh, den Kopf einziehen zu müssen.

Unsereins aber musste sich auf die Knie runterlassen und etwa zehn Meter im Kriechgang zurücklegen, um in die eigentliche Grabstätte zu gelangen. Ob es sich dabei allerdings wirklich um ein Grab handelt, ist wohl nicht ganz klar. Es wird eher angenommen, dass es sich dabei um eine Art Verehrungsstätte handelt, sozusagen eine Kirche, lange bevor das Christentum diesen Teil der Welt erreichte.

In jedem Fall aber befindet man sich in La Hougue Bie in einem der zehn ältesten Gebäude der Welt, und allein diese Tatsache lässt einen schon kurz innehalten und über die Winzigkeit der eigenen Existenz nachdenken.

„Feel the heart of this place of worship“, heißt es auf der Homepage des zugehörigen Museums, aber das geht nur so lange, wie man sich allein dort drinnen befindet. Wenn erst mal ein von der Anstrengung schnaufender, fast zwei Meter großer Amerikaner neben einem in der kleinen, dunklen Kammer steht, ist es mit der Andacht recht schnell vorbei.

So hell wie auf meinen Bildern ist es übrigens nur wegen des Kamerablitzes. In Wahrheit umschließt einen ein Dämmerlicht, an das man sich erst gewöhnen muss, und das einem umso unheimlicher erscheint, wenn man sich umdreht und sieht, wie die Nachmittagssonne durch den Eingang zu einem hereinzukriechen versucht, es aber nicht schafft, die ganze Kammer zu erhellen.

Gerade in diesem Licht erscheint es aber auch etwas unheimlich, dass die Menschen vor 6000 Jahren La Hougue Bie vermutlich als eine Art Brücke zwischen der Welt der Toten und der der Lebenden ansahen. Mit Betreten des Dolmens verließ man die Außenwelt und betrat eine Art Zwischenreich, in dem es möglich war, Kontakt mit den Toten aufzunehmen, sie um Rat zu fragen oder um Schutz zu bitten. Wie genau die Rituale damals aussahen, lässt sich heute nurmehr erahnen, doch neben der Verehrung der Vorfahren stand auch die Verehrung der Sonne im Mittelpunkt.

Zu einer bestimmten Zeit im Frühjahr und dann wieder im Herbst erhellte die Morgensonne dieses Reich der Vorfahren und zeigte an, wann es Zeit war zu säen und wann die Zeit der Ernte gekommen war. Wie faszinierend ist das bitte?

Doch auch oben auf dem Hügel gibt es noch ein bisschen was zu sehen, wenn auch nicht ganz so alt. Die ältere der beiden auf dem Hügel errichteten Kapellen trägt den schönen Namen „Our Lady Of The Light“ und wurde im 12. Jahrhundert gebaut. Einer der Gründe dafür war vermutlich, auf den heidnischen Dolmen wortwörtlich was Christliches zu setzen, denn wo kommen wir denn dahin, wenn einfach jeder die Sonne anstatt den Herrgott anbetet.

Die Jerusalem Chapel dagegen wurde im 16. Jahrhundert gebaut, in der Reformation kaum noch gebraucht und verfiel dann auch leise vor sich hin. Eine Krypta gibt es auch noch, aber die war erstens nicht zu betreten und mir auch zu unheimlich.

Also erst mal Kekse essen. In der Sonne. Ist ja schließlich immer noch Urlaub.

Von Andenbär bis Zweifarbentamarin

Der Elch hatte für den heutigen Tag einen Besuch im Zoo geplant, und was soll ich sagen: Es war fantastisch. Was für ein schöner, bunter Tierpark, in dem es vor allem wirklich um die Tiere geht und nicht darum, dass die Leute sie anschauen können. In jedem Gehege gibt es Rückzugsmöglichkeiten, und manchmal konnte man trotz intensiven Suchens kein einziges Tier entdecken. Weil es lieber irgendwo in einer stillen Ecke pennen wollte oder fressen oder sich einfach mal in Ruhe am Hintern kratzen.

Es geht vor allem um den Tier- und Naturschutz, es gibt Auswilderungsprogramm, und wenn die Tiere alt werden, gibt es ein Rentengehege (zumindest für Papageien). Man kommt teilweise recht nah an die Tiere ran, aber die meisten Besucher benahmen sich respektvoll und hielten Abstand.

Und weil ich auch den ganzen Vormittag nur geguckt und geknipst hab, lass ich die Fotos hier fast ohne Text stehen. Nur eins noch: Wenn ihr mal auf Jersey seid – geht in den Zoo! Unbedingt!

Darum:

Jetzt muss ich nur noch sehen, wie ich einen Lemuren, einen Gorilla und einen Orang-Utan in meinen Koffer kriege, ohne dass der Zoll was merkt.

Das Meer so blau, der Himmel so weit

Nachdem der erste Teil des Tages schon sehr erfolgreich gewesen war und die Mittagspause mit einer Riesenportion Jersey-Eiscreme am Strand noch viel mehr, war mir doch irgendwie noch nach einem kleinen Spaziergang. Ich startete in der Portelet Bay, und was soll ich sagen: Da hätte ich eigentlich auch einfach drei Stunden sitzen und gucken können. Zum einen, weil außer mir und einem gutgelaunten Elch fast niemand sonst da war, und zum anderen, weil … Ach, seht selbst.

Am Ende aber widerstand ich dem Drang, auf Ebbe zu warten, damit ich zur Île au Guerdain und dem kleinen Martello-Türmchen rüberlaufen konnte, und machte mich auf den Weg Richtung St Brelade, the place to be, wie man so sagt.

Noch ein Blick zurück, …

… dann aber frisch vorangeschritten.

Nicht, dass ich allzu schnell vorangekommen wäre. Erstens ist Urlaub, zweitens gibt es hier so viel Weite zu sehen, dass man einfach alle zehn Meter stehenbleiben muss.

Da muss ich auch noch mal hin: Noirmont Point. Irgendwie hat es mir dieser kleine Leuchtturm angetan.

Aber heute ging es erst mal in die andere Richtung. In Portelet Common platzte ich mitten in einen Polizeiübung (so richtig mit Schießen) und wurde von zwei Hunden aufs Übelste angekläfft – weiß der Henker, wonach ich roch. Aber man stelle sich vor, die Hundebesitzer waren ehrlich erschrocken und entschuldigten sich sogar bei mir. Das ist mir in Deutschland noch nicht ein einziges Mal passiert – im Gegenteil, ich muss mich in solchen Fällen immer entweder anpöbeln oder auslachen lassen.

Ich war viel zu schnell am Ziel, auch wenn ich am Ende doch ganz schön müde war. Aber das war bisher fast der schönste Spaziergang.

Nach Hause fuhren der Elch und ich dann standesgemäß und angemessen nach einem Tag an der frischen Luft: im offenen Bus.

Ein Vormittag in der Vergangenheit

Was ich ja unter anderem so mag an den Kanalinseln: Es liegen so viele schön angeordnete alte Steine rum, die man besuchen  und auf denen man rumklettern kann. Einer dieser schönen alten Steinhaufen heißt Elizabeth Castle und liegt genau vor meiner Haustür. Und heute hab ich es endlich mal geschafft, hinzugehen. (Wenn nicht Ebbe ist, fahren die Duck Boats, eine Mischung aus Bus und Boot, und ich hätte so was gerne für den Weg zur Arbeit.)

Und auch, wenn ich es schon ein paar Male gesehen habe, bin ich immer wieder erstaunt, dass dieser Weg zweimal am Tag komplett verschwunden ist und man höchstens rüberschwimmen könnte (also für den Fall, dass man sie nicht alle hätte.)

Man kann bei Ebbe auch bequem ums Schloss herumgehen, wofür ich aber leider heute keine Zeit hatte.

Ich kam gerade rechtzeitig, um mich der ersten Führung der Saison von Tracey anzuschließen, und das war wirklich ein Glück. Ich habe selten einen Guide erlebt, der besser informiert, mit mehr Freude beim Job war und es vor allem schaffte, einer bunt zusammengewürfelten Truppe internationaler Touristen ganz fix das Gefühl zu geben, dass jeder willkommen war und es vor allem keine dummen Fragen gab. (Schön auch immer wieder der Verhalten der Deutschen einer alleinreisenden Landsfrau gegenüber: bloß schön wegbleiben, am Ende sucht die Dame noch Anschluss. Es sei denn, man braucht eine englische Vokabel, dann ist die alleinreisende Dame gut genug.)

Laut Tracey ist Elizabeth Castle wie die Tardis – von innen viel größer, als es von außen zunächst scheint. Sie hatte viele schöne und weniger schöne Anekdoten auf Lager, die ich im Gegensatz zu anderen geschichtlichen Details auch größtenteils behalten habe. Beispiele? Gern.

Das Unschöne an so einem hübschen Bauwerk ist ja, dass ständig einer vorbeikommt, der es haben will. Befestigung war also das Zauberwort der Vergangenheit. Um etwaige Eindringlinge abzuwehren, hatten sich die Burgbewohner allerlei Nettigkeiten ausgedacht. So fand sich neben einem der Tore zum Beispiel eine Öffnung in strategisch günstiger Höhe, durch die man den Mitgliedern der feindlichen Truppen wunderbar in die Familienplanung pfuschen konnte. Ich möchte gar nicht wissen, mit was die den Angreifern damals die Kronjuwelen beschossen haben.

Was ich auch lernte, war, woher der Ausdruck „die Katze aus dem Sack lassen“ kommt. Wenn nämlich zu den finsteren Zeiten die Katze (neunschwänziges Prügelinstrument) aus dem  Sack gelassen wurde, ging es irgendwem an den Kragen. Meistens einem Soldaten, der es nicht rechtzeitig vor der Flut wieder aufs Castle geschafft hatte doer sich anderen Undiszipliniertheiten hatte zuschulden kommen lassen. Der arme Tropf wurde dann öffentlich vor seinen Kameraden ausgepeitscht. Sollte er vor Erreichen der vorher festgelegten Anzahl von Hieben das Bewusstsein verlieren oder zu schwach werden, schritt ein Arzt ein. Der Soldat durfte sich dann erst mal erholen. Und wenn er gesund genug war, wurden die restlichen Hiebe nachgeholt. So umsichtig und fürsorglich war man damals.

Eine Sache, die unübersehbar ist, ist, dass das Schloss verschiedene Baustufen hat – begonnen wurde der Bau im 16. Jahrhundert und sollte das wegen der Erfindung des Schießpulvers nutzlos gewordene Mont Orgueil Castle ersetzen. Der ursprüngliche Plan, die Steine von Gorey nach St Helier zu schaffen und aus dem einen Schloss das andere zu bauen, wurden – Sir Walter Raleigh sei Dank – nicht umgesetzt, sodass es heute zwei schöne alte Burgen auf Jersey zu besichtigen gibt.

Unter anderem lernte ich bei der Tour auch, dass der Union Jack nur dann Union Jack heißt, wenn er auf See bzw. auf einem Kriegsschiff gehisst wird. An Land heißt er – aufgemerkt nun also – Union Flag.

Ach ja, und die Deutschen waren natürlich auch mal auf dem Schloss, rissen nieder, was ihnen nicht in den Kram passte und schütteten die Lücken mit Beton zu. So auch am Paradeplatz, der bis in die 40er-Jahre symmetrisch von Gebäuden umrandet gewesen war. Dann riss die Wehrmacht das hübsche Haus mit der Uhr zur Hälfte ab und baute – genau – einen Bunker.

Und natürlich nicht nur den einen.

Dieser Ausguck fügt sich dagegen fast schon harmonisch ins Gesamtbild ein.

Ja, nee, komm, gehen wir mal lieber wieder was Schönes gucken.

Hinter dem Castle geht es schließlich noch weiter – dort gelangt man zum Hermitage Rock und zum Breakwater. Und am besten macht man das, während auf dem Paradeplatz die Mittagsvorstellung läuft, dann hat man das Gelände nämlich fast ganz für sich.

Auf dem Eremitenfelsen soll im 6. Jahrhundert der Heilige Helibert (der spätere Namensgeber von Jerseys Haupstadt St Helier) gelebt haben. Als irgendwann Piraten des Wegs segelten, sprach er sie an und wollte ihnen vermutlich das Evangelium nahebringen. Die ungehobelten Gesellen bedankten sich, indem sie Heliberts Kopf fein säuberlich vom Rumpf trennten. Laut Überlieferung nahm er seinen Kopf unter den Arm und ging davon. (Wo kämen wir denn da auch hin, wenn jeder seinen Müll überall rumliegen ließe.)

Ich war natürlich neugierig, ob da oben noch irgendwo der Geist Heliberts zu spüren sei und erklomm die leicht glitschigen Stufen.

Was soll ich sagen – ich konnte mich dort oben wenig auf etwaige spirituelle Umwehungen konzentrieren, weil es dermaßen nach Tauben- und Möwenscheiße stinkt, dass es nicht mehr feierlich ist.

Sehr lohnenswert dagegen ist ein Spaziergang übers Breakwater – hier sollte einmal ein Hafen entstehen, wozu es aber nicht kam. Dafür kann man dort heute die schöne Weite genießen und sich den Wind um die Nase wehen lassen.

Und Wellen fotografieren. Alle.

 

Blumenrausch

Nachdem ich die Jersey War Tunnels am Vormittag besucht hatte, musste ich am Nachmittag zwingend was Schönes, Buntes, Warmes machen. Wenn man sich mal wieder klargemacht hat, was Menschen anderen Menschen alles Furchtbares antun können, sollte man danach etwas besuchen, was einem vor Augen führt, wie viel Wunderbares Menschen tun können.

Willkommen in den Botanical Gardens at Samarès Manor.

Wo es zum Beispiel ein Weidenlabyrinth gibt – im Frühjahr noch nicht so beeindruckend, aber im Sommer bestimmt undurchdringlich:

Und sehr viele schöne Plätze zum Pausemachen und Blümelschergucken:

Besonders schön: der japanische Garten.

Im Schattengarten:

Walled Garden:

Ein Nachmittag für die Seele quasi.

Tief in den Tunneln

Wie auf Guernsey und Alderney kommt man auch auf Jersey nicht umhin, alle zwei Meter über die Hinterlassenschaften der Deutschen zu stolpern, die die Kanalinseln von 1940 bis 1945 besetzt hatten. Und so wie auf den anderen Kanalinseln ist es auch hier so, dass es trotz allem Deutschen gegenüber keinerlei Ressentments gibt. Das ist alles lange vergeben und vergessen. (Ich fühle mich trotzdem jedes Mal auf seltsame Art schuldig, wenn ich im schönsten Naturschutzgebiet mal wieder über einen Bunker stolpere.)

Seit ich auf Guernsey das erste Mal damit konfrontiert wurde (falls wir darüber je was in der Schule gelernt haben, hab ich es komplett vergessen), interessiert mich das Thema sehr, und so hatte ich mir in den ersten Tagen hier auf der Insel ein Buch über die  Besatzungszeit gekauft. Es war halbwegs günstig, und es behandelte auch Alderney, und das ist leider alles Gute, was ich über das Machwerk sagen kann. Es ist ein höchst ärgerliches Buch voller Fehler, Widersprüche und Spekulationen. Ich habe zwar tatsächlich ein wenig mehr über die vier Arbeitslager auf Alderney gelernt, aber das war es auch schon. Seitenlang spekuliert der Autor darüber, was denn nun Kollaboration bedeutet und ob denn nicht die Insulaner alle sehr viel widerborstiger hätten sein können/müssen, aber er kommt zu keinem Ergebnis und liefert auch nicht genug Beispiele, damit der Leser sich selbst ein Bild machen kann. Frei nach dem Motto: Genug spekuliert ist halb belegt.

Was wohl als gesichert gelten kann: Die Besetzung der Kanalinseln galt den Nationalsozialisten als „Musterbesatzung“, nach deren Beispiel auch der Rest Großbritanniens eingenommen werden sollte. Man betrachtete die einheimische Bevölkerung als halbwegs genetisch ebenbürtig, weswegen man nicht die ganz großen Geschütze auffuhr.

Die Insulaner waren im Gegenzug vermutlich positiv überrascht, dass die Besatzer nicht die grobschlächtigen Haudegen waren, die man ihnen angekündigt hatte. Die Soldaten fühlten sich, zumindest bis die Vorräte knapp wurden, wie im Urlaub, einige einheimische Damen waren recht angetan von den jungen Männern in Uniform. Dass die fünfjährige Besatzungszeit deswegen aber nun das reine Vergnügen war, es kaum Widerstand, weder auf Seiten der Inselverwaltung noch auf Seiten der Bevölkerung gab, scheint mir aber bloße Spekulation. Dass die Nazis auf den Kanalinseln plötzlich die nettesten Kerle waren, die man sich vorstellen kann, die die Einheimischen freundlich fragen, bevor sie sich was nehmen oder neue Gesetze schaffen, scheint schwer vorstellbar. Es gab Repressalien, vermeintliche Verräter kamen in Haft oder wurden in Konzentrationslager deportiert, wo viele von ihnen zu Tode kamen.

Ich kann mir nicht vorstellen, dass man auf Guernsey und Jersey (Alderney mal außen vor, dort hatten bis auf acht sämtliche Einwohner ihre Heimat verlassen, bevor die Deutschen anrückten) höflichst kapitulierte und dem netten Nazi von nebenan freundlich eine Tasse Tee anbot.

Generell scheint es mir gefährlich, die Vorgänge während der Besatzungszeit der Kanalinseln zu beurteilen, während man schön warm zu Hause auf dem Sofa sitzt und nicht die leiseste Ahnung hat, wie sich Krieg oder Besatzung anfühlt.

Worauf wollte ich jetzt eigentlich hinaus? Ach ja, heute hab ich die Jersey War Tunnels besucht, von den Deutschen mit Zwangsarbeitern angelegte Tunnel, die als Hospital gedacht waren, heute aber ein mit viel Multimedia und großer Sorgfalt angelegtes Museum sind. Eins vorweg: So gruselig und verstörend wie das Guernsey Underground Military Hospital war nicht es nicht, beklemmend aber durchaus.

Zu einen sind die Gänge hier mit zahlreichen Dioramen und Ausstellungsstücken bestückt und sehen somit nicht alle gleich aus, zum anderen sind die Wände weiß gestrichen. Außerdem war ich heute nicht allein in den Tunneln, sondern zusammen mit einer lärmenden Gruppe französischer Schüler, die ihr Übriges dazu taten, wenig Grusel aufkommen zu lassen.

Jetzt aber mal rein da.

Mit meiner Eintrittskarte bekam ich den Identitätsausweis von Lucy Schwob, einer Dame aus St. Brelade, die zur Zeit der Besatzung auf Jersey lebte.

Die freundliche Dame am Eingang wies mich darauf hin, nach Lucys Bild Ausschau zu halten und mir etwas über ihre Geschichte erzählen zu lassen. (Warum es jetzt ausgerechnet die Karte einer Singledame mittleren Alters sein musste – wir wollen mal hoffen, dass es Zufall war.)

Erster Eindruck: Wie man es kennt – Tunnel, dunkel, bedrückend, verwirrend gleich aussehend.

Wenn ich das in meinem Reiseführer richtig gelesen habe, gab es zahlreiche Preise für die Multimedia-Präsentation des Museum, und ich finde: Das ist nur richtig so.

So kann man sich zum Beispiel fragen: Hätte man damals einem deutschen Wehrmachtssoldaten auf der Straße die Hand gegeben?

Wäre man mit ihm ein Eis essen gegangen? Und er lächelt ja nun wirklich sehr nett. Und er spricht auch sehr nett mit einem.

Auch in diesen Tunneln gibt es natürlich Fluchtwege, und tatsächlich gibt es einen, in dem Fußspuren zu sehen sind – in eine Richtung. Nur hinein, nicht wieder hinaus. Was mag da passiert sein?

In diesem Luftschutzraum bekommt man einen Eindruck, wie sich ein Bombenangriff anfühlen mochte: mit Krachen, Donnern, Lichtblitzen – und dann noch mit der Vorstellung, dass sich hier 150 Menschen reinquetschen sollen. Es war schon mit dreien zu eng da drin.

Und guck an, Jobs gab es auch – dummerweise musste man für den als Haushälterin wohl eher abstinent sein. Ich wäre eh lieber Übersetzerin geworden.

Wie im Guernsey Underground Military Hospital gab es auch hier Tunnel, die nie fertiggestellt wurden. Mithilfe von Schattenspielen und über Lautsprecher eingespielten Kommandos der deutschen Offiziere kann man miterleben, wie damals mit den Zwangsarbeitern umgegangen wurde. Das war ebenso lebendig wie furchtbar – zumal es mir ja „vergönnt“ war, die Rufe verstehen zu können.

Die Ausstellung endet mit der Befreiung durch die Alliierten am 9. Mai 1945. Ein schwedisches Versorgungsschiff, die SS „Vega“, kam mit Kisten voller Kostbarkeiten (Tee, Zigaretten, Seife, Schokolade, Salz, Pfeffer …) an, die allerdings nur für die Einheimischen bestimmt waren. Und tatsächlich berichten diese, dass die deutschen Besatzer diese Kisten zwar verteilen halfen, aber selber keine davon anrührten oder gar für sich behielten.

Und am Ende fühlt man auch als Besucher eine gewisse Erleichterung, es geschafft und diese dunkle Zeit hinter sich gelassen zu haben. Und wie schön war es tatsächlich, nachher draußen wieder in die Sonne zu schauen.

Ach ja – ich hab tatsächlich Lucy am Ausgang wiedergetroffen und etwas über sie erfahren. Lucy und ihre Halbschwester wurden von der Geheimen Feldpolizei verhaftet, weil sie Dinge besaßen, die verboten waren: einen drahtlosen Rundfunkempfänger und eine Kamera. Außerdem hatten die beiden „feindliche Propaganda“ verbreitet mit der Absicht, eine Rebellion anzuzetteln. Sie hatten weiterhin einen ukrainischen Zwangsarbeiter zu Hause in St Brelade’s Bay versteckt. Den beiden drohte die Todesstrafe, doch der Landvogt von Jersey verhinderte das und erreichte eine Begnadigung – es gab „nur“ lebenslang.

Und wie seltsam, dass 74 Jahre nach dem Krieg eine Nachfahrin des damaligen Feindes vor dem Bild dieser „Kollaborateurin“ steht und sie gerne zu ihrem Mut beglückwünschen würde.

Und ja, man kennt Lucy Schwob auch unter einem ganz anderen Namen: Claude Cahun.

Wo der Teufel wohnt

Huuuhuuu, zum Devil’s Hole solle ich mal gehen, hatte man mir geraten, und mir das Gurgeln dort anhören. Hätte ich gerne – aber es war Ebbe, da gurgelte gar nix. Aber schön war es da trotzdem, die unfassbar lauten und nervigen finnischen Touristen mal ausgenommen. Aber die hatte ich auf meinem Weg nach Grève de Lecq schnell abgehängt.

 

Eine Opfergabe an den Herrn der Finsternis? Man weiß es nicht.

Und für den Nachmittag hatte ich mir auch noch was Schönes vorgenommen, was ich aber über den Haufen warf, als ich erst mal wieder im Hotel war. Lesen, Filme gucken und Rumdödeln waren aber auch was Schönes. Ist ja Urlaub, ne.

Und am Ende strahlt Corbière

Für heute hatten der Elch und ich uns einiges vorgenommen – einmal von Plémont nach Corbière zu Fuß bitte. Das liegt daran, dass in dieser Reisegemeinschaft der Elch die Tagespläne macht und die ganze Zeit getragen wird. DEM ist das egal, wenn der Reiseführer sagt „elf Kilometer, schwer“. (Am Ende waren es 17 Kilometer, fragt mich nicht, wie ich das geschafft hab.)

Ich bitte übrigens, die auf einigen Fotos vielleicht etwas seltsame Perspektive zu entschuldigen. Die Kamera war in Reparatur, und seit ich sie wieder habe, schneidet sie unten einen Streifen ab und klebt ihn oben dran. Das heißt, ich habe, bis ich das gemerkt hab und seitdem drauf achte, ein bisschen mehr Himmel auf den Bildern, als ich das eigentlich geplant hatte. Aber eigentlich kann man ja gar nicht zu viel Himmel haben.

Hier hab ich möglicherweise ein paar Meter mehr gemacht, als der Wanderguide angibt. Aber ich kann doch an alten Steinen wie Grosnez Castle nicht einfach so vorbeigehen! Da muss man doch hin und reingucken!

Weniger schön: der Anblick auf dem nächsten Hügel. Schöne Grüße aus Deutschland.

Besonders gemein: Wenn man bei Etacq den Hügel runter an den Strand kommt, sieht man das Ziel der Wanderung, den Leuchtturm von Corbière, schon in der Ferne rumstehen. Und weiß gleichzeitig, dass es noch mehrere Stunden dauern wird, bis man endlich da ist.

Das Gute ist: An der Landschaft unterwegs kann man sich nur sehr schwer sattsehen. Und wenn man sie doch mal leid ist, gibt es hübsche und teilweise recht begabte Surfer, die man sich anschauen kann.

Aber allmählich kommt er immer näher, der Leuchtturm.

Auch die Aussicht vom Leuchtturm rüber zum Radio Tower ist nicht zu verachten.

Ach ja, und einen neuen Seebaum für die Fotoserie hab ich auch noch gefunden. Ist vermutlich ein Kirschbaum.

Und jetzt gibt es Bier und gebratenen Elch, Sie entschuldigen mich.