Keine Stille am Schicksalsberg

Wandern in Mordor macht hungrig, doch ein störungsfreies Abendessen war uns nicht gegönnt. Das lässt man sich aber gern gefallen, wenn die Störung in so einem wunderbaren Sonnenunter- und Mondaufgang besteht.

Einziger Wermutstropfen: Wir sind so eine lustige Truppe, dass wir vieles können – einfach mal die Klappe halten gehört leider nicht dazu. Und so standen wir auf der („Das Stativ steht im Weg!“) Terrasse der Lodge, blickten auf den („Nee, Kinder, was ist das schön!“) Schicksalsberg in der Ferne, versuchten, die Stimmung auf (* Kichern *) Fotos einzufangen, aber so richtig still genießen („Nun lasst doch mal das Kind nach vorne!“) war irgendwie nicht. ;-)

Song of the Day:

Gruß aus Mordor

So schön es in Wellington war (und vor allem so schön es war, mal wieder zwei Nächte an einem Ort zu sein), freue ich mich jetzt auch, wieder in die Natur zu kommen. Die Nordinsel braucht etwas, bis sie zündet, aber landschaftlich gefällt es mir hier bislang auch ganz gut. Schon die Fahrt zum Tongariro National Park deutete das an.

Leider aber schleicht sich immer wieder ein Gedanke in Hirn und Herz, der mir ganz und gar nicht gefällt – heute in einer Woche werde ich meinen Koffer zum letzten Mal packen und bald danach über den Wolken sein, auf dem Weg nach Hause, wo es auf so vielen Ebenen kalt und ungemütlich ist. Aber noch haben wir ja mehr als eine Woche zusammen in diesem großartigen Land und diesem besten Urlaub aller Zeiten.

Die Landschaft auf dem Weg zum Schicksalsberg (der natürlich eigentlich anders heißt, aber ich weigere mich, den richtigen Namen zu benutzen) war erst natürlich sehr urban, dann wie bei uns, dann wie im Auenland, dann wie Mordor.

Unter anderem kamen wir an Mount Ruapehu vorbei, der sich plötzlich ganz klar zeigte. Wobei – solche Aussichten erachten wir in der zauberhaftesten Reisegruppe aller Zeiten ja schon fast als normal. Es kriegt halt jeder das, was er verdient, und wir verdienen das Beste, weil wir so unfassbar großartig (und bescheiden) sind.

Ein wenig verstörend war es in Ohakune, aber womöglich bin ich die Einzige, die sich in der Gegenwart von überdimensioniertem Gemüse unwohl fühlt.

Kurzer Zwischenstopp am Makatote Viadukt:

Und dann sahen wir den Schicksalsberg auch schon von Weitem:

Bis zum Abendessen im Hotel hatten wir noch eine ganze Menge Zeit, und so beschlossen die Mädels und ich, eine anständige Wanderung zu machen. Die andere Hälfte der Reisegruppe eilte uns voraus – um uns auf halbem Wege wieder entgegen zu kommen, weil schlechtes Wetter aufgezogen war. In meinem Reiseführer hatte ich schon gelesen, dass es in dieser Gegend zu schnellen und überraschenden Wetterumschwüngen kommen kann, aber HIER WIRD NICHT RUMGEMEMMT! ES WIRD DIE KAPUZE HOCHGEZOGEN UND DANN WIRD GEWANDERT! IM FRÜHTAU ZU BERGE, HÖMMA!

Belohnt wurde unser Mut (oder unsere unvernünftige Waghalsigkeit, wenn man ans Gewitter denkt) mit plötzlichem Sonnenschein, einem fantastischen Ausblick auf Mount Doom, dem anderen Vulkan und dem Taranaki-Wasserfall. Es ist wirklich schön grün hier, seit Sauron das Zeitliche gesegnet hat.

Als wir unsere Runde fast beendet hatten regnete es bereits wieder – mit den schnellen Wetterwechseln hatte der Reiseführer echt nicht gelogen.

Zwei Fragen, die aber noch immer offen sind:

1. Mein „Herr der Ringe“-Ring hat mich überhaupt nicht Richtung Schicksalsberg gezogen. Ist der womöglich gar nicht echt?

2. Frodo, der Depp … Warum hat der nicht einfach den Weg genommen, anstatt sich durch Sümpfe und ungastliche Berge zu quälen?

Ein Museum wie eine ganze Welt

Freier Tag in Wellington – was macht man denn da mal so? Was man halt so macht: ein bisschen durch die Stadt laufen, ein bisschen shoppen, zur Mittagshitze ins Museum, noch ein bisschen durch die Stadt laufen, noch ein bisschen shoppen und dann, schon nach etwa acht Stunden und mehr als zehn Kilometern wieder ins Hotel, ein bisschen frisch machen, was essen, sich überlegen, ob man doch noch mal rausgehen sollte, aber erst mal ein kleines Nickerchen, dann vielleicht noch ma… Zzzzzz.

Das Te Papa ist übrigens ein ganz fantastisches Museum. Leider konnten wir alles nur quasi im Schnelldurchlauf ansehen, weil es für einen Tag zu viel war und wir auch irgendwann die vielen Eindrücken gar nicht mehr verarbeiten konnten. Würde ich hier wohnen, käme ich vielleicht jeden Sonntag oder auch mal in der Mittagspause her, um mir einen anderen Teilbereich ganz genau anzugucken. Der Eintritt ist nämlich umsonst, man wird lediglich gebeten, einen angemessen erscheinenden Betrag in die bereitgestellten Spendenboxen zu werfen. Und diese Boxen waren voll, sehr voll. Ich wage irgendwie zu bezweifeln, ob so ein Konzept auch bei uns funktionieren würde. Vermutlich wäre das Haus innerhalb eines halben Jahres pleite, weil sich alle hämisch freuen würde, so was Schönes umsonst sehen zu dürfen. (Und weil ich so mit Gucken und Staunen beschäftigt war, hab ich leider nicht allzu viele Fotos mitgebracht.)

Selbstverständlich habe ich auch den Einwanderungstest gemacht – und fiel durch. Es war alles so lange okay, bis ich mein Alter eingab. Pah.

Song of the Day:

Dem Glück die Luft rauslassen

Wenn ich das richtig recherchiert hab, war es Kierkegaard, der sagte: „Das Vergleichen ist das Ende des Glücks und der Anfang der Unzufriedenheit.“ Und wenn ihr schon nicht auf mich hören wollt, hört wenigstens auf den Sören.

Ja, Neuseeland scheint auf den ersten Blick viele Länder zu sein. Es gibt steinige Flussläufe, die an Kanada erinnern, Strände wie auf Maui, Berge und Hügel, die aussehen wie die auf der Isle of Skye, Geysire und heiße Quellen wie auf Island und Seen, die meinetwegen aussehen wie der Starnberger See. Aber wenn hier noch einmal einer sagt etwas Ähnliches sagt wie „Ach, schau mal, wie in Dingenskirchen“, dann ticke ich aus. Einmal ist es schon aus mir rausgeplatzt (für meine Verhältnisse noch höflich), dass man dieses ständige Vergleichen lassen soll. Unser Reiseleiter sprang mir bei und erwähnte in dem Zusammenhang noch eine andere deutsche Unart, die mir auch schon diverse Male aufgestoßen war: Das berühmte deutsche Aber. „Es ist ja ganz schön hier, aber …“ (Hier beliebigen, nicht änderbaren Umstand ergänzen, der eine an sich rundum perfekte Sache madig macht.)

Klar habe ich das auch schon gedacht, zum Beispiel als ich in Te Anau an diesem wunderschönen See saß und neben mir jemand ums Verrecken nicht aufhören konnte zu telefonieren und mich in Fantasien erging, in denen ich dem betreffenden Mitmenschen das Handy dahin steckte, wo die Sonne nie scheint. Wenn ich drüber nachdenke, endet bei mir sowieso jeder „Aber“-Satz mit „die Leute“, denn die Leute können einem schon echt viel kaputt machen. Aber ich schweife ab. Nur noch schnell die Elch-Episode zum Nachlesen, wer mag.

Wo war ich stehengeblieben? Ach ja: Jedes Land für sich IST. Es ist nicht WIE etwas anderes.

Man wird dem Land mit den ständigen Vergleichen nicht gerecht, vielleicht beleidigt man es sogar damit, wer weiß. Ich verstehe ja, dass das Gehirn in jeder Situation etwas Bekanntes sucht und Dinge gern in hübsche Schubladen einordnet. Aber hier mal ein ganz verrückter Gedanke: Man muss nicht alles, was einem im Kopf rumgeht, auch aussprechen. Man kann auch einfach mal den Mund halten. Crazy, oder?

Warum kann ich mich nicht einfach an den schönsten See aller Zeiten stellen, durchatmen, vielleicht ein Tränchen verdrücken und glücklich sein, dass ich da sein darf? Ich kann mich doch an den kleinen Wellen freuen, die ans Ufer plätschern, die Enten und Möwen, die drüberfliegen oder draufrumschwimmen, ich kann auf die Berge schauen, die am anderen Ende stehen, ich kann, wenn ich ein bisschen Zeit hab, vielleicht mal die Füße reinhalten, bis es zu kalt wird, ich kann die Wolken am Himmel anschauen, die sich mit ein bisschen Glück vielleicht im See spiegeln und dann weiterfliegen, um sich den Rest der Welt anzusehen.

Das alles kann, nein, das sollte ich machen, weil ich sonst überhaupt nicht im Moment bin und keine noch so kleine Chance habe, einen Augenblick lang rundum glücklich zu sein. Ich lasse dem Glück auf diese Art die Luft raus, bis es wie ein Ballon mit einem lauten Flatulenzgeräusch durch die Luft rauscht und als schrumplige, traurige Hülle zu Boden zu fällt.

Leider entscheiden sich Menschen viel zu oft für die weniger schöne Variante, in der man seinen Mitreisenden tierisch auf den Sender geht, indem man ständig Dinge sagt: „Kumma, dat sieht hier aus wie anne Brucher Talsperre.“

Diese Variante kann man wählen, ist dann aber kacke.

Hello Nordinsel

Huch. Leute, Autos, Stadtleben, Gewusel. Menschen, Technik, Gefahr! Das ist man ja nach all der Natur zuletzt gar nicht mehr gewohnt. Aber schön ist es in Wellington. Ein hübscher Mix aus Alt und Neu, belebt, aber nicht so städtisch, dass man gleich wieder davonlaufen müsste.

Ganz im Gegenteil – als wir so durch die Stadt gefahren wurden, um einen ersten Einblick zu bekommen, guckten wir uns schon ein paar Häuser aus, die wir als Reisegruppe zusammen kaufen wollten, um uns dort WG-mäßig einzurichten. Man muss sich ja langsam mal über die Zeit nach dem Urlaub Gedanken machen. Wir fanden auch prompt ein paar schöne Immobilien am Wasser, die unseren Ansprüchen und Bedürfnissen entgegenkamen, einzig das Problem der Finanzierung bleibt vorerst ungelöst. Irgendjemand machte den Vorschlag, ich solle einfach reich heiraten, aber davon, unseren Finanzierungsplan auf derart wacklige Füße zu stellen, musste ich dringend abraten. Immerhin versuche ich das mit diesem „Reich Heiraten“ ™ seit fast zwei Jahrzehnten und musste nun leider die Reisegruppe darauf hinweisen, dass Männer eh schon einen großen Bogen um mich machen, reiche Männer aber quasi gleich eine anderen Umlaufbahn einschlagen, wenn es darum geht, auch nur mit mir einen Kaffee trinken zu gehen. Wir werden eine andere Lösung finden müssen.

Und bis wir die gefunden haben, gondelten wir schön weiter durch die Stadt, den Berg rauf bis ganz nach oben.

Lesen hier Wellington-Kenner mit? Wenn ich mich recht erinnere, hat der Tower des Flughafens aufgrund seiner Lage eine eigene Adresse mit Hausnummer. Stimmt das oder hab ich das geträumt?

Und dann wieder runter und dann wieder rauf, aber diesmal mit dem Cable Car.

Wenn man oben ist, steht man oberhalb des Botanischen Gartens von Wellington, und hier hätte ich ja gerne noch mehr Zeit verbracht. Blumen, BLUMEN, BLUMEN! Verzeihung, es geht gleich wieder. Das ist nur das Alter. (Mit 20 waren mir Blumen komplett egal.)

Als wir abends im Hotel eincheckten und mein Blick auf den Fernseher fiel, zuckte ich kurz zusammen – schwarz-gelb zieht meinen Blick ja immer magisch an. War aber nur Wellington Phoenix FC, die sich als meine Brussia tarnten.

Nach dem Essen unternahmen wir noch alle zusammen einen kleinen Spaziergang ans Wasser (wie wir anschließend bei Bier und Rum in einer Kneipe landeten, kann ich mir beim besten Willen nicht mehr erklären; wir wollten und echt nur die Beine vertreten und frische Luft schnappen. ECHT!)

Im Übrigen hab ich jetzt neue Eltern. Der männliche Teil des zauberhaften Ehepaars aus Mannheim hat mich an der Hotelbar adoptiert. Ich hab soweit nichts dagegen, aber ich fürchte, meine aktuellen Eltern haben da möglichweise noch ein Wörtchen mitzureden, und meine Mutter hat noch relativ viel aufm Ärmel.

Song of the Day: