Bücher meiner Kindheit

Zurzeit sortiere ich aus. Das mache ich phasenweise immer mal wieder gerne, und im Augenblick haben viele von uns ja Zeit für so was. Im Moment bin ich bei den Büchern, den Kinderbüchern, um genau zu sein. Ich habe schon immer viele Bücher gehabt, und Bücher sind ein Luxus, den ich mir fast immer leiste. Bücher sind Freunde, gute Freunde, manchmal die besten Freunde. Deswegen fällt es mir oft schwer, mich von ihnen zu trennen. Ich habe viele Bücher, die ich schon mehrmals gelesen habe und sicher noch einige Male lesen werde.

Es ist aber nicht so, wie ich mir mal vorwerfen lassen musste, dass ich mich nicht von Büchern trennen kann. Das kann ich sehr wohl, aber ich überlege gut, bevor ich das tue. (Aber selbst wenn ich es nicht könnte – wen kümmert’s? Also außer den Menschen, die meine Wohnung ausräumen müssen, wenn mich eines Tages ein freakiger Badezimmerunfalls während des Homeoffice‘ dahingerafft hat?)

Mit Büchern ist es wie mit Freunden – viele bleiben lange, manchmal sogar ein Leben lang treu, wenn man sie besucht, weiß man, was einen erwartet: ein gutes Gespräch, eine Tasse Tee, Schnaps, warme Worte. Und so wie Freunde besucht man bestimmte Bücher zu bestimmten Zeiten, weil jedes etwas anderes bietet.

Aber wie bei Freundschaften wird man auch hier und da enttäuscht, weil sich Menschen auseinanderleben und bisweilen mit dem Alter komische Schrullen entwickeln. Das ist mir zuletzt mehrfach mit Kinderbüchern passiert, speziell denen, die von Frauen für Mädchen geschrieben wurden. Ich erinnere mich daran, dass ich diese Bücher verschlungen habe und dachte, so wie die Autorin wollte ich auch mal schreiben können. Und wenn ich das heute lese, wird mir regelmäßig schlecht angesichts des Frauenbildes, das dort teilweise transportiert wird. Da wundern sich junge Mädchen, warum sich der hübsche Student für sie interessiert, obwohl sie doch ganz klein und dumm seien (zum Beispiel bei Berte Bratt). Da wird voller Hochachtung von einem Mädchen gesprochen, das gerne ein Junge sein will und mit Werkzeug auch genauso gut wie ein Junge umgehen kann (zum Beispiel bei Elke Müller-Mees). Aber immer wieder wird betont, dass es sich dabei um ein sehr hübsches Mädchen handelt, puh, dann ist es ja gut. Aber wenn es sich doch nur ein bisschen besser kleiden würde, nicht immer so schlampig, ist es ihm denn ganz egal, wie es aussieht? Aber wenn der Vater etwas im Haus reparieren muss, fragt er nur diese eine Tochter um Hilfe, und das ist jedes Mal ein Ritterschlag. Und selbstverständlich ist es der Vater, der Sachen repariert, die Mutter hält die Bude nur notdürftig zusammen, wenn „der Mann“ auf Dienstreisen ist. Das klappt zwar einigermaßen, aber am Ende sind alle froh, dass er wieder da ist und alles endlich richtig instandsetzen kann. Halleluja. Mädchen sind halt noch richtige Mädchen, wenn sie sich hübsch zurecht machen, mit Schminke umgehen können, sich für Jungs interessieren und ansonsten die Fresse halten. Und das sind keine Bücher aus den 30ern oder 40ern, die sich in unserem Haushalt auch noch finden, sondern aus den 80ern. Und in „Försters Pucki“ aus dem Jahre 1935 findet sich gar folgender, das Herz erfreuender Textabschnitt:

„Du brauchst mit den drei Buben nicht immer mitzuklettern. Kleine Mädchen müssen artiger sein als Jungen.“
„Warum denn, Mutti?“
„Weil sie schon ein viel feineres Stimmchen haben und weil sie der liebe Gott nicht so kräftig geschaffen hat wie die Knaben.“

[…]

„Oh, ich hab schon Kräfte. Der liebe Gott hat gemeint, ich bin ein Junge.“
„Du bist unser liebes, kleines Mädchen und sollst es bleiben. Ich möchte auch ein artiges kleines Mädchen haben, keinen Eigensinn, wie du manchmal einer bist. Du sollst doch später ein liebes Mädchen werden, das alle Menschen gern haben.“

Ich hab mich neulich beim Lesen mal gefragt, wie ich angesichts solcher Lektüre halbwegs gescheit im Kopp werden konnte. Andererseits – wie soll man da nicht zur Feministin werden?

Mit dem Humor am Ende

Da wir ja gerade den Internationalen Weltfrauen „feiern“ und man mir deswegen zuhören muss, hier ein paar Sachen, die ihr euch (und ich spreche mit diesem Text Männer und Frauen an, dass sich hier am Ende keiner rausredet) in Zukunft bitte ebenso wie die Rosen zum Weltfrauentag dahin stecken könnt, wo keine Sonne scheint:

  • Die Annahme, dass ich als Frau gerne eine Rose geschenkt bekommen möchte. Ich möchte gleiche Rechte für alle, weltweit. Oder eine Flasche Schnaps. Und zwar den richtigen, harten, nicht dieses rosa Gesuppe, von dem Frauen unterstellt wird, dass wir das gerne trinken.
  • Die Meinung, dass der Mann an sich gefeiert werden muss, weil er mal den Müll runterträgt. Lasst euch mal von meinem Papa erklären, wie das geht, wenn man zusammen wohnt und dabei ganz selbstverständlich die Hälfte der Aufgaben an Hausarbeit und Kinderverziehung übernimmt. Das hat der nämlich schon in den 70ern gemacht. In den SIEBZIGERN, ihr Schiffsschaukelbremser*innen.
  • Die Annahme, dass Frauen gerne die Halbtagsstellen nehmen, weil sie sich ja eh die Hälfte der Zeit um die Familie kümmern wollen. Und die „Karrierefrau“-Abstemplung der Frauen, die gerne in Vollzeit arbeiten, weil sie irgendwann man denken gelernt haben und diese Fähigkeit jetzt gern im Berufsleben anwenden wollen, die kann auch weg.
  • Die Annahme, dass alle Frauen gerne Kinder wollen und sich auch prinzipiell gerne um andere Menschen kümmern.
  • Die Forderung, dass Frauen lieb zu sein haben, damit sie bekommen, was sie wollen. Oder immer lächeln sollten. Erstens hat das Liebsein in den vergangenen Jahrhunderten ja wohl wirklich mal gar nichts gebracht, und der letzte Typ, der mir sagte, ich solle mal lächeln, er habe lieber was Schönes zum Angucken, wird das hoffentlich nie wieder zu einer Frau sagen. (Und der Typ daneben, der das mitbekommen hatte, bestellte mir ein Bier. So geht das.)
  • Die Meinung, wenn eine Frau sich sexy anziehe, sei sie eine Schlampe und „wolle es doch auch“. Wir dürfen anziehen, was wir wollen, und wenn euch unsere Orangenhaut nicht passt, dürft ihr gerne wegschauen und die Klappe halten. Niemand hat mir zu sagen, was ich anziehen soll oder wie ich meine Haare zu tragen habe.
  • Ansagen wie „dann meld dich doch mal bei Parship an“. Geht es in eure Köpfe, dass man auch als Frau alleine sehr glücklich sein kann?
  • Die Denke, dass Frauen keine Körperfunktionen haben und immer gut riechen und von Natur aus haarlos sind. Und dass wir blaue Ersatzflüssigkeit ausscheiden, weil das hübscher aussieht.
  • Sprüche wie „haha, ihr habt doch schon alles erreicht, wir brauchen langsam mal einen Männerbeauftragten, wir dürfen ja bald gar nichts mehr, haha“. Einen Scheiß haben wir erreicht. Nur weil ich persönlich tatsächlich dasselbe verdiene wie meine männlichen Kollegen, hat sich nicht auf wunderbare Weise die Lage der Frauen in aller Welt verbessert. Und deshalb kann ich mich nicht zurücklehnen und die Klappe halten.
  • Das Vorurteil, dass Feministinnen Männer hassen. Ich hasse so ziemlich alle Menschen gleichermaßen, die, die mir ungefragt die Welt erklären, vielleicht noch ein bisschen mehr. Aber ich kenne so viele großartige Männer, die ganz selbstverständlich Feministen sind und denen trotzdem kein Ei aus der Hose gefallen ist.
  • Die Annahme, beim Feminismus gehe es darum, Männer zu benachteiligen. Nein, meine lieben Blödmannsgehilf*innen, es geht darum, dass wir alle dieselben Rechte und Pflichten haben, ob Mann, Frau, divers, weiß, schwarz, dunkelgrün, Menschen mit deutschem Pass oder welche, die von woanders weg sind. Und der nächste Satz richtet sich jetzt doch mal größtenteils an die Männer: Hört auf, rumzuheulen, wenn Frauen dieselben Rechte zugestanden werden wie euch. Ihr habt deswegen nicht weniger Rechte, es sind genug Rechte für alle da. Hätten wir alle dieselben Rechte, wäre unser aller Leben besser.

Und jetzt, da ich all das aufgeschrieben hab, fühle ich mich sehr, sehr müde. Weil ich das alles nicht zum ersten Mal aufgeschrieben oder erklärt habe, auch nicht zum 20. Mal.  Ich bin mit der Geduld am Ende und mit dem Humor auch. Ich kann über diese ganzen Idiotien nicht mehr milde weglächeln. Es erscheint mir alles immer sinnloser, weil sich so wenig so langsam ändert. Die guten Leute wissen all das, was ich hier erkläre schon, die haben das schon vor Jahren verstanden und leben das alles ganz selbstverständlich. Und die Doofen werden es entweder nicht lesen, nicht verstehen oder nicht verstehen wollen. Und die Doofen sterben halt nie aus, das macht mich so müde.

Tschüss, 20fucking19

Man könnte ja mal wieder was bloggen, jetzt, da sich das Jahr dem Ende nähert und mich ein wenig das schlechte Gewissen plagt, was meine Blogfrequenz angeht. Ich fürchte allerdings, dass der Rückblick auf ein eher durchwachsenes Jahr nicht viel rausreißen wird.

Zugenommen oder abgenommen?
Ach, Fresse.

Haare länger oder kürzer?
Erst sehr viel länger, dann das Überschüssige wieder ab, jetzt wieder alles wie immer. Und nein, ich trage meine Haare nach wie vor nicht gerne offen, danke der Nachfrage.

Kurzsichtiger oder weitsichtiger?
Kurzsichtiger, dazu noch das immer schlimmer werdende Unvermögen, bei Nässe und Dunkelheit vernünftig gucken zu können.

Mehr ausgegeben oder weniger?
In etwa gleich. Wenig für Klamotten, Gedöns und Kokolores, dafür wieder eine Reise gebucht, die es in sich hat. Dazu im August mehr.

Der hirnrissigste Plan?
Ich mache kaum noch Pläne, das bewährt sich, stelle ich fest.

Die gefährlichste Unternehmung?
Radfahren im Hamburger Stadtverkehr. Man lernt, alle und ich meine alle anderen Verkehrsteilnehmer zu hassen, weil einem jeder nach dem Leben trachtet.

Die teuerste Anschaffung?
Vermutlich das dritte Implantat. Und wir reden hier von Zähnen, ihr Schmutzfinken.

Das leckerste Essen?
Mamas Matjessalat und alles beim Grillen mit der Familie am letzten Sommerabend des Jahres.

Das beeindruckenste Buch?
„Kleine Stadt der großen Träume“ von Fredrik Backman, ein unfassbar schönes, trauriges, weises, witziges und rundherum großartiges Buch, voller Verständnis für die Nöte, Leidenschaften und Sehnsüchte der Menschen.

Der ergreifendste Film?
„Bohemian Rhapsody“. Es gibt wenig Filme, die mich so nachhaltig durcheinandergerüttelt und emotional fertig gemacht haben. Rami Malek ist ein großer Künstler und ich kann mich nur immer wieder bei Freddie Mercury entschuldigen, dass ich ihn zu Lebzeiten nie genug geliebt habe. Aber jemand wie Freddie stirbt ja eh niemals.

Die beste CD?
Ich hab zwei zu Weihnachten bekommen, die ich aber noch nicht zu Ende gehört habe. Aber schöne Sachen macht zum Beispiel Emma Russack, die ich 2019 entdeckt habe, ebenso Larkin Poe.

Das schönste Konzert?
Schon wieder nur eines besucht – Neil Young, Sommer, Waldbühne Berlin. Nicht so legendär wie vier Jahre zuvor am selben Ort, aber dennoch wunderbar. Vor allem, weil das Publikum so entspannt war, sich, als ich vom Bierholen zurückkam, vor mir teilte wie das Rote Meer vor Moses. Und weil es nach Ende des Konzert noch ewig „Rockin‘ in a free world“ weitersang. Darum.

Die meiste Zeit verbracht mit …?
Mir selbst und einem bestimmten kleinen Elch.

Die schönste Zeit verbracht mit …?
Mit selbst und einem bestimmten kleinen Elch. Besonders schön war die Zeit auf Jersey. Nur ich, der Elch, das Meer und ein paar grundentspannte, freundliche Insulaner.

Vorherrschendes Gefühl 2019?
„Boah, echt jetzt?“

2019 zum ersten Mal getan?
Alle Folgen „Akte X“ geguckt.

2019 nach langer Zeit wieder getan?
Gemalt und geschrieben, Ersteres noch mehr als Letzteres und beides sogar so, dass es mir selbst gefiel. Und festgestellt, dass ich dabei so komplett abschalten kann, dass es wie ein Kurzurlaub ist. Wenn den Scheiß jetzt noch jemand kauft, wird das so langsam  was mit dem Haus am Meer. Je nach Großzügigkeit des Mäzens/der Mäzenin am Atlantik oder Pazifik.

3 Dinge, auf die ich gut hätte verzichten mögen?
Ein geklautes Rad, ein Sturz beim Joggen, Lärm.

Die wichtigste Sache, von der ich jemanden überzeugen wollte?
Ich habe es aufgegeben, jemanden von etwas überzeugen zu wollen, wenn der oder die es eh nicht will. Das ist verschwendete Energie. Und man ahnt nicht, wie viel Seelenfrieden es bringt, manchmal einfach den Arsch rumzuschmeißen, zu gehen und nicht zurückzuschauen.

Das schönste Geschenk, das ich jemandem gemacht habe?
Womöglich die fünf Acrylgemälde, die ich meinen Eltern für den frisch renovierten Flur gemalt hab.

Das schönste Geschenk, das mir jemand gemacht hat?
Es mag komisch klingen, aber ich wundere mich immer wieder, dass Menschen gerne Zeit mit mir verbringen wollen, obwohl sie mich schon lange kennen. Also danke für zahlreiche lustige, feuchtfröhliche Abende und Tage und das Gefühl, dass meine mannigfaltigen Sonderbarkeiten vielleicht gar keine sind. Oder zumindest nicht so schlimm.

Der schönste Satz, den jemand zu mir gesagt hat?
„Du bist echt begabt.“

Der schönste Satz, den ich zu jemandem gesagt habe?
Ich habe einen Verdacht, aber das ist privat.

2019 war mit einem Wort …?
Achgehtsokanneigentlichweg.

2020 wird …?
Sehr viel besser. SEHR viel besser.

Heimreise mit Hindernissen

Wie heißt es so schön? „Leben ist das, was dir passiert, während du gerade dabei bist, Pläne zu machen“?

Man kann auch einfach mit flybe fliegen, da erlebt man auch was. Zum einen einen verspäteten ersten Flug, was aber nicht so schlimm ist, weil man ja in Manchester genug Puffer eingebaut hat, weil man den Saftladen ja inzwischen kennt. Man hat auch was zu lesen dabei, wahlweise kann man sich die schönen Bilder im Flughafen Jersey anschauen.

Irgendwann geht es dann auch los, man kann von oben winken und versprechen, dass man ganz schnell wiederkommen wird:

Man kann im Vorbeifliegen auch alten Bekannten winken und versprechen, dass man auch zu ihnen bald mal wieder vom Boden aus Hallo sagen wird. Hallo, Guernsey:

Hi there, Herm:

Und dann findet man sich gestrandet in Manchester wieder, wo der Weiterflug gestrichen wurde, man ohne Englisch-Kenntnisse komplett am Arsch gewesen wäre. Wo sich zeigt, was für ein absolut bekacktes Krisenmanagement flybe hat, wo einen aber wenigstens die Damen im Nero Café nett behandeln und „my lovely“ nennen.

Wo man nach Ewigkeiten endlich in einem saulauten Hotel einquartiert wird, in dem man die ganze Nacht kein Auge zubringt und statt des Verzehrgutscheins lieber ein Ticket für United gegen City gehabt hätte, aber … ach.

Wenigstens gab es am anderen Morgen am Flughafen was zu schauen und später zu Hause auch was zu trinken.

Und wenn ich zuletzt noch einen Ratschlag geben dürfte: An das sich anzickende Pärchen, dessen Gegenwart mir zunächst den Aufenthalt im Nero Café versüßte und anschließend den Aufenthalt in der Wartehalle am anderen Morgen – tut euch und der Welt einen Gefallen und lasst euch scheiden. Danke.

… und vorbei

Der letzte Spaziergang in diesem Urlaub, es war mir schon ein bisschen wehmütig zumute. Das Gefühl wich aber rasch der Wut, nachdem mich ein Wegweiser in Bonne Nuit Bay in die Irre bzw. einmal im Kreis schickte. Und vor allem einen sausteilen Berg einmal hoch und dann wieder runter. Die Aussicht war auch nicht anders als von unten, sprich, ich hatte unnötig Zeit verbrannt und war wieder genau da, wo ich angefangen hatte. Und in Bouley Bay musste ich doch den letzten Bus kriegen.

Also alles noch mal von vorn:

Dieses kleine Fort dort unten, La Crête Fort, war der eigentliche Grund, warum ich diese Tour überhaupt noch mal machen wollte, vielleicht gab es dort ja was Interessantes zu sehen.

Bei diesem Wegweiser musste ich nicht lange überlegen, ich hatte ja schon einen Aufstieg hinter mir. Also mal ganz faul auf den Lower Path.

Und ganz schnell (*keuch*) war ich dann auch schon in La Crête Fort, was – Überraschung! – heute eine Ferienunterkunft ist, die man nicht besichtigen kann. Ich hätte es wissen müssen.

Was nicht heißen soll, dass ich die Wanderung ernsthaft bereute. Wie könnte man auch nur eine Minute auf dieser Insel bereuen.

Ich finde es hier immer wieder faszinierend, dass man schon kilometerweit im Voraus sehen kann, wo es genau hingeht und auf welchem Weg man die nächsten Minuten oder gar Stunden verbringen wird. Und auch besonders schön, wenn es ständig rauf und runter geht.

Oha, eine Unterkunft in der Wildnis. Aber ich habe genug Zombiefilme und Abenteuerserien gesehen, um zu wissen, dass in einer einsamen Hütte im Wald nie was Gutes zu finden ist. Schon gar nicht, wenn sie „Wolfshöhle“ heißt.

Dass mich der Weg aber nun tiefer in den Wald und von der See weg führte, half nicht, das leichte Unbehagen abzuschütteln. Merke: Weniger Zombiefilme und Abenteuerserien gucken.

Ich weiß nicht, wie oft ich auf dieser Wanderung dachte, hinter der nächsten Bucht müsse aber nun endlich Bouley Bay kommen, bis es dann endlich wirklich soweit war. Übrigens mindestens eine Stunde vor dem letzten Bus. Die ganze Hetze war (natürlich) mehr oder weniger umsonst gewesen.

Ach ja, noch eine Frage an die Reichen unter meinen Lesern (neben der Frage, warum noch keine von euch Senftüten sich als Mäzen*in zur Verfügung gestellt hat): Wer kauft mit mir das Water’s Edge Hotel und bringt es wieder auf Vordermann? Ernstgemeine Angebote bitte in die Kommentare, verbindlichsten Dank.

Und nun war es unweigerlich soweit, noch ein paar letzte Fotos, ein paar Steine ins Wasser schmeißen, noch mal die Hand ins Meer halten, …

… ein letzter melancholischer Blick, …

… dann kam auch schon der Bus, und einer der schönsten Urlaube, die ich je hatte, ging zu Ende.

Aber heute ist nicht alle Tage, ich komm wieder, keine Frage.

Die vorletzte Etappe

So, hopphopphopp, auf zur nächsten Wanderung des Tages, und zwar ein bisschen zackig, damit wir in zweieinhalb Stunden in Greve de Lecq den Bus nach St. Helier kriegen, damit wir von da den Bus nach Bonne Nuit kriegen, damit wir nach Bouley Bay wandern können, damit wir die Inselumrundung noch komplett machen können.

Verdammt, ich bin jetzt schon außer Atem.

Nee, nix da, Moosebert, nicht hinsetzen, keine Zeit, keine Zeit, keine Zeit.

Okay, mal kurz Ruinen gucken ist noch drin. Hier waren wir zwar schon mal, aber diesmal sind wir ja von der anderen Seite gekommen.

Und meinetwegen auch noch mal in den Bunker, er ist zwar gruselig, aber auch hübsch bemalt. Also irgendwie.

Und immer wieder rauf und runter, runter und rauf. Im nächsten Urlaub dann aber mal was mit weniger Treppen.

Uff, geschafft, rein in den Bus und auf nach St. Helier, Nickerchen machen wir im Bus.

Hexen hexen

Warum ich eigentlich hierher wollte, weiß ich gar nicht mehr so genau, aber vermutlich hatte ich nur den Namen „Witches‘ Rock“ auf einer Karte gelesen und gedacht, dass das ein Ort ist, an dem ich mich wohlfühlen könnte. Blöderweise kann man heute nicht mehr so nah dran, dass man mit den alten, hässlichen Hexen tanzen könnte, denn heute liegt der Felsen auf dem Areal eines Hotels. Aber mit etwas Geschick kann man wenigstens Fotos machen. Ich weiß jetzt aber nicht, welchen Filter man drüber legen muss, um zu schauen, wo da jetzt genau die Hexen tanzen.

 

Die Zeit, bis der nächste Bus kam, verbrachte ich am Green Island und schaute nun, im Gegensatz zur Ebbe gestern, nicht auf eine Mondlandschaft, sondern auf Wasser, Wasser und noch mal Wasser. Und mit ein bisschen Fantasie schimmerte es sogar grün.

Hier hätte ich gern noch mehr Zeit verbracht, aber, aber, aber – am letzten Tag wollte ich gerne noch zwei Wanderungen machen und an weiteren Orten aufs Wasser schauen, an denen ich bisher noch nicht gewesen war. Ich war im reinsten AufsWasserschauenmüssen-Stress.

Vom Meer auf den Mond

Jetzt müssen wir uns aber langsam mal beeilen, um in den letzten zwei Tagen alles unterzukriegen, was hier noch zu sehen ist. Ich hasse diese Panik am Ende des Urlaubs, wenn einem klar wird, dass man all das Schöne, das es noch gibt, nicht in den letzten Stunden wird unterbringen können.

Aber an so einem schönen Tag wollen wir uns mal nicht stressen lassen. Ich begann meine heutige Tour am St Catherine’s Breakwater, ging aber diesmal nicht nord-, sondern südwärts, Richtung Gorey Castle. Das war mein Ziel für heute, dort angekommen, wollte ich spontan entscheiden, ob ich mit dem Bus nach Hause fahren oder weiter laufen wollte.

St Catherine’s war heute nicht annähernd so beschaulich wie beim ersten Mal, als ich hier gewesen war, es fand nämlich eine Regatta oder Ähnliches statt, was die Aussicht auf die Bucht noch schöner machte. Aber das hab ich ja auf den Kanalinseln schon öfter erlebt – immer, wenn man denkt, ein Anblick kann nicht mehr malerischer werden, klebt irgendwer ein Segelboot aufs Meer. Oder wie in diesem Fall gleich mehrere.

Der Wanderweg führte mich aber schon bald ein Stück vom Meer weg und anscheinend direkt zu Bilbo Baggins‘ Haus. Ich traute mich aber nicht zu klopfen, vielleicht waren die Zwerge ja grad bei einem Gelage, denen will man ja nicht in die Quere kommen.

Und immer wieder erlaubten die Bäume einen Blick aufs Wasser. Ich weiß nicht, ob es das Grün der Bäume ist, das das Blau des Meers so ganz anders strahlen lässt. Wie grüner Lidschatten über blauen Augen. Oder so. Möglichweise war ich aber auch einfach dehydriert.

Mir wurde ja auf Reisen schon mal vorgeworfen, ich fotografiere zu viel, aber ich mag es einfach, eine Wanderung Stück für Stück nachvollziehen zu können, wenn ich wieder zu Hause bin. Und man sieht so auch, wie viel Weg man schon zurückgelegt hat. Zum Beispiel diesen Turm hier, denn ich erst von Weitem,

dann von Nahem

und dann wieder von Weitem sah, wie er langsam in der Ferne und in der Vergangenheit verschwand.

Und hinter der nächsten Bucht musste auch „schon“ Gorey Castle sein.

Tatsächlich – aber doch immer noch ganz schön weit weg.

Was ich an Jersey und auch den anderen Inseln so sehr liebe, ist, dass man oft in etwa weiß, welche Aussicht einen an der und der Stelle erwartet, aber dass es einen dann doch jedes Mal wieder umhaut, wenn man erst mal da ist.

Und auch von innen ist das Schloss ganz schön beeindruckend. Ich hatte das Glück, dass ich mich noch schnell einer Führung anschließen konnte, die erst kurz vorher gestartet war. Auch hier führte uns – wie schon am Elizabeth Castle – ein Freiwilliger herum, und erneut war es eine erstklassige Führung. Roy würzte seine Ausführungen mit ein paar launigen Anekdoten, ein paar Nachdenklichkeiten und vor allem vielen, vielen Informationen. Und ich wünsche wirklich, mein Gedächtnis wäre besser. So kann ich nur berichten, dass die Burg eine sehr spannende und wechselvolle Geschichte hat. Wer mehr wissen will, fahre bitte hin und lasse sich das Ganze von Roy noch mal erzählen.

Spannend fand ich vor allem, dass sich in vielen Ecken und Winkeln der Burg diverse Ausstellungsstücke verbergen, wie zum Beispiel der „Mann“ auf dem folgenden Bild, der dem Besucher auf gar hübsche und kaum blutige Art und Weise zeigt, welch einen bunten Strauß von Verletzungen so ein Ritter in alten Zeiten im Kampfe davontragen konnte. So richtig was fürs Herz.

Interessant, aber keinesfalls schön, ist auch die Geschichte der untenstehendern Madonnenstatue, die, wie man sich vorstellen kann, nicht immer so ramponiert aussah wie heute. Schuld an ihrem heutigen Aussehen waren, wie an so vielem, die Nazis, die nichts Besseres zu tun hatten, als die gute Frau ins Meer zu schmeißen. Das passierte ihr wohl mehrfach, weswegen sie heute so aussieht, wie sie aussieht.

Ganz bezaubernd auch das Hexengatter:

Oder der Erbfolgebaum der Tudors:

Und nun zu einem Schmankerl für die medizinisch Interessierten: das Urin-Rad. Wenn ich das richtig verstanden hab, soll man anhand der Farbe der Ausscheidungen auf bestimmte Krankheiten schließen können. Aber mal ehrlich: Ich muss nicht Medizin studiert haben, um zu wissen, dass jemand, der dunkelgrün pinkelt, massive gesundheitliche Probleme hat.

Da schau ich mir doch lieber die rundherum autemberaubende Aussicht an.

Ach ja, Drachen gibt’s in der Burg auch:

Unser Guide hatte uns versprochen, wir könnten Eidechsen sehen, wenn wir nur gut acht gäben. Hier das beste Foto, das mir gelang:

Vom Urinrad zum Rad des Todes, einer ebenso beeindruckenden wie leicht morbiden Installation (samt Ton):

Lieber schnell wieder nach draußen an die frische Luft und den Elch ärgern.

Ich hätte bestimmt noch eine Stunde gucken können, aber ich wollte noch ein bisschen mehr sehen.

Das folgende Fort erweckte so sehr meine Neugier, dass ich mich für ein paar Fotos von Nahem oder vielleicht sogar von innen quasi in Lebensgefahr begab und einen Golfplatz überquerte – nur, um am Fort festzustellen, dass der Zutritt nicht gestattet war. Na danke auch.

Ich bin immer wieder überrascht, wie sehr die Gezeiten diese Insel verändern können. Diese Mondlandschaft liegt sonst metertief unter Wasser. (Vermutlich ist es deswegen dort auch grüner als auf dem Mond.)

Am Abend schließlich kam ich an La Rocque an und hätte eigentlich noch ein bisschen weitergehen wollen, aber da der nächste Bus schon in ein paar Minuten kommen sollte, konnte ich der Versuchung nicht widerstehen. Eine heiße Dusche und ein warmes Bett samt einem schönen Film, das Ganze garniert mit zwei Dosenbier – der perfekte Abschluss eines (schon wieder) tollen Tages. Ich erwähnte mal am Rande, dass ich hier nicht wieder weg möchte?