Innerer Dialog

Herz: Psst.

Kopf: (reagiert nicht)

Herz: Psst, Kopf. Hey, Kopf!

Kopf: (unwillig) Was ist?

Herz: Was machst du grad?

Kopf: Kreditkartenabrechnungen aus dem Urlaub sortieren.

Herz: Aaah, ja. Urlaub.

Kopf: (alarmiert, macht aber weiter, als habe er nichts gehört)

Herz: (träumerisch) Neuseeland, was?

Kopf: Hm-hm.

Herz: War schön da, oder?

Kopf: (sortiert weiter Zettelchen) Hm-hm.

Herz: Ach komm, selbst dir altem Zyniker hat es da doch gefallen.

Kopf: (sortiert weiter Zettelchen) Ja, doch …

Herz: Du, ich hab da mal über was nachgedacht.

Kopf: Uh oh.

Herz: Wir haben schon lange nichts mehr gemacht, was ich wollte, oder?

Kopf: Du meinst was komplett Bescheuertes, was kein normaler Mensch tun würde?

Herz: Ich meine was, was uns glücklich machen würde.

Kopf: Als ob wir beiden uns jemals über dasselbe freuen würden.

Herz: (unbeeindruckt) Ich finde, wir müssten mal was ändern.

Kopf: Was ändern?

Herz: Irgendwas an der Art, wie wir so leben.

Kopf: Was ist falsch daran? Wir mögen unseren Job, verdienen gutes Geld, eine Wohnung ohne Schimmel finden wir sicher auch bald, das ist doch prima so.

Herz: (seufzt) Ja, sicher. „Prima“.

Kopf: (hofft auf Frieden und beginnt wieder, Rechnungen zu sortieren)

Herz: Aber vielleicht ist da draußen noch mehr, was auf uns wartet. Was Aufregendes.

Kopf: Spitzenidee. Davon kriegst du nur wieder Rhythmusstörungen, dann kommt der Magen wieder an und nervt auch mit was, ich krieg auch wieder dieses Ziehen hinterm Auge … Das macht nur Ärger, wenn wir wieder was Aufregendes machen. Wir fahren nächstes Wochenende an die Ostsee, okay?

Herz: Ach, die Ostsee. Ja, schön.

Kopf: Hase, wir sind echt zu alt, was richtig großes Neues anzufangen.

Herz: Wir sind noch nicht mal 45! Da ist noch nicht mal ansatzweise die Hälfte rum, wenn man vorhat, unsterblich zu werden. Was wir jetzt haben, ist schön, aber die letzten Jahre waren auch echt stressig. Und das kann doch noch nicht alles gewesen sein. Wir können doch nicht einfach bis zur Rente so weitermachen.

Kopf: WAS. WILLST. DU.

Herz: Ich will Neuseeland. Nicht gleich für immer, aber mal so zeitweise. Für länger. Immer mal wieder.

Kopf: (erleichtert) Ach so. Das kennen wir doch schon. Du willst das immer nach dem Urlaub. Du wolltest auch schon Key West, du wolltest Vancouver, dann wolltest du Hawai’i, dann Alderney, jetzt willst du halt Neuseeland.

Herz: Diesmal ist es anders. Diesmal hab ich mich komplett zu Hause gefühlt.

Kopf: Ach, hör doch auf. Das andere Ende der Welt. Komplizierter geht es wohl wieder nicht.

Herz: (singt) I won’t take the easy road …

Kopf: Und was willst du da machen?

Herz: Keine Ahnung. Das wäre dann deine Aufgabe, uns was zu suchen. Du könntest endlich mal einen Buchvertrag an Land ziehen, schreiben können wir überall.

Kopf: Na, danke. Ich hab ja auch sonst nichts zu tun, als schon wieder was zu organisieren.

Herz: Bitte, es ist wirklich wichtig, wir können nicht einfach so weitermachen, dann werden wir doch bescheuert.

Kopf: Wir gehen nächste Woche mal zum Friseur, das muss reichen an Veränderung.

Herz: Herzloser Vollhorst.

Kopf: Kopfloser Dummbeutel.

Minutenlanges unbehagliches Schweigen.

Magen: Also wenn ich mal was sagen dü…

Kopf: NEIN!

Magen: Du erinnerst dich dran, wie es mir vor Weihnachten ging? Als gefühlt der ganze Stress bei der Arbeit an uns hing? Als wir weggeschafft haben wie blöde und sich hinter uns nur noch mehr Arbeit aufgetürmt hat?

Kopf: Aber was haben wir da für Geld verdient!

Herz: … und mir ging es da auch nicht gut, wenn du dich erinnerst. Du hast uns auch mit der ganzen Grübelei nachts wachgehalten.

Kopf: Ihr seid echt viel zu empfindlich.

Herz: Also wenn wir nicht bald was daran ändern, wie wir hier so leben, kommen sicher bald mal die leichten Angstzustände und die mittelschwere Depression auf einen Besuch vorbei.

Kopf: Oh Herre, bloß die beiden nicht. Die machen mich fertig.

Herz: Siehste.

Kopf: Okay, ich denke mal drüber nach. MEHR ABER ERST MAL NICHT!

Herz und Magen: Yippieh!

Nach Hause – und dann?

Ist ein Abschied auf Raten nun gut oder nicht? Ich will eigentlich lieber einen klaren Schnitt machen, aber es war auch schön, nicht gleich von allen sofort Abschied nehmen zu müssen. Am Morgen verabschiedeten wir uns zunächst von den beiden Leuten aus Stuttgart und zwei der Schweizerinnen. Erstere blieben noch länger in Auckland, Zweitere machten den Zwischenstopp auf dem Weg nach Hause in Dubai. Der Rest verteilte sich auf zwei Sammeltaxen und traf sich am Flughafen Auckland wieder.

Komplett gechillt von der neuseeländischen Lebensart, machten wir vorm Boarding erst mal einen Kaffeestopp. Dieses „Relax“ ist doch wirklich fantastisch in einer Welt, in der man immer nur gehetzt durch die Gegen rast und permanent außer Atem ist.

Als es ans Einsteigen ging, heulte der Himmel schon wieder. Wer konnte es ihm verdenken.

Ein letzter Blick auf dieses unglaublich schöne Grün, vorbei. Endgültig.

Und dann war ich plötzlich doch noch mal in Singapur.

Dass ich hier auf der Rückreise von Neuseeland noch mal einen Zwischenstopp einlegen musste, hatte ich bei der Abreise vor ein paar Wochen erfolgreich verdrängt. Aber so richtig zählte es ja nicht, denn wir verließen den Flughafen nicht. Aber Moosebert fand wieder sofort neue Freunde.

Ich setzte meine letzten Singapur-Dollar bis auf 5 Cent in spanisches Bier um, das ich mit einem kanadischen Elch teilte, wobei mich die Schweizer Mitreisende fotografierte. Es lebe die Globalisierung.

 

Und dann war ich nach mehr als drei Wochen Gruppenreise plötzlich wieder ganz allein. Das fühlte sich sehr viel seltsamer an, als ich vermutet hätte. Direkt nach der Landung hatten wir uns von weiteren vier Mitreisenden verabschiedet, die noch länger in Sinpapur blieben, die übrigen drei Damen und ich verabschiedeten uns dann kurz vor Mitternacht endgültig. Auf nach Düsseldorf, Frankfurt, Zürich, zurück ins alte Leben, zurück in den Alltag.

Ich bin ja wirklich gerne allein, aber diesmal fühlte es sich wirklich komisch an, nach so viel Interaktion mit großartigen Menschen auf sich selbst zurückgeworfen zu sein. Und als hätte ich zum ersten Mal nach Wochen meine eigenen Gedanken wieder hören können, wurde mir klar, dass ich dringend was in meinem Leben ändern müsste. So weit, so gut. Dummerweise wurde mir im selben Moment klar, dass mir neben einer gewissen Abenteuerlust ironischerweise auch eine anständige Portion Feigheit in die Wiege gelegt wurde. Zum Glück wirkte das Bier dann irgendwann.

Song of the Day:

Der letzte Abend

Noch drei Wochen.

Noch zwei Wochen.

Ach, es ist ja noch nicht mal die Hälfte rum.

Noch sind wir auf der Südinsel.

Noch haben wir ja Januar, wir müssen erst im nächsten Monat heim.

Es ist ja grob gerechnet noch fast eine Woche.

Und auf einmal ist die Zeit verflogen, plötzlich ist der letzte Abend gekommen, und am Tisch ist ein Platz frei, bei dessen Anblick man immer denkt: Da könnten nun auch schön der Reiseleiter sitzen. Und am anderen Ende des Tisches wäre noch Platz gewesen für die beiden Teilnehmer der Reise, die vor ein paar Tagen schon geflogen waren.

Und Auckland leuchtet selbst auf meinen wackligen Handyfotos so bunt vor sich hin, als sei ihm das alles ganz egal und als sei alles doch ganz wunderbar.

Und während ich so schlaflos und vollgefressen auf dem Bett liege, gebeutelt von der Höllenkombi aus emotionaler Zerrüttung und zu viel Wein, dudelt mein MP3-Player was von „… and the call of home is loud“. Also ich hör nix.

Song of the day:

Wintereinbruch

Nachdem es dann jetzt wohl endgültig zu spät ist, noch einen neuseeländischen Schafhirten zu finden, der mir mit einer Spontanheirat eine Aufenthalterlaubnis verschafft, machten wir uns heute zum letzten Mal auf den Weg. Schon morgens regnete es, wie passend.

Neuseeland legte sich dann aber noch noch mal richtig ins Zeug, ließ uns die Sonne leuchten und machte uns allen das Herz noch schwerer als sowieso schon. Es herrschte zunächst eine ganz komische Stimmung im Bus, die sich nur langsam löste. Aber vielleicht war das auch alles nur in meinem Kopf.

Erster Halt: Opononi, wo man einem Delfin ein Denkmal baute.

Und weiter zum wahrscheinlich größten Kauribaum auf Neuseeland, dem mehr als 50 Meter hohen Tane Mahuta. Tane, geboren aus Ranganui, dem Himmelsvater, und Papatuanuku, der Erdmutter, gilt den Maori als Lebensspender; alle Lebewesen sind seine Kinder. (Auch wir sind somit seine Kinder, leider wenig ehrfüchtige kleine Rotznasen, die auch in Gegenwart eines mehr als 2000 Jahre alten Baumes nicht mal fünf Minuten die Klappe halten konnten.)

Viel, viel zu schnell mussten wir weiter, und sogar Moosebert verließ irgendwann die gute Laune, er gab sich dem Schmerz über den bevorstehenden Abschied hin und kippte einfach um.

Und wieder viel, viel zu früh tauchte Auckland in der Ferne auf. Alle Wünsche für einen Monsterstau, Überschwemmungen, Erdbeben und Vulkanausbrüche blieben unerfüllt, es ging nun wirklich ans Abschiednehmen.

Wir verabschiedenen unseren Guide mit warmen Worten und einer kühlen Flasche Weißwein, und höchstwahrscheinlich habe ich vor anderen Menschen geheult. Ja, so schlimm war es. Aber es gibt nun mal Menschen, die es einem sehr leicht machen, sie ins Herz zu schließen, selbst wenn man so ein Zyniker ist wie ich.
Und diese Menschen betrachtet man dann nach nur drei Wochen als „Familie“. Es ist ein großes Glück, wenn einem so was passiert. Um also mit den Worten unseres Reiseleiters zu sprechen: I’m not crying because it’s over, I’m crying because I’m glad it happened.

Na ja.

Eigentlich hab ich schon mehr geheult, weil’s vorbei ist. Und weil die Urlaubsendromantik so gar nichts taugt. Wenigstens gibt es in diesem Hotel eine anständig bestückte Minibar, die es mir ermöglicht, einen Anti-Heul-Pegel zu erreichen, bevor wir gleich das letzte Mal zusammen zum Abendessen gehen.

Es fühlt sich schon nach Winter an.

Am anderen Ende

Der letzte richtige Tag, der letzte richtige Ausflug – es fiel mir schwer, den so richtig zu genießen. Es war alles so anders – ein Tagesausflug in einem riesigen Bus mit lauter Leuten, die wir nicht kannten, einem anderen Busfahrer, dann noch einem kaputten Bus, der schon beim ersten Stopp ausgetauscht werden musste …

Und dann noch den dummen Spruch eines unserer Mitreisenden: „Ich sitz doch nicht den ganzen Tag im Bus, um so einen blöden Leuchtturm zu sehen.“ Als ob es darum ginge. Ich bin immer wieder erstaunt, wie sich Leute die ganze Welt anschauen können und trotzdem nichts vom Reisen begriffen haben. Wie geht das nur?

Aber wir wollten uns nicht ärgern, sondern diesen Tag doch irgendwie genießen. Also los.

Erster Stopp: Manginangina Kauri Walk. Manginangina ist Teil des Puketi-Omahuta-Waldes, ein Überbleibsel des subtropischen Regenwaldes, der einst fast überall im Norden Neuseelands zu finden gewesen war. Heutzutage sind nur noch drei Prozent des ursprünglichen Gebiets bewaldet – das Holz der Hunderte Jahre alten Kauri-Bäume war für neu angekommenen Siedler einfach zu gutes Baumaterial. Diese riesigen Bäume strahlen eine unglaubliche Ruhe aus und lassen einen richtig demütig werden, einfach weil sie schon so lange da sind. Die Fotos lassen leider nicht annähernd erahnen, wie groß und mächtig diese Waldriesen sind. Hier wäre ich gerne noch ein wenig länger geblieben – allein oder mit der bezaubernden Reisegruppe, auf jeden Fall nicht mit diesen ewigplappernden und kichernden Tussis, die leider zuhauf in unserem Bus waren.

Aber weiter, immer weiter geht’s auf Gruppenreise. Wir näherten uns allmählich dem nördlichsten Ende des Landes, und irgendwie schien sich der Himmel noch ein bisschen höher zu wölben als bisher.

Und dann waren wir da: Am anderen Ende des anderen Endes der Welt, fast am Ende unserer Reise, am nördlichsten Punkt Neuseelands, am Cape Reinga, wo sich Tasmanische See und Pazifischer Ozean treffen, wo die Wellen besonders wild miteinander spielen.

Stürmisch war es hier, windig, unfassbar schön.

Aber auch hier konnten wir nicht allzu lange verweilen, denn jetzt sollte es zur Te Paki Sanddüne gehen, die man auf der Fahrt schon von Weitem sehen konnte.

Vielleicht war es auch eine andere Düne, wer weiß das schon so genau. Sandig sind sie ja alle irgendwie.

Wer wollte, konnte kopfüber auf einem Brett runtersurfen.

Aber nach all den Sicherheitshinweisen, die uns der Busfahrer auf dem Weg dorthin mit an die Hand gab, hatte ich schon keine Lust mehr auf diesen Sport. Das ging den meisten so, aber immerhin einer der Herren aus unserer bezaubernden Reisegruppe vertrat uns würdig.

Moosebert hätte wohl auch gewollt, aber es gab einfach kein Brett in seiner Größe.

Danach gab es noch einen letzten Stopp, bevor wir nach Hause fuhren, und ich wäre doch wirklich sehr traurig gewesen, wenn wir den verpasst hätten: den 90 Mile Beach, der zwar nicht ganz 90 Meilen lang ist, aber doch so wirkt. Was für eine Weite, vor allem, wenn die Wolken sich im nassen Sand spiegeln und man gar nicht mehr weiß, wo oben und unten ist.

Und für besonders dramatische Effekte gab es sogar noch einen kräftigen Regenschauer.

Die Heimfahrt war vor allem eines: ermüdend lang. Eigentlich wollten wir alle nur noch schnell unter die Dusche und ins Bett, es waren einfach zu viele Eindrücke und Gedanken, die wir zu verarbeiten hatten.

Am Leuchtturm hatte es sich irgendwie so angefühlt, dass hier nicht nur unsere Reise fast zu Ende war, sondern auch noch was anderes,  was ich aber noch nicht recht begreifen kann. Und immer, wenn was endet, macht mir das auf diffuse Art Angst, selbst wenn das, was endet, was Schlechtes war. Denn immerhin kannte man das ja, und was nun kommt, so gut es sein mag, das weiß man nicht. Also versuchte ich, mich an dem zweiten Gefühl festzuhalten, das mich beschlich, nämlich dass das Ende von etwas ja auch immer der Anfang von etwas Neuem ist. Das funktionierte so lange gut, bis mir einfiel, dass ich Neues nicht ansatzweise weniger beängstigend finde.

Song of the Day:

Beautiful Bay of Islands

Zum Ende der Reise wird noch mal alles anders. So durfte ich heute zum ersten Mal vorne beim Reiseleiter sitzen, auch wenn mir klar ist, dass ich den Platz, den der liebe Mitreisende und Haus- und Hoffotograf S. bisher eingenommen hatte, niemals auch nur annähernd adäquat werde ausfüllen können.

Zum Zweiten reisten der Elch und ich heute erstmals getrennt, weil er gerne hinten bei den anderen Mädels sitzen wollte. Wahrscheinlich hat der kleine Flohsack da gleich wieder reihenweise Herzen gebrochen.

Zum Dritten machten wir heute den einen oder anderen seltsamen Stopp, bei dem es geschah, dass wir reihenweise Fotos von einem öffentlichen Klo machten. Zugegebenermaßen ein hübsches Klo, aber sollte ich jemals in einer Ortschaft in einem fremden Land etwas zu gestalten haben, wäre ein Pott nicht meine erste Wahl. Doch man muss zugeben: Stilvolleres Strullern war selten.

Mittags kamen wir in Paihia an, und nach einer langen Fahrt sollte man sich erst mal ein nahrhaftes Mittagessen gönnen:

Nahrhaft, aber nicht zu mächtig, denn am Nachtmittag ging es schon wieder auf ein Schiff, auf eine schon wieder so grandiose Tour durch die Bay of Islands. Da will man ja das Essen auch bei sich behalten. Ich wäre ja zufrieden gewesen, hätten wir nur schöne Landschaft gesehen, aber nein, es gab auch noch Delfine obendrauf. ♥

Beim Sichten der Fotos war ich selbst erstaunt, was mir so hier und da gelungen war, vor allem, weil das Boot doch zwischendurch ordentlich geschaukelt hatte. Zum Glück gehört zu den wenigen Dingen, die ich bei Photoshop beherrsche, die Kunst, die mitfotografierte Erdkrümmung aus den Bilden rauszudödeln.

Nein, das Boot hab ich nicht um der Stimmung Willen eingeklebt, das war so.

Durch das Loch im Felsen wären wir fast durchgefahren, doch am Ende machte der Seegang das Vorhaben unseren Kapitäns zunichte. Schade, denn Fotos unter dem „Torbogen“ wären sicher spannend gewesen.

Aufgrund der zu niedrigen See machten wir auf dem Rückweg einen nicht eingeplanten Stopp in Russell, aber das war gar nicht schlimm, denn da war es auch sehr schön.

Und mit dem ungeplanten Zwischenstopp kamen wir in den Genuss einer weiteren Bootstour, nämlich von Russell zurück nach Paihia, wo nach einem entspannenden Bad im Pool das Abendessen und dann das Bett auf uns warteten.

Aber der Reisebericht dieses Tages wäre unvollständig, verschwiege ich, dass es noch eine zweite Version der Erlebnisse gibt, nämlich die von Moosebert, von dem ich zunächst dachte, er habe sich während der Bootsfahrt im Bus versteckt und das Beste verpasst, während er sich in Wahrheit mit fremden Frauen bestens amüsiert hatte. Also zumindest, bis ihm schlecht wurde.

Am Abend machte mir ein Auftrag dann ein bisschen Kopfzerbrechen, denn ich wurde auserkoren, die Dankeskarte für unseren bezauberndern Reiseleiter zu schreiben, und das machte mir erst mal wieder so richtig bewusst, dass unsere gemeinsame Zeit bald wirklich zu Ende sein soll. Wir haben nur noch eine vollen Tag, den wir aber noch nicht mal zusammen verbringen werden, weil einige von uns einen zugebuchten Tagesausflug unternehmen werden. Ich kann nicht sagen, dass das meiner Stimmung irgendwie auf die Beine hilft. Und draußen singen Zikaden, die ich nächste Woche auch nicht mehr hören werde. Könnte ich bitten aufn Arm?

Song of the Day:

Stadtschock

Es fällt mir zunehmend schwerer, mein Reisetagebuch zu führen, denn der Abschied von diesem Land und den tollen Menschen, mit denen ich es besuchen durfte, hängt wie eine Regenwolke im Comic über mir und lähmt mich irgendwie. Heute Abend stand schon der erste Abschied an, weil zwei Mitglieder unserer Gruppe nur die kurze Version der Reise gebucht hatten. (Was habt ihr euch denn nur dabei gedacht, hömma?!)

Aber am Vormittag unternahmen wir noch was Schönes, nämlich einen Besuch am Cathedral Cove. Mittlerweile ist es innerhalb unserer Gruppe schon zum Running Gag geworden, dass immer alles so furchtbar schön ist, wo auch immer wir den Tag verbringen. So standen wir heute an einem Aussichtspunkt, und mir entfuhr ein gespielt-genervtes „Das ist ja schon wieder so schön hier!“ und unser Reiseleiter entgegnete gespielt-entrüstet: „Scheiße, was?“ Aber so was von! Komplett kacke!

Es war wirklich schwer, sich von dieser Bucht loszureißen, zumal ich ja nie gehen kann, bevor ich nicht die Wellen fotografiert habe. Also alle. Und auch wenn es recht voll war, herrschte dort doch eine schöne Stimmung, Leute saßen am Strand, starrten auf die Wellen, machten Fotos, alle waren entspannt.

Auckland am Abend war dagegen der reinste Schock. Wellington war dagegen noch fast gemütlich gewesen, hier war es mir viel zu wuselig. Wir waren kurz in der Stadt gewesen, doch nach einer halben Stunde verabschiedete ich mich und ging zurück ins Hotel. Zu viele Menschen, zu viel Verkehr, zu viel Lärm, zu viel alles. Wie konnte mir Lippstadt jemals zu klein vorkommen? Wie brennend wünschte ich mir jetzt diese schnuckelige kleine Fußbgängerzone zurück, die selbst an einem Samstag Morgen noch gemütlicher ist als dieses Gewusel hier. Kurze Dokumentation dieses „Nope!“ gefällig? Büdde:

Einmal in die Queen Street, drei Geschäfte besucht, klatschnass geschwitzt wieder ins Hotel, durchatmen.

Den Abend, unseren letzten Abend alle zusammen, verbrachten wir in einem sehr schönen kleinen Restaurant, zu dem wir mit der Fähre gelangten. Das hatte unser Reiseleiter wirklich gut ausgesucht – weit weg vom Trubel der Innenstadt.

Und als wir zurückkehrten, vollgefressen und leicht angeschickert, sah die Stadt auch gleich ganz anders aus. Vielleicht ist es hier doch schön.

Nein, ich muss mich korrigieren. Es ist hier nicht schön. Denn das war der letzte Abend, den wir alle zusammen in der Originalbesetzung hatten. Und es wird der Ort sein, an dem wir uns in erschreckend wenigen Tagen alle voneinander verabschieden werden. Unser Reiseleiter sagte zwar, wir sollten uns alle freuen, dass alles so war, wie es war, und nicht traurig sein, dass es vorbei ist, aber so einfach ist es nicht. Ich möchte, dass diese Reise noch länger weitergeht, ich möchte all diese tollen Menschen noch weiter kennenlernen. Wir haben so viel Schönes zusammen erlebt, dass ich ein bisschen süchtig danach geworden bin. So viel, dass es gut für „Hundert Leben“ reicht.

Song of the Day:

Übers Leuchten

Gestern Nacht, als wir so auf dem Rasen vorm Haus am See zusammensaßen, wie fast jeden Abend furchtbar viel lachten und noch mehr Unsinn redeten, da war tatsächlich für einen kurzen Moment alles  so ganz ohne Einschränkungen schön. Ich hatte die Haare offen, es war Sommer, die Erde war noch warm, der Mond schien über uns, das Wasser plätscherte leise ans Ufer, und mir entfuhr der Satz: „Wenn ihr wüsstet, was ich zu Hause für eine blöde Ziege bin!“ Brüllendes Gelächter antwortete mir, klar, ganz ernst gemeint hatte ich das nicht, und trotzdem war an dem Satz was Wahres dran.

Denn das, was ich der bezauberndsten Reisegruppe ever und den Einwohnern des schönsten Landes der Welt hier präsentiere, ist mein Sommer-Ich, mein Urlaubs-Ich, mein Gute-Laune-Ich, die Urlaubs-Kiki, die es in echt gar nicht gibt, die selbst ich viel zu selten sehe, und ich lebe ja nun doch schon eine ganze Weile mit mir. Aber hier leuchte ich. Einfach so, von ganz allein. Weil das Wetter hier so schön ist, weil ich von netten Menschen umgeben bin.

So sehr ich dieses Urlaubs-Ich mag, so flüchtig ist es. Und je mehr ich versuche, es festzuhalten, desto schneller flutscht es mir weg, dreht mir eine lange Nase und brüllt schlecht gelaunt „Runter von meinem Rasen“. Allzu oft ertrinkt meine gute Laune zu Hause im Hamburger Schietwedder, allzu schnell wird mein Urlaubs-Ich untergebuttert und lässt sich verschrecken, bis es noch nicht mal mehr ans Meer fahren will, um sich vom Nordseewind wieder aufpusten zu lassen.

Ich weiß, dass man seine Laune nicht nur von der Umgebung und anderen Menschen abhängig machen darf, weil man dann zum Spielball wird und  kaum noch selbst in der Hand hat, ob es einem gut geht oder nicht. Natürlich muss ein bisschen Leuchten auch aus einem selbst kommen.

Aber was, wenn das alles gar nicht nur aus mir allein kommen kann? Wenn manche Menschen an ganz bestimmte Orte gehören oder mit ganz bestimmten Menschen zusammen sein müssen, damit sie voll und ganz sie selbst sein können? Denn vielleicht ist mein Urlaubs-Ich ja mein wahres Ich? Vielleicht ist mein wahres Ich gar nicht so chronisch schlecht gelaunt? Vielleicht spiegele ich viel zu oft nur meine Umwelt? Die dummen Kommentare, den Neid, das unablässige Gejammer der Mitmenschen? Vielleicht sind manche Menschen ja so gestrickt, dass sie da, wo sie sind, gar nicht vollkommen glücklich sein können, weil sie nicht genug Kraft haben, gegen all das anzukommen oder einfach milde darüber hinwegzulächeln?

Manche Tage zu Hause machen mich so müde, dass ich abends nicht mal mehr gute Freunde anrufen kann, von denen ich weiß, dass wir ein schönes Gespräch haben würden. Das tut mir unendlich leid, aber ich muss dann erst mal für mich sein und meine Ruhe haben. Meine Ruhe davon, dass ich dauernd beurteilt, bewertet, wahlweise nicht ernst oder zu ernst genommen werde, dass mir dauernd reingequatscht wird, dass ich morgens überlegen muss, was ich anziehe, um mir keinen Spruch einzufangen, dass mir Aufgaben aufgedrückt werden, die ich nicht machen sollte, dass mir eigentlich immer nur gezeigt wird, dass ich so, wie ich bin, nicht richtig bin. Nicht lustig genug, zu lustig, schlecht gelaunt, gut gelaunt, zu streberisch, zu lahm, zu alles.

Und dann gibt es auf der anderen Seite fremde Länder, in denen ich mich sofort zu Hause fühle und Menschen wie in meiner Reisegruppe, die ich nach drei Tagen als Familie betrachte. Von denen ich mich abends verabschiede und mich beim Zubettgehen freue, dass ich sie am anderen Morgen schon früh wiedersehen werde. Ich dachte immer, ich mag einfach keine Leute, aber die richtigen wohl doch. Mit den richtigen Leuten erlebt man auch die richtigen Dinge – und dass ich am anderen Ende der Welt, das sich wie zu Hause anfühlt, mit so tollen Menschen sein darf, ist ja schon fast zu viel Glück für einen alleine.

Aber um mein ganzes Leben umzukrempeln, dafür bin ich dann doch zu feige. Denn da ist ja auch immer noch die Angst, dass es nach einer Weile auch am anderen Ende der Welt so furchtbar werden könnte wie an manchen Tagen zu Hause, weil man eben doch man selbst ist und sich selbst immer mitnimmt, auch an den entlegendsten Winkel der Welt.

Herrje, Neuseeland spült wirklich die ganz großen Fragen nach oben. Es muss wohl daran liegen, dass es für mich das andere Ende der Welt ist. Da fallen einem die Sorgen aus der eigentlich fest verschnürten Tasche und kreisen einem plötzlich um den Kopf. Keine Chance mehr, sie mit den Füßen zu verscharren und drüberweg zu laufen. Hier bröckelt der ganze Panzer ab, den ich mir über die Jahre zugelegt hab. Ob das nun gut ist oder schlecht, weiß ich noch nicht. Schlecht ist auf jeden Fall, dass es hier in diesem perfekten kleinen Ferienhaus keine Minibar gibt.