Es ist halt so

Hinter mir liegen zwei freie Tage, die auch dringend nötig waren. Ich muss jetzt auch nur noch zwei Tage arbeiten, dann werden vor allem Arzttermine mein Leben bestimmen. Kann ich mich schon mal aufs Rentnerdasein vorbereiten, da soll das ja ähnlich laufen, wenn ich den urbanen Legenden glauben darf. (Meine Eltern halten sich ja nicht an Klischees, an denen kann ich mich nicht orientieren.)

Ich hatte also ein bisschen Zeit, über alles nachzudenken, über das, was vor mir liegt, was bereits passiert ist, meine Reaktion und die Reaktionen der Menschen, denen ich bislang erzählt hab, dass mich der Brustkrebs erwischt hat. Diesen Satz zum Beispiel probiere ich derzeit an wie einen zu engen Schuh. Noch passt mir „ich hab Krebs“ irgendwie nicht, das drückt und klemmt und hat eine Farbe, die mir nicht steht. Keine Ahnung, warum, ich hab die Krankheit ja vom ersten Moment an akzeptiert und angenommen. Liegt aber vielleicht mehr daran, was der Satz bei anderen für Reaktionen hervorruft. Ich übe weiter, dieses „ich hab Krebs“ anzuprobieren. (Und freu mich schon jetzt auf das erste Mal, an dem ich „ich hatte Krebs“ sagen kann.)

Nach wie vor hadere ich nicht mit meinem Schicksal, und wenn ich noch einmal in einem Zeitungs- oder Online-Artikel das Wort „Schockdiagnose“ lesen muss, kommt es mir möglicherweise hoch. Das, was ich hab, ist keine Schockdiagnose. Das wäre es, wenn ich noch ein halbes Jahr zu leben hätte. Wenn ich schlechtere Heilungschancen hätte, als ich sie habe. Wenn ich allein wäre und niemanden hätte, mit dem ich reden könnte. Wenn ich hier nicht Ärzte hätte, bei denen ich mich super aufgehoben fühle. Wenn ich mir um meine Existenz Sorgen machen müsste. Dann wäre alles noch viel schlimmer, aber ein bisschen Glück im Unglück sei mir ja dieses Jahr nun auch mal gegönnt.

Aus einer Ecke kam auch die Idee, dem Tumor einen Namen zu geben, aber so weit kommt das noch. Die dumme kleine Sau wird mich nicht so lange in meinem Leben begleiten, dass sie einen Namen verdient. Jemand anders sagte, es müsse doch ein komisches Gefühl sein zu wissen, dass da an einer Stelle in einem etwas wachse, das da nicht hingehöre. Das geht mir nicht so. Wäre vielleicht anders, wenn man die dumme kleine Sau tasten könnte, aber das kann man ja auch nicht. Das Ding ist halt da, und bald wird es das nicht mehr sein.

Ich habe auch keine Angst vor der Chemotherapie und allem, was sie möglicherweise mit sich bringt (außer die Geschichte mit den Haaren, aber da gibt es möglicherweise eine Lösung). Seltsamerweise schaffe ich es bei Krankheiten oder Sportverletzungen immer, die irgendwie anzunehmen und abzuwarten, was die Zeit bringt. (Wenn ich das bei anderen Krankheiten auch könnte, wäre mein Leben so viel leichter, aber … ach …) Aufgrund des Sports kenne ich meinen Körper ziemlich gut und weiß, was der alles vertragen und schaffen kann. Und mal abgesehen davon, dass er Mohnkuchen immer da einlagert, wo ich es nicht brauchen kann, ist er eine ziemlich coole Sau und lässt mich selten im Stich.

Ob ich mich nun verrückt mache oder nicht – es ist, wie es ist und es kommt, wie es kommt. ’ne Geschlechtskrankheit mit Furunkeln am Arsch fände ich jetzt ehrlich gesagt schlimmer.

Check-In im Genesungsexpress

Halleluja, endlich ein Termin im Krankenhaus, endlich ein guter, freundlicher Arzt mit einem ähnlich schrägen Humor wie meinem, endlich Neuigkeiten und Informationen, endlich ein Fahrplan und weitere Termine. Endlich geht es mal voran und dem Tumor bald an den Kragen.

Weniger schön ist allerdings, dass ich nicht wie erhofft mit einer OP und Bestrahlungen davonkommen werde, sondern zuerst doch eine Chemo Sinn macht. Aber wenn die Heilungschancen ohne Chemo bei 50 Prozent lägen und mit Chemo bei 85 Prozent, muss ich nicht lange überlegen. Nachdem ich von diesem Termin wieder in der Redaktion angekommen war, hatte ich mich auch schon damit abgefunden. Westfälisch-hamburgischer Pragmatismus vermutlich. Oder wie der Arzt sagte: „Oh, aus Westfalen sind Sie? Die sind ja eher … also …“ Woraufhin ich bemerkte, falls er habe „stur“ sagen wollen, sei das keine Beleidigung, sondern schlicht eine Tatsache, die niemand leugnen könne. Es stellte sich heraus, dass er tatsächlich „stur“ auf der Zunge gehabt hatte. Mich dünkt, wir werden gut miteinander auskommen.

Was ich ebenfalls sehr angenehm fand, war, dass sämtliche Termine, die ich in der kommenden Zeit wahrzunehmen habe, bereits für mich gemacht wurden. Knochen-Szintigramm, CT, Port-OP („Ohne Port sehen Sie nach der Chemo aus wie ein Junkie.“), Erst- und Vorgespräche, alles ist bereits terminiert, ich musste mir das nur noch in meinen Kalender übertragen. Nach dem bisherigen Hin- und Hergeschiebe von Zuständigkeiten und dem Behaupten von Nichtzuständigkeiten fühle ich mich endlich ein wenig an die Hand genommen und gut aufgehoben. Denn machen wir uns nix vor, auch wenn ich ein großes Mädchen bin, ist das, was jetzt kommt, noch lange keine Routine (wird es hoffentlich auch nie werden, mehr als einmal wollte ich diesen Scheiß eigentlich nicht mitmachen). Und da ist es schön, wenn die, für die es Routine ist, die Sache in die Hand nehmen. Eine Art Komfort-Check-In im Genesungsexpress. (Gut, wohl eher ein Bummelzug, aber nu.)

Schön zu hören war auch, dass die Chancen, dass dieser Tumor bereits in die Knochen, Leber, Lunge etc. gestreut hat, eher gering sind. Sprich, die nächsten Untersuchungen sind eher eine Formalität.

Und noch was Interessantes kam im Arztgespräch zutage: Der dumme kleine Dreckstumor wächst recht schnell und ist vermutlich nicht älter als vier bis sechs Monate. Womit mal wieder bewiesen wäre, dass oft alles kommt, sie es soll. Ich hätte nämlich meine Mammographie turnusmäßig im März gehabt, weil ich aber keine Beschwerden etc. hatte und die Organisation in meiner Frauenarztpraxis nicht die beste ist, hatte ich meinen Vorsorgetermin ein paar Monate nach hinten verschoben. Ich wollte lieber die aktuelle Corona-Welle abwarten und mich nicht für längere Zeit in ein volles Wartezimmer setzen. Hätte ich das aber getan, wäre bei der Mammographie vermutlich noch nichts zu sehen gewesen. Und im nächsten März wäre der kleine Dreckstumor vielleicht schon ein großer Dreckstumor gewesen. Womit jawohl bewiesen wäre, dass die dumme kleine Sau keine Chance gegen mich hat.

KANN SICH MAL EINER KÜMMERN?!

Kinners, ich sag’s, wie es ist, ich bin genervt, und ich möchte gerne was anzünden. Seit meiner Diagnose am 22. September bin ich fast exakt so schlau wie vorher, und dass ich nun endlich wenigstens meinen Befund in den Händen halte, der im Rahmen der Möglichkeiten ganz gute Nachrichten beinhaltet, liegt auch nur daran, dass ich Leute genervt hab. Wofür ich eigentlich gerade keine Kraft hab.

Wir erinnern uns, am besagtem 22. rief die Radiologie an, um mir das Ergebnis der Stanzbiopsie mitzuteilen, die am 20. stattgefunden hatte. Ich fragte die nette Ärztin am Telefon, wie denn nun das weitere Vorgehen sei, woraufhin sie meinte, die Befunde seien schon an meine Gynäkologin gefaxt worden (Deutschland 2021, yeah), und an die solle ich mich wenden. Ich rief also die Praxis an, wo mir am Telefon mitgeteilt wurde, das Fax sei schon da und normalerweise melde man sich dann schon von allein bei den Patientinnen. Etwa eineinhalb Stunden später rief mich meine Ärztin tatsächlich an und zeigte sich erstaunt, denn sie könne ja eigentlich nichts für mich tun, sie in der Praxis sähen die Patientinnen eigentlich immer erst wieder, wenn schon alles vorbei sei. Ich solle mich an die Radiologie wenden. (Anschließend erklärte mir die Ärztin netterweise noch ein paar Sachen, aber weil es ja noch keinen weitergehenden Befund gab, war das mehr ein Blindflug.)

Das alles war an einem Mittwoch. Meine eigene Recherche ergab nun, dass an dem Krankenhaus, in dem ich mich behandeln lassen möchte, jeweils mittwochs ein Tumorboard stattfindet, in dem aktuelle Fälle samt Diagnosemöglichkeiten besprochen werden. Sprich, ich musste wohl erst mal eine Woche warten, bis es überhaupt Neuigkeiten geben würde. Dennoch schrieb ich eine Mail an die Zentrale mit der Bitte, mir kurz mitzuteilen, wie es nun weitergehen würde und was ich zu tun hätte. (Es wird auf der Website gebeten zu mailen, weil das Telefonaufkommen zurzeit zu hoch ist.) Diese Mail ist bis heute nicht beantwortet worden. Hm.

Ich geduldete mich also bis zum 30. September, bis ich einen weiteren Versuch startete, irgendwas rauszufinden. In der Zeit googelte ich viel und erfuhr, dass bei Entdeckung eines Brustkrebses dieser erst in drei von 100 Fällen gestreut hatte. Ich beschloss, dass ich so viel Pech in diesem Jahr nicht haben würde, dass ich ausgerechnet zu diesen drei Fällen gehöre. Ich informierte mich noch ein bisschen weiter über Behandlungsmöglichkeiten, Heilungschancen etc. und ließ es irgendwann sein, weil das alles ohne einen Befund im Grunde Zeitverschwendung ist. Und weil ich angesichts der Fülle an Informationen irgendwann dingeldong im Kopp wurde. Obwohl ich das Recherchieren und Auswerten von Informationen von Berufs wegen gut kann. Woran ich mich auch festhielt, war der Satz auf der Homepage meines Krankenhauses, dass die Diagnose „Brustkrebs“ kein Notfall sei und Sorgfalt vor Schnelligkeit gehe.

Als ich am 30. September endlich telefonisch im Krankenhaus durchkam, beschied man mir, man melde sich doch nicht selbst bei den Patientinnen, das müssten diese schon allein tun bzw. die Frauenarztpraxis. Ich lud mental kurz durch, beschloss dann aber, lieber auf Mitleid und „ich werde hier allein gelassen“ zu machen. Widerwillig bekam ich daraufhin endlich einen Termin zum Gespräch, aber leider erst für den 14. Oktober. Und ich müsse gefälligst die Befunde mitbringen.

Ich gebe zu, dass ab dem Zeitpunkt meine Stimmung im Keller war, zumal in meiner Frauenarztpraxis „wegen eines personellen Engpasses zurzeit niemand ans Telefon gehen kann“. Noch zwei Wochen warten, niemand erreichbar, niemand sagt einem was. Inzwischen hätte ich es nun doch mal ganz gerne gehabt, dass einen irgendjemand an die Hand nimmt und mal ein bisschen betüddelt.

Ich schrieb also eine Mail an meine Frauenarztpraxis, wann ich denn meine Befunde mal abholen könnte. Diese blieb bis zum 4. Oktober unbeantwortet, also schrieb ich eine neue Mail, auf die erst in dem Moment geantwortet wurde (ohne Anrede, recht pampig im Ton, um welche Befunde genau es denn eigentlich gehe, obwohl ich das genau reingeschrieben hatte), als ich beschlossen hatte, jetzt direkt hinzugehen und richtig laut zu werden.

Sehr lange Rede, kurzer Sinn, ich hab endlich meinem Befund (Tumor ist G2, was nicht so gut ist wie G1, aber auch nicht so kacke wie G3 oder G4; alle Zahlen, die ich mir ergoogeln kann, sehen ganz gut aus), musste nicht laut werden und werde mir jetzt einen löten.

(Warum ich das hier in epischer und langweiliger Breite schreibe? Weil ich es für mich nachhalten möchte und anderen vielleicht Mut machen kann, nicht aufzugeben, auch wenn alle blöd und nicht erreichbar sind. Und sich vielleicht eine neue Frauenarztpraxis zu suchen, wie ich mir das auch gerade überlege.)

„Ist doch alles halb so schlimm“

Nach dem ersten Schnaps (und dem zweiten bis vierten), den man nach einer Krebsdiagnose unbedingt kippen sollte, denn jetzt ist das Kind mit der Gesundheit ja eh schon in den Brunnen gefallen, da kommt es auf eine leichte Alkoholvergiftung auch schon nicht mehr an, sollte man sich dann aber doch mal Gedanken machen. Beziehungsweise macht man sich die Gedanken ehrlicherweise automatisch. Zumal wenn man wie ich das vergangene halbe Jahr eh schon zu großen Teilen damit verbracht hat, sich Gedanken zu machen. Da ist man in Übung, da geht einem das leicht von der Hand.

Eines der ersten Gespräche nach meiner Diagnose führte ich mit meiner Frauenärztin, die zu diesem Zeitpunkt natürlich auch nicht viel sagen konnte, denn außer der Diagnose „Bösartig“ weiß ja bislang niemand etwas Genaueres. Sie konnte mir also alle möglichen Szenarien aufzeigen, aber welches davon in den kommenden Wochen und Monaten auf mich zukommen wird, muss sich erst noch zeigen. Ob sie mich denn krankschreiben solle, fragte sie dann noch, und meine Reaktion kam ebenso spontan wie erstaunt: „Nein, wieso, ich hab doch nix.“

Stimmt ja auch. Ich hab keine Schmerzen, der Tumor ist gerade mal 1,7 cm groß und nicht tastbar, schon gar nicht sichtbar, und außerdem hatte ich jetzt dienstplanmäßig sowieso vier Tage frei und genug Schnaps zu Hause. Das sollte doch wohl reichen, um sich zu sortieren.

Gut war, dass am Tag der Diagnose auch noch mein Lieblingskollege im Dienst war, der nach dem anfänglichen Bedauern innerhalb einer Nanosekunde umschwenkte auf dumme Witze, weil er merkte, dass mich Mitleid doch eher zum Heulen brachte. Wir sprachen über das weitere Szenario, dass mir nun auch noch mehr Urlaubstage zustünden als eh schon, ich vielleicht einen Behindertenausweis würde beantragen können und die Steuervorteile auch nicht zu verachten seien. Im Grunde also nur Positives, yeah, darauf noch einen Schnaps.

Klingt das böse? Zynisch? Makaber? Ist das Eskapismus? Bestimmt.

Was ist aber ganz gewiss nicht ist, ist ein Augenverschließen vor der Realität. Denn ich verschließe auf keinen Fall die Augen vor irgendwas, nur weil ich kein Häufchen Elend bin. Dazu muss man aber auch wissen, dass das vergangene halbe Jahr aus verschiedenen Gründen das beschissenste meines Lebens war und ich mich gelegentlich bei dem Gedanken ertappt hatte, ob ich nicht zur Abwechslung mal körperlich greifbare Beschwerden hätte haben können, mit denen ich erstens selbst viel besser klarkomme und die zweitens auch meiner Umwelt besser zu vermitteln wären. Haha, Obacht mit den Wünschen.

Ich brachte am Mittwoch also meine Schicht mit Anstand zu Ende, spazierte nach Hause und sah mich nun vor der Aufgabe, anderen Leuten von meiner Diagnose zu erzählen. Und ich ahnte schon, dass das nicht so leicht werden würde, weil ich die Reaktionen voraussehen konnte. Und tatsächlich war es so, dass sich in vielen Chats die Rollen umdrehten und ich am Ende diejenige war, die beschwichtigte und sagte, ich packe das doch und es gehe mir doch gut und das sei doch alles halb so wild. Und das ist es ja auch. Ich bin mir ganz sicher, dass ich das Ganze schnellstmöglich hinter mich bringe, alles gut behandelbar ist und ich mir so schnell noch keine Gedanken machen muss, wer sich in Zukunft um meine Elche kümmern muss. Denn wie gesagt: Mit körperlichen Beschwerden komme ich meistens gut klar und ich habe ein ganz gutes Gefühl, was meine Heilungschancen angeht. Und auf dieses Gefühl und meinen Körper konnte ich mich bislang immer ganz gut verlassen.

Ich will aber nicht verschweigen, dass ich durchaus dunkle Momente in den vergangenen vier Tagen hatte. Die hab ich mir auch gegönnt, wobei sie an meiner Grundeinstellung, nämlich dem Krebs mit aller Entschiedenheit einen Arschvoll Kloppe zu verpassen, nichts geändert haben. Jemand meinte, in einer so Situation hinterfrage man sich und seinen Lebenswandel ja auch oft selbst, aber das hatte ich bislang noch nicht. Auch die „Warum ich?“-Phase lässt noch auf sich warten, wobei ich mir schon jetzt ziemlich sicher bin, dass die nicht mehr kommt. Ich habe nie gedacht, ich sei jemand, den Krankheiten schon irgendwie verschonen würden, ich war immer eher dankbar dafür, dass ich 48 werden durfte, ohne allzu viel ertragen zu müssen. Was ich aber sehr, sehr stark habe, ist die „Ja, leck mich doch am Arsch, muss das denn auch noch dieses Jahr sein, verfickte Scheiße noch eins?“-Phase, die vermutlich auch noch eine ganze Zeit anhalten wird. Es ist ja auch erst September.

Was, wenn’s mich träfe?

Es gibt ja so Dinge im Leben, von denen man denkt, dass sie immer nur den anderen passieren. Und bei denen man sich fragt, wie man selbst wohl reagieren würde, wenn sie einen denn doch ereilen sollten. In den meisten Fällen überlegt man sich das vielleicht mal kurz, schiebt den Gedanken dann aber doch lieber wieder weit weg, weil es ja zum Glück eben nicht der Fall ist. Dann macht man sich einen Kakao mit Rum, kuschelt sich in seine Decke ein, schüttelt sich vielleicht einmal kurz und macht es sich dann gemütlich, denn – uffz – man muss sich ja nicht wirklich Gedanken drüber machen. Man kann ja einfach so weiterleben wie zuvor. Zum Glück ist man nicht arbeitslos, zum Glück ist den Lieben um einen rum nichts passiert, zum Glück hat man keinen Krebs.

Aber was, wenn doch? Wenn der Knoten in der Brust nun eben doch keine harmlose Verkalkung ist, sondern ein bösartiger Tumor? Wenn es einen nun eben doch getroffen hat?

Um es kurz zu machen: Ich hab ziemlich genauso reagiert, wie ich dachte, dass ich hoffentlich würde reagieren können. Ich hab tief durchgeatmet, mir einen Schnaps hinter die Binde gekippt und beschlossen, dass das nun eben so ist und der Brustkrebs einen Arschvoll Kloppe bekommt, wie er noch nie einen Arschvoll Kloppe von jemandem bekommen hat.

(Und wer sein oder ihr Blog-Abo jetzt nicht ganz schnell kündigt, ist mitgehangen, mitgefangen auf dieser Reise zum schönen Kontinent Genesung.)

Darf ich okay sein?

Mit der geistigen Gesundheit ist das ja so eine Sache. Wenn man sie nicht hat, sollte man sich gut überlegen, ob man das jemandem mitteilt und vor allem, wem. Man kann sich ja teilweise schon denken, was die anderen sagen. Oder man weiß es, weil man es bereits probiert hat, über seine Macken zu sprechen.

Und na ja, eigentlich ist es ja auch wahr, eigentlich hat man ja alles, anderen geht es ja tatsächlich viel schlechter und eventuell muss man wirklich einfach mehr an die frische Luft, dann wird das alles schon wieder. Und man funktioniert ja auch noch ganz gut, ein bisschen Knirsch und Knack gibt es in jedem Getriebe, kneifen wir den Arsch halt zusammen, dann geht das schon. Hopphopp, wieder an den Schreibtisch, es gibt Dinge zu tun. Und komischerweise geht es irgendwie wieder.

Aber so insgeheim fragt man sich doch, ob es nicht auch anders sein kann. Ob man abends immer so kaputt sein muss, auch wenn der Job echt Spaß macht und die Kolleg*innen prima sind. Ob man Treffen mit Freund*innen nicht anders als noch eine Verpflichtung sehen müsste, die man, obwohl man weiß, dass es schön wird, ab liebsten absagen würde. Ob man nicht mal wieder was malen oder schreiben sollte. Ob man wirklich erst immer sonntagsabends die nötige Entspannung erreichen sollte, um endlich in ein Wochenende zu starten, das den Namen auch verdient. Über so was macht man sich dann Gedanken, wenn man drei Stunden dösig auf dem Sofa liegt, von dem man eigentlich vor zwei Stunden hatte aufstehen wollen, um Dinge zu tun.

Und im Grunde ist einem klar, was helfen würde, aus dieser Falle zu entkommen: weniger. Weniger unterwegs sein müssen, mehr zu Hause bleiben können, weniger Kontakt zu Menschen. (Das klingt hart, aber ich habe schon immer viel Zeit für mich alleine gebraucht, um nicht unter die Räder zu kommen. Auch Begegnungen, die mir Spaß machen, strengen mich an.) Wenn man all seine Energie für Begegnungen mit Menschen in acht Stunden Büro aufbraucht, ist klar, dass man abends nur noch mit Elchen zu tun haben will/kann, die nicht gerade als Plaudertaschen bekannt sind.

Gerade, als ich im März dachte, sehr lange geht das jetzt aber nicht mehr so weiter mit mir, kam mir etwas zu Hilfe. Eine Pandemie.

Von einem auf den anderen Tag durfte ich zu Hause arbeiten, keine Freund*innen mehr treffen, leider auch auch die Familie vorerst nicht mehr. Das war alles etwas überraschend, es ruckelte zu Beginn noch hier und da, aber nachdem ich mich erst mal eingerichtet hatte, so etwa nach zwei Wochen, begann eine der besten Zeiten meines Lebens. Und weil ich weiß, wie das klingt, habe ich sehr lange gezögert, diesen Text zu schreiben. Aber weil ich Hoffnung habe, dass es anderen auch so geht, hab ich es jetzt doch getan. So.

Um es ganz deutlich zu sagen: Es ging mir seit Jahren nicht mehr so lange Zeit am Stück gut. Zunächst mal fiel der Weg zur Arbeit weg, der, egal, ob ich mit dem Auto, dem Rad oder zu Fuß unterwegs bin, mit Idioten gepflastert ist, die mir nach dem Leben trachten. Das waren schon mal 40 Minuten mehr Lebensqualität – jeden Tag. Und überhaupt die Zeit. So viel mehr Zeit! Mein Dienst von zu Hause beginnt eine halbe Stunde später als zu normalen Zeiten, was bedeutete, dass ich mich nach dem Frühsport nicht mehr so abhetzen muss oder vor der Arbeit bequem einkaufen gehen kann. Haare föhnen nach dem Duschen fällt auch weg, sieht ja keiner. Gleiches gilt für Make-up. Und ob man Hosen trägt, ist auch egal. (Mach ich aber trotzdem, ich bin ja kein Tier.) Ich hab noch nie so viel Gesundes gegessen wie zu Homeoffice-Zeiten, ich konnte ja in der Mittagspause mal eben in meine Küche springen und was zaubern. Und das mit Glück auch noch auf dem Balkon essen. Das ganze Stressessen fiel weg, ich hab bislang drei Kilo abgenommen. Nach der Arbeit direkt zum Yoga? Kein Ding, einfach rüber ins Schlafzimmer, Sportsachen an und los. Kein Arbeitsweg mehr, auf dem man es sich dreimal anders überlegen kann. Der Weg vom Schreibtisch zum Sofa dauert auch nur zwei Minuten (das Umziehen von der Jeans in die Jogginghose eingerechnet), fertig ist der Feierabend.

Auf einmal konnte ich mir meine Zeit so einteilen, wie ich wollte, es gab keine Störungen, keine Überraschungen, selten wurden meine Pläne über den Haufen geworfen. Ich hab so viel gemalt wie noch nie, ich habe nach mehr als zehn Jahren, die ich mit dieser Idee schwanger gehe, endlich meinen Romanplot fertiggeschrieben, mich um meine Pflanzen gekümmert, bin viel spazierengegangen, gejoggt, hab Yoga und Krafttraining gemacht und meine Wohnung verschönert. Ich war glücklich, nein, ich bin es immer noch. Nachdem ich endlich nicht mehr das Gefühl hatte, dass 24 Stunden am Tag an mir herumgezerrt wird, hatte ich endlich Zeit, mich wieder neu zusammenzusetzen.

Aber noch ein Gefühl war lange Zeit da: Schuld. Schuld, dass es mir so gut ging und dass ich schon wieder kaum jemandem sagen konnte, wie ich mich fühle. Dass ich als Freak angesehen wurde, weil ich nicht litt. Denn musste es mir nicht schlecht gehen, weil ich so isoliert zu Hause saß, weder Kolleg*innen noch Freund*innen sehen konnte, allein vor mich hin arbeiten musste, musste ich nicht in das allgemeine Jammerkonzert einstimmen? (Und damit meine ich ganz klar nicht die Menschen, die wirklich aus vielen Gründen unter der neuen Situation litten und leiden. Denen gilt meine volle Solidarität, mein ganzes Mitgefühl.) Ich war kurz in Versuchung, denn jetzt hätte ich endlich mal all das loswerden können, was ich sonst immer auf dem Herzen hatte. Jetzt hätten es sicher alle verstanden. Aber dann dachte ich: Warum zur Hölle? Ich muss mir keine Sorgen um meinen Job machen, noch nicht mal um mein Gehalt, ich kann mir meine Zeit frei einteilen, ich muss keine Kinder zu Hause unterrichten, ich gehöre nicht zu irgendeiner Risikogruppe, kann immer noch Sport machen wie vorher – ich hab alles, warum soll ich jammern? (Was ja lustigerweise das „Argument“ ist, mit dem einem die Leute sonst immer die depressiven Verstimmungen ausreden wollen.)

Also hab ich irgendwann beschlossen, diese Zeit tatsächlich als Geschenk zu betrachten. Der Druck kommt früh genug zurück.

Jeder ist ein Kritiker

„Jaja, ganz nett, aber du musst auch mal was Eigenes machen, nicht immer von Vorlagen.“

„Und wann malst du endlich mal in Öl?“

„Also ich könnte das nicht.“

„Langweilig, das ist ja immer dasselbe.“

Das sind vier von zahlreichen Sätzen, die mir mein bescheuertes Gedächtnis zuletzt gerne mal wieder ins Bewusstsein spülte. Vorzugsweise immer dann, wenn ich malte, was vermutlich damit zu tun hat, dass ich das seit etwa einem Jahr wieder häufiger tue. Und ich kann gar nicht sagen, wie froh ich darüber bin, dass ich das wieder kann. Denn jahrelang lagen Kreide, Kohle, Bleistifte, Acrylfarben und Aquarellfarben in einer Kiste und litten dort vermutlich ebenso still vor sich hin wie ich. Dass ich all die schönen Farben und die Ideen befreien konnte, liegt vor allem an einem sagenumwobenen Ort, über den ich hier schon geschrieben habe. Es hat eine Weile gedauert, aber jetzt habe ich wieder richtig Spaß am Malen, es gibt keine bessere Methode, um zur Ruhe zu kommen. Und ich sehe bereits wieder eine gewisse Entwicklung zwischen den Bildern, die ich vor Weihnachten gemalt hab und denen, die ich zuletzt im Sommer aufs Papier gebracht hab.

Die oben zitierten Sätze haben zum Glück inzwischen keine Macht mehr über mich, aber zumindest zwei von ihnen haben mir über lange Zeit meine Kunst kaputt gemacht.

Der erste Satz wurde gesagt von einer damaligen „Freundin“, die zugegebermaßen sehr begabt war, was Malen und Zeichnen anging. Sie bezog sich darauf, dass ich (übrigens bis heute) von Fotos „abmale“. Ich konnte damals halt nicht eben mal so eine Flusslandschaft aufs Papier zaubern, sondern brauchte eine Vorlage. Ich hatte aber, als der Satz fiel, gerade mal etwa eineinhalb Jahre zuvor so richtig mit dem Malen begonnen, nämlich in der 11. Klasse. Bis dahin hatte ich halbwegs okay vor mich hingepinselt, es hatte immer für eine Zwei im Kunstunterricht gereicht. (Ob man in Fächern wie Kunst und Musik überhaupt Noten vergeben sollte, ist noch mal eine ganz andere Frage.) Ich hatte immer sehr viel besser malen können wollen, aber wie das bei mir immer so ist: Der Knoten platzt oft spät, dann aber richtig.

Ich kann mich erinnern, dass wir im Kunstunterricht irgendwas mit Sieg und Niederlage zeichnen sollten, ich nahm mir ein Leichtathletik-Buch als Vorlage zur Hand und zeichnete einen am Boden liegenden Läufer und die daneben stattfindende Siegerehrung, und ich weiß nicht genau, warum, aber diese Zeichnung gelang mir erstaunlich gut. Eventuell lag es an einer für mich neuen Schraffiertechnik, die mein damals neuer Kunstlehrer uns gezeigt hatte, und die mir irgendwie lag. Auf jeden Fall kam ein – wie ich fand – schönes Bild dabei raus und sogar eine Eins.

Von da an war ich nicht mehr zu bremsen. Ich malte mit Acrylfarben, mit Aquarellstiften, Bleistift und Kohle. Beim Malen und Zeichnen konnte ich am besten abschalten, ich war komplett weg, abgetaucht im Farb- und Formenrausch. Und endlich gelangen mir Bilder halbwegs so, wie ich sie mir im Kopf vorgestellt hatte. Es war so unfassbar toll.

Und klar – natürlich fehlten mir da noch die Grundlagen. Ich hatte nicht wie andere Leute schon als Kind ständig vor mich hin gekritzelt, Skizzenbücher gefüllt, Kurse belegt und somit dauernd geübt. (Ich habe Bücher mit Texten gefüllt, weil ich halt auch eine Begabung fürs Schreiben hatte.) Ich war zwar schon 19, aber noch eine Anfängerin. Bin ich jetzt, mehr als drölfzig Jahre später, eigentlich immer noch.

Trotzdem war ich überaus glücklich mit dem kleinen Bisschen Kunst, das ich mir erobert hatte. Und deswegen ärgerte mich dieser dämliche Satz umso mehr. Warum konnte die „Freundin“ damals nicht anerkennen, was ich bis dahin geschafft hatte? Oder halt einfach den Mund halten? Ich brauche bis heute Vorlagen, wenn ich was male. Oft fotografiere ich Motive im Urlaub nur deswegen, weil ich schon sehen kann, wie ich sie später malen werde – vom Foto. Und? Mir doch egal. Ich will damit ja kein Geld verdienen, ich mache das nur für mich und für Freund*innen, die halt ein Bild gemalt bekommen, wenn mir sonst kein Geschenk einfällt.

Der zweite Satz, der mit dem Öl, kam von einem Freund meiner Eltern. Ich war so stolz auf das, was ich bislang mit Acrylfarben und Aquarell gezaubert hatte, da wurde mir gesagt, nur wer mit Öl male, sei ein richtiger Künstler. Klar, als Schülerin oder Studentin kann man sich das Malen mit Öl auch locker leisten. Aber auch hier: Ich war erst mal nur stolz auf das, was ich bin dahin erreicht hatte, und plötzlich war das nichts mehr wert, weil es das „falsche“ Material war. Der Satz kommt mir immer mal wieder in den Sinn, wenn ich mit Hingabe ins Mischen von Acrylfarben eintauche oder fasziniert beobachte, wie sich die Aquarellfarben manchmal erst auf dem Papier zum gewünschten Farbton vermischen und das Meer plötzlich genau die Farbe bekommt, die ich haben wollte. Das ist die reine Magie, das ist Zauberei, und ich bin immer wieder überrascht, dass ich das kann. Ich habe die beiden Techniken für mich gefunden, und auch wenn ich gerne mal Ausflüge in die Pastellkreiden, Kohle, Bleistifte und Buntstifte mache, liebe ich Aquarell und Acryl einfach am meisten.

Der dritte Satz kam ebenfalls von einer Freundin, die, auf mein neues Hobby Malen angesprochen, diese Worte äußerte. Als ich ihr mal ein Bild malte, knickte sie es, um es in ihre Tasche zu kriegen. (Vielleicht sollte man aufs Kunstverständnis oder auf freundliche Worte von solchen Menschen sowieso wenig geben, aber ich war damals sehr verletzt.) Erst viel später begriff ich, dass dieses leicht beleidigte „ich könnte das nicht“ nur Ausdruck von Neid war. Die Dame war in der Schule viel besser als ich, also musste sie mir Kunst und Sport, worin ich besser war, madig machen. Es durfte halt keine Götter neben ihr geben.

Es ist jetzt nicht so, dass ich gleich mit dem Malen aufgehört hätte,wenn man mir dummes Zeug erzählt hat, aber ich hatte immer im Hinterkopf, dass es irgendwie besser sein muss, egal, wie schön ich selbst vielleicht ein Bild fand. Aber tatsächlich hab ich dann irgendwann aufgehört zu malen und zu zeichnen, wenn auch immer mit einem schlechten Gewissen, weil ich ein Talent brachliegen ließ. Die beiden ersten obengenannten Sätze waren nicht allein daran schuld, die Schreibblockade kam in etwa zur selben Zeit (über die Sätze, die mir das Schreiben versaut haben, berichte ich dann vielleicht ein andermal).

Was ich eigentlich sagen möchte, abgesehen von der Tatsache, dass ich möglicherweise übersensibel auf Aussagen meiner Mitmenschen reagiere, obwohl sie mir eigentlich scheißegal sind, ist: Behaltet eure Kommentare doch einfach für euch. Oder sagt einfach was Nettes, wenn es nicht allzu schwer fällt. Positive Verstärkung kann so viel bewirken, nicht alle Menschen fühlen sich von Kritik angestachelt, es besser zu machen. Manche werfen den Scheiß dann auch einfach in die Ecke und verlieren die Lust an ihrem Tun. Falls es das ist, was ihr beabsichtigt habt, macht natürlich gerne so weiter. Ist dann aber halt scheiße.

Ach so, und der vierte Satz?

Den sagten mir die Erzieherinnen im Kindergarten. Da malte ich nämlich immer und immer wieder, tagtäglich, wochen- und monatelang, dasselbe Motiv: ein Haus mit einer Sonnenblume davor. Meine Mutter fand das schön und sagte, ich würde jeden Tag besser. Also warum sollte ich was anderes malen, wenn meine Mama sich doch so darüber gefreut hat?

Und außerdem: Dem aufmerksamen Beobachter wird auffallen, dass die Bilder mitnichten immer gleich sind, sondern die junge Künstlerin hier mit den Farben experimentiert und auch Motive wie Sonne oder blauer Himmel variiert.

Möglicherweise hatte ich aber auch keinen Bock, mir stundenlang zu überlegen, was ich denn nun malen könnte oder irgendwelchen Erwartungen gerecht zu werden.

Vielleicht wusste ich aber auch damals schon, dass wahre Meisterschaft nur durch Schweiß, Übung und Wiederholungen zu erreichen ist.

Bücher meiner Kindheit

Zurzeit sortiere ich aus. Das mache ich phasenweise immer mal wieder gerne, und im Augenblick haben viele von uns ja Zeit für so was. Im Moment bin ich bei den Büchern, den Kinderbüchern, um genau zu sein. Ich habe schon immer viele Bücher gehabt, und Bücher sind ein Luxus, den ich mir fast immer leiste. Bücher sind Freunde, gute Freunde, manchmal die besten Freunde. Deswegen fällt es mir oft schwer, mich von ihnen zu trennen. Ich habe viele Bücher, die ich schon mehrmals gelesen habe und sicher noch einige Male lesen werde.

Es ist aber nicht so, wie ich mir mal vorwerfen lassen musste, dass ich mich nicht von Büchern trennen kann. Das kann ich sehr wohl, aber ich überlege gut, bevor ich das tue. (Aber selbst wenn ich es nicht könnte – wen kümmert’s? Also außer den Menschen, die meine Wohnung ausräumen müssen, wenn mich eines Tages ein freakiger Badezimmerunfall während des Homeoffice‘ dahingerafft hat?)

Mit Büchern ist es wie mit Freunden – viele bleiben lange, manchmal sogar ein Leben lang treu, wenn man sie besucht, weiß man, was einen erwartet: ein gutes Gespräch, eine Tasse Tee, Schnaps, warme Worte. Und so wie Freunde besucht man bestimmte Bücher zu bestimmten Zeiten, weil jedes etwas anderes bietet.

Aber wie bei Freundschaften wird man auch hier und da enttäuscht, weil sich Menschen auseinanderleben und bisweilen mit dem Alter komische Schrullen entwickeln. Das ist mir zuletzt mehrfach mit Kinderbüchern passiert, speziell denen, die von Frauen für Mädchen geschrieben wurden. Ich erinnere mich daran, dass ich diese Bücher verschlungen habe und dachte, so wie die Autorin wollte ich auch mal schreiben können. Und wenn ich das heute lese, wird mir regelmäßig schlecht angesichts des Frauenbildes, das dort teilweise transportiert wird. Da wundern sich junge Mädchen, warum sich der hübsche Student für sie interessiert, obwohl sie doch ganz klein und dumm seien (zum Beispiel bei Berte Bratt). Da wird voller Hochachtung von einem Mädchen gesprochen, das gerne ein Junge sein will und mit Werkzeug auch genauso gut wie ein Junge umgehen kann (zum Beispiel bei Elke Müller-Mees). Aber immer wieder wird betont, dass es sich dabei um ein sehr hübsches Mädchen handelt, puh, dann ist es ja gut. Aber wenn es sich doch nur ein bisschen besser kleiden würde, nicht immer so schlampig, ist es ihm denn ganz egal, wie es aussieht? Aber wenn der Vater etwas im Haus reparieren muss, fragt er nur diese eine Tochter um Hilfe, und das ist jedes Mal ein Ritterschlag. Und selbstverständlich ist es der Vater, der Sachen repariert, die Mutter hält die Bude nur notdürftig zusammen, wenn „der Mann“ auf Dienstreisen ist. Das klappt zwar einigermaßen, aber am Ende sind alle froh, dass er wieder da ist und alles endlich richtig instandsetzen kann. Halleluja. Mädchen sind halt noch richtige Mädchen, wenn sie sich hübsch zurecht machen, mit Schminke umgehen können, sich für Jungs interessieren und ansonsten die Fresse halten. Und das sind keine Bücher aus den 30ern oder 40ern, die sich in unserem Haushalt auch noch finden, sondern aus den 80ern. Und in „Försters Pucki“ aus dem Jahre 1935 findet sich gar folgender, das Herz erfreuender Textabschnitt:

„Du brauchst mit den drei Buben nicht immer mitzuklettern. Kleine Mädchen müssen artiger sein als Jungen.“
„Warum denn, Mutti?“
„Weil sie schon ein viel feineres Stimmchen haben und weil sie der liebe Gott nicht so kräftig geschaffen hat wie die Knaben.“

[…]

„Oh, ich hab schon Kräfte. Der liebe Gott hat gemeint, ich bin ein Junge.“
„Du bist unser liebes, kleines Mädchen und sollst es bleiben. Ich möchte auch ein artiges kleines Mädchen haben, keinen Eigensinn, wie du manchmal einer bist. Du sollst doch später ein liebes Mädchen werden, das alle Menschen gern haben.“

Ich hab mich neulich beim Lesen mal gefragt, wie ich angesichts solcher Lektüre halbwegs gescheit im Kopp werden konnte. Andererseits – wie soll man da nicht zur Feministin werden?