Das dritte Zimmer

Während ich dies schreibe, sitze ich an seinem sehr besonderen Ort. Ich sitze in meinem dritten Zimmer, dem dritten Zimmer, das ich mir schon so lange gewünscht hatte und das ich nun endlich wieder habe. Es sollte ein Arbeitszimmer sein, aber was es wurde, ist ein Bastelschreibmalkrumelnähhandarbeitsnachdenkkreativitätszimmer. Denn ich habe es geschafft, in diesem winzigen Zimmer drei Tische unterzubringen. Den Nähtisch, den Schreibtisch und den Maltisch. Es beherbergt meine ganzen gesammelten Papiere, mein Schmierpapier und meine Notizbücher, meine Bastelbücher, meine Unterlagen, die Scrapbooks, meine Acryl- und Stoffmalfarben, meine Buntstifte, meine Pastellkreiden. Hier lagern meine Stoffe, meine Skizzen, meine Entwürfe, das ganze halbfertige Zeug. Das dritte Zimmer verschluckt die ganze Unordnung, die bisher immer vor Weihnachten oder Geburtstagen von Freunden im Wohnzimmer herrschte. Hier liegt meine ganze Kreativität, hier kommt alles hin, was meinen Kopf zu voll macht. Das dritte Zimmer bewahrt es auf, ohne dass der Alltag aus Arbeit und Pflichten die Ideen kaputt macht. Hier liegt alles sicher und trocken.

Wenn ich ganz früh in diesem Zimmer sitze, sehe ich, wie sich der Himmel rot färbt, weil die Sonne an dieser Seite der Wohnung aufgeht. Und dann verarbeite ich die Sachen, die ich auf der anderen Seite der Wohnung in mein Notizbuch geschmiert hab, während ich am Abend vorher auf dem Balkon, dem zweiten sehr besonderen Ort dieser Wohnung gesessen und beobachtet hab, wie die Sonne unterging. (Aber zum Balkon kommen wir vielleicht ein andermal.)

Vielleicht ist es kein Wunder, dass ich in der alten Wohnung nie so richtig kreativ sein konnte, dass ich immer wollte und nicht konnte, wenn doch die ganze Kreativität hier, in der neuen Wohnung, in diesem magischen Zimmer, gefangen war.

Denn genau das ist es: ein magisches Zimmer.

(Und es ist mir vollkommen egal, dass das Fahrrad auf der Skizze ein zu kleines Vorderrad hat und die Perspektive nicht stimmt. Es ist das Erste, was ich seit Monaten gezeichnet habe, und es ist somit das schönste Bild eines Fahrrad ever. So.)

Warum ich nicht auf Klassentreffen gehe

Man mag es angesichts meines jugendlichen Aussehens kaum glauben, aber in diesem Jahr könnte ich 25 Jahre Abi feiern, wenn ich das wollte. Beziehungsweise ich könnte die Feier besuchen, die es anlässlich dieses Jahrestags geben wird, wenn ich das wollte. In der WhatsApp-Gruppe sind alle schon gaaaanz aufgeregt und freuen sich, während ich die ganze Zeit überlege, ob es zu pubertär wäre, am Stichtag einfach 20 Gifs mit Mittelfingern zu schicken, um die Gruppe direkt darauf zu blocken. (Ich bin nur deswegen noch in der Gruppe, weil ich chronisch neugierig bin. Es ist wie ein Autounfall. Man weiß, man sollte einfach weiterfahren und das Ganze vergessen, allein, man kann den Blick nicht abwenden.)

Aber um die Frage in der Überschrift ganz kurz und fix zu beantworten: Ich gehe nicht auf Klassentreffen, weil ich meine Zeit nicht mit Leuten verschwenden will, die ich früher schon nicht leiden konnte. Mit Leuten, die mich von der achten bis zur zehnten Klasse gemobbt haben und erst allmählich damit aufhörten, als die Klassenverbände in der Oberstufe aufgelöst wurden. Und nein, man kann das nicht so einfach hinter sich lassen, vergessen und verzeihen. Ich finde auch nicht, dass man das muss. Man sollte schon weiterleben und das alles irgendwie hinter sich zu lassen versuchen, aber es waren wichtige, prägende Jahre, in denen dieses Mobbing passierte. Und nur, weil etwas lange her ist, heißt das keinesfalls, dass es mich nicht immer noch beschäftigt und in mir nachwirkt. Das verklärt sich auch nicht im Rückblick. Falls eins von den Arschlöchern von früher diesen Text liest: Gut gemacht, ihr könnt stolz auf euch sein. Aber erwartet nicht, dass ich heute noch mehr als einen gelegentlichen Gedanken an euch verschwende. Dafür gibt es viel zu viele liebe Menschen in meinem Leben, die es wert sind, dass ich ihnen Aufmerksamkeit schenke.

Dazu kommt, dass einen ein Klassentreffen in Sekundenschnelle in die Schulzeit zurückfallen lässt. Das mag mancher schön finden, aber leider entwickelt sich auch meine Persönlichkeit dann zu diesem dussligen Mädchen zurück, das ich damals war. Von Mitschülern gemobbt, von Lehrern übersehen, die mir kaum was zugetraut haben. Das bin ich schon lange nicht mehr, wobei sich über eine gewisse Restdusseligkeit sicher trefflich streiten lässt. Ich hab es inzwischen ja doch zu ein bisschen was gebracht, und genau deswegen würde ich vermutlich rasch in das berühmte „Mein Haus, mein Auto, mein Pony“-Schema fallen. Schaut mal, ich bin leitende Redakteurin beim Norddeutschen Rundfunk, schaut mal, ich habe ein Buch geschrieben, schaut mal, ich wohne in der schönsten Stadt der Welt, und Westdeutsche Vizemeisterin im Kugelstoßen war ich auch mal. Ich würde es den Pennern von damals verzweifelt beweisen wollen, obwohl sie mir doch eigentlich komplett egal sein sollten. Und vermutlich würde von denen sicher mehr als einer sagen: „Aber Mann und Kinder haste nicht, oder?“ Und schon wäre ich wieder ein Verlierer, mit dem sich niemand abgeben will. Und für diese Spielchen bin ich mir zu schade.

Dabei bin ich durchaus noch mit Klassenkameraden von damals befreundet, einige hab ich auf Facebook wiedergefunden, und darüber freue ich mich sehr. Manche treffe ich sogar gelegentlich im echten Leben, und nur selten sprechen wir dann über die Schulzeit und die „guten alten Zeiten“. Dafür ist die Gegenwart doch viel zu spannend. Also: Habt ein schönes Klassentreffen, ihr sieben bis zehn netten Menschen von damals, schwelgt in Erinnerungen, macht es euch schön. Allen anderen entbiete ich die allerherzlichsten Grüße:

Angst vor dem Fremden

Vor einigen Jahren beschwerte sich mal eine ehemalige Klassenkameradin aus der Grundschule, sie könne ja in Lippstadt, unserer gemeinsamen Heimatstadt, nicht mehr frei denken, weil in den Turnhallen dort jetzt Flüchtlinge nächtigten. Es war keinesfalls so, dass sie sich Sorgen machte, dass es den Menschen dort in den beengten Verhältnissen nicht gutgehen könne. Nein, es ging vielmehr darum, dass sie sich in ihrer Freiheit beschnitten sah, weil in den Turnhallen Leute untergebracht waren, die nach einer traumatisierenden Flucht nun ihr und ihrer Familie nach dem Job, der Wohnung, womöglich gar dem Leben trachteten. (Dass die Familie dieser Klassenkameradin selbst in den 60ern aus dem damaligen Jugoslawien nach Deutschland gekommen war, lassen wir mal außen vor, die Sache ist schon absurd genug.)

Ich kenne leider noch einige Leute mehr, die so denken, und das Verstörende ist, dass diese Menschen in ihrem Alltag kaum Berührungspunkte mit „Ausländern“ haben, sie kennen keine Muslime persönlich, vom Judentum haben sie, wenn es hochkommt, mal irgendwas gelesen. Und trotzdem haben sie Angst vor diesen Menschen, die irgendwie anders sind, die sie in ihrer kleinen heilen deutschen Welt bedrohen könnten, womit auch immer.

Wie wenig Ahnung sie doch haben. Da sitzen sie in ihrer kleinen spießbürgerlichen Welt, in ihrer kleinen deutschen Höhle und ängstigen sich vor Menschen, denen sie wahrscheinlich vollkommen egal sind, weil die nämlich auch nur ihr kleines Leben leben wollen. Diese Spießbürger müssten mal in meinem Viertel in Hamburg leben, dann könnten sie wenigstens mitreden. In der Parallelstraße zu meinem Haus ist eine iranische Schule, noch eine Straße weiter findet sich eine Moschee, und sonntags höre ich die Glocken der Russisch-Orthodoxen Gemeinde. In der Hochhaussiedlung gegenüber wohnen ziemlich viele Menschen, die wohl einen „Migrationshintergrund“ haben, ein paar Straßen weiter gibt es ein brasilianisches Restaurant und einen asiatischen Lebensmittelmarkt. Ich bin umgeben von Menschen, die irgendwie anders sind als ich, es ist unfassbar. Habt ihr überhaupt eine Ahnung, wie so was das Leben beeinflussen kann? Wie oft ich jeden Tag mit Angst aus dem Haus gehe, weil mir fremdländisch aussehende Menschen begegnen können?

Ich sage euch mal, wie das mein Leben jeden Tag beeinträchtigt:

Gar nicht.

Island

Wie der geneigte (haha) Leser vielleicht noch weiß, schulde ich ihm noch ein Urlaubsblog – nämlich das von Island (3. bis 10. Oktober 2017). Weil ich auf der Reise wenig Notizen gemacht hab, werden Fotos reichen müssen.

Büdde:

Abfluch!

Ankunft

Reykjavík

Hafen und Harpa

Sólfar – Der Sonnenfahrer

Tjörnin

Hallgrímskirkja

Hólavallagarður

Wikingerdorf Hafnarfjörður

Bessastaðir, Amtssitz des isländischen Präsidenten

Saga Museum

Rundfahrt „Goldener Kreis“

Gletscher Mýrdalsjökull

Landschaft Südküste

Eyjafjallajökull

Lavastrand Vík í Mýrdal

Strand Djúpalónssandur mit Trawlerschrott der „Epine“

Skógafoss und Seljalandsfoss

Halbinsel Snæfellsnes

Krater, dessen Name mir entfallen ist

Kirkjufell

Beim großen Geysir Strokkur

Gullfoss-Wasserfall

Þingvellir Nationalpark

Imagine Peace Tower by Yoko Ono, 9. Oktober

Schlussbiere

Schön war’s.

Jeder ist seines Glückes Schmied

Dein Leben beginnt dort, wo deine Komfortzone endet.

Das Leben ist zu kurz, um sich Sorgen zu machen.

Alles, was du willst, ist auf der anderen Seite der Angst.

Sorgen ändern nichts, sie stehlen dir nur deine Zeit.

Die Entfernung zwischen deinen Träumen und der Realität nennt man Disziplin.

Schon mal gehört? Oder gar über dem Küchentisch hängen? Spitze.

Ich hab gar nicht genug Worte dafür, wie sehr ich diese Motivationssprüche hasse. Diese Annahme, man könne einfach aufhören, Angst zu haben oder sich Sorgen zu machen, wenn man es sich nur genug vornimmt. Einmal mit dem Finger schnipsen, puff! weg sind die Sorgen und alles ist wieder fein. Und wenn man das nicht schafft, ist man halt ein schwacher Mensch, der selbst schuld daran ist, wenn es ihm nicht gut geht. Fall abgeschlossen.

Als ob es ein Verbrechen wäre, einen Tag, für den man sich eigentlich viel vorgenommen hatte, mit einem Buch oder einer guten Serie auf dem Sofa zu verdödeln, weil man nichts anderes auf die Reihe bekommt und vielleicht genau das braucht! Es gibt nun mal Tage, an denen die vielbeschworene Komfortzone an der eigenen Wohnungstür endet. Wo einem die Welt so laut und beängstigend erscheint, dass man nicht anders kann, als drinnen zu bleiben, dort, wo man weiß, dass einem niemand wehtun oder auf die Nerven gehen kann. An manchen Tagen erscheint es eine unlösbare Aufgabe, einfach nur aufzustehen und Frühstück zu machen. Es gibt Zeiten, in denen man es einfach nicht schafft, den sorgenschweren Gedankenschleier auch nur einen Zentimeter anzuheben oder gar ein Stück beseite zu ziehen, damit auch mal die Sonne rein kann. Dabei weiß man ja meistens, dass viele der Sorgen, die man sich macht, unsinnig sind. Und doch kann man manchmal nicht damit aufhören.

Aber solche Tage gibt es nun mal, es darf sie geben, und es muss sie geben. Wer dauernd glücklich ist oder sich auch nur ständig bemüht, diesen Anschein zu erwecken, wird eines Tages sehr irre oder sehr müde sein oder beides. Dunkle Tage gehören zum Leben dazu, für einige Menschen dauerhaft, für andere nur mal hier und da. Und daran ist niemand selbst schuld, und niemand, wirklich niemand, braucht dann schlaue Sprüche. Manche brauchen dann jemanden, der für sie einkaufen fährt, manche brauchen professionelle Hilfe, manche brauchen einfach nur mal ihre Ruhe. Alles davon ist okay, alles davon ist richtig.

Man sollte niemandem vorwerfen, wenn er es nicht schafft, „mal unter Leute“  oder „mal an die frische Luft zu gehen“, seine Komfortzone zu verlassen oder auch nur einkaufen zu gehen. Denn wer weiß, vielleicht bestand die große Leistung des Tages darin, aufzustehen und zu duschen. Dafür sollte man dann ehrlich gesagt einen Preis bekommen, keine Vorwürfe, weil es zu wenig sei.

Ich könnte jetzt noch ein Bild teilen, auf dem das Sonnenlicht zögerlichoptimistischhoffnungsvoll durch die Bäume fällt, aber ich hab das hier gefunden:

Müssen wollen

Zu wenig ehrgeizig sei ich, ich müsse doch beruflich noch weiter vorankommen wollen, das Bisschen, was ich leiste, sei nicht genug, das könne ja jeder und ob ich denn aus meinem Leben nichts machen wolle, sagte mir neulich jemand, als ich erzählte, was ich beruflich so mache.

Mal abgesehen davon, dass derjenige überhaupt nicht beurteilen konnte, was ich den lieben langen Tag bei der Arbeit so alles leiste, denke ich seitdem drüber nach, wie unterschiedlich man offenbar den Begriff „Ehrgeiz“ auslegen kann. Und wie verschieden man den Stellenwert des beruflichen Vorakommens bewerten kann. Und ein bisschen sauer bin ich auch.

Ich finde, ich hab beruflich bereits einiges geschafft – aus einer unbedeutenden Lokalklitsche nach Hamburg zum NDR, dort Leitende Redakteurin in Festanstellung. Wer hätte das schon gedacht, als ich bei den Kaninchenzüchtern in Marburg meine ersten Pressetermine als kleine freie Mitarbeiterin gemacht hab? Ich finde es ziemlich dreist, mir absprechen zu wollen, dass das eine gute Leistung war.

Aber jetzt, mit 45, ist es vielleicht auch erst mal gut. Darf ich nicht einfach froh über das bisher Erreichte sein? Ich ruhe mich ja nicht aus, sondern mache weiterhin meinen Job bestmöglich, weil ich ihn mag und meistens auch gerne zur Arbeit gehe. Aber darf ich denn nicht zumindest eine Weile genießen, was ich bisher geschafft habe? Wenn ich mit 50 noch weiter will, hab ich immer noch Zeit. (Und nein, der große investigative Journalismus war eh nie mein Ziel, weil ich meine Fähigkeiten durchaus realistisch einschätzen kann. Andere Kollegen leisten da sehr viel bessere Arbeit, als ich sie je machen könnte. Die können aber meinen Job vielleicht auch nicht.)

So richtig will ich mir aber nicht gefallen lassen, dass ich nicht ehrgeizig genug bin. Ich hatte und habe durchaus Ziele im Leben. Ich wollte immer mal nach Kanada – das hab ich geschafft, zweimal sogar. Ich wollte nach Alaska, Hawaii, Neuseeland – hab ich alles besucht, und alles war unvergesslich schön. Ich wollte ein gutes Verhältnis zu meiner Familie, und ich glaube, das hab ich. Nach langen Jahren des Mobbings an der Schule wollte ich einen großen Freundeskreis – auch den habe ich, und er besteht fast nur noch aus Leuten, von denen ich weiß, dass sie mich genauso mögen, wie ich bin, mit allen Ticks und Macken. Ich wollte mit der Kugel über zehn Meter stoßen – das habe ich geschafft, und der Weg dahin war mit viel Fluchen, Schweiß, Tränen, Quälerei und Muskelkater gepflastert, ohne Ehrgeiz wäre das nicht zu schaffen gewesen. Ich wollte ein Buch schreiben – das hab ich getan, sogar ein zweisprachiges. Ich wollte immer so schreiben können, dass die Leser das wirklich bewegt – man hat mir glaubhaft versichert, dass ich das mit dem einen oder anderen Text hier schon geschafft hab (bis bin zum Heulen, jawoll!). Was soll ich denn noch wollen? Die wirklich wichtigen Dinge hab ich doch hinbekommen.

Und woran erinnern wir uns denn bitte am Ende? An die supertolle Untertitel-Datei für die drei Stunden lange Spielshow, die ich zum Sendezentrum nach Frankfurt geschickt habe? An endlose Meetings?

Oder vielleicht eher an laue Balkonabende mit einem kühlen Weißwein in der Hand und einer guten Freundin neben sich? An die Sonnenuntergänge auf Maui? An das unschlagbare Gefühl, als die Kugel das erste Mal über zehn Meter flog? An das erste Mal, dass ich ein Buch mit einer meiner Kurzgeschichten drin in der Hand hatte? Als der Karton mit den Belegexemplaren meines ersten eigenen Buchs ankam? An spontan am Meer verbrachte Tage? An Wind im Gesicht und Sand unter den Füßen? An Kinoabende, Theaterstücke, mit einem Buch auf dem Sofa vergammelte verregnete Sonntage?

Also ich finde nicht, dass ich diejenige bin, die hier die falschen Prioritäten hat.

Hinweis in eigener Sache

Da ich gerade so schön im Flow bin, was das Schreiben angeht, werde ich in den kommenden Wochen mal den Entwürfe-Ordner durchforsten und ein paar Sachen bloggen, die NOCH länger her sind als der Neuseeland-Urlaub. Also nicht wundern, wenn in euren E-Mail-Benachrichtigungen demnächst Texte mit Erscheinungsdaten aus dem vergangenen Jahr (oder noch älter *hust*) auftauchen. Das soll so. ;-)

Innerer Dialog

Herz: Psst.

Kopf: (reagiert nicht)

Herz: Psst, Kopf. Hey, Kopf!

Kopf: (unwillig) Was ist?

Herz: Was machst du grad?

Kopf: Kreditkartenabrechnungen aus dem Urlaub sortieren.

Herz: Aaah, ja. Urlaub.

Kopf: (alarmiert, macht aber weiter, als habe er nichts gehört)

Herz: (träumerisch) Neuseeland, was?

Kopf: Hm-hm.

Herz: War schön da, oder?

Kopf: (sortiert weiter Zettelchen) Hm-hm.

Herz: Ach komm, selbst dir altem Zyniker hat es da doch gefallen.

Kopf: (sortiert weiter Zettelchen) Ja, doch …

Herz: Du, ich hab da mal über was nachgedacht.

Kopf: Uh oh.

Herz: Wir haben schon lange nichts mehr gemacht, was ich wollte, oder?

Kopf: Du meinst was komplett Bescheuertes, was kein normaler Mensch tun würde?

Herz: Ich meine was, was uns glücklich machen würde.

Kopf: Als ob wir beiden uns jemals über dasselbe freuen würden.

Herz: (unbeeindruckt) Ich finde, wir müssten mal was ändern.

Kopf: Was ändern?

Herz: Irgendwas an der Art, wie wir so leben.

Kopf: Was ist falsch daran? Wir mögen unseren Job, verdienen gutes Geld, eine Wohnung ohne Schimmel finden wir sicher auch bald, das ist doch prima so.

Herz: (seufzt) Ja, sicher. „Prima“.

Kopf: (hofft auf Frieden und beginnt wieder, Rechnungen zu sortieren)

Herz: Aber vielleicht ist da draußen noch mehr, was auf uns wartet. Was Aufregendes.

Kopf: Spitzenidee. Davon kriegst du nur wieder Rhythmusstörungen, dann kommt der Magen wieder an und nervt auch mit was, ich krieg auch wieder dieses Ziehen hinterm Auge … Das macht nur Ärger, wenn wir wieder was Aufregendes machen. Wir fahren nächstes Wochenende an die Ostsee, okay?

Herz: Ach, die Ostsee. Ja, schön.

Kopf: Hase, wir sind echt zu alt, was richtig großes Neues anzufangen.

Herz: Wir sind noch nicht mal 45! Da ist noch nicht mal ansatzweise die Hälfte rum, wenn man vorhat, unsterblich zu werden. Was wir jetzt haben, ist schön, aber die letzten Jahre waren auch echt stressig. Und das kann doch noch nicht alles gewesen sein. Wir können doch nicht einfach bis zur Rente so weitermachen.

Kopf: WAS. WILLST. DU.

Herz: Ich will Neuseeland. Nicht gleich für immer, aber mal so zeitweise. Für länger. Immer mal wieder.

Kopf: (erleichtert) Ach so. Das kennen wir doch schon. Du willst das immer nach dem Urlaub. Du wolltest auch schon Key West, du wolltest Vancouver, dann wolltest du Hawai’i, dann Alderney, jetzt willst du halt Neuseeland.

Herz: Diesmal ist es anders. Diesmal hab ich mich komplett zu Hause gefühlt.

Kopf: Ach, hör doch auf. Das andere Ende der Welt. Komplizierter geht es wohl wieder nicht.

Herz: (singt) I won’t take the easy road …

Kopf: Und was willst du da machen?

Herz: Keine Ahnung. Das wäre dann deine Aufgabe, uns was zu suchen. Du könntest endlich mal einen Buchvertrag an Land ziehen, schreiben können wir überall.

Kopf: Na, danke. Ich hab ja auch sonst nichts zu tun, als schon wieder was zu organisieren.

Herz: Bitte, es ist wirklich wichtig, wir können nicht einfach so weitermachen, dann werden wir doch bescheuert.

Kopf: Wir gehen nächste Woche mal zum Friseur, das muss reichen an Veränderung.

Herz: Herzloser Vollhorst.

Kopf: Kopfloser Dummbeutel.

Minutenlanges unbehagliches Schweigen.

Magen: Also wenn ich mal was sagen dü…

Kopf: NEIN!

Magen: Du erinnerst dich dran, wie es mir vor Weihnachten ging? Als gefühlt der ganze Stress bei der Arbeit an uns hing? Als wir weggeschafft haben wie blöde und sich hinter uns nur noch mehr Arbeit aufgetürmt hat?

Kopf: Aber was haben wir da für Geld verdient!

Herz: … und mir ging es da auch nicht gut, wenn du dich erinnerst. Du hast uns auch mit der ganzen Grübelei nachts wachgehalten.

Kopf: Ihr seid echt viel zu empfindlich.

Herz: Also wenn wir nicht bald was daran ändern, wie wir hier so leben, kommen sicher bald mal die leichten Angstzustände und die mittelschwere Depression auf einen Besuch vorbei.

Kopf: Oh Herre, bloß die beiden nicht. Die machen mich fertig.

Herz: Siehste.

Kopf: Okay, ich denke mal drüber nach. MEHR ABER ERST MAL NICHT!

Herz und Magen: Yippieh!