Gefährlich nah am Ghost Hill

Na hoppala, da hätten wir jetzt aber vor lauter Eisfresserei und gucken fast vergessen, dass wir ja noch einen Spaziergang machen wollten, der Elch und ich. Außerdem hatte ich mich kurz mit dem Busfahrplan vertan und gedacht, ich käme heute gar nicht mehr nach Portelet, aber dann ging es doch. Und meine Güte, was ist denn das für eine bezaubernde kleine Bucht? Hier muss ich unbedingt noch mal hin. Heute Abend aber ging es in die andere Richtung, nämlich zurück Richtung St Aubin, weil ich nämlich auch die ganze Zeit mal zum Noirmont Point möchte.

Und was war das wieder wunderbar. Das war bislang wirklich die schönste Wanderung, die ich bislang in diesem Urlaub gemacht hab. Das Wetter war wie immer fantastisch, der Wind angenehm frisch, das Meer freundlich, und zu viele Leute liefen mir auch nicht über den Weg. Kinners, kann mich denn nicht endlich einer heiraten, damit ich hier bleiben kann? Ich brauch auch nicht viel. Ich möchte einfach nur hier sitzen.

Und auch auf diesem Spaziergang wartete natürlich eine Geschichtslektion auf mich. Willkommen in der Batterie Lothringen. Das Ganze ist eine ziemlich weitläufige Anlage, deren komplette Ausmaße sich einem erst allmählich erschließen.

Die Türen zu den einstigen Mannschaftsquartieren, Bunkern und Munitionskammern sind heute natürlich verschlossen, aber trotz aller Faszination – dunkle muffige Räume, in denen vielleicht noch ein paar alte Nazi-Generäle spuken, hab ich ja nun auch schon zur Genüge gesehen.

Aber gehen wir doch lieber weiter zu ansehnlicheren Überbleibseln der Geschichte. Da war er endlich, der hübsche kleine Leuchtturm, den ich schon am ersten Tag in St Helier von St Aubin’s Bay aus gesehen hatte:

Der Rückweg nach St Aubins führte ausnahmsweise mal nicht an der Küste lang, sondern durch einen kleinen Wald, und ich glaube, ich war nicht so weit weg von dem Ort, der auf meiner Karte als „Ghost Hill“ verzeichnet ist. Dort hatte wohl mal ein Haus gestanden, aus dem nachts Schreie drangen, die die Nachbarn vom Schlafen abhielten und vermutlich auch die geistige Gesundheit gefährdeten. Also riss man das Haus ab, baute aber ein neues mit den alten Steinen (Amateure, ey), woraufhin das Schreien wieder losging. Diese Geschichte hab ich aber erst später recherchiert, weswegen ich meinen Spaziergang im Wald genießen konnte, ohne mir vor Angst in die Hose zu machen. Das ist ja auch was wert.

Kinners, was hab ich es gut in diesem Urlaub.

Meerblick mit Eis

„So that was your morning being taken care of. What are you planning for the afternoon?“, fragte mich der freundliche Herr im Maritime Museum, und ich musste nicht lange überlegen. Erst mal ein Päuschen am Strand, vielleicht eine Kleinigkeit essen und dann noch einen Spaziergang, wo, wisse ich noch nicht so genau.

Also begab ich mich erst mal zurück zur Promenade, amüsierte mich unterwegs über die Beschreibungen der Windstärken am alten Hafen und holte mir anschließend was Gesundes und Nahrhaftes zu Essen.

Setzt die Segel!

Liebe Eltern, Kinder, Elchbesitzer, Freunde des Meeres und der See, wenn ihr mal auf Jersey seid, aber nicht so richtig Bock auf Museum habt, geht trotzdem in eins, und zwar ins Maritime Museum nahe des Old Habour. Es ist einfach so toll, dass man es wirklich nicht verpassen sollte. Am Ende ist man vollgestopft mit Infos, hat wie ein Kind rumgespielt und viel gelacht, weil die Ausstellungsstücke so bunt und manchmal albern sind. Man kann gucken, lesen, ausprobieren, es ist ein herrlicher Spielplatz. In herrlicher Umgebung übrigens:

Es hat sogar seinen eigenen kleinen Leuchtturm.

Drinnen gibt es einen überaus freundlichen älteren Herrn, der die Tickets verkauft und einem erst mal erklärt, wo man hin muss und überhaupt sehr in Plauderlaune ist.

Dann aber mal kopfüber hinein ins Meer, wir starten an einem gestrickten Korallenriff, …

… reiten die Wellen …

… und lassen den Teufel aufsteigen.

Für Elche gibt’s Möpse.

Der folgende Raum hat mir mit am besten gefallen: Hinter kleinen Kästen an der Wand und aufklappbaren Flaschen verbergen sich Geschichten und Geschichte, Fotos, Infos und kleine Rätsel. Man kann auf einem Schiff herumklettern, wie die Kinder der Leute neben mir Pirat spielen, die Signalhörner betätigen und alle Mögliche über Knoten lernen.

Auf der großen Weltkugel kann man vier verschiedene historische Schiffsrouten nachverfolgen, ein Erzähler berichtet von den Unwägbarkeiten und Abenteuern, die der Crew begegneten, während man mit dem kleinen Schiffchen rund um die Weltkugel mitläuft und sich gar nicht sattsehen kann an den ganzen Details,  Vulkane, Haie, Monster – was einem auf offener See eben so begegnet.

Auf Ideen bringt einen die Ausstellung auch noch, wobei es vermutlich weniger auffällige Methoden gibt, Waren aus dem Hafen zu schmuggeln, als diesen nur ganz leicht aufgebauschten Rock.

Ganz besonders zauberhaft fand ich die winzigkleinen Figürchen zum Ende der Ausstellung, die sich auf Knopfdruck bewegen.

Vor allem die anatomische Korrektheit gerade der weiblichen Figuren fand ich prima getroffen.

Da wundert es nicht wirklich, dass die Meerjungfrau nur auf dem Rücken schwimmen kann.

Und für die, die am Ende noch nicht genug gesehen haben, gibt es sogar noch ein kleines Kino. Dafür war ich aber schon zu überladen mit Eindrücken und Informationen.

Zwischen „Gute Nacht“ und „Teufelsloch“

Was ja hier auf Jersey auch sehr schön ist, sind die Namen der Buchten. Diese hier zum Beispiel heißt: Bonne Nuit Bay, also Gute-Nacht-Bucht. Keine Ahnung, ob man hier besonders gut schlafen kann, aber schön was zu gucken gibt es in jedem Fall.

Dieses entzückende kleine Leuchtfeuer, Sorel Point, sieht man zuerst gar nicht, aber es lässt sich da hervorragend sitzen und gucken.

Etwas mulmig wurde mir dann, als ich durch eine Herde wilder, ungezähmter Bestien wandern musste, aber zum Glück ließen sie mich in Ruhe.

Beim Wandern an Küsten finde ich es ja immer interessant, mal vor und zurück zu schauen und zu denken, ach guck, eben war ich doch noch da drüben. Der kleine weiße Fleck dort auf dem Felsen ist Sorel Point.

Zum Abschluss schon wieder eine Wiese voller Monsterbestien, diesmal sogar mit Hellboy-Hörnern. Auch diesmal kam ich so gerade mit dem Leben davon.

Ob das schweißtreibend war? Ach was, kein bisschen.

Unterwegs fürs Seelenheil

Da ich für den Nachmittag eine Wanderung zum Devil’s Hole geplant hatte, schien es mir eine gute Idee, am Vormittag noch mal ein bisschen in die Kirche zu gehen und was für mein Seelenheil zu tun. (Ich gebe zu, es war Zufall, dass ich an der Parish Church of St Helier vorbeikam, aber sie stand eh auf meiner Liste, also warum dann nicht mal reinschauen?)

Und es ist auch wirklich eine sehr hübsche, idyllische Kirche.

Mit sehr schönen Glasfenstern …

… und einer blauen Madonna.

Und, was mir schon in mehreren Kirchen im Königreich aufgefallen ist: Es gibt Kinderecken. Ehrlich gesagt weiß ich nicht, wofür – für die Zeit, wenn Gottesdienste sind? Oder für allegemeine Spielgruppen? Auf jeden Fall hätte ich hier als Kind viel eher das Gefühl, willkommen zu sein, als in den katholischen Kirchen meiner Kindheit, in denen Kinder gerne von berufsmäßig schlechtgelaunten alten Damen angefahren wurden, jetzt aber endlich mal still zu sein.

So, jetzt aber mal auf zum entgegengesetzten Ende der moralischen Skala.

Auf Knien in die Vergangenheit

Für diesen Text spulen wir die Geschichte mal ein ganzes Stückchen zurück. Noch ein Stück, noch ein Stück, ja, noch ein Stück, bis in die Zeit zwischen  3100 und 2600 v. Chr., wenn es genehm ist. Angekommen?

Denn in dieser Zeit, so vermutet man, entstand der Dolmen La Hougue Bie, ein mehr als imposanter und im Inneren auch ein wenig unheimlicher Steinhaufen in Grouville. Rundherum aber gibt es viel zu sehen, eine Ausstellung zu Ausgrabungsfunden auf Jersey und der geologischen Entwicklung der gesamtem Gegend, außerdem eine Gedenkstätte für Zwangsarbeiter sowie zwei kleine Kapellen oben auf dem Hügel.

Ich muss gestehen, dass ich zunächst gar nicht begriffen habe, dass dieses kleine viereckige Loch da unten tatsächlich der Eingang zum Dolmen ist.

Ja, genau das:

Das, wo den kleinen verängstigten Elch keine zehn Pferde hineingebracht hätten.

Dabei wäre der Elch der Einzige gewesen, der diese außergewöhnliche Stätte aufrecht hätte betreten können, ohne die Schaufeln, äh, den Kopf einziehen zu müssen.

Unsereins aber musste sich auf die Knie runterlassen und etwa zehn Meter im Kriechgang zurücklegen, um in die eigentliche Grabstätte zu gelangen. Ob es sich dabei allerdings wirklich um ein Grab handelt, ist wohl nicht ganz klar. Es wird eher angenommen, dass es sich dabei um eine Art Verehrungsstätte handelt, sozusagen eine Kirche, lange bevor das Christentum diesen Teil der Welt erreichte.

In jedem Fall aber befindet man sich in La Hougue Bie in einem der zehn ältesten Gebäude der Welt, und allein diese Tatsache lässt einen schon kurz innehalten und über die Winzigkeit der eigenen Existenz nachdenken.

„Feel the heart of this place of worship“, heißt es auf der Homepage des zugehörigen Museums, aber das geht nur so lange, wie man sich allein dort drinnen befindet. Wenn erst mal ein von der Anstrengung schnaufender, fast zwei Meter großer Amerikaner neben einem in der kleinen, dunklen Kammer steht, ist es mit der Andacht recht schnell vorbei.

So hell wie auf meinen Bildern ist es übrigens nur wegen des Kamerablitzes. In Wahrheit umschließt einen ein Dämmerlicht, an das man sich erst gewöhnen muss, und das einem umso unheimlicher erscheint, wenn man sich umdreht und sieht, wie die Nachmittagssonne durch den Eingang zu einem hereinzukriechen versucht, es aber nicht schafft, die ganze Kammer zu erhellen.

Gerade in diesem Licht erscheint es aber auch etwas unheimlich, dass die Menschen vor 6000 Jahren La Hougue Bie vermutlich als eine Art Brücke zwischen der Welt der Toten und der der Lebenden ansahen. Mit Betreten des Dolmens verließ man die Außenwelt und betrat eine Art Zwischenreich, in dem es möglich war, Kontakt mit den Toten aufzunehmen, sie um Rat zu fragen oder um Schutz zu bitten. Wie genau die Rituale damals aussahen, lässt sich heute nurmehr erahnen, doch neben der Verehrung der Vorfahren stand auch die Verehrung der Sonne im Mittelpunkt.

Zu einer bestimmten Zeit im Frühjahr und dann wieder im Herbst erhellte die Morgensonne dieses Reich der Vorfahren und zeigte an, wann es Zeit war zu säen und wann die Zeit der Ernte gekommen war. Wie faszinierend ist das bitte?

Doch auch oben auf dem Hügel gibt es noch ein bisschen was zu sehen, wenn auch nicht ganz so alt. Die ältere der beiden auf dem Hügel errichteten Kapellen trägt den schönen Namen „Our Lady Of The Light“ und wurde im 12. Jahrhundert gebaut. Einer der Gründe dafür war vermutlich, auf den heidnischen Dolmen wortwörtlich was Christliches zu setzen, denn wo kommen wir denn dahin, wenn einfach jeder die Sonne anstatt den Herrgott anbetet.

Die Jerusalem Chapel dagegen wurde im 16. Jahrhundert gebaut, in der Reformation kaum noch gebraucht und verfiel dann auch leise vor sich hin. Eine Krypta gibt es auch noch, aber die war erstens nicht zu betreten und mir auch zu unheimlich.

Also erst mal Kekse essen. In der Sonne. Ist ja schließlich immer noch Urlaub.

Von Andenbär bis Zweifarbentamarin

Der Elch hatte für den heutigen Tag einen Besuch im Zoo geplant, und was soll ich sagen: Es war fantastisch. Was für ein schöner, bunter Tierpark, in dem es vor allem wirklich um die Tiere geht und nicht darum, dass die Leute sie anschauen können. In jedem Gehege gibt es Rückzugsmöglichkeiten, und manchmal konnte man trotz intensiven Suchens kein einziges Tier entdecken. Weil es lieber irgendwo in einer stillen Ecke pennen wollte oder fressen oder sich einfach mal in Ruhe am Hintern kratzen.

Es geht vor allem um den Tier- und Naturschutz, es gibt Auswilderungsprogramm, und wenn die Tiere alt werden, gibt es ein Rentengehege (zumindest für Papageien). Man kommt teilweise recht nah an die Tiere ran, aber die meisten Besucher benahmen sich respektvoll und hielten Abstand.

Und weil ich auch den ganzen Vormittag nur geguckt und geknipst hab, lass ich die Fotos hier fast ohne Text stehen. Nur eins noch: Wenn ihr mal auf Jersey seid – geht in den Zoo! Unbedingt!

Darum:

Jetzt muss ich nur noch sehen, wie ich einen Lemuren, einen Gorilla und einen Orang-Utan in meinen Koffer kriege, ohne dass der Zoll was merkt.

Das Meer so blau, der Himmel so weit

Nachdem der erste Teil des Tages schon sehr erfolgreich gewesen war und die Mittagspause mit einer Riesenportion Jersey-Eiscreme am Strand noch viel mehr, war mir doch irgendwie noch nach einem kleinen Spaziergang. Ich startete in der Portelet Bay, und was soll ich sagen: Da hätte ich eigentlich auch einfach drei Stunden sitzen und gucken können. Zum einen, weil außer mir und einem gutgelaunten Elch fast niemand sonst da war, und zum anderen, weil … Ach, seht selbst.

Am Ende aber widerstand ich dem Drang, auf Ebbe zu warten, damit ich zur Île au Guerdain und dem kleinen Martello-Türmchen rüberlaufen konnte, und machte mich auf den Weg Richtung St Brelade, the place to be, wie man so sagt.

Noch ein Blick zurück, …

… dann aber frisch vorangeschritten.

Nicht, dass ich allzu schnell vorangekommen wäre. Erstens ist Urlaub, zweitens gibt es hier so viel Weite zu sehen, dass man einfach alle zehn Meter stehenbleiben muss.

Da muss ich auch noch mal hin: Noirmont Point. Irgendwie hat es mir dieser kleine Leuchtturm angetan.

Aber heute ging es erst mal in die andere Richtung. In Portelet Common platzte ich mitten in einen Polizeiübung (so richtig mit Schießen) und wurde von zwei Hunden aufs Übelste angekläfft – weiß der Henker, wonach ich roch. Aber man stelle sich vor, die Hundebesitzer waren ehrlich erschrocken und entschuldigten sich sogar bei mir. Das ist mir in Deutschland noch nicht ein einziges Mal passiert – im Gegenteil, ich muss mich in solchen Fällen immer entweder anpöbeln oder auslachen lassen.

Ich war viel zu schnell am Ziel, auch wenn ich am Ende doch ganz schön müde war. Aber das war bisher fast der schönste Spaziergang.

Nach Hause fuhren der Elch und ich dann standesgemäß und angemessen nach einem Tag an der frischen Luft: im offenen Bus.

Ein Vormittag in der Vergangenheit

Was ich ja unter anderem so mag an den Kanalinseln: Es liegen so viele schön angeordnete alte Steine rum, die man besuchen  und auf denen man rumklettern kann. Einer dieser schönen alten Steinhaufen heißt Elizabeth Castle und liegt genau vor meiner Haustür. Und heute hab ich es endlich mal geschafft, hinzugehen. (Wenn nicht Ebbe ist, fahren die Duck Boats, eine Mischung aus Bus und Boot, und ich hätte so was gerne für den Weg zur Arbeit.)

Und auch, wenn ich es schon ein paar Male gesehen habe, bin ich immer wieder erstaunt, dass dieser Weg zweimal am Tag komplett verschwunden ist und man höchstens rüberschwimmen könnte (also für den Fall, dass man sie nicht alle hätte.)

Man kann bei Ebbe auch bequem ums Schloss herumgehen, wofür ich aber leider heute keine Zeit hatte.

Ich kam gerade rechtzeitig, um mich der ersten Führung der Saison von Tracey anzuschließen, und das war wirklich ein Glück. Ich habe selten einen Guide erlebt, der besser informiert, mit mehr Freude beim Job war und es vor allem schaffte, einer bunt zusammengewürfelten Truppe internationaler Touristen ganz fix das Gefühl zu geben, dass jeder willkommen war und es vor allem keine dummen Fragen gab. (Schön auch immer wieder der Verhalten der Deutschen einer alleinreisenden Landsfrau gegenüber: bloß schön wegbleiben, am Ende sucht die Dame noch Anschluss. Es sei denn, man braucht eine englische Vokabel, dann ist die alleinreisende Dame gut genug.)

Laut Tracey ist Elizabeth Castle wie die Tardis – von innen viel größer, als es von außen zunächst scheint. Sie hatte viele schöne und weniger schöne Anekdoten auf Lager, die ich im Gegensatz zu anderen geschichtlichen Details auch größtenteils behalten habe. Beispiele? Gern.

Das Unschöne an so einem hübschen Bauwerk ist ja, dass ständig einer vorbeikommt, der es haben will. Befestigung war also das Zauberwort der Vergangenheit. Um etwaige Eindringlinge abzuwehren, hatten sich die Burgbewohner allerlei Nettigkeiten ausgedacht. So fand sich neben einem der Tore zum Beispiel eine Öffnung in strategisch günstiger Höhe, durch die man den Mitgliedern der feindlichen Truppen wunderbar in die Familienplanung pfuschen konnte. Ich möchte gar nicht wissen, mit was die den Angreifern damals die Kronjuwelen beschossen haben.

Was ich auch lernte, war, woher der Ausdruck „die Katze aus dem Sack lassen“ kommt. Wenn nämlich zu den finsteren Zeiten die Katze (neunschwänziges Prügelinstrument) aus dem  Sack gelassen wurde, ging es irgendwem an den Kragen. Meistens einem Soldaten, der es nicht rechtzeitig vor der Flut wieder aufs Castle geschafft hatte doer sich anderen Undiszipliniertheiten hatte zuschulden kommen lassen. Der arme Tropf wurde dann öffentlich vor seinen Kameraden ausgepeitscht. Sollte er vor Erreichen der vorher festgelegten Anzahl von Hieben das Bewusstsein verlieren oder zu schwach werden, schritt ein Arzt ein. Der Soldat durfte sich dann erst mal erholen. Und wenn er gesund genug war, wurden die restlichen Hiebe nachgeholt. So umsichtig und fürsorglich war man damals.

Eine Sache, die unübersehbar ist, ist, dass das Schloss verschiedene Baustufen hat – begonnen wurde der Bau im 16. Jahrhundert und sollte das wegen der Erfindung des Schießpulvers nutzlos gewordene Mont Orgueil Castle ersetzen. Der ursprüngliche Plan, die Steine von Gorey nach St Helier zu schaffen und aus dem einen Schloss das andere zu bauen, wurden – Sir Walter Raleigh sei Dank – nicht umgesetzt, sodass es heute zwei schöne alte Burgen auf Jersey zu besichtigen gibt.

Unter anderem lernte ich bei der Tour auch, dass der Union Jack nur dann Union Jack heißt, wenn er auf See bzw. auf einem Kriegsschiff gehisst wird. An Land heißt er – aufgemerkt nun also – Union Flag.

Ach ja, und die Deutschen waren natürlich auch mal auf dem Schloss, rissen nieder, was ihnen nicht in den Kram passte und schütteten die Lücken mit Beton zu. So auch am Paradeplatz, der bis in die 40er-Jahre symmetrisch von Gebäuden umrandet gewesen war. Dann riss die Wehrmacht das hübsche Haus mit der Uhr zur Hälfte ab und baute – genau – einen Bunker.

Und natürlich nicht nur den einen.

Dieser Ausguck fügt sich dagegen fast schon harmonisch ins Gesamtbild ein.

Ja, nee, komm, gehen wir mal lieber wieder was Schönes gucken.

Hinter dem Castle geht es schließlich noch weiter – dort gelangt man zum Hermitage Rock und zum Breakwater. Und am besten macht man das, während auf dem Paradeplatz die Mittagsvorstellung läuft, dann hat man das Gelände nämlich fast ganz für sich.

Auf dem Eremitenfelsen soll im 6. Jahrhundert der Heilige Helibert (der spätere Namensgeber von Jerseys Haupstadt St Helier) gelebt haben. Als irgendwann Piraten des Wegs segelten, sprach er sie an und wollte ihnen vermutlich das Evangelium nahebringen. Die ungehobelten Gesellen bedankten sich, indem sie Heliberts Kopf fein säuberlich vom Rumpf trennten. Laut Überlieferung nahm er seinen Kopf unter den Arm und ging davon. (Wo kämen wir denn da auch hin, wenn jeder seinen Müll überall rumliegen ließe.)

Ich war natürlich neugierig, ob da oben noch irgendwo der Geist Heliberts zu spüren sei und erklomm die leicht glitschigen Stufen.

Was soll ich sagen – ich konnte mich dort oben wenig auf etwaige spirituelle Umwehungen konzentrieren, weil es dermaßen nach Tauben- und Möwenscheiße stinkt, dass es nicht mehr feierlich ist.

Sehr lohnenswert dagegen ist ein Spaziergang übers Breakwater – hier sollte einmal ein Hafen entstehen, wozu es aber nicht kam. Dafür kann man dort heute die schöne Weite genießen und sich den Wind um die Nase wehen lassen.

Und Wellen fotografieren. Alle.