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Mann für einen Tag

Da schreibt eine junge (haha) Frau, die so rein karrieremäßig nicht mehr ganz unten in der Nahrungskette steht, unter dem Hashtag #MannfuereinenTag sinngemäß in etwa folgenden Tweet „Nicht sofort gefragt werden, ob mein Chef da sei, obwohl ich die leitende Redakteurin bin.“

Weil es nämlich kolossal nervt, wenn man nur ans Telefon geht und für eine Tippse gehalten wird, die keine Ahnung hat. Weil es nervt, wenn zwei Minuten, nachdem man jemandem am Telefon was erklärt hat, der Apparat des männlichen Kollegen neben einem klingelt, der der betreffenden Person alles noch mal wortwörtlich genauso erklärt. Weil es nervt, dass Kollegen, die erst zwei Jahre da sind für kompetenter gehalten werden als die Frau, die die Abteilung vor zehn Jahren mit aufgebaut hat.

Was passiert als Nächstes? (Ach ja, um die Sache spannend zu machen, enthält der Tweet dummerweise ein „N“ an einer Stelle, an die es nicht gehört.)

Zwei Frauen faven den Tweet (Yes, sisters, I know you feel me).

Ein Mann, der keine Follower hat und erst einen Tweet geschrieben hat, antwortet: „Bei solchen Tweets kein Wunder, dass man Ihnen die Position nicht zutraut.“

Ein anderer Mann schreibt: „Als leitende Redakteurin wissen Sie ja sicher, dass das eine „N“ da nicht hingehört.“

Ein dritter Mann schreibt: „In der Position und dann so in Watte gepackt? Wie passt das denn zusammen?“

Es gibt Tage, an denen ich so was kalt lächelnd mit der witzigsten, besten, ironischsten Antwort kommentiere, die jemals auf Twitter veröffentlich wurde und denke: „Leckt mich doch am Arsch, ihr hohlen Kackbratzen. Genau wegen Spacken wie euch brauchen wir Feminismus, und wir werden gewinnen.“

Heute ist nicht einer dieser Tage. Heute hab ich nur den Tweet gelöscht und die Deppen blockiert.

Manchmal ist man halt schon am Anfang eines langen Weges erschöpft.


Einen Scheiß muss ich

Wenn ich so auf 2015 zurückschaue, und ich finde, im Februar kann man das noch tun, kommt mir das ganze Jahr vor wie ein einziges Rumgezerre. Überall Genöle, Gejammer, Gejaule und ich mittendrin. Und als ich irgendwann, zum Ende des Jahres, zu verstehen gab, dass ich nicht mehr kann, wurde mir wiederum zu verstehen gegeben, dass meine Persönlichkeit nicht in Ordnung sei. Dass ich doch bitte mehr lächeln und weniger schimpfen solle, dass ich alles wegzustecken habe und gefälligst immer gut drauf zu sein hätte, egal, wer alles in meiner Bekanntschaft stirbt und wer mir all seine Negativität und seine Unzufriedenheit vor die Füße kippt und sich im Gegenzug einen Scheiß dafür interessiert, was möglicherweise bei mir grad alles so schief läuft.

Gut, ich versuchte also, mich selbst zu optimieren, gelassener zu werden, mich weniger aufzuregen, den Ärger herunterzuschlucken. Das funktionierte so gut, dass ich Sodbrennen bekam und drei Kilo in einer Woche zunahm, ohne mehr gegessen zu haben als sonst. Möglicherweise machte ich also was falsch beim Entspannen und Nichtaufregen, denn mir ging es nicht besser damit.

Und irgendwann drängten sich mir diverse Fragen auf. Wann merke ich eigentlich, dass ich fertig bin mit all meiner Selbstoptimierung? Wann bin ich endlich der Mensch, der allen passt? Ab wie vielen Idioten, deren dummes und schlechtes Benehmen ich fein lächelnd toleriert habe, bin ich gut genug? Wie oft muss ich meinen Ärger runtergeschluckt haben, wie oft meine Wut im wahrsten Sinne des Wortes in mich reingefressen haben, damit ich für die Welt lieb und nett genug bin?

Ich kann nicht anders – wenn mir alles zu viel wird, muss ich mich eine Weile zurückziehen. Je mehr Ärger und Wut ich geschluckt habe, desto mehr Ruhe brauche ich um mich herum. Ach, ich sei ja nicht mehr sozialisierbar, heißt es dann. Hurra, ein weiterer Defekt an meiner Persönlichkeit, an dem ich arbeiten muss. Ich muss lernen, mit dem Stress anders umzugehen. Aber warum eigentlich immer ich? Warum muss ich mich weniger über die Idioten aufregen? Warum können die Idioten nicht einfach damit aufhören, so idiotisch zu sein?

Je mehr ich darüber nachdenke, wie ich es schaffen kann, es jedem recht zu machen (nie aus der Haut, dafür aber an die richtigen Urlaubsorte fahren, immer ein hübsch gekleideter, stets gutgelaunter Sonnenschein sein, der Freude und Frohsinn verbreitet, ausgeglichen, freundlich, die richtigen Serien gucken, nur gescheite Bücher lesen, schöne Hobbys haben, sich immer gewählt ausdrücken, nicht rülpsen und so weiter und so fort), desto öfter kommt mir die Postkarte in den Sinn, deren Text die Überschrift für diesen Post liefert: Einen Scheiß muss ich.

Ich muss gar nicht allen Leuten in den Kram passen. Und ich will das auch gar nicht. Wenn ich etwas will, dann meine Ruhe. Ich brauche keine Kommentare zu meinem Lebensstil, meinen Reisen, meiner Kleidung, meiner Frisur, meiner Ausdrucksweise und schon gar nicht zu meiner Persönlichkeit. Ich bin ja gar nicht auf der Welt, um anderen in den Kram zu passen, potztausend!

Ich muss also einen Scheiß. Aber vielleicht will ich ja was. Und wenn alle mal aufhören würden, mir laut ihre Meinung ins Ohr zu schreien und wild an mir herumzuzerren, dann hätte ich vielleicht auch mal genug Ruhe, um herauszufinden, was.


Altes Problem, neue Dimension

Ich weiß, wie vermutlich jeder, der nicht dabei war, nicht, was genau in der Silvesternacht in Köln, Hamburg oder Stuttgart passiert ist. Ich weiß nicht, ob die Täter wirklich alle einen Migrationshintergrund haben, ich weiß nicht, wie viele es waren und wie genau sie vorgegangen sind. Dazu will ich mich auch gar nicht äußern. Aber Tatsache ist ganz offensichtlich, dass an diesen Orten, in dieser Nacht, schlimme Dinge passiert sind, sexuelle, gewaltsame Übergriffe auf Frauen und Mädchen. Die Details kann ich nicht klären, das ist auch nicht meine Aufgabe. Zu sagen habe ich aber dennoch einiges zu dem Thema.

Damals, als ein #Aufschrei durch die Twitter-Welt ging, habe ich mich ja bereits zu den Themen „Sexuelle Übergriffe“ oder „Sexismus“ geäußert, zum Beispiel hier und hier. Und deswegen wundere ich mich grad auch. Zum einen erstaunt mich – auf positive Weise – dass den Opfern der Silvesternacht geglaubt wird. Das ist nach wie vor nicht selbstverständlich, denn im Allgemeinen wird den Frauen zumindest eine Teilschuld zugeschoben oder eine fiese Anmache abgetan als „na ja, jeder flirtet halt anders“ und „stell dich mal nicht so an“. Deswegen ist es ein großer Schritt nach vorne, dass die Opfer dieses Mal wohl tatsächlich ernstgenommen werden. Wenn ich jetzt ganz böse wäre, würde ich unterstellen, dass es vielen gut in den Kram passt, dass die Täter der Silvesternacht Berichten zufolge „nordafrikanisch“ oder „arabisch“ aussahen. Da kann man ein bisschen auf den Ausländern oder Flüchtlingen rumprügeln und die ganze Sache zu einem Problem machen, das seinen Ursprung in einem anderen Kulturkreis hat, anstatt sich an die eigene Nase zu fassen und zu schauen, ob nicht vielleicht auch in Deutschland und bei Deutschen bei diesem Thema gehörig was schief läuft. Denn machen wir uns nichts vor – wie das fantastische Satiremagazin extra 3 postete: „Nicht Ausländer, sondern Arschlöcher belästigen Frauen.“

Was mich noch erstaunt, ist, dass das Thema so große Wellen schlägt. Natürlich hatten die Angriffe der Silvesternacht eine völlig neue Dimension und „Qualität“ – aber wieso zur Hölle sind auf einmal alle so erstaunt, dass etwas passiert ist, was für die Hälfte der Bevölkerung mehr oder weniger zum Alltag gehört? Jeden Tag werden Frauen sexuell belästigt, vergewaltigt, blöde angemacht oder „nur“ wegen ihres Geschlechts benachteiligt. Das kann doch jetzt nicht wirklich jemanden überraschen? Den #Aufschrei vor ziemlich genau zwei Jahren schon vergessen? Ach nein – der kam ja von sexuell frustrierten Frauen, die nicht wussten, wie sie mit harmlosen Komplimenten umzugehen hatten.

Ich möchte noch mal kurz ein paar Beispiele geben: Ich wurde von fremden Männern in der U-Bahn betatscht, von einem Mitschüler sogar im Religionsunterricht, in einem Park von einem Wildfremden, dem ich nicht mal die Hand hätte geben wollen, „gebeten“, sein Ding anzufassen, einer anderen U-Bahn beim Aussteigen als „fette, alte Fotze“ beschimpft, weil ich mich nicht unterhalten wollte. Das. Ist. Alltag. Für. Frauen.

Da kommt mir der Ratschlag der Kölner Oberbürgermeisterin, doch einfach eine Armlänge Abstand zu anderen Menschen zu halten, gerade recht. Das war sicher gut gemeint, aber der Rat ist auf so vielen Ebenen doof, dass ich gar nicht weiß, wo ich anfangen soll. Als ich mit 20 von einem Frotteur in der Stuttgarter U-Bahn begrapscht wurde, war diese Bahn so voll, dass keine Chance bestand, jemanden nicht zu berühren. Bei dem Gedränge am Kölner Hauptbahnhof oder auf dem Kiez ist das manchmal genauso schwierig, weil es da echt voll ist – gerade zum Jahreswechsel. Zum Zweiten rückt dieser Hinweis Frauen mal wieder in die Rolle der Mitschuldigen – die haben sich ja sicher alle selber an die Angreifer rangeschmiert, die wollten das ja vielleicht so. Und aufreizend angezogen waren sie sicher auch (so wie ich in Jeans und BVB-Trikot, als mich der Typ im Park bat, ihn unsittlich zu berühren). Und zum Dritten: Wieso bringt man nicht endlich mal den übergriffigen Männern bei, sich anständig zu benehmen, anstatt den Frauen, die sich nichts zuschulden haben kommen lassen, zu raten, absurde Regeln zu befolgen? Wer jemandem weh tun will, tut das im Allgemeinen auch. Egal, was der andere für Klamotten trägt oder wie er oder sie sich sonst benimmt. Das Opfer ist nicht schuld. Punkt.

Wenn die Vorfälle von Köln, Hamburg und Stuttgart nun dazu beitragen, dass Frauen endlich zugehört wird, ist das das einzig halbwegs Gute daran. Dass immer erst so massiv etwas passieren muss, ist dagegen scheiße.


„Und? Wie war’s?“

Auf die oben zitierte Frage kann ich in diesem Jahr fast nur sagen: „Ich bin nur froh, wieder zu Hause zu sein.“

Rückblickend hätte ich mir diese Reise schenken sollen, aber ich wollte nun mal unbedingt noch wegfahren in diesem Jahr und auch unbedingt etwas weiter weg. Die geplante Rundreise durch Kalifornien mit einem einwöchigen Abstecher nach O’ahu konnte ich mir wegen der horrenden Zahnarztrechnungen in diesem Jahr nicht leisten, die Walguck-Reise an der Ostküste Kanadas war für mich als Single auch zu teuer, also wurde es Neuengland, wo ich eh schon immer mal hin wollte. Aber wer konnte schon wissen, dass das Wetter ab der Hälfte der Zeit scheiße sein würde. Wer weiß schon, dass die Gruppe bis auf ein paar Ausnahmen aus zu vielen Vollpfosten bestand? Dass der Indian Summer noch nicht soweit war und die Bäume bis auf ein paar Ausnahmen im schönsten Grün erstrahlten? Das kann einem immer passieren, und dass man so eine Reisegruppe erwischt wie damals in Hawai’i, ist ein solch seltenes Geschenk, dass fast klar war, dass das so schnell nicht wieder passiert.

Und vielleicht bin ich auch zu verwöhnt. Das wurde mir klar, als ich mich zum ersten Mal mit den Leuten aus der aktuellen Gruppe unterhielt. Als ich es mir nach der langen Arbeitslosigkeit endlich wieder hatte leisten können, in Urlaub zu fahren, war ich diejenige, die die anderen Leute bewunderte, weil sie schon so viel von der Welt gesehen hatten und ich gerade mal mit Interrrail durch Schottland und Familienurlauben in Dänemark und Malta punkten konnte. Inzwischen bin ich diejenige, die Sätze wie „Als wir damals am Yukon zelteten“ oder „am schönsten war der Sonnenaufgang über dem Krater auf Maui“ sagen kann. Nicht, dass ich das oft tue, aber manchen Leuten muss man es schon ein bisschen dicker aufs Brot schmieren, damit sie die Klappe halten. Vor allem solchen, die einem sagen, nach Neuseeland solle man nicht fahren, das lohne sich nicht, aber gleichzeitig nicht wissen, dass Bremen an der Weser liegt.

Es war klar, dass diese Reise anders werden würde als die beiden davor. Neuengland ist schön, keine Frage, aber es ist nicht so gewaltig, rauh und schön wie Alaska, nicht so fantastisch schön wie Hawai’i. Und auch wenn ich das nicht so erwartet hatte, war ich doch enttäuscht. Ich wollte das nur irgendwie veröffentlichen, es schnell raushauen, ich hatte mir unterwegs kaum Notizen gemacht (nach Hawai’i war der Block vollgeschrieben bis zum Anschlag) und auch keine Lust, das schön zu schreiben. Ich weiß, das merkt man dem Urlaubstagebuch an, aber jetzt habt ihr es ja auch überstanden. (Und ich auch.)

Und wenn man schon die nächste Reise plant, während die aktuelle noch nicht mal vorbei ist, ist auch nicht das beste Zeichen, oder? :-/

Postkarte


Brett im Kopf

schreib dein buch

Ich hatte mir in meinem jugendlichen Leichtsinn mal vorgenommen, bis zu meinem 40. einen richtigen Roman geschrieben zu haben. Nicht gleich veröffentlicht, denn das ist noch mal ein ganz anderer Schnack, aber zumindest fertig in der Schublade wollte ich das Manuskript haben. Es wäre schon der zweite Versuch gewesen, denn von meinem ersten Roman gibt es bereits 120 Seiten. Aber das Ding ist weit entfernt davon, fertig zu sein, noch nicht mal in meinem Kopf. Die zweite Idee dagegen hab ich so oft durchdacht, dass ich sie womöglich kaputtgedacht hab. Ich bin aber eigentlich nach wie vor davon überzeugt, dass es ein schönes Buch werden könnte, aber ich schaffe es nicht, es wirklich zu schreiben. Dabei habe ich auch dafür schon ungefähr 50 Seiten.

Aus dem Futur II im ersten Satz dieses Artikels ist also noch kein Präteritum geworden. Ich hab Phasen, in denen ich ordentlich was weggeschrieben kriege, aber dann kommt mir doch wieder was dazwischen. Meistens ist es die Arbeit, oft die andere Arbeit, häufig der Sport, manchmal nur der Abwasch oder die Tatsache, dass die Wollmäuse unter meinem Tisch Tango tanzen und die Essensreste auf meinen Geschirr allmählich anfangen zu sprechen.

Dabei hab ich das früher so gern gemacht. Zu den schönsten Erinnerungen meiner Kindheit und Jugend gehört es, in den Ferien lange aufzubleiben und zu schreiben. Damals noch mit der Hand, mit Füller, direkt in ein Heft, mit einem Tintenkiller als einzige Korrekturmöglichkeit. Das ganze Haus war ruhig, ich war ganz allein mit meinen Geschichten. Es waren meist kleine, hochnotpeinliche Teenager-Liebesgeschichten, von denen ich nicht möchte, dass sie je einer liest. Ich mochte auch damals nicht, dass sie jemand las, und vielleicht war das der Trick, beim Schreiben glücklich zu bleiben. Paul Auster zum Beispiel liest auch keine Artikel mehr über sich selbst. Ein weiser Mann.

Denn sehr viel öfter aber als der Alltag und die Tatsache, dass ich keine Putzfrau habe, halten mich die Geister der Vergangenheit vom Schreiben ab. Die Lehrerin, die mir „schlechte Sprache“ im Aufsatz anstrich, wenn ich einem Busfahrer ein paar derbere Ausdrücke in den Mund gelegt hatte. Ich versuchte ihr zu erklären, dass ein bräsiger westfälischer Mann in den mittleren Jahren nun man so redet, doch sie ließ sich nicht davon abbringen, dass es schlechte Sprache war. Offenbar traute man einer Drittklässlerin in den 80ern nicht zu, mit verschiedenen Sprachebenen zu spielen. Genauso wie der Deutschlehrer in der fünften und sechsten Klasse, der mir schlechte Noten im Aufsatz gab, weil ich mit Ironie gespielt hatte. Oder der Freund, der Sachen von mir las und genau die Punkte, die ich als erzählerische Kniffe eingebaut hatte, scheiße fand. Es gibt so einen Satz, der in etwa besagt, dass man eine so hoch entwickelte Form von Ironie und Sarkasmus erreicht hat, dass die Leute einen tatsächlich für blöde halten. Und auch, wenn ich heute weiß, warum ich damals schlechte Noten und dumme Kommentare bekam, höre ich immer noch im Hinterkopf eine fiese, kleine Stimme, die mir ins Hirn flüstert, ich solle es einfach sein lassen, ich könne doch eh nicht schreiben. Ich habe das Brett nicht vorm Kopf, ich hab es direkt drin.

Na ja, dann schreib ich den Roman eben zum 50. fertig. Irgendwann muss das ja mal aufgearbeitet sein. Bin dahin kann ich ja weiter bloggen, das ist schließlich auch schreiben. So.