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Mann für einen Tag

Da schreibt eine junge (haha) Frau, die so rein karrieremäßig nicht mehr ganz unten in der Nahrungskette steht, unter dem Hashtag #MannfuereinenTag sinngemäß in etwa folgenden Tweet „Nicht sofort gefragt werden, ob mein Chef da sei, obwohl ich die leitende Redakteurin bin.“

Weil es nämlich kolossal nervt, wenn man nur ans Telefon geht und für eine Tippse gehalten wird, die keine Ahnung hat. Weil es nervt, wenn zwei Minuten, nachdem man jemandem am Telefon was erklärt hat, der Apparat des männlichen Kollegen neben einem klingelt, der der betreffenden Person alles noch mal wortwörtlich genauso erklärt. Weil es nervt, dass Kollegen, die erst zwei Jahre da sind für kompetenter gehalten werden als die Frau, die die Abteilung vor zehn Jahren mit aufgebaut hat.

Was passiert als Nächstes? (Ach ja, um die Sache spannend zu machen, enthält der Tweet dummerweise ein „N“ an einer Stelle, an die es nicht gehört.)

Zwei Frauen faven den Tweet (Yes, sisters, I know you feel me).

Ein Mann, der keine Follower hat und erst einen Tweet geschrieben hat, antwortet: „Bei solchen Tweets kein Wunder, dass man Ihnen die Position nicht zutraut.“

Ein anderer Mann schreibt: „Als leitende Redakteurin wissen Sie ja sicher, dass das eine „N“ da nicht hingehört.“

Ein dritter Mann schreibt: „In der Position und dann so in Watte gepackt? Wie passt das denn zusammen?“

Es gibt Tage, an denen ich so was kalt lächelnd mit der witzigsten, besten, ironischsten Antwort kommentiere, die jemals auf Twitter veröffentlich wurde und denke: „Leckt mich doch am Arsch, ihr hohlen Kackbratzen. Genau wegen Spacken wie euch brauchen wir Feminismus, und wir werden gewinnen.“

Heute ist nicht einer dieser Tage. Heute hab ich nur den Tweet gelöscht und die Deppen blockiert.

Manchmal ist man halt schon am Anfang eines langen Weges erschöpft.


Wie liegen Sie denn hier?

Zu meinen liebsten Vergnügungen im Sommer gehört es, ganze Nachmittage auf einer Wiese im Volkspark zu verdödeln. Manchmal hab ich eine Kühltasche mit Bierchen dabei, gelegentlich auch eine kleine Flasche Rotwein, immer ein Buch oder was zu schreiben. Ich liege da dann sinnlos in der Sonne, drömmele so vor mich hin und lasse den lieben Gott einen guten Mann sein. Also zumindest dann, wenn man mich dabei in Ruhe lässt. Leider ist das immer öfter nicht der Fall.

Als ich letztens auf meiner Lieblingswiese lag und mir gerade meine Hosenbeine ein wenig höherzuppelte, damit auch die Knie ein wenig Sonne abbekommen mögen, hörte ich hinter mir zunächst ein „Uh oh!“, dann ein albernes Kichern. Als ich mich umdrehte, stand auf dem Weg in ein paar Metern Entfernung eine Frau, kicherte noch mal und sagte „Hallo“. Da ich die Frau nicht kannte, sagte ich nichts und drehte mich wieder um. Mit Fremden soll man ja nicht sprechen.

Blöderweise sprechen Fremde aber oft mit mir.

Ob sie mir mal was sagen dürfe, fragte die Frau und kam ungefragt näher. Ich entgegnete „WAS DENN.“ Mit diesem Unterton, der deutlich hörbares „Nein, halt die Fresse“ beinhaltete. Was aber seltsamerweise die meisten Leute überhören. Es ist so ein Elend mit dieser Welt, keiner ist mehr empfänglich für Zwischentöne. Im Folgenden kam es somit zu diesem Dialog:

Sendungsbewusste Frau (SF): Wissen Sie eigentlich, dass hier in der Nähe ein Flüchtlingsheim steht?
Ich: JA.
SF: Und dass da viele junge Männer wohnen?
Ich: JA.
SF: Die gehen auch oft hier im Park spazieren.
Ich: JA. UND?
SF: Da sollten Sie vielleicht mal überlegen, ob Sie hier SO liegen wollen.
Ich (nach einem kurzen Moment der Sprachlosigkeit): Ich wohne hier seit zehn Jahren, und genauso lange liege ich auch schon auf dieser Wiese herum, und es gab noch nie Probleme.
SF: Ich meinte ja auch nur.
Ich: Es ist mir egal, was Sie meinen. Lassen Sie mich gefälligst mit Ihrem Scheiß-Rassismus in Ruhe.
SF: Also Rassismus ist ja nun völliger Quatsch.
Ich: Gehen Sie einfach weg und lassen mich hier liegen.

Offenbar hatte ich jetzt endlich den richtigen Ton getroffen, der die Dame zum Rückzug veranlasste.

Bevor ich dazu übergehe, diese auf so vielen Ebenen verstörende Begegnung genauer aufzudröseln, möchte ich dem geneigten Leser zur Verdeutlichung erst einmal das Outfit des Anstoßes zeigen. Es handelt sich dabei um diese exklusive Kombination:

Man sieht, auch wenn es leicht verwackelt ist: Es handelt sich um eine ausgeblichene, abgeschnittene Jogginghose und ein Top, also Kleidungsstücke, die quasi nichts mehr der Fantasie überlassen. Ein Wunder also, dass ich nicht ständig überfallen werde, wenn ich so unterwegs bin. (Einmal ist mir das auch tatsächlich passiert, dass ich im Volkspark sexuell belästigt wurde, als ich in oben gezeigtem Outfit vor mich hin faulenzte – von einem widerlichen alten weißen deutschen Mann. Der bereut vermutlich heute noch, dass er sich mich dafür ausgesucht hatte, aber das nur am Rande.)

Und damit zur Tirade.

Zunächst mal: Natürlich weiß ich, dass da in der Nähe des Schulgartens im Altonaer Volkspark seit einiger Zeit ein Flüchtlingsheim steht. Und als das Heim bezugsfertig war, waren durchaus viele junge Männer, die man als regelmäßiger Im-Park-Lieger noch nie gesehen hatte, dort unterwegs. Logisch, wenn man irgendwo neu hinkommt, erkundet man erst mal die Umgebung. Da saßen dann die jungen fremden Männer in Grüppchen im Park herum, telefonierten mit dem Handy, unterhielten sich und lachten gelegentlich sogar laut. Schockierend, oder? Manche Männer hatten auch Frauen und gar Kinder dabei, die da einfach so spazieren gingen und spielten. Es war das reine Chaos. Es herrschte quasi Anarchie im Park. Es war kaum noch auszuhalten.

Angesprochen wurde ich seit dem Aufbau dieses Flüchtlingsheims von einem der Bewohner übrigens genau einmal. Es war ein etwas kühlerer Abend im Frühling, ich trug lange Hosen sowie eine Jacke und der junge Mann aus Syrien, der mich angesprochen hatte, erklärte mir, er lerne Deutsch und würde sich freuen, wenn ich mich zwecks Verbesserung seiner Sprachkenntnisse ein bisschen mit ihm unterhalten wolle. Ich wollte nicht (denn ich will mich im Park nie unterhalten), ich wollte einfach nur da sitzen. Das teilte ich ihm freundlich mit, er bedankte sich ohne Groll und ging wieder. Eine Begegnung, die jederzeit hätte eskalieren können, ich zittere immer noch, wenn ich daran denke.

Ich weiß nicht, ob die Dame nun wirklich implizieren wollte, dass alle jungen männlichen Flüchtlinge deutsche Frauen sofort bespringen wollen, weil sie nicht damit klarkommen, dass hier und da mal eine nackte Schulter oder ein entblößtes Knie zu sehen ist. Vielleicht hat sie es sogar wirklich gut gemeint, aber wie wir wissen, ist das meistens das Gegenteil von gut. Denn klar – wenn Männer, die sich nicht benehmen können, das Problem sein sollen, hilft es sicher, Frauen zu sagen, wie sie sich anziehen sollen. Es hilft ganz bestimmt, Frauen einzureden, dass sie selbst schuld sind, wenn jemand bei ihrem Anblick auf dumme Gedanken kommt. Das funktiniert bei sexueller Belästigung und schlimmeren ja seit Jahrzehnten ganz hervorragend. Und wir lassen hier mal außer Acht, dass es sich bei dem fraglichen Outfit um die ältesten Klamotten handeln, die ich besitze und die alle wichtigen und unansehnlichen Körperteile verhüllen. Und wir lassen auch außer Acht, dass nur ein paar Tage später Mädel neben mir im Bikini im Park lagen, die sich aufgrund der Abwesenheit der strengen Sittenwächterin natürlich keinen Spruch reindrücken lassen mussten.

Vielleicht wollte die Dame ja die jungen Flüchtlingen auch nur davor bewahren, einen Kulturschock zu erleiden. Aber auch das ist übergriffig und bevormundend, denn sie hat nicht in einer Art vorauseilendem Gehorsam zu bestimmen, was andere stören könnte. Aber selbst wenn sich jemand aus dem Ausland gestört fühlen sollte – wir leben hier nun mal in einer anderen Kultur, und wer herkommt, kann nicht erwarten, dass sich die Welt nun plötzlich um ihn dreht. Ich weiß natürlich, dass deutsche Touristen im Ausland so ticken, aber so funktiniert es ja nun mal nicht. Wenn wir miteinander klarkommen wollen, müssen wir das im Dialog lösen und nicht damit, indem man entscheidet, was jemand sehen darf und wie sich jemand anders zu kleiden hat. Und darüber, was junge geflüchtete Frauen denken könnten, wenn sich Männer im Park bis auf die Unterbuxe ausziehen und sich breitbeinig sonnen, macht sich interessanterweise keiner Sorgen.


Nicht mein Hamburg

Während ich dies schreibe, kreist über mir ein Hubschrauber und liefert ein beunruhigendes Hintergrundbrummen zum hellen Martinshorn, das gefühlt auch schon den ganzen Tag ertönt. Ich hatte gestern und heute Sonderschichten zum Untertiteln der Sendungen zum G20-Gipfel und radelte sowohl in der vergangenen Nacht als auch heute Nachmittag durch geisterhaft leere Straßen. Das war einerseits entspannend, zum anderen aber auch verstörend.

Als ich heute Morgen wach wurde und die Stöpsel aus den Ohren nahm, hörte ich als Erstes wieder den Hubschrauber, als ich den Fernseher anmachte, brannte halb Altona.

Die meisten Leute, die ich kenne, sind nicht damit einverstanden, dass der G20-Gipfel hier bei uns stattfinden muss, wir alle würde uns freuen, wenn sich dafür irgendwo in der Südsee eine einsame Insel gefunden hätte. Aber marodierend durch die Straßen zu ziehen, Autos anzuzünden, Scheiben von Geschäften einzuwerfen und Flaschen auf Polizisten zu werfen – das kotzt uns alle an, das ist nicht unsere Stadt. Das hat mit politischem Protest nichts mehr zu tun, da geht es nur darum, möglichst großen Schaden anzurichten und alles kaputtzumachen, was sich einem in den Weg stellt. Einfach nur so.

Das ist nicht mein Hamburg. Aber die brennenden Autos, der Rauch, die Verletzten, die Randale – das sind die Bilder, die nun von Hamburg aus in die Welt gehen. Das ist das Bild, was nun viele von Hamburg bekommen.

Mein Hamburg sieht ganz anders aus. In meinem Hamburg sitze ich Samstag Nachmittag in der Sonne am Elbstrand, trinke Bier in der Strandperle und esse Fischbrötchen und warte, dass die Sonne untergeht. Es gibt fantastische kulturelle Veranstaltungen, man kann an der Elbe sitzen und gelegentlich die „Queen Mary“ vorbeifahren sehen, in einem Café in der Marktstraße Schokoladenkuchen essen, der so gut ist, dass man ihn heiraten möchte. Mein Hamburg ist bunt und freundlich, in meinem Hamburg sagt der Beamte bei der Anmeldung in der Hansestadt freudestrahlend „Na denn mal willkommen in der schönsten Stadt der Welt“, und er hat recht damit. Flüchtlinge werden willkommen geheißen, in den Kneipen wird einmal manchmal nicht gesagt, dass man eigentlich schon längst geschlossen hat, weil man das Gespräch am Tisch nicht stören will, am Abend leuchten die Häuser rund um die Alster wie Perlen. Man sitzt im Sommer draußen vor den Kneipen, teilt sich die Bierzeltbank mit wildfremden Menschen und fühlt sich beim Nachhausegehen im Morgengrauen wie alte Freunde. Es gibt einen eigens Beauftragten für Schwanenwesen, und wenn man nachts im Sommer durch die Stadt fährt, riecht es noch nach der Sonne vom Tage, nach frischem Wind und vielleicht auch nach dem Meer, das gar nicht so weit weg ist. In meinem Hamburg gibt es diese sinnlose Gewalt nicht, da redet man miteinander, trinkt ein Astra dazu und streitet sich augenzwinkernd. Man schmeißt keine Scheiben an, man wirft keine Brandsätze.

Mein Hamburg ist der Tor zur Welt, es ist die beste Stadt der Welt und ich hoffe, die Welt ahnt das auch irgendwie, wenn sich der Rauch verzogen hat.

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Schweres Thema

Nein, ich bin nicht dick. Das heißt, irgendwie bin ich es doch, aber dann auch wieder nicht wirklich. Bei meiner Hausärztin steht hinter meinen Maßen der Vermerk „prä-adipös“, aber vermutlich käme auf den ersten Blick niemand auf die Idee, mich „dick“ zu nennen. Genau weiß ich das nicht, weil ich vor langer Zeit aufgegeben habe, mich mit Menschen über meinen Körper und mein Gewicht zu unterhalten.

Man kann sich nämlich als Frau nicht mehr normal mit Menschen über sein Gewicht unterhalten, ohne dass es sehr schnell sehr anstrengend wird. (Und dabei ist es egal, ob man zu viel, zu wenig oder genau das richtige wiegt.) Beispiele? Oh, gerne.

Vor vielen Jahren fuhr ich mal mit Freunden und deren kleinem Sohn im Auto, und plötzlich rumpelten wir über Kopfsteinpflaster. „Kevin-Marcel-Pascal hoppelt!“, freute sich der kleine Sohn, und ich sah an mir runter und sagte, ohne groß darüber nachzudenken: „Hihi, und Kiki wabbelt!“ Das bereute ich innerhalb von Sekunden, denn obwohl ich das nur gesagt hatte, weil es stimmte (außer austrainierten Bodybuildern schwabbelt vermutlich jeder auf Kopfsteinpflaster) und ich es lustig fand, wurde mir ein 20-minütiger Monolog aufgedrängt, ich solle doch bitte nicht nach Komplimenten fischen, man könne mich um meinen Körper beneiden, ich sei eine undankbare Ziege, wenn ich nicht zu schätzen wisse, was ich hätte und blablabla. Sprich, es wurden mir Probleme eingeredet, die ich damals noch gar nicht hatte und mir beschieden, wie ich mich in meinem Körper zu fühlen habe, Widerworte nicht gestattet.

Das ist zehn Jahre und fünf Kilo her, und ich sehe eigentlich immer noch nicht dick aus, auch wenn ich mich heute nicht mehr so wohl in meinem Körper fühle, wie ich das mal getan habe. Das liegt daran, dass ich weniger (Wettkampf)-Sport treibe und sich alles anders anfühlt. Das heißt noch lange nicht, dass ich meinen Körper hasse oder ihn in Problemzonen aufteile, die ich trainieren muss, bis sie brennen. Ich würde allerdings wirklich gerne fünf bis zehn Kilo abnehmen, aber es funktioniert nicht. Nach einer OP im Januar, als ich endlich wieder konnte, bin ich sozusagen von 0 auf 100 gestartet. Nachdem ich vorher gar nichts hatte machen können, trieb ich von nun an jeden Tag Sport, fast einen Monat lang. Ich joggte, machte Yoga, Krafttraining, fuhr wieder mit dem Rad zur Arbeit, ging spazieren. Ich hatte gehofft, ich könnte abnehmen, aber das war nicht der Grund für den vielen Sport. Der Grund war, dass ich mich endlich wieder richtig und nicht mehr nur wie eine alte Frau bewegen konnte. Jeder schmerzende Muskel fühlte sich gut an, weil ich endlich wieder fit war. Dass mir Leute auch das madig machen wollten – geschenkt.

Aber wenn ich jemandem sage, ich würde schon gerne mal fünf Kilo abnehmen, wird sofort geschrien, aber ich sähe doch gut aus. Das hab ich zwar nie infrage gestellt, aber bitte, schreit nur. Ich würde gern abnehmen, um meine Knie und Achillessehen zu entlasten, mich besser zu fühlen und natürlich auch, um vielleicht wieder in die vielen schönen Hosen zu passen, die ich zuhauf im Schrank habe. Zurzeit fühlt sich mein Körper nicht wirklich wie meiner an, sondern als sei mein Körper unter dem einer anderen Frau versteckt, und ich komme nicht recht ran, egal, wie ich mich auch anstrenge. Es fühlt sich einfach falsch und anders an, aber es scheint unmöglich zu sein, das jemandem vernünftig klar zu machen. „Das sieht man aber nicht, dass du so viel wiegst“ (ich sehe es aber schon, und vor allem fühle ich es) bekommt man dann gesagt, als wäre das Thema damit erledigt. Man sieht nichts, also ist das zusätzliche Gewicht nicht da und deine Probleme mit Sehnen und Gelenken auch nicht?

Wenn es ums Gewicht geht, ist unsere Gesellschaft mittlerweile komplett verkorkst, scheint mir. Grund ist sicherlich zum einen der übermäßige Gebrauch von Photoshop, wenn es um Werbefotografie geht, die vielen vor allem jungen Mädchen ein komplett falsches Bild davon vermittelt, was ein richtiger Frauenarsch ist. Aber auch die Gegenbewegung, die vermittelt, dass man sich einfach nur ein bisschen mehr liebhaben muss, dann würde schon alles gut und die Welt wieder bunt werden. Das ist genauso ein Unsinn, wie sich einem fragwürdigen Schönheitsideal entgegenzuhungern, bis man jeglichen Spaß am Leben verliert.

Ich finde es wunderbar, wenn Menschen mit ihrem Körper im Reinen sind, wie auch immer dieser aussieht. Das ist sogar sehr wichtig, gerade für junge Menschen. Aber es muss doch auch noch gestattet sein, zwischendurch mal zu sagen, dass es einem mit dem einen Röllchen am Bauch grad nicht so gut geht. Ich möchte meine Kurven nicht permament umarmen und feiern, ich möchte von ihnen auch mal genervt sein dürfen. Ich bin halt lieber durchtrainiert, weil ich das von klein auf so gewohnt bin. Könnten wir uns nicht einfach Sätze wie „Deine Probleme möchte ich haben“, „Was soll ich denn dann sagen?“, „Nein, du siehst doch toll aus“ sparen?

 


Nur mal kurz zuhören?

Wann hat das eigentlich angefangen, dass man sofort einen dämlichen Allgemeinplatz oder einen unpraktikablen Lösungsvorschlag um die Ohren gepfeffert bekommt, wenn man jemandem ein Problem schildert oder nur mal kurz jammern will, weil manchmal eben ein Jammer in einem steckt, der raus muss?

Da erwähnt man mal kurz, dass es im Job derzeit nicht so leicht ist/der Mann spinnt/die Kinder zurzeit unleidlich sind/der Nachbar rumlärmt/das Auto eine teure Reparatur braucht/hier beliebiges Problem einsetzen, schon heißt es als Erstes garantiert: „Na ja, reg dich doch nicht so auf/So ist das eben manchmal/Da musst du dich halt mal behaupten/andere haben es viel schwerer/hier beliebigen Allgemeinplatz einsetzen.“ Und wenn man dann sagt, dass all das eben nicht so einfach sei, weil das Problem vielleicht etwas schwerer wiege, kommt sofort die Endlösung auf dem Silbertablett: „Dann kündige doch/zieh doch aus/trenn dich halt/gib das Kind ins Heim (okay, der war übertrieben, aber das wäre doch mal ein Knaller)/verkauf das Auto, brauchst du doch in der Großstadt eh nicht/spreng halt alles in die Luft/hier beliebige Endlösung einsetzen.“ Wenn man dann wiederum sagt, das sei vielleicht eine Nummer zu groß und übertrieben und aus diversen Gründen nicht möglich, bekommt man garantiert gesagt, dann solle man sich auch nicht beschweren, man wolle sich ja offensichtlich gar nicht ändern und solle nun bitte still in seinem selbstgewählten Elend verharren.

Es ist, als wollten andere erstens bestimmen, welches Problem man haben soll und zweitens, wie man sich damit zu fühlen habe. Aber so funktioniert das nicht. Derjenige, der eigentlich nur mal zuhören, Kaffee kochen und Kekse hinstellen und hier und da ein emphatisches „Ach je“ einstreuen sollte, anstatt gleich mit dem inneren Auge das Hirn nach einer Lösung abzusuchen, schafft es mit seinem Verhalten, die ganze Diskussion auf sich zu lenken, sie zu seiner Diskussion zu machen. Derjenige, der sich nur mal auskotzen möchte, kommt kaum dazu, weil er sofort in eine Rechtfertigungshaltung gedrängt wird, sich erklären muss, warum er an seiner Lage nichts ändert, warum er überhaupt so schwach ist, dass er sich schlecht fühlt und die Probleme nicht einfach weglächelt. Dazu, sich einfach mal Luft zu machen darüber, dass das Leben gerade vielleicht nicht so nett zu einem ist, kommt er überhaupt nicht. Und dabei hat er möglicherweise nicht mal auch nur ansatzweise gesagt „Hast du einen Vorschlag, wie ich mich verhalten soll?“, weil er sich nämlich einfach nur mal was von der Seele reden musste.

Was soll das? Wo kommt das her? Ist das von diesem ganzen Selbstoptimierungswahn, der von uns verlangt, ständig an uns zu arbeiten? Oder vom „Trend“, nur noch auf sich selbst zu schauen und alles aus der eigenen Weltsicht heraus zu beurteilen und zu kommentieren? Oder vielleicht aus der Hilflosigkeit heraus, nicht auf alles eine Antwort zu haben? Überraschung: Manchmal muss man gar nicht auf alles eine Antwort haben und zu allem seinen Senf dazugeben. Manchmal sollte man einfach nur zuhören und mitfühlend nicken. Das scheint mir eine Kunst zu sein, die immer weniger Menschen beherrschen. Und mal angesehen davon, dass das sehr traurig ist, nervt es auch kolossal.