Ferienwohnung

Wie einige geneigte (haha) Leser vielleicht wissen, bin ich vor einiger Zeit umgezogen. Die alte Wohnung war mir endgültig zu schimmelig geworden, der laute Nachbar zu laut, der Nachtspeicherofen zu teuer und zu unpraktisch. Also begab ich mich auf Wohnungssuche in Hamburg und zog nur wenige Wochen später um. Glaubt mir keiner? War aber so. Ich hab mir tatsächlich nur elf Wohnungen angesehen, bei fünfen wusste ich schon vorher, dass sie eigentlich nichts sein würden, aber ich wollte ja nicht gleich zu Anfang so wählerisch sein. Einige waren hübscher als auf den Bildern, andere nicht so und einige hatten so schangelige Badezimmer, dass ich wusste, ich würde die nicht so putzen können, dass ich sie benutzen wollen würde. Am Ende bewarb ich mich ernsthaft nur für zwei Wohnungen, wusste aber auf dem Nachhauseweg von der ersten bereits, dass ich die zweite lieber haben wollte. Die hatte ich zu dem Zeitpunkt noch gar nicht besichtigt, aber heute wohne ich drin.

Es war wirklich Liebe auf den ersten Blick. Ich weiß nicht, ob es der Wohnung auch so ging, aber ich wusste gleich beim Betreten, dass sie und ich untrennbar zusammengehören würden. Sie ist vielleicht nicht mehr ganz so ruhig wie die alte, weil sie an einem vielbefahrenen Kreisverkehr liegt, aber das stört mich nicht besonders. Sie hat alles, was ich immer haben wollte: einen Balkon, drei Zimmer (wie ich hier ja bereits schrieb, bin ich nun stolze Besitzerin eines magischen Schreibarbeitsnähmalbastelzimmers), Badewanne und vor allem einen Balkon. Seit 45 Jahren möchte ich gerne einen Balkon haben, und nun hab ich es endlich geschafft.

Wisst ihr, wie sich das anfühlt? Wie im Urlaub. Es ist wie eine Ferienwohnung, in der man sich, sehr, sehr wohlfühlt. Es ist das Gefühl zu wissen, dass man hier definitiv hingehört, gepaart mit dem Gefühl „AAAH! Ist das wirklich meinsmeinsmeins?!“

Ich hab den halben Sommer auf dem Balkon verbracht und in den Morgen-, Abend- und Nachthimmel geschaut, ich freue mich, dass die Arbeitsflächen in der Küche viel höher sind, was meiner Länge sehr entgegenkommt, ich habe schon wieder Bilder gemalt, ich freue mich, dass ich endlich einen Kleiderschrank habe, der nicht wackelt wie ein Lämmerschwanz und in den so unfassbar viel Zeugs reingeht; im Bad zieht es nicht wie Hechtsuppe, und wenn es jetzt Winter wird, muss ich mir endlich nicht mehr einen Tag vorher überlegen, ob wir kalt sein wird und wenn ja, wie sehr. Ja, es ist wie Urlaub!

Dazu passt, dass ich die Gegend um die Wohnung herum derzeit noch mal ganz neu entdecke. Und vor allem, wie es eben auch in den Ferien ist, weil ich auch richtig Lust draufhab, mir hier noch mal alles anzusehen. Alles ist auch nach dreieinhalb Monaten noch ganz neu und aufregend. Und das, obwohl die Wohnung lustigerweise in einer Parallelstraße von der Straße liegt, in der die Wohnung ist, in der ich ganz zu Anfang gewohnt hab, als ich das allererste Mal in Hamburg gearbeitet hab. Ich kenn das hier eigentlich alles, aber ich entdecke immer wieder was Neues. Zum Beispiel diesen bezaubernden Park hier:

WIE. URLAUB.

Liebster Award: Travel, travel

Die weltbeste Claudia hat mich für den Liebster Award nominiert, und weil es ums Reisen geht, springe ich nur zu gern in die Luft und fange das Stöckchen auf. Zumal mir gerade noch von eher unqualifizierter Seite in sehr süffisantem Ton geraten wurde, ich solle mir doch mal die Welt ansehen, da gebe es viel zu entdecken.

Aber zurück zum Wesentlichen und sehr viel Erfreulicherem, den Fragen von Claudia. Up, up and away:

1. Welches war die erste Reise, die du je allein gemacht hast? Wohin ging sie und was hast du aus der Erfahrung für dich mitgenommen?

Die Antwort auf diese Frage muss ich zweiteilen. Denn ich reise ja fast immer allein, aber fast immer mache ich auch Gruppenreisen. Alleinsein an sich ist nichts Besonderes für mich, es ist eher ungewöhnlich, dass ich mich längere Zeit in Gruppen wohlfühle. (Deswegen war die Neuseeland-Reise Anfang des Jahres auch so etwas Besonderes.)

Zum ersten Mal allein-allein war ich auf Kreta (und später noch auf Usedom, Guernsey, Alderney, Singapur), das muss 2001 gewesen sein. Ich war komplett alle vom Studium, dem Examen, dem Umzug nach Lippstadt und den ersten Monaten des Volontariats. Ich war eigentlich fast nur am Strand, kurz unterbrochen von einigen wenigen Ausflügen, bin fast jeden Tag geschwommen und schlief ansonsten die Anstrengungen der letzten Jahre weg. Das war sehr schön. Vor allem, dass ich machen konnte, was ich wollte, und niemandem Rechenschaft schuldig war. Was ich aber vor allem daraus gelernt habe, war, dass Frauen, die alleine reisen, immer komisch angesehen werden, vor allem im Frühstücksraum des Hotels.

Zum ersten Mal nichtallein-allein war ich dann 2011 in Kanada, neun Tage an der Ostküste, neun Tage an der Westküste. Es war fantastisch, alles war organisiert, ich musste mich nur in den Bus setzen und wurde aufs Bequemste rumkutschiert. Was ich daraus gelernt habe, war, dass Frauen, die alleine reisen, immer komisch angesehen werden, vor allem im Frühstücksraum des Hotels.

2. Dein bester Tipp, um neue Orte abseits der klassischen Sightseeing-Spots zu entdecken?

„Second star to the right and straight on ‚til morning.“

Den Reiseführer in die Tasche stecken, sich umschauen und einfach der Nase nach. Genau dahin nicht gehen, wo alle hingehen, Herz und Augen öffnen, in kleine Gassen rechts und links schauen, den Blumen nach, dem Geruch von Pfannkuchen folgen, nur noch einmal um die nächste Ecke schauen, dann vielleicht um die nächste auch noch, mal lesen, was auf der Plakette an dem Haus dahinten steht, erkunden, was da für eine Statue gebaut wird, zwischendurch stehenbleiben, vielleicht doch die Richtung wechseln, sich irgendwo hinsetzen und einfach hören, gucken, atmen, dann findet sich ein neuer Weg, und das ist nur meiner und genau der richtige.

3. Gibt es etwas, das du auf Reisen schon immer mal machen wolltest, aber noch nie gemacht hast?

Nicht wirklich. Ich fahre ja gerne weit weg, aber als übermäßig abenteuerlustig würde ich mich nicht bezeichnen. Camping in Alaska war so ziemlich das Wagemutigest bisher. Bungeejumping etc. aber stand noch nie auf meiner Liste. Natürlich würde ich gerne auf irgendeiner Reise mal einen hübschen reichen Holzfäller oder Tom Hiddleston heiraten und mit dem einfach dableiben, aber ich bin inzwischen realistisch geworden, was die Chancen dafür angeht. Ich bin recht zufrieden mit den Dingen, die ich bisher gesehen und erlebt hab; ich mache ja gerne Naturreisen und da komme ich fast immer auf meine Kosten. Setzt mich ans Meer und holt mich in drei Stunden wieder ab, dann bin ich glücklich. Und da ist es fast egal, ob es Nelson/Neuseeland oder Niendorf/Ostsee ist.

4. Wie, wo und durch was lässt du dich für neue Reisen inspirieren?

Durch die Welt, die so unfassbar großartig und spannend ist. Von der ich schon so einiges gesehen hab und im Grunde doch gar nichts. Es gibt ein paar Orte, die ich noch auf meiner Bucket List habe, zum Beispiel Wales, Jersey, Sark, Norwegen, Schweden, Finnland, Kalifornien, die kanadische Ostküste, die Northwest Territories … Aber meistens fliegt mich das nächste Ziel immer irgendwie zufällig an. Sei es, dass mir mein Reisebüro einen Katalog zuschickt und ich denke: „JAWOLL. Island!“ oder dass ich bei der Arbeit eine Doku über den „Aurora Explorer“ gucke und denke, da will ich mal mitfahren. Die Reiseziele fliegen mich so an, und dann fliege ich zu ihnen. Ein Konzept, das sich aufs Allerbeste bewährt hat.

5. Nutzt du Reise-Apps? Auf welche würdest du auf keinen Fall verzichten wollen?

Ich bin eine sehr alte Frau, die sehr altmodisch ist. Ich nutze keinerlei Reise-Apps, ich benutze Reiseführer, Flyer, Stadtpläne, Karten und einen Elch.

6. Reist du voll durchgeplant oder lässt du dich vor Ort spontan treiben?

Ja und ja. Ich habe meistens bestimmte Pläne oder eine Liste von Orten, die ich sehen möchte, aber es gibt keine Reihenfolge. Auf Guernsey und Alderney ist es mir diverse Male passiert, dass ich für den Tag ein bestimmtes Ziel hatte und am Ende ganz woanders landete, weil vielleicht eine Straße gesperrt war, ich den falschen Bus erwischt hatte oder eine Seitenstraße so spannend aussah, dass ich einfach beim zweiten Stern rechts abbog.

Was ich aber wirklich gerne hab, ist zum Beispiel die Sicherheit, dass ich morgens weiß, wo ich abends schlafe. Ein Hotel muss ich also haben, und wenn ich weiß, dass der Transfer zu diesem Hotel gewährleistet ist, reise ich auch ein wenig beruhigter los.

7. Was war dein bisher verrücktestes Reiseerlebnis?

Vielleicht, dass der Guide, den wir auf Big Island, Hawai’i hatten, aus Rheda-Wiedenbrück kam, aber es ist ja schon fast ein Klischee, dass man im Ausland auf Leute trifft, die aus der Nähe der Heimat stammen.

Ansonsten war es vermutlich die Geschichte von der unglaublichen Elchentführung.

Und jetzt muss ich wen nominieren, oder? Ach, das fällt mir immer so schwer, und neue Fragen mag ich mir auch grad nicht ausdenken? Ich mach es einfach wie immer: Wer mag, darf das Stöckchen gerne aufgreifen und heimtragen.

Das dritte Zimmer

Während ich dies schreibe, sitze ich an seinem sehr besonderen Ort. Ich sitze in meinem dritten Zimmer, dem dritten Zimmer, das ich mir schon so lange gewünscht hatte und das ich nun endlich wieder habe. Es sollte ein Arbeitszimmer sein, aber was es wurde, ist ein Bastelschreibmalkrumelnähhandarbeitsnachdenkkreativitätszimmer. Denn ich habe es geschafft, in diesem winzigen Zimmer drei Tische unterzubringen. Den Nähtisch, den Schreibtisch und den Maltisch. Es beherbergt meine ganzen gesammelten Papiere, mein Schmierpapier und meine Notizbücher, meine Bastelbücher, meine Unterlagen, die Scrapbooks, meine Acryl- und Stoffmalfarben, meine Buntstifte, meine Pastellkreiden. Hier lagern meine Stoffe, meine Skizzen, meine Entwürfe, das ganze halbfertige Zeug. Das dritte Zimmer verschluckt die ganze Unordnung, die bisher immer vor Weihnachten oder Geburtstagen von Freunden im Wohnzimmer herrschte. Hier liegt meine ganze Kreativität, hier kommt alles hin, was meinen Kopf zu voll macht. Das dritte Zimmer bewahrt es auf, ohne dass der Alltag aus Arbeit und Pflichten die Ideen kaputt macht. Hier liegt alles sicher und trocken.

Wenn ich ganz früh in diesem Zimmer sitze, sehe ich, wie sich der Himmel rot färbt, weil die Sonne an dieser Seite der Wohnung aufgeht. Und dann verarbeite ich die Sachen, die ich auf der anderen Seite der Wohnung in mein Notizbuch geschmiert hab, während ich am Abend vorher auf dem Balkon, dem zweiten sehr besonderen Ort dieser Wohnung gesessen und beobachtet hab, wie die Sonne unterging. (Aber zum Balkon kommen wir vielleicht ein andermal.)

Vielleicht ist es kein Wunder, dass ich in der alten Wohnung nie so richtig kreativ sein konnte, dass ich immer wollte und nicht konnte, wenn doch die ganze Kreativität hier, in der neuen Wohnung, in diesem magischen Zimmer, gefangen war.

Denn genau das ist es: ein magisches Zimmer.

(Und es ist mir vollkommen egal, dass das Fahrrad auf der Skizze ein zu kleines Vorderrad hat und die Perspektive nicht stimmt. Es ist das Erste, was ich seit Monaten gezeichnet habe, und es ist somit das schönste Bild eines Fahrrad ever. So.)

Warum ich nicht auf Klassentreffen gehe

Man mag es angesichts meines jugendlichen Aussehens kaum glauben, aber in diesem Jahr könnte ich 25 Jahre Abi feiern, wenn ich das wollte. Beziehungsweise ich könnte die Feier besuchen, die es anlässlich dieses Jahrestags geben wird, wenn ich das wollte. In der WhatsApp-Gruppe sind alle schon gaaaanz aufgeregt und freuen sich, während ich die ganze Zeit überlege, ob es zu pubertär wäre, am Stichtag einfach 20 Gifs mit Mittelfingern zu schicken, um die Gruppe direkt darauf zu blocken. (Ich bin nur deswegen noch in der Gruppe, weil ich chronisch neugierig bin. Es ist wie ein Autounfall. Man weiß, man sollte einfach weiterfahren und das Ganze vergessen, allein, man kann den Blick nicht abwenden.)

Aber um die Frage in der Überschrift ganz kurz und fix zu beantworten: Ich gehe nicht auf Klassentreffen, weil ich meine Zeit nicht mit Leuten verschwenden will, die ich früher schon nicht leiden konnte. Mit Leuten, die mich von der achten bis zur zehnten Klasse gemobbt haben und erst allmählich damit aufhörten, als die Klassenverbände in der Oberstufe aufgelöst wurden. Und nein, man kann das nicht so einfach hinter sich lassen, vergessen und verzeihen. Ich finde auch nicht, dass man das muss. Man sollte schon weiterleben und das alles irgendwie hinter sich zu lassen versuchen, aber es waren wichtige, prägende Jahre, in denen dieses Mobbing passierte. Und nur, weil etwas lange her ist, heißt das keinesfalls, dass es mich nicht immer noch beschäftigt und in mir nachwirkt. Das verklärt sich auch nicht im Rückblick. Falls eins von den Arschlöchern von früher diesen Text liest: Gut gemacht, ihr könnt stolz auf euch sein. Aber erwartet nicht, dass ich heute noch mehr als einen gelegentlichen Gedanken an euch verschwende. Dafür gibt es viel zu viele liebe Menschen in meinem Leben, die es wert sind, dass ich ihnen Aufmerksamkeit schenke.

Dazu kommt, dass einen ein Klassentreffen in Sekundenschnelle in die Schulzeit zurückfallen lässt. Das mag mancher schön finden, aber leider entwickelt sich auch meine Persönlichkeit dann zu diesem dussligen Mädchen zurück, das ich damals war. Von Mitschülern gemobbt, von Lehrern übersehen, die mir kaum was zugetraut haben. Das bin ich schon lange nicht mehr, wobei sich über eine gewisse Restdusseligkeit sicher trefflich streiten lässt. Ich hab es inzwischen ja doch zu ein bisschen was gebracht, und genau deswegen würde ich vermutlich rasch in das berühmte „Mein Haus, mein Auto, mein Pony“-Schema fallen. Schaut mal, ich bin leitende Redakteurin beim Norddeutschen Rundfunk, schaut mal, ich habe ein Buch geschrieben, schaut mal, ich wohne in der schönsten Stadt der Welt, und Westdeutsche Vizemeisterin im Kugelstoßen war ich auch mal. Ich würde es den Pennern von damals verzweifelt beweisen wollen, obwohl sie mir doch eigentlich komplett egal sein sollten. Und vermutlich würde von denen sicher mehr als einer sagen: „Aber Mann und Kinder haste nicht, oder?“ Und schon wäre ich wieder ein Verlierer, mit dem sich niemand abgeben will. Und für diese Spielchen bin ich mir zu schade.

Dabei bin ich durchaus noch mit Klassenkameraden von damals befreundet, einige hab ich auf Facebook wiedergefunden, und darüber freue ich mich sehr. Manche treffe ich sogar gelegentlich im echten Leben, und nur selten sprechen wir dann über die Schulzeit und die „guten alten Zeiten“. Dafür ist die Gegenwart doch viel zu spannend. Also: Habt ein schönes Klassentreffen, ihr sieben bis zehn netten Menschen von damals, schwelgt in Erinnerungen, macht es euch schön. Allen anderen entbiete ich die allerherzlichsten Grüße:

Angst vor dem Fremden

Vor einigen Jahren beschwerte sich mal eine ehemalige Klassenkameradin aus der Grundschule, sie könne ja in Lippstadt, unserer gemeinsamen Heimatstadt, nicht mehr frei denken, weil in den Turnhallen dort jetzt Flüchtlinge nächtigten. Es war keinesfalls so, dass sie sich Sorgen machte, dass es den Menschen dort in den beengten Verhältnissen nicht gutgehen könne. Nein, es ging vielmehr darum, dass sie sich in ihrer Freiheit beschnitten sah, weil in den Turnhallen Leute untergebracht waren, die nach einer traumatisierenden Flucht nun ihr und ihrer Familie nach dem Job, der Wohnung, womöglich gar dem Leben trachteten. (Dass die Familie dieser Klassenkameradin selbst in den 60ern aus dem damaligen Jugoslawien nach Deutschland gekommen war, lassen wir mal außen vor, die Sache ist schon absurd genug.)

Ich kenne leider noch einige Leute mehr, die so denken, und das Verstörende ist, dass diese Menschen in ihrem Alltag kaum Berührungspunkte mit „Ausländern“ haben, sie kennen keine Muslime persönlich, vom Judentum haben sie, wenn es hochkommt, mal irgendwas gelesen. Und trotzdem haben sie Angst vor diesen Menschen, die irgendwie anders sind, die sie in ihrer kleinen heilen deutschen Welt bedrohen könnten, womit auch immer.

Wie wenig Ahnung sie doch haben. Da sitzen sie in ihrer kleinen spießbürgerlichen Welt, in ihrer kleinen deutschen Höhle und ängstigen sich vor Menschen, denen sie wahrscheinlich vollkommen egal sind, weil die nämlich auch nur ihr kleines Leben leben wollen. Diese Spießbürger müssten mal in meinem Viertel in Hamburg leben, dann könnten sie wenigstens mitreden. In der Parallelstraße zu meinem Haus ist eine iranische Schule, noch eine Straße weiter findet sich eine Moschee, und sonntags höre ich die Glocken der Russisch-Orthodoxen Gemeinde. In der Hochhaussiedlung gegenüber wohnen ziemlich viele Menschen, die wohl einen „Migrationshintergrund“ haben, ein paar Straßen weiter gibt es ein brasilianisches Restaurant und einen asiatischen Lebensmittelmarkt. Ich bin umgeben von Menschen, die irgendwie anders sind als ich, es ist unfassbar. Habt ihr überhaupt eine Ahnung, wie so was das Leben beeinflussen kann? Wie oft ich jeden Tag mit Angst aus dem Haus gehe, weil mir fremdländisch aussehende Menschen begegnen können?

Ich sage euch mal, wie das mein Leben jeden Tag beeinträchtigt:

Gar nicht.

Island

Wie der geneigte (haha) Leser vielleicht noch weiß, schulde ich ihm noch ein Urlaubsblog – nämlich das von Island (3. bis 10. Oktober 2017). Weil ich auf der Reise wenig Notizen gemacht hab, werden Fotos reichen müssen.

Büdde:

Abfluch!

Ankunft

Reykjavík

Hafen und Harpa

Sólfar – Der Sonnenfahrer

Tjörnin

Hallgrímskirkja

Hólavallagarður

Wikingerdorf Hafnarfjörður

Bessastaðir, Amtssitz des isländischen Präsidenten

Saga Museum

Rundfahrt „Goldener Kreis“

Gletscher Mýrdalsjökull

Landschaft Südküste

Eyjafjallajökull

Lavastrand Vík í Mýrdal

Strand Djúpalónssandur mit Trawlerschrott der „Epine“

Skógafoss und Seljalandsfoss

Halbinsel Snæfellsnes

Krater, dessen Name mir entfallen ist

Kirkjufell

Beim großen Geysir Strokkur

Gullfoss-Wasserfall

Þingvellir Nationalpark

Imagine Peace Tower by Yoko Ono, 9. Oktober

Schlussbiere

Schön war’s.

Jeder ist seines Glückes Schmied

Dein Leben beginnt dort, wo deine Komfortzone endet.

Das Leben ist zu kurz, um sich Sorgen zu machen.

Alles, was du willst, ist auf der anderen Seite der Angst.

Sorgen ändern nichts, sie stehlen dir nur deine Zeit.

Die Entfernung zwischen deinen Träumen und der Realität nennt man Disziplin.

Schon mal gehört? Oder gar über dem Küchentisch hängen? Spitze.

Ich hab gar nicht genug Worte dafür, wie sehr ich diese Motivationssprüche hasse. Diese Annahme, man könne einfach aufhören, Angst zu haben oder sich Sorgen zu machen, wenn man es sich nur genug vornimmt. Einmal mit dem Finger schnipsen, puff! weg sind die Sorgen und alles ist wieder fein. Und wenn man das nicht schafft, ist man halt ein schwacher Mensch, der selbst schuld daran ist, wenn es ihm nicht gut geht. Fall abgeschlossen.

Als ob es ein Verbrechen wäre, einen Tag, für den man sich eigentlich viel vorgenommen hatte, mit einem Buch oder einer guten Serie auf dem Sofa zu verdödeln, weil man nichts anderes auf die Reihe bekommt und vielleicht genau das braucht! Es gibt nun mal Tage, an denen die vielbeschworene Komfortzone an der eigenen Wohnungstür endet. Wo einem die Welt so laut und beängstigend erscheint, dass man nicht anders kann, als drinnen zu bleiben, dort, wo man weiß, dass einem niemand wehtun oder auf die Nerven gehen kann. An manchen Tagen erscheint es eine unlösbare Aufgabe, einfach nur aufzustehen und Frühstück zu machen. Es gibt Zeiten, in denen man es einfach nicht schafft, den sorgenschweren Gedankenschleier auch nur einen Zentimeter anzuheben oder gar ein Stück beseite zu ziehen, damit auch mal die Sonne rein kann. Dabei weiß man ja meistens, dass viele der Sorgen, die man sich macht, unsinnig sind. Und doch kann man manchmal nicht damit aufhören.

Aber solche Tage gibt es nun mal, es darf sie geben, und es muss sie geben. Wer dauernd glücklich ist oder sich auch nur ständig bemüht, diesen Anschein zu erwecken, wird eines Tages sehr irre oder sehr müde sein oder beides. Dunkle Tage gehören zum Leben dazu, für einige Menschen dauerhaft, für andere nur mal hier und da. Und daran ist niemand selbst schuld, und niemand, wirklich niemand, braucht dann schlaue Sprüche. Manche brauchen dann jemanden, der für sie einkaufen fährt, manche brauchen professionelle Hilfe, manche brauchen einfach nur mal ihre Ruhe. Alles davon ist okay, alles davon ist richtig.

Man sollte niemandem vorwerfen, wenn er es nicht schafft, „mal unter Leute“  oder „mal an die frische Luft zu gehen“, seine Komfortzone zu verlassen oder auch nur einkaufen zu gehen. Denn wer weiß, vielleicht bestand die große Leistung des Tages darin, aufzustehen und zu duschen. Dafür sollte man dann ehrlich gesagt einen Preis bekommen, keine Vorwürfe, weil es zu wenig sei.

Ich könnte jetzt noch ein Bild teilen, auf dem das Sonnenlicht zögerlichoptimistischhoffnungsvoll durch die Bäume fällt, aber ich hab das hier gefunden:

Müssen wollen

Zu wenig ehrgeizig sei ich, ich müsse doch beruflich noch weiter vorankommen wollen, das Bisschen, was ich leiste, sei nicht genug, das könne ja jeder und ob ich denn aus meinem Leben nichts machen wolle, sagte mir neulich jemand, als ich erzählte, was ich beruflich so mache.

Mal abgesehen davon, dass derjenige überhaupt nicht beurteilen konnte, was ich den lieben langen Tag bei der Arbeit so alles leiste, denke ich seitdem drüber nach, wie unterschiedlich man offenbar den Begriff „Ehrgeiz“ auslegen kann. Und wie verschieden man den Stellenwert des beruflichen Vorakommens bewerten kann. Und ein bisschen sauer bin ich auch.

Ich finde, ich hab beruflich bereits einiges geschafft – aus einer unbedeutenden Lokalklitsche nach Hamburg zum NDR, dort Leitende Redakteurin in Festanstellung. Wer hätte das schon gedacht, als ich bei den Kaninchenzüchtern in Marburg meine ersten Pressetermine als kleine freie Mitarbeiterin gemacht hab? Ich finde es ziemlich dreist, mir absprechen zu wollen, dass das eine gute Leistung war.

Aber jetzt, mit 45, ist es vielleicht auch erst mal gut. Darf ich nicht einfach froh über das bisher Erreichte sein? Ich ruhe mich ja nicht aus, sondern mache weiterhin meinen Job bestmöglich, weil ich ihn mag und meistens auch gerne zur Arbeit gehe. Aber darf ich denn nicht zumindest eine Weile genießen, was ich bisher geschafft habe? Wenn ich mit 50 noch weiter will, hab ich immer noch Zeit. (Und nein, der große investigative Journalismus war eh nie mein Ziel, weil ich meine Fähigkeiten durchaus realistisch einschätzen kann. Andere Kollegen leisten da sehr viel bessere Arbeit, als ich sie je machen könnte. Die können aber meinen Job vielleicht auch nicht.)

So richtig will ich mir aber nicht gefallen lassen, dass ich nicht ehrgeizig genug bin. Ich hatte und habe durchaus Ziele im Leben. Ich wollte immer mal nach Kanada – das hab ich geschafft, zweimal sogar. Ich wollte nach Alaska, Hawaii, Neuseeland – hab ich alles besucht, und alles war unvergesslich schön. Ich wollte ein gutes Verhältnis zu meiner Familie, und ich glaube, das hab ich. Nach langen Jahren des Mobbings an der Schule wollte ich einen großen Freundeskreis – auch den habe ich, und er besteht fast nur noch aus Leuten, von denen ich weiß, dass sie mich genauso mögen, wie ich bin, mit allen Ticks und Macken. Ich wollte mit der Kugel über zehn Meter stoßen – das habe ich geschafft, und der Weg dahin war mit viel Fluchen, Schweiß, Tränen, Quälerei und Muskelkater gepflastert, ohne Ehrgeiz wäre das nicht zu schaffen gewesen. Ich wollte ein Buch schreiben – das hab ich getan, sogar ein zweisprachiges. Ich wollte immer so schreiben können, dass die Leser das wirklich bewegt – man hat mir glaubhaft versichert, dass ich das mit dem einen oder anderen Text hier schon geschafft hab (bis bin zum Heulen, jawoll!). Was soll ich denn noch wollen? Die wirklich wichtigen Dinge hab ich doch hinbekommen.

Und woran erinnern wir uns denn bitte am Ende? An die supertolle Untertitel-Datei für die drei Stunden lange Spielshow, die ich zum Sendezentrum nach Frankfurt geschickt habe? An endlose Meetings?

Oder vielleicht eher an laue Balkonabende mit einem kühlen Weißwein in der Hand und einer guten Freundin neben sich? An die Sonnenuntergänge auf Maui? An das unschlagbare Gefühl, als die Kugel das erste Mal über zehn Meter flog? An das erste Mal, dass ich ein Buch mit einer meiner Kurzgeschichten drin in der Hand hatte? Als der Karton mit den Belegexemplaren meines ersten eigenen Buchs ankam? An spontan am Meer verbrachte Tage? An Wind im Gesicht und Sand unter den Füßen? An Kinoabende, Theaterstücke, mit einem Buch auf dem Sofa vergammelte verregnete Sonntage?

Also ich finde nicht, dass ich diejenige bin, die hier die falschen Prioritäten hat.

Hinweis in eigener Sache

Da ich gerade so schön im Flow bin, was das Schreiben angeht, werde ich in den kommenden Wochen mal den Entwürfe-Ordner durchforsten und ein paar Sachen bloggen, die NOCH länger her sind als der Neuseeland-Urlaub. Also nicht wundern, wenn in euren E-Mail-Benachrichtigungen demnächst Texte mit Erscheinungsdaten aus dem vergangenen Jahr (oder noch älter *hust*) auftauchen. Das soll so. ;-)