Liebster Award: Travel, travel

Die weltbeste Claudia hat mich für den Liebster Award nominiert, und weil es ums Reisen geht, springe ich nur zu gern in die Luft und fange das Stöckchen auf. Zumal mir gerade noch von eher unqualifizierter Seite in sehr süffisantem Ton geraten wurde, ich solle mir doch mal die Welt ansehen, da gebe es viel zu entdecken.

Aber zurück zum Wesentlichen und sehr viel Erfreulicherem, den Fragen von Claudia. Up, up and away:

1. Welches war die erste Reise, die du je allein gemacht hast? Wohin ging sie und was hast du aus der Erfahrung für dich mitgenommen?

Die Antwort auf diese Frage muss ich zweiteilen. Denn ich reise ja fast immer allein, aber fast immer mache ich auch Gruppenreisen. Alleinsein an sich ist nichts Besonderes für mich, es ist eher ungewöhnlich, dass ich mich längere Zeit in Gruppen wohlfühle. (Deswegen war die Neuseeland-Reise Anfang des Jahres auch so etwas Besonderes.)

Zum ersten Mal allein-allein war ich auf Kreta (und später noch auf Usedom, Guernsey, Alderney, Singapur), das muss 2001 gewesen sein. Ich war komplett alle vom Studium, dem Examen, dem Umzug nach Lippstadt und den ersten Monaten des Volontariats. Ich war eigentlich fast nur am Strand, kurz unterbrochen von einigen wenigen Ausflügen, bin fast jeden Tag geschwommen und schlief ansonsten die Anstrengungen der letzten Jahre weg. Das war sehr schön. Vor allem, dass ich machen konnte, was ich wollte, und niemandem Rechenschaft schuldig war. Was ich aber vor allem daraus gelernt habe, war, dass Frauen, die alleine reisen, immer komisch angesehen werden, vor allem im Frühstücksraum des Hotels.

Zum ersten Mal nichtallein-allein war ich dann 2011 in Kanada, neun Tage an der Ostküste, neun Tage an der Westküste. Es war fantastisch, alles war organisiert, ich musste mich nur in den Bus setzen und wurde aufs Bequemste rumkutschiert. Was ich daraus gelernt habe, war, dass Frauen, die alleine reisen, immer komisch angesehen werden, vor allem im Frühstücksraum des Hotels.

2. Dein bester Tipp, um neue Orte abseits der klassischen Sightseeing-Spots zu entdecken?

„Second star to the right and straight on ‚til morning.“

Den Reiseführer in die Tasche stecken, sich umschauen und einfach der Nase nach. Genau dahin nicht gehen, wo alle hingehen, Herz und Augen öffnen, in kleine Gassen rechts und links schauen, den Blumen nach, dem Geruch von Pfannkuchen folgen, nur noch einmal um die nächste Ecke schauen, dann vielleicht um die nächste auch noch, mal lesen, was auf der Plakette an dem Haus dahinten steht, erkunden, was da für eine Statue gebaut wird, zwischendurch stehenbleiben, vielleicht doch die Richtung wechseln, sich irgendwo hinsetzen und einfach hören, gucken, atmen, dann findet sich ein neuer Weg, und das ist nur meiner und genau der richtige.

3. Gibt es etwas, das du auf Reisen schon immer mal machen wolltest, aber noch nie gemacht hast?

Nicht wirklich. Ich fahre ja gerne weit weg, aber als übermäßig abenteuerlustig würde ich mich nicht bezeichnen. Camping in Alaska war so ziemlich das Wagemutigest bisher. Bungeejumping etc. aber stand noch nie auf meiner Liste. Natürlich würde ich gerne auf irgendeiner Reise mal einen hübschen reichen Holzfäller oder Tom Hiddleston heiraten und mit dem einfach dableiben, aber ich bin inzwischen realistisch geworden, was die Chancen dafür angeht. Ich bin recht zufrieden mit den Dingen, die ich bisher gesehen und erlebt hab; ich mache ja gerne Naturreisen und da komme ich fast immer auf meine Kosten. Setzt mich ans Meer und holt mich in drei Stunden wieder ab, dann bin ich glücklich. Und da ist es fast egal, ob es Nelson/Neuseeland oder Niendorf/Ostsee ist.

4. Wie, wo und durch was lässt du dich für neue Reisen inspirieren?

Durch die Welt, die so unfassbar großartig und spannend ist. Von der ich schon so einiges gesehen hab und im Grunde doch gar nichts. Es gibt ein paar Orte, die ich noch auf meiner Bucket List habe, zum Beispiel Wales, Jersey, Sark, Norwegen, Schweden, Finnland, Kalifornien, die kanadische Ostküste, die Northwest Territories … Aber meistens fliegt mich das nächste Ziel immer irgendwie zufällig an. Sei es, dass mir mein Reisebüro einen Katalog zuschickt und ich denke: „JAWOLL. Island!“ oder dass ich bei der Arbeit eine Doku über den „Aurora Explorer“ gucke und denke, da will ich mal mitfahren. Die Reiseziele fliegen mich so an, und dann fliege ich zu ihnen. Ein Konzept, das sich aufs Allerbeste bewährt hat.

5. Nutzt du Reise-Apps? Auf welche würdest du auf keinen Fall verzichten wollen?

Ich bin eine sehr alte Frau, die sehr altmodisch ist. Ich nutze keinerlei Reise-Apps, ich benutze Reiseführer, Flyer, Stadtpläne, Karten und einen Elch.

6. Reist du voll durchgeplant oder lässt du dich vor Ort spontan treiben?

Ja und ja. Ich habe meistens bestimmte Pläne oder eine Liste von Orten, die ich sehen möchte, aber es gibt keine Reihenfolge. Auf Guernsey und Alderney ist es mir diverse Male passiert, dass ich für den Tag ein bestimmtes Ziel hatte und am Ende ganz woanders landete, weil vielleicht eine Straße gesperrt war, ich den falschen Bus erwischt hatte oder eine Seitenstraße so spannend aussah, dass ich einfach beim zweiten Stern rechts abbog.

Was ich aber wirklich gerne hab, ist zum Beispiel die Sicherheit, dass ich morgens weiß, wo ich abends schlafe. Ein Hotel muss ich also haben, und wenn ich weiß, dass der Transfer zu diesem Hotel gewährleistet ist, reise ich auch ein wenig beruhigter los.

7. Was war dein bisher verrücktestes Reiseerlebnis?

Vielleicht, dass der Guide, den wir auf Big Island, Hawai’i hatten, aus Rheda-Wiedenbrück kam, aber es ist ja schon fast ein Klischee, dass man im Ausland auf Leute trifft, die aus der Nähe der Heimat stammen.

Ansonsten war es vermutlich die Geschichte von der unglaublichen Elchentführung.

Und jetzt muss ich wen nominieren, oder? Ach, das fällt mir immer so schwer, und neue Fragen mag ich mir auch grad nicht ausdenken? Ich mach es einfach wie immer: Wer mag, darf das Stöckchen gerne aufgreifen und heimtragen.

Island

Wie der geneigte (haha) Leser vielleicht noch weiß, schulde ich ihm noch ein Urlaubsblog – nämlich das von Island (3. bis 10. Oktober 2017). Weil ich auf der Reise wenig Notizen gemacht hab, werden Fotos reichen müssen.

Büdde:

Abfluch!

Ankunft

Reykjavík

Hafen und Harpa

Sólfar – Der Sonnenfahrer

Tjörnin

Hallgrímskirkja

Hólavallagarður

Wikingerdorf Hafnarfjörður

Bessastaðir, Amtssitz des isländischen Präsidenten

Saga Museum

Rundfahrt „Goldener Kreis“

Gletscher Mýrdalsjökull

Landschaft Südküste

Eyjafjallajökull

Lavastrand Vík í Mýrdal

Strand Djúpalónssandur mit Trawlerschrott der „Epine“

Skógafoss und Seljalandsfoss

Halbinsel Snæfellsnes

Krater, dessen Name mir entfallen ist

Kirkjufell

Beim großen Geysir Strokkur

Gullfoss-Wasserfall

Þingvellir Nationalpark

Imagine Peace Tower by Yoko Ono, 9. Oktober

Schlussbiere

Schön war’s.

Innerer Dialog

Herz: Psst.

Kopf: (reagiert nicht)

Herz: Psst, Kopf. Hey, Kopf!

Kopf: (unwillig) Was ist?

Herz: Was machst du grad?

Kopf: Kreditkartenabrechnungen aus dem Urlaub sortieren.

Herz: Aaah, ja. Urlaub.

Kopf: (alarmiert, macht aber weiter, als habe er nichts gehört)

Herz: (träumerisch) Neuseeland, was?

Kopf: Hm-hm.

Herz: War schön da, oder?

Kopf: (sortiert weiter Zettelchen) Hm-hm.

Herz: Ach komm, selbst dir altem Zyniker hat es da doch gefallen.

Kopf: (sortiert weiter Zettelchen) Ja, doch …

Herz: Du, ich hab da mal über was nachgedacht.

Kopf: Uh oh.

Herz: Wir haben schon lange nichts mehr gemacht, was ich wollte, oder?

Kopf: Du meinst was komplett Bescheuertes, was kein normaler Mensch tun würde?

Herz: Ich meine was, was uns glücklich machen würde.

Kopf: Als ob wir beiden uns jemals über dasselbe freuen würden.

Herz: (unbeeindruckt) Ich finde, wir müssten mal was ändern.

Kopf: Was ändern?

Herz: Irgendwas an der Art, wie wir so leben.

Kopf: Was ist falsch daran? Wir mögen unseren Job, verdienen gutes Geld, eine Wohnung ohne Schimmel finden wir sicher auch bald, das ist doch prima so.

Herz: (seufzt) Ja, sicher. „Prima“.

Kopf: (hofft auf Frieden und beginnt wieder, Rechnungen zu sortieren)

Herz: Aber vielleicht ist da draußen noch mehr, was auf uns wartet. Was Aufregendes.

Kopf: Spitzenidee. Davon kriegst du nur wieder Rhythmusstörungen, dann kommt der Magen wieder an und nervt auch mit was, ich krieg auch wieder dieses Ziehen hinterm Auge … Das macht nur Ärger, wenn wir wieder was Aufregendes machen. Wir fahren nächstes Wochenende an die Ostsee, okay?

Herz: Ach, die Ostsee. Ja, schön.

Kopf: Hase, wir sind echt zu alt, was richtig großes Neues anzufangen.

Herz: Wir sind noch nicht mal 45! Da ist noch nicht mal ansatzweise die Hälfte rum, wenn man vorhat, unsterblich zu werden. Was wir jetzt haben, ist schön, aber die letzten Jahre waren auch echt stressig. Und das kann doch noch nicht alles gewesen sein. Wir können doch nicht einfach bis zur Rente so weitermachen.

Kopf: WAS. WILLST. DU.

Herz: Ich will Neuseeland. Nicht gleich für immer, aber mal so zeitweise. Für länger. Immer mal wieder.

Kopf: (erleichtert) Ach so. Das kennen wir doch schon. Du willst das immer nach dem Urlaub. Du wolltest auch schon Key West, du wolltest Vancouver, dann wolltest du Hawai’i, dann Alderney, jetzt willst du halt Neuseeland.

Herz: Diesmal ist es anders. Diesmal hab ich mich komplett zu Hause gefühlt.

Kopf: Ach, hör doch auf. Das andere Ende der Welt. Komplizierter geht es wohl wieder nicht.

Herz: (singt) I won’t take the easy road …

Kopf: Und was willst du da machen?

Herz: Keine Ahnung. Das wäre dann deine Aufgabe, uns was zu suchen. Du könntest endlich mal einen Buchvertrag an Land ziehen, schreiben können wir überall.

Kopf: Na, danke. Ich hab ja auch sonst nichts zu tun, als schon wieder was zu organisieren.

Herz: Bitte, es ist wirklich wichtig, wir können nicht einfach so weitermachen, dann werden wir doch bescheuert.

Kopf: Wir gehen nächste Woche mal zum Friseur, das muss reichen an Veränderung.

Herz: Herzloser Vollhorst.

Kopf: Kopfloser Dummbeutel.

Minutenlanges unbehagliches Schweigen.

Magen: Also wenn ich mal was sagen dü…

Kopf: NEIN!

Magen: Du erinnerst dich dran, wie es mir vor Weihnachten ging? Als gefühlt der ganze Stress bei der Arbeit an uns hing? Als wir weggeschafft haben wie blöde und sich hinter uns nur noch mehr Arbeit aufgetürmt hat?

Kopf: Aber was haben wir da für Geld verdient!

Herz: … und mir ging es da auch nicht gut, wenn du dich erinnerst. Du hast uns auch mit der ganzen Grübelei nachts wachgehalten.

Kopf: Ihr seid echt viel zu empfindlich.

Herz: Also wenn wir nicht bald was daran ändern, wie wir hier so leben, kommen sicher bald mal die leichten Angstzustände und die mittelschwere Depression auf einen Besuch vorbei.

Kopf: Oh Herre, bloß die beiden nicht. Die machen mich fertig.

Herz: Siehste.

Kopf: Okay, ich denke mal drüber nach. MEHR ABER ERST MAL NICHT!

Herz und Magen: Yippieh!

Nach Hause – und dann?

Ist ein Abschied auf Raten nun gut oder nicht? Ich will eigentlich lieber einen klaren Schnitt machen, aber es war auch schön, nicht gleich von allen sofort Abschied nehmen zu müssen. Am Morgen verabschiedeten wir uns zunächst von den beiden Leuten aus Stuttgart und zwei der Schweizerinnen. Erstere blieben noch länger in Auckland, Zweitere machten den Zwischenstopp auf dem Weg nach Hause in Dubai. Der Rest verteilte sich auf zwei Sammeltaxen und traf sich am Flughafen Auckland wieder.

Komplett gechillt von der neuseeländischen Lebensart, machten wir vorm Boarding erst mal einen Kaffeestopp. Dieses „Relax“ ist doch wirklich fantastisch in einer Welt, in der man immer nur gehetzt durch die Gegen rast und permanent außer Atem ist.

Als es ans Einsteigen ging, heulte der Himmel schon wieder. Wer konnte es ihm verdenken.

Ein letzter Blick auf dieses unglaublich schöne Grün, vorbei. Endgültig.

Und dann war ich plötzlich doch noch mal in Singapur.

Dass ich hier auf der Rückreise von Neuseeland noch mal einen Zwischenstopp einlegen musste, hatte ich bei der Abreise vor ein paar Wochen erfolgreich verdrängt. Aber so richtig zählte es ja nicht, denn wir verließen den Flughafen nicht. Aber Moosebert fand wieder sofort neue Freunde.

Ich setzte meine letzten Singapur-Dollar bis auf 5 Cent in spanisches Bier um, das ich mit einem kanadischen Elch teilte, wobei mich die Schweizer Mitreisende fotografierte. Es lebe die Globalisierung.

 

Und dann war ich nach mehr als drei Wochen Gruppenreise plötzlich wieder ganz allein. Das fühlte sich sehr viel seltsamer an, als ich vermutet hätte. Direkt nach der Landung hatten wir uns von weiteren vier Mitreisenden verabschiedet, die noch länger in Sinpapur blieben, die übrigen drei Damen und ich verabschiedeten uns dann kurz vor Mitternacht endgültig. Auf nach Düsseldorf, Frankfurt, Zürich, zurück ins alte Leben, zurück in den Alltag.

Ich bin ja wirklich gerne allein, aber diesmal fühlte es sich wirklich komisch an, nach so viel Interaktion mit großartigen Menschen auf sich selbst zurückgeworfen zu sein. Und als hätte ich zum ersten Mal nach Wochen meine eigenen Gedanken wieder hören können, wurde mir klar, dass ich dringend was in meinem Leben ändern müsste. So weit, so gut. Dummerweise wurde mir im selben Moment klar, dass mir neben einer gewissen Abenteuerlust ironischerweise auch eine anständige Portion Feigheit in die Wiege gelegt wurde. Zum Glück wirkte das Bier dann irgendwann.

Song of the Day:

Der letzte Abend

Noch drei Wochen.

Noch zwei Wochen.

Ach, es ist ja noch nicht mal die Hälfte rum.

Noch sind wir auf der Südinsel.

Noch haben wir ja Januar, wir müssen erst im nächsten Monat heim.

Es ist ja grob gerechnet noch fast eine Woche.

Und auf einmal ist die Zeit verflogen, plötzlich ist der letzte Abend gekommen, und am Tisch ist ein Platz frei, bei dessen Anblick man immer denkt: Da könnten nun auch schön der Reiseleiter sitzen. Und am anderen Ende des Tisches wäre noch Platz gewesen für die beiden Teilnehmer der Reise, die vor ein paar Tagen schon geflogen waren.

Und Auckland leuchtet selbst auf meinen wackligen Handyfotos so bunt vor sich hin, als sei ihm das alles ganz egal und als sei alles doch ganz wunderbar.

Und während ich so schlaflos und vollgefressen auf dem Bett liege, gebeutelt von der Höllenkombi aus emotionaler Zerrüttung und zu viel Wein, dudelt mein MP3-Player was von „… and the call of home is loud“. Also ich hör nix.

Song of the day:

Wintereinbruch

Nachdem es dann jetzt wohl endgültig zu spät ist, noch einen neuseeländischen Schafhirten zu finden, der mir mit einer Spontanheirat eine Aufenthalterlaubnis verschafft, machten wir uns heute zum letzten Mal auf den Weg. Schon morgens regnete es, wie passend.

Neuseeland legte sich dann aber noch noch mal richtig ins Zeug, ließ uns die Sonne leuchten und machte uns allen das Herz noch schwerer als sowieso schon. Es herrschte zunächst eine ganz komische Stimmung im Bus, die sich nur langsam löste. Aber vielleicht war das auch alles nur in meinem Kopf.

Erster Halt: Opononi, wo man einem Delfin ein Denkmal baute.

Und weiter zum wahrscheinlich größten Kauribaum auf Neuseeland, dem mehr als 50 Meter hohen Tane Mahuta. Tane, geboren aus Ranganui, dem Himmelsvater, und Papatuanuku, der Erdmutter, gilt den Maori als Lebensspender; alle Lebewesen sind seine Kinder. (Auch wir sind somit seine Kinder, leider wenig ehrfüchtige kleine Rotznasen, die auch in Gegenwart eines mehr als 2000 Jahre alten Baumes nicht mal fünf Minuten die Klappe halten konnten.)

Viel, viel zu schnell mussten wir weiter, und sogar Moosebert verließ irgendwann die gute Laune, er gab sich dem Schmerz über den bevorstehenden Abschied hin und kippte einfach um.

Und wieder viel, viel zu früh tauchte Auckland in der Ferne auf. Alle Wünsche für einen Monsterstau, Überschwemmungen, Erdbeben und Vulkanausbrüche blieben unerfüllt, es ging nun wirklich ans Abschiednehmen.

Wir verabschiedenen unseren Guide mit warmen Worten und einer kühlen Flasche Weißwein, und höchstwahrscheinlich habe ich vor anderen Menschen geheult. Ja, so schlimm war es. Aber es gibt nun mal Menschen, die es einem sehr leicht machen, sie ins Herz zu schließen, selbst wenn man so ein Zyniker ist wie ich.
Und diese Menschen betrachtet man dann nach nur drei Wochen als „Familie“. Es ist ein großes Glück, wenn einem so was passiert. Um also mit den Worten unseres Reiseleiters zu sprechen: I’m not crying because it’s over, I’m crying because I’m glad it happened.

Na ja.

Eigentlich hab ich schon mehr geheult, weil’s vorbei ist. Und weil die Urlaubsendromantik so gar nichts taugt. Wenigstens gibt es in diesem Hotel eine anständig bestückte Minibar, die es mir ermöglicht, einen Anti-Heul-Pegel zu erreichen, bevor wir gleich das letzte Mal zusammen zum Abendessen gehen.

Es fühlt sich schon nach Winter an.

Am anderen Ende

Der letzte richtige Tag, der letzte richtige Ausflug – es fiel mir schwer, den so richtig zu genießen. Es war alles so anders – ein Tagesausflug in einem riesigen Bus mit lauter Leuten, die wir nicht kannten, einem anderen Busfahrer, dann noch einem kaputten Bus, der schon beim ersten Stopp ausgetauscht werden musste …

Und dann noch den dummen Spruch eines unserer Mitreisenden: „Ich sitz doch nicht den ganzen Tag im Bus, um so einen blöden Leuchtturm zu sehen.“ Als ob es darum ginge. Ich bin immer wieder erstaunt, wie sich Leute die ganze Welt anschauen können und trotzdem nichts vom Reisen begriffen haben. Wie geht das nur?

Aber wir wollten uns nicht ärgern, sondern diesen Tag doch irgendwie genießen. Also los.

Erster Stopp: Manginangina Kauri Walk. Manginangina ist Teil des Puketi-Omahuta-Waldes, ein Überbleibsel des subtropischen Regenwaldes, der einst fast überall im Norden Neuseelands zu finden gewesen war. Heutzutage sind nur noch drei Prozent des ursprünglichen Gebiets bewaldet – das Holz der Hunderte Jahre alten Kauri-Bäume war für neu angekommenen Siedler einfach zu gutes Baumaterial. Diese riesigen Bäume strahlen eine unglaubliche Ruhe aus und lassen einen richtig demütig werden, einfach weil sie schon so lange da sind. Die Fotos lassen leider nicht annähernd erahnen, wie groß und mächtig diese Waldriesen sind. Hier wäre ich gerne noch ein wenig länger geblieben – allein oder mit der bezaubernden Reisegruppe, auf jeden Fall nicht mit diesen ewigplappernden und kichernden Tussis, die leider zuhauf in unserem Bus waren.

Aber weiter, immer weiter geht’s auf Gruppenreise. Wir näherten uns allmählich dem nördlichsten Ende des Landes, und irgendwie schien sich der Himmel noch ein bisschen höher zu wölben als bisher.

Und dann waren wir da: Am anderen Ende des anderen Endes der Welt, fast am Ende unserer Reise, am nördlichsten Punkt Neuseelands, am Cape Reinga, wo sich Tasmanische See und Pazifischer Ozean treffen, wo die Wellen besonders wild miteinander spielen.

Stürmisch war es hier, windig, unfassbar schön.

Aber auch hier konnten wir nicht allzu lange verweilen, denn jetzt sollte es zur Te Paki Sanddüne gehen, die man auf der Fahrt schon von Weitem sehen konnte.

Vielleicht war es auch eine andere Düne, wer weiß das schon so genau. Sandig sind sie ja alle irgendwie.

Wer wollte, konnte kopfüber auf einem Brett runtersurfen.

Aber nach all den Sicherheitshinweisen, die uns der Busfahrer auf dem Weg dorthin mit an die Hand gab, hatte ich schon keine Lust mehr auf diesen Sport. Das ging den meisten so, aber immerhin einer der Herren aus unserer bezaubernden Reisegruppe vertrat uns würdig.

Moosebert hätte wohl auch gewollt, aber es gab einfach kein Brett in seiner Größe.

Danach gab es noch einen letzten Stopp, bevor wir nach Hause fuhren, und ich wäre doch wirklich sehr traurig gewesen, wenn wir den verpasst hätten: den 90 Mile Beach, der zwar nicht ganz 90 Meilen lang ist, aber doch so wirkt. Was für eine Weite, vor allem, wenn die Wolken sich im nassen Sand spiegeln und man gar nicht mehr weiß, wo oben und unten ist.

Und für besonders dramatische Effekte gab es sogar noch einen kräftigen Regenschauer.

Die Heimfahrt war vor allem eines: ermüdend lang. Eigentlich wollten wir alle nur noch schnell unter die Dusche und ins Bett, es waren einfach zu viele Eindrücke und Gedanken, die wir zu verarbeiten hatten.

Am Leuchtturm hatte es sich irgendwie so angefühlt, dass hier nicht nur unsere Reise fast zu Ende war, sondern auch noch was anderes,  was ich aber noch nicht recht begreifen kann. Und immer, wenn was endet, macht mir das auf diffuse Art Angst, selbst wenn das, was endet, was Schlechtes war. Denn immerhin kannte man das ja, und was nun kommt, so gut es sein mag, das weiß man nicht. Also versuchte ich, mich an dem zweiten Gefühl festzuhalten, das mich beschlich, nämlich dass das Ende von etwas ja auch immer der Anfang von etwas Neuem ist. Das funktionierte so lange gut, bis mir einfiel, dass ich Neues nicht ansatzweise weniger beängstigend finde.

Song of the Day:

Beautiful Bay of Islands

Zum Ende der Reise wird noch mal alles anders. So durfte ich heute zum ersten Mal vorne beim Reiseleiter sitzen, auch wenn mir klar ist, dass ich den Platz, den der liebe Mitreisende und Haus- und Hoffotograf S. bisher eingenommen hatte, niemals auch nur annähernd adäquat werde ausfüllen können.

Zum Zweiten reisten der Elch und ich heute erstmals getrennt, weil er gerne hinten bei den anderen Mädels sitzen wollte. Wahrscheinlich hat der kleine Flohsack da gleich wieder reihenweise Herzen gebrochen.

Zum Dritten machten wir heute den einen oder anderen seltsamen Stopp, bei dem es geschah, dass wir reihenweise Fotos von einem öffentlichen Klo machten. Zugegebenermaßen ein hübsches Klo, aber sollte ich jemals in einer Ortschaft in einem fremden Land etwas zu gestalten haben, wäre ein Pott nicht meine erste Wahl. Doch man muss zugeben: Stilvolleres Strullern war selten.

Mittags kamen wir in Paihia an, und nach einer langen Fahrt sollte man sich erst mal ein nahrhaftes Mittagessen gönnen:

Nahrhaft, aber nicht zu mächtig, denn am Nachtmittag ging es schon wieder auf ein Schiff, auf eine schon wieder so grandiose Tour durch die Bay of Islands. Da will man ja das Essen auch bei sich behalten. Ich wäre ja zufrieden gewesen, hätten wir nur schöne Landschaft gesehen, aber nein, es gab auch noch Delfine obendrauf. ♥

Beim Sichten der Fotos war ich selbst erstaunt, was mir so hier und da gelungen war, vor allem, weil das Boot doch zwischendurch ordentlich geschaukelt hatte. Zum Glück gehört zu den wenigen Dingen, die ich bei Photoshop beherrsche, die Kunst, die mitfotografierte Erdkrümmung aus den Bilden rauszudödeln.

Nein, das Boot hab ich nicht um der Stimmung Willen eingeklebt, das war so.

Durch das Loch im Felsen wären wir fast durchgefahren, doch am Ende machte der Seegang das Vorhaben unseren Kapitäns zunichte. Schade, denn Fotos unter dem „Torbogen“ wären sicher spannend gewesen.

Aufgrund der zu niedrigen See machten wir auf dem Rückweg einen nicht eingeplanten Stopp in Russell, aber das war gar nicht schlimm, denn da war es auch sehr schön.

Und mit dem ungeplanten Zwischenstopp kamen wir in den Genuss einer weiteren Bootstour, nämlich von Russell zurück nach Paihia, wo nach einem entspannenden Bad im Pool das Abendessen und dann das Bett auf uns warteten.

Aber der Reisebericht dieses Tages wäre unvollständig, verschwiege ich, dass es noch eine zweite Version der Erlebnisse gibt, nämlich die von Moosebert, von dem ich zunächst dachte, er habe sich während der Bootsfahrt im Bus versteckt und das Beste verpasst, während er sich in Wahrheit mit fremden Frauen bestens amüsiert hatte. Also zumindest, bis ihm schlecht wurde.

Am Abend machte mir ein Auftrag dann ein bisschen Kopfzerbrechen, denn ich wurde auserkoren, die Dankeskarte für unseren bezauberndern Reiseleiter zu schreiben, und das machte mir erst mal wieder so richtig bewusst, dass unsere gemeinsame Zeit bald wirklich zu Ende sein soll. Wir haben nur noch eine vollen Tag, den wir aber noch nicht mal zusammen verbringen werden, weil einige von uns einen zugebuchten Tagesausflug unternehmen werden. Ich kann nicht sagen, dass das meiner Stimmung irgendwie auf die Beine hilft. Und draußen singen Zikaden, die ich nächste Woche auch nicht mehr hören werde. Könnte ich bitten aufn Arm?

Song of the Day: