Mann für einen Tag

Da schreibt eine junge (haha) Frau, die so rein karrieremäßig nicht mehr ganz unten in der Nahrungskette steht, unter dem Hashtag #MannfuereinenTag sinngemäß in etwa folgenden Tweet „Nicht sofort gefragt werden, ob mein Chef da sei, obwohl ich die leitende Redakteurin bin.“

Weil es nämlich kolossal nervt, wenn man nur ans Telefon geht und für eine Tippse gehalten wird, die keine Ahnung hat. Weil es nervt, wenn zwei Minuten, nachdem man jemandem am Telefon was erklärt hat, der Apparat des männlichen Kollegen neben einem klingelt, der der betreffenden Person alles noch mal wortwörtlich genauso erklärt. Weil es nervt, dass Kollegen, die erst zwei Jahre da sind für kompetenter gehalten werden als die Frau, die die Abteilung vor zehn Jahren mit aufgebaut hat.

Was passiert als Nächstes? (Ach ja, um die Sache spannend zu machen, enthält der Tweet dummerweise ein „N“ an einer Stelle, an die es nicht gehört.)

Zwei Frauen faven den Tweet (Yes, sisters, I know you feel me).

Ein Mann, der keine Follower hat und erst einen Tweet geschrieben hat, antwortet: „Bei solchen Tweets kein Wunder, dass man Ihnen die Position nicht zutraut.“

Ein anderer Mann schreibt: „Als leitende Redakteurin wissen Sie ja sicher, dass das eine „N“ da nicht hingehört.“

Ein dritter Mann schreibt: „In der Position und dann so in Watte gepackt? Wie passt das denn zusammen?“

Es gibt Tage, an denen ich so was kalt lächelnd mit der witzigsten, besten, ironischsten Antwort kommentiere, die jemals auf Twitter veröffentlich wurde und denke: „Leckt mich doch am Arsch, ihr hohlen Kackbratzen. Genau wegen Spacken wie euch brauchen wir Feminismus, und wir werden gewinnen.“

Heute ist nicht einer dieser Tage. Heute hab ich nur den Tweet gelöscht und die Deppen blockiert.

Manchmal ist man halt schon am Anfang eines langen Weges erschöpft.

Einen Scheiß muss ich

Wenn ich so auf 2015 zurückschaue, und ich finde, im Februar kann man das noch tun, kommt mir das ganze Jahr vor wie ein einziges Rumgezerre. Überall Genöle, Gejammer, Gejaule und ich mittendrin. Und als ich irgendwann, zum Ende des Jahres, zu verstehen gab, dass ich nicht mehr kann, wurde mir wiederum zu verstehen gegeben, dass meine Persönlichkeit nicht in Ordnung sei. Dass ich doch bitte mehr lächeln und weniger schimpfen solle, dass ich alles wegzustecken habe und gefälligst immer gut drauf zu sein hätte, egal, wer alles in meiner Bekanntschaft stirbt und wer mir all seine Negativität und seine Unzufriedenheit vor die Füße kippt und sich im Gegenzug einen Scheiß dafür interessiert, was möglicherweise bei mir grad alles so schief läuft.

Gut, ich versuchte also, mich selbst zu optimieren, gelassener zu werden, mich weniger aufzuregen, den Ärger herunterzuschlucken. Das funktionierte so gut, dass ich Sodbrennen bekam und drei Kilo in einer Woche zunahm, ohne mehr gegessen zu haben als sonst. Möglicherweise machte ich also was falsch beim Entspannen und Nichtaufregen, denn mir ging es nicht besser damit.

Und irgendwann drängten sich mir diverse Fragen auf. Wann merke ich eigentlich, dass ich fertig bin mit all meiner Selbstoptimierung? Wann bin ich endlich der Mensch, der allen passt? Ab wie vielen Idioten, deren dummes und schlechtes Benehmen ich fein lächelnd toleriert habe, bin ich gut genug? Wie oft muss ich meinen Ärger runtergeschluckt haben, wie oft meine Wut im wahrsten Sinne des Wortes in mich reingefressen haben, damit ich für die Welt lieb und nett genug bin?

Ich kann nicht anders – wenn mir alles zu viel wird, muss ich mich eine Weile zurückziehen. Je mehr Ärger und Wut ich geschluckt habe, desto mehr Ruhe brauche ich um mich herum. Ach, ich sei ja nicht mehr sozialisierbar, heißt es dann. Hurra, ein weiterer Defekt an meiner Persönlichkeit, an dem ich arbeiten muss. Ich muss lernen, mit dem Stress anders umzugehen. Aber warum eigentlich immer ich? Warum muss ich mich weniger über die Idioten aufregen? Warum können die Idioten nicht einfach damit aufhören, so idiotisch zu sein?

Je mehr ich darüber nachdenke, wie ich es schaffen kann, es jedem recht zu machen (nie aus der Haut, dafür aber an die richtigen Urlaubsorte fahren, immer ein hübsch gekleideter, stets gutgelaunter Sonnenschein sein, der Freude und Frohsinn verbreitet, ausgeglichen, freundlich, die richtigen Serien gucken, nur gescheite Bücher lesen, schöne Hobbys haben, sich immer gewählt ausdrücken, nicht rülpsen und so weiter und so fort), desto öfter kommt mir die Postkarte in den Sinn, deren Text die Überschrift für diesen Post liefert: Einen Scheiß muss ich.

Ich muss gar nicht allen Leuten in den Kram passen. Und ich will das auch gar nicht. Wenn ich etwas will, dann meine Ruhe. Ich brauche keine Kommentare zu meinem Lebensstil, meinen Reisen, meiner Kleidung, meiner Frisur, meiner Ausdrucksweise und schon gar nicht zu meiner Persönlichkeit. Ich bin ja gar nicht auf der Welt, um anderen in den Kram zu passen, potztausend!

Ich muss also einen Scheiß. Aber vielleicht will ich ja was. Und wenn alle mal aufhören würden, mir laut ihre Meinung ins Ohr zu schreien und wild an mir herumzuzerren, dann hätte ich vielleicht auch mal genug Ruhe, um herauszufinden, was.

Altes Problem, neue Dimension

Ich weiß, wie vermutlich jeder, der nicht dabei war, nicht, was genau in der Silvesternacht in Köln, Hamburg oder Stuttgart passiert ist. Ich weiß nicht, ob die Täter wirklich alle einen Migrationshintergrund haben, ich weiß nicht, wie viele es waren und wie genau sie vorgegangen sind. Dazu will ich mich auch gar nicht äußern. Aber Tatsache ist ganz offensichtlich, dass an diesen Orten, in dieser Nacht, schlimme Dinge passiert sind, sexuelle, gewaltsame Übergriffe auf Frauen und Mädchen. Die Details kann ich nicht klären, das ist auch nicht meine Aufgabe. Zu sagen habe ich aber dennoch einiges zu dem Thema.

Damals, als ein #Aufschrei durch die Twitter-Welt ging, habe ich mich ja bereits zu den Themen „Sexuelle Übergriffe“ oder „Sexismus“ geäußert, zum Beispiel hier und hier. Und deswegen wundere ich mich grad auch. Zum einen erstaunt mich – auf positive Weise – dass den Opfern der Silvesternacht geglaubt wird. Das ist nach wie vor nicht selbstverständlich, denn im Allgemeinen wird den Frauen zumindest eine Teilschuld zugeschoben oder eine fiese Anmache abgetan als „na ja, jeder flirtet halt anders“ und „stell dich mal nicht so an“. Deswegen ist es ein großer Schritt nach vorne, dass die Opfer dieses Mal wohl tatsächlich ernstgenommen werden. Wenn ich jetzt ganz böse wäre, würde ich unterstellen, dass es vielen gut in den Kram passt, dass die Täter der Silvesternacht Berichten zufolge „nordafrikanisch“ oder „arabisch“ aussahen. Da kann man ein bisschen auf den Ausländern oder Flüchtlingen rumprügeln und die ganze Sache zu einem Problem machen, das seinen Ursprung in einem anderen Kulturkreis hat, anstatt sich an die eigene Nase zu fassen und zu schauen, ob nicht vielleicht auch in Deutschland und bei Deutschen bei diesem Thema gehörig was schief läuft. Denn machen wir uns nichts vor – wie das fantastische Satiremagazin extra 3 postete: „Nicht Ausländer, sondern Arschlöcher belästigen Frauen.“

Was mich noch erstaunt, ist, dass das Thema so große Wellen schlägt. Natürlich hatten die Angriffe der Silvesternacht eine völlig neue Dimension und „Qualität“ – aber wieso zur Hölle sind auf einmal alle so erstaunt, dass etwas passiert ist, was für die Hälfte der Bevölkerung mehr oder weniger zum Alltag gehört? Jeden Tag werden Frauen sexuell belästigt, vergewaltigt, blöde angemacht oder „nur“ wegen ihres Geschlechts benachteiligt. Das kann doch jetzt nicht wirklich jemanden überraschen? Den #Aufschrei vor ziemlich genau zwei Jahren schon vergessen? Ach nein – der kam ja von sexuell frustrierten Frauen, die nicht wussten, wie sie mit harmlosen Komplimenten umzugehen hatten.

Ich möchte noch mal kurz ein paar Beispiele geben: Ich wurde von fremden Männern in der U-Bahn betatscht, von einem Mitschüler sogar im Religionsunterricht, in einem Park von einem Wildfremden, dem ich nicht mal die Hand hätte geben wollen, „gebeten“, sein Ding anzufassen, einer anderen U-Bahn beim Aussteigen als „fette, alte Fotze“ beschimpft, weil ich mich nicht unterhalten wollte. Das. Ist. Alltag. Für. Frauen.

Da kommt mir der Ratschlag der Kölner Oberbürgermeisterin, doch einfach eine Armlänge Abstand zu anderen Menschen zu halten, gerade recht. Das war sicher gut gemeint, aber der Rat ist auf so vielen Ebenen doof, dass ich gar nicht weiß, wo ich anfangen soll. Als ich mit 20 von einem Frotteur in der Stuttgarter U-Bahn begrapscht wurde, war diese Bahn so voll, dass keine Chance bestand, jemanden nicht zu berühren. Bei dem Gedränge am Kölner Hauptbahnhof oder auf dem Kiez ist das manchmal genauso schwierig, weil es da echt voll ist – gerade zum Jahreswechsel. Zum Zweiten rückt dieser Hinweis Frauen mal wieder in die Rolle der Mitschuldigen – die haben sich ja sicher alle selber an die Angreifer rangeschmiert, die wollten das ja vielleicht so. Und aufreizend angezogen waren sie sicher auch (so wie ich in Jeans und BVB-Trikot, als mich der Typ im Park bat, ihn unsittlich zu berühren). Und zum Dritten: Wieso bringt man nicht endlich mal den übergriffigen Männern bei, sich anständig zu benehmen, anstatt den Frauen, die sich nichts zuschulden haben kommen lassen, zu raten, absurde Regeln zu befolgen? Wer jemandem weh tun will, tut das im Allgemeinen auch. Egal, was der andere für Klamotten trägt oder wie er oder sie sich sonst benimmt. Das Opfer ist nicht schuld. Punkt.

Wenn die Vorfälle von Köln, Hamburg und Stuttgart nun dazu beitragen, dass Frauen endlich zugehört wird, ist das das einzig halbwegs Gute daran. Dass immer erst so massiv etwas passieren muss, ist dagegen scheiße.

„Und? Wie war’s?“

Auf die oben zitierte Frage kann ich in diesem Jahr fast nur sagen: „Ich bin nur froh, wieder zu Hause zu sein.“

Rückblickend hätte ich mir diese Reise schenken sollen, aber ich wollte nun mal unbedingt noch wegfahren in diesem Jahr und auch unbedingt etwas weiter weg. Die geplante Rundreise durch Kalifornien mit einem einwöchigen Abstecher nach O’ahu konnte ich mir wegen der horrenden Zahnarztrechnungen in diesem Jahr nicht leisten, die Walguck-Reise an der Ostküste Kanadas war für mich als Single auch zu teuer, also wurde es Neuengland, wo ich eh schon immer mal hin wollte. Aber wer konnte schon wissen, dass das Wetter ab der Hälfte der Zeit scheiße sein würde. Wer weiß schon, dass die Gruppe bis auf ein paar Ausnahmen aus zu vielen Vollpfosten bestand? Dass der Indian Summer noch nicht soweit war und die Bäume bis auf ein paar Ausnahmen im schönsten Grün erstrahlten? Das kann einem immer passieren, und dass man so eine Reisegruppe erwischt wie damals in Hawai’i, ist ein solch seltenes Geschenk, dass fast klar war, dass das so schnell nicht wieder passiert.

Und vielleicht bin ich auch zu verwöhnt. Das wurde mir klar, als ich mich zum ersten Mal mit den Leuten aus der aktuellen Gruppe unterhielt. Als ich es mir nach der langen Arbeitslosigkeit endlich wieder hatte leisten können, in Urlaub zu fahren, war ich diejenige, die die anderen Leute bewunderte, weil sie schon so viel von der Welt gesehen hatten und ich gerade mal mit Interrrail durch Schottland und Familienurlauben in Dänemark und Malta punkten konnte. Inzwischen bin ich diejenige, die Sätze wie „Als wir damals am Yukon zelteten“ oder „am schönsten war der Sonnenaufgang über dem Krater auf Maui“ sagen kann. Nicht, dass ich das oft tue, aber manchen Leuten muss man es schon ein bisschen dicker aufs Brot schmieren, damit sie die Klappe halten. Vor allem solchen, die einem sagen, nach Neuseeland solle man nicht fahren, das lohne sich nicht, aber gleichzeitig nicht wissen, dass Bremen an der Weser liegt.

Es war klar, dass diese Reise anders werden würde als die beiden davor. Neuengland ist schön, keine Frage, aber es ist nicht so gewaltig, rauh und schön wie Alaska, nicht so fantastisch schön wie Hawai’i. Und auch wenn ich das nicht so erwartet hatte, war ich doch enttäuscht. Ich wollte das nur irgendwie veröffentlichen, es schnell raushauen, ich hatte mir unterwegs kaum Notizen gemacht (nach Hawai’i war der Block vollgeschrieben bis zum Anschlag) und auch keine Lust, das schön zu schreiben. Ich weiß, das merkt man dem Urlaubstagebuch an, aber jetzt habt ihr es ja auch überstanden. (Und ich auch.)

Und wenn man schon die nächste Reise plant, während die aktuelle noch nicht mal vorbei ist, ist auch nicht das beste Zeichen, oder? :-/

Postkarte

Brett im Kopf

schreib dein buch

Ich hatte mir in meinem jugendlichen Leichtsinn mal vorgenommen, bis zu meinem 40. einen richtigen Roman geschrieben zu haben. Nicht gleich veröffentlicht, denn das ist noch mal ein ganz anderer Schnack, aber zumindest fertig in der Schublade wollte ich das Manuskript haben. Es wäre schon der zweite Versuch gewesen, denn von meinem ersten Roman gibt es bereits 120 Seiten. Aber das Ding ist weit entfernt davon, fertig zu sein, noch nicht mal in meinem Kopf. Die zweite Idee dagegen hab ich so oft durchdacht, dass ich sie womöglich kaputtgedacht hab. Ich bin aber eigentlich nach wie vor davon überzeugt, dass es ein schönes Buch werden könnte, aber ich schaffe es nicht, es wirklich zu schreiben. Dabei habe ich auch dafür schon ungefähr 50 Seiten.

Aus dem Futur II im ersten Satz dieses Artikels ist also noch kein Präteritum geworden. Ich hab Phasen, in denen ich ordentlich was weggeschrieben kriege, aber dann kommt mir doch wieder was dazwischen. Meistens ist es die Arbeit, oft die andere Arbeit, häufig der Sport, manchmal nur der Abwasch oder die Tatsache, dass die Wollmäuse unter meinem Tisch Tango tanzen und die Essensreste auf meinen Geschirr allmählich anfangen zu sprechen.

Dabei hab ich das früher so gern gemacht. Zu den schönsten Erinnerungen meiner Kindheit und Jugend gehört es, in den Ferien lange aufzubleiben und zu schreiben. Damals noch mit der Hand, mit Füller, direkt in ein Heft, mit einem Tintenkiller als einzige Korrekturmöglichkeit. Das ganze Haus war ruhig, ich war ganz allein mit meinen Geschichten. Es waren meist kleine, hochnotpeinliche Teenager-Liebesgeschichten, von denen ich nicht möchte, dass sie je einer liest. Ich mochte auch damals nicht, dass sie jemand las, und vielleicht war das der Trick, beim Schreiben glücklich zu bleiben. Paul Auster zum Beispiel liest auch keine Artikel mehr über sich selbst. Ein weiser Mann.

Denn sehr viel öfter aber als der Alltag und die Tatsache, dass ich keine Putzfrau habe, halten mich die Geister der Vergangenheit vom Schreiben ab. Die Lehrerin, die mir „schlechte Sprache“ im Aufsatz anstrich, wenn ich einem Busfahrer ein paar derbere Ausdrücke in den Mund gelegt hatte. Ich versuchte ihr zu erklären, dass ein bräsiger westfälischer Mann in den mittleren Jahren nun man so redet, doch sie ließ sich nicht davon abbringen, dass es schlechte Sprache war. Offenbar traute man einer Drittklässlerin in den 80ern nicht zu, mit verschiedenen Sprachebenen zu spielen. Genauso wie der Deutschlehrer in der fünften und sechsten Klasse, der mir schlechte Noten im Aufsatz gab, weil ich mit Ironie gespielt hatte. Oder der Freund, der Sachen von mir las und genau die Punkte, die ich als erzählerische Kniffe eingebaut hatte, scheiße fand. Es gibt so einen Satz, der in etwa besagt, dass man eine so hoch entwickelte Form von Ironie und Sarkasmus erreicht hat, dass die Leute einen tatsächlich für blöde halten. Und auch, wenn ich heute weiß, warum ich damals schlechte Noten und dumme Kommentare bekam, höre ich immer noch im Hinterkopf eine fiese, kleine Stimme, die mir ins Hirn flüstert, ich solle es einfach sein lassen, ich könne doch eh nicht schreiben. Ich habe das Brett nicht vorm Kopf, ich hab es direkt drin.

Na ja, dann schreib ich den Roman eben zum 50. fertig. Irgendwann muss das ja mal aufgearbeitet sein. Bin dahin kann ich ja weiter bloggen, das ist schließlich auch schreiben. So.

Nett sein, Arschloch!

Diese von einem Bierdeckel inspirierte Überschrift passte noch nie besser, scheint mir.

Ich kaufe mir ein neues Paar Schuhe und muss mich als Erstes naserümpfend fragen lassen: „Na, bei dir der Reichtum ausgebrochen?“

Jemand macht eine Weltreise, und jemand anders hat nichts Besseres dazu zu sagen als „Hast du zu viel Geld?“

Ich poste ein lustiges Foto zum BVB-Sieg gegen Freiburg auf Twitter und kriege als Kommentar ein „Ihr hättet verlieren sollen.“ (Und werde nach einigen Antwort-Tweets als unfreundlich bezeichnet.)

Ich seh im Urlaub den ersten echten Elch meines Lebens und muss mir sagen lassen „Aber ein Männchen, so richtig mit Geweih, wäre schon toller gewesen.“

Man versichert einer guten Freundin, es sei ganz normal, dass man sich nach einer schlimmen Trennung furchtbar fühle und einem selbst die einfachsten Handgriffe zu schwer seien und bekommt an den Kopf geknallt: „Ich will dir ja nicht zu nahe treten, aber du hattest ja noch nie so eine lange Beziehung.“

Ich berichte von meinem Job und werde gefragt, ob man „für so was“ denn „wirklich Redakteurin“ sein müsse.

Ich erzähle, ich sei allein an den Yukon gefahren und bekomme als Antwort: „Glaub ich dir nicht.“

Nach einem wunderbaren Abend in der Kneipe mit Leuten, die ich lange nicht gesehen hab, muss ich mir sagen lassen: „Tja. Wenn du ein Kind hättest, könntest du nicht mehr nächtelang saufen gehen.“

Ich schildere Pläne für ein neues Hobby und höre nur „Wann willst du denn das noch machen?“

Man bastelt ein Weihnachtsgeschenk mit viel Mühe und Arbeit und Herzblut, und alles, was man bekommt, ist ein lapidares „Damit hast du dir ja nun ein Denkmal gesetzt.“

Ich berichte, wie gut es mir gerade geht und was alles Schönes in meinem Leben passiert ist und alles, was meinem Gegenüber wichtig ist, ist: „Aber einen Freund hast du immer noch nicht, oder?“

Was ist eigentlich los mit uns?! Muss man immer alles madig machen und einen dummen, vermeintlich coolen Spruch bringen? Ist das wirklich so viel einfacher, als einfach mal zu sagen: „Wie schön, ich freue mich für dich?“

Wer um Schläge bettelt …

Man muss sich gelegentlich wundern. Es gibt ja so Leute, die sich ständig selbst auf die Schulter klopfen und sich ein wenig verschämt als „Quer-„, wahlweise als „Sturkopf“ bezeichnen. (Man muss übrigens lange dafür üben, das hinzukriegen, das Schulterklopfen und das gleichzeitige verschämte Gucken). Solche Leute brüsten sich dann gern damit, gegen den Strom zu schwimmen und ach so freigeistig zu sei, obwohl sie doch nur ein Loch im Kopf haben und das Gehirn Zug kriegt. Solche Leute provozieren gern, hinterlassen kleine Frechheiten in Kommentaren, sticheln einen von hinten fies an und betteln damit förmlich darum, sie mittels schlagkräftiger Argumente zum Verstummen zu bringen. Um anschließend tödlich beleidigt zu sein, wenn man zurückschlägt und es wagt, ihnen Contra zu geben.

Ich saß mal im Religionsunterricht in der zehnten Klasse neben so jemanden, der mich so lange provozierte, dumm von der Seite anlaberte und piesackte, bis ich sagte: „Wenn du noch ein Stück näher kommst, klatsche ich dir eine.“ Das glaubte er nicht, rutschte besagtes Stück näher – und fing sich die schönste und klangvollste Backpfeife, die ich je austeilen durfte. (Eigentlich auch die einzige.) Mitten im Unterricht. Der Lehrer war entsetzt, aber seltsamerweise hatte das Ganze nie Konsequenzen. Ich vermute bis heute, dass mein Name  an diesem Nachmittag im Lehrerzimmer begeistert skandiert wurde, weil endlich jemand das getan hatte, was der Lehrkörper gern seit Jahren getan hätte, ihm aber aufgrund der Gesetzeslage versagt bleiben musste: dem frechen kleinen Sack eine zu verpassen.

Ich vermute mal, besagter Blödmann war ziemlich überrascht – dabei hatte er doch förmlich um diese Züchtigung gebeten. Ähnliches gilt für Leute, die die ganze Zeit herumsticheln und dumme Sprüche machen und sich dabei offenbar auf der sicheren Seite wähnen – ist ja alles nur Spaß, war ja nicht so gemeint, nun sei doch nicht so, haha. Zuletzt durfte ich das vor einigen Wochen erleben. Der Anlass ist egal, aber nach einer Stunde Gestichel entfleuchte mir ein zartes „Hältst du jetzt endlich mal deine Fresse?“ Hoho, große Empörung, abwehrende Haltung, „Ich hab doch gar nicht dich gemeint“-Gelaber, das volle Programm eben. Leute, wenn ihr das Echo nicht vertragen könnt, redet einfach keinen Mist. Oder habt bei Gegenwind wenigstens auch einen Arsch in der Hose und knickt nicht winselnd zusammen.

Und wie verlogen ist das bitte, dauernd blöde Kommentare abzusondern, aber bei Gegenwind zu sagen, dass sei doch alles nicht so gemeint gewesen – nur, weil jemand die Frechheit hatte, nicht duckmäuserisch nickend neben euch zu stehen und euch in eurer vermeintlichen Allwissenheit glänzen zu lassen? Pfffffffft.

Von wegen Schall und Rauch

Achtung, es folgt eine Tirade.

Ich bin schon mit vielen Namen und Ausdrücken bedacht worden: Tussi, Schnepfe, Zecke, Ziege, blöde Kuh, dummes Schaf und noch so einiges mehr. Diese Bezeichnungen sind aber ein Dreck gegen die drei mit Abstand schlimmsten Namen, mit denen ich bislang bedacht worden bin: Kerstin, Kirstin, Kristin. (Und in englischsprachigen Ländern gern auch mal Kristen.)

Nichts gegen diese Namen an sich, aber ich heiße eben nicht so. (Und ich würde auch nicht so heißen, wenn mein Vater nicht bei der Namenswahl wie später noch so oft im Leben mit zwei Frauen das kürzere Streichholz gezogen hätte. So zumindest die Legende.) Schon seit meiner Kindheit hab ich das Problem, dass Leute sich meinen Vornamen nicht korrekt merken können oder wollen. „Ach, Kerstin klingt aber auch fast genauso“, durfte ich mir schon anhören und frage mich immer, ob ich dann nicht einfach dazu übergehen sollte, jede Monika so lange Martina zu nennen und jeden Heinz einfach Horst, bis sie es verstanden haben.

Vielleicht bin ich da auch einfach nur besonders zickig, aber ich finde schon, dass man seinen Mitmenschen so viel Wertschätzung entgegenbringen sollte, sich ihre Namen korrekt zu merken. Dazu gehört im Übrigen auch, meinen Nachnamen nicht mit penetranter Hartnäckigkeit als „Conrady“ oder „Konrady“ oder „Conradi“ zu verhunzen, weil es doch „egal“ sei, wie mir mal eine Arzthelferin versicherte.

(Was ich auch als diskriminierend empfinde, ist die Tatsache, dass es mit meinem Namen kaum Gedöns gibt. Der erste Schlüsselanhänger mit meinem Namen, der je in meinen Besitz gelangte, hatte eine Diddl-Maus vorne drauf. Das will man doch nicht!)

„Also, ich hör immer nur ‚Kerstin'“, sagte mir zuletzt jemand entschuldigend. Ja, und? Ich hör permanent Stimmen, die mir sagen, ich müsse Leute zusammenscheißen, und nur die Hälfte der Zeit mache ich das auch! Verdammt noch eins!

So. Danke für die Aufmerksamkeit.

Weitermachen.

Auch eine „von denen“

Ich weiß gar nicht mehr, wo ich neulich die unschöne Formulierung „der ist ja total Hartz IV“ las. Ich weiß aber noch, was ich als Erstes dachte. Nämlich „Hoppla! Wie ist man denn, wenn man Hartz IV ist?“ Dann erinnerte ich mich an eine Diskussion, die ich im Urlaub mit einer anderen Deutschen hatte. Irgendwie kamen wir auf das Thema Arbeitslosigkeit, und es begann der übliche Rant. Die faulen Arbeitslosen, die den ganzen Tag nur dem Staat auf der Tasche liegen, die gar nicht arbeiten wollen, weil das Leben auf staatlichen Bezügen ja sooo schön ist. Und die alle Flachbildschirme zu Hause haben und nur die neuesten technischen Errungenschaften.

Ich ließ die Dame in Ruhe ausreden und erfreute mich an ihrem verstörten Gesicht, als ich abschließend mit freundlichem Lächeln sagte: „Ich war ja damals übrigens eine der Ersten, die von der der Hartz-Reform betroffen waren.“

Auch die folgende Stotter-Arie war sehr schön mitanzuhören: „Du!? … Aber du bist doch … Also, ich meine, du hast doch … Und so war das auch gar nicht gemeint …“

Ich kann dann immer nur sagen: „Ja, auch ich war mal arbeitslos und habe ALG II bezogen, im Volksmund fälschlicherweise immer Hartz IV genannt, und ja, ich bin Redakteurin und ja, ich hab studiert und so was alles. Und doch, es war genauso gemeint.“ Ich sage so was gern, und ich sage so was laut. Ich schäme mich nämlich nicht, dass ich mal arbeitslos war. Warum auch? Die Zeiten sind schwierig, die Arbeitgeber Idioten, man ist zur falschen Zeit am falschen Ort – und schon ist man nach unten durchgereicht worden. Es tut mir leid, wenn ich dem Klischee vom im Doppelripp-Unterhemd vor seinem Flachbildfernseher rauchenden Proll, der sich auf Kosten des Staates die Eier schaukelt, so gar nicht entspreche. Und- kleine Überraschung – viele Arbeitslose entsprechen diesem Bild nicht, bewerben sich ohne Ende und strampeln sich ab, um dem Staat eben nicht auf der Tasche zu liegen. Ein so tolles Gefühl ist das nämlich auch wieder nicht. Es wäre schön, wenn Ihr Euch Euer Urteil nicht nur mit Medienberichten für betrunkene Schimpansen bilden würdet und man dieses „der ist ja total Hartz IV“ nicht mehr so oft hören müsste.