Jeder ist ein Kritiker

„Jaja, ganz nett, aber du musst auch mal was Eigenes machen, nicht immer von Vorlagen.“

„Und wann malst du endlich mal in Öl?“

„Also ich könnte das nicht.“

„Langweilig, das ist ja immer dasselbe.“

Das sind vier von zahlreichen Sätzen, die mir mein bescheuertes Gedächtnis zuletzt gerne mal wieder ins Bewusstsein spülte. Vorzugsweise immer dann, wenn ich malte, was vermutlich damit zu tun hat, dass ich das seit etwa einem Jahr wieder häufiger tue. Und ich kann gar nicht sagen, wie froh ich darüber bin, dass ich das wieder kann. Denn jahrelang lagen Kreide, Kohle, Bleistifte, Acrylfarben und Aquarellfarben in einer Kiste und litten dort vermutlich ebenso still vor sich hin wie ich. Dass ich all die schönen Farben und die Ideen befreien konnte, liegt vor allem an einem sagenumwobenen Ort, über den ich hier schon geschrieben habe. Es hat eine Weile gedauert, aber jetzt habe ich wieder richtig Spaß am Malen, es gibt keine bessere Methode, um zur Ruhe zu kommen. Und ich sehe bereits wieder eine gewisse Entwicklung zwischen den Bildern, die ich vor Weihnachten gemalt hab und denen, die ich zuletzt im Sommer aufs Papier gebracht hab.

Die oben zitierten Sätze haben zum Glück inzwischen keine Macht mehr über mich, aber zumindest zwei von ihnen haben mir über lange Zeit meine Kunst kaputt gemacht.

Der erste Satz wurde gesagt von einer damaligen „Freundin“, die zugegebermaßen sehr begabt war, was Malen und Zeichnen anging. Sie bezog sich darauf, dass ich (übrigens bis heute) von Fotos „abmale“. Ich konnte damals halt nicht eben mal so eine Flusslandschaft aufs Papier zaubern, sondern brauchte eine Vorlage. Ich hatte aber, als der Satz fiel, gerade mal etwa eineinhalb Jahre zuvor so richtig mit dem Malen begonnen, nämlich in der 11. Klasse. Bis dahin hatte ich halbwegs okay vor mich hingepinselt, es hatte immer für eine Zwei im Kunstunterricht gereicht. (Ob man in Fächern wie Kunst und Musik überhaupt Noten vergeben sollte, ist noch mal eine ganz andere Frage.) Ich hatte immer sehr viel besser malen können wollen, aber wie das bei mir immer so ist: Der Knoten platzt oft spät, dann aber richtig.

Ich kann mich erinnern, dass wir im Kunstunterricht irgendwas mit Sieg und Niederlage zeichnen sollten, ich nahm mir ein Leichtathletik-Buch als Vorlage zur Hand und zeichnete einen am Boden liegenden Läufer und die daneben stattfindende Siegerehrung, und ich weiß nicht genau, warum, aber diese Zeichnung gelang mir erstaunlich gut. Eventuell lag es an einer für mich neuen Schraffiertechnik, die mein damals neuer Kunstlehrer uns gezeigt hatte, und die mir irgendwie lag. Auf jeden Fall kam ein – wie ich fand – schönes Bild dabei raus und sogar eine Eins.

Von da an war ich nicht mehr zu bremsen. Ich malte mit Acrylfarben, mit Aquarellstiften, Bleistift und Kohle. Beim Malen und Zeichnen konnte ich am besten abschalten, ich war komplett weg, abgetaucht im Farb- und Formenrausch. Und endlich gelangen mir Bilder halbwegs so, wie ich sie mir im Kopf vorgestellt hatte. Es war so unfassbar toll.

Und klar – natürlich fehlten mir da noch die Grundlagen. Ich hatte nicht wie andere Leute schon als Kind ständig vor mich hin gekritzelt, Skizzenbücher gefüllt, Kurse belegt und somit dauernd geübt. (Ich habe Bücher mit Texten gefüllt, weil ich halt auch eine Begabung fürs Schreiben hatte.) Ich war zwar schon 19, aber noch eine Anfängerin. Bin ich jetzt, mehr als drölfzig Jahre später, eigentlich immer noch.

Trotzdem war ich überaus glücklich mit dem kleinen Bisschen Kunst, das ich mir erobert hatte. Und deswegen ärgerte mich dieser dämliche Satz umso mehr. Warum konnte die „Freundin“ damals nicht anerkennen, was ich bis dahin geschafft hatte? Oder halt einfach den Mund halten? Ich brauche bis heute Vorlagen, wenn ich was male. Oft fotografiere ich Motive im Urlaub nur deswegen, weil ich schon sehen kann, wie ich sie später malen werde – vom Foto. Und? Mir doch egal. Ich will damit ja kein Geld verdienen, ich mache das nur für mich und für Freund*innen, die halt ein Bild gemalt bekommen, wenn mir sonst kein Geschenk einfällt.

Der zweite Satz, der mit dem Öl, kam von einem Freund meiner Eltern. Ich war so stolz auf das, was ich bislang mit Acrylfarben und Aquarell gezaubert hatte, da wurde mir gesagt, nur wer mit Öl male, sei ein richtiger Künstler. Klar, als Schülerin oder Studentin kann man sich das Malen mit Öl auch locker leisten. Aber auch hier: Ich war erst mal nur stolz auf das, was ich bin dahin erreicht hatte, und plötzlich war das nichts mehr wert, weil es das „falsche“ Material war. Der Satz kommt mir immer mal wieder in den Sinn, wenn ich mit Hingabe ins Mischen von Acrylfarben eintauche oder fasziniert beobachte, wie sich die Aquarellfarben manchmal erst auf dem Papier zum gewünschten Farbton vermischen und das Meer plötzlich genau die Farbe bekommt, die ich haben wollte. Das ist die reine Magie, das ist Zauberei, und ich bin immer wieder überrascht, dass ich das kann. Ich habe die beiden Techniken für mich gefunden, und auch wenn ich gerne mal Ausflüge in die Pastellkreiden, Kohle, Bleistifte und Buntstifte mache, liebe ich Aquarell und Acryl einfach am meisten.

Der dritte Satz kam ebenfalls von einer Freundin, die, auf mein neues Hobby Malen angesprochen, diese Worte äußerte. Als ich ihr mal ein Bild malte, knickte sie es, um es in ihre Tasche zu kriegen. (Vielleicht sollte man aufs Kunstverständnis oder auf freundliche Worte von solchen Menschen sowieso wenig geben, aber ich war damals sehr verletzt.) Erst viel später begriff ich, dass dieses leicht beleidigte „ich könnte das nicht“ nur Ausdruck von Neid war. Die Dame war in der Schule viel besser als ich, also musste sie mir Kunst und Sport, worin ich besser war, madig machen. Es durfte halt keine Götter neben ihr geben.

Es ist jetzt nicht so, dass ich gleich mit dem Malen aufgehört hätte,wenn man mir dummes Zeug erzählt hat, aber ich hatte immer im Hinterkopf, dass es irgendwie besser sein muss, egal, wie schön ich selbst vielleicht ein Bild fand. Aber tatsächlich hab ich dann irgendwann aufgehört zu malen und zu zeichnen, wenn auch immer mit einem schlechten Gewissen, weil ich ein Talent brachliegen ließ. Die beiden ersten obengenannten Sätze waren nicht allein daran schuld, die Schreibblockade kam in etwa zur selben Zeit (über die Sätze, die mir das Schreiben versaut haben, berichte ich dann vielleicht ein andermal).

Was ich eigentlich sagen möchte, abgesehen von der Tatsache, dass ich möglicherweise übersensibel auf Aussagen meiner Mitmenschen reagiere, obwohl sie mir eigentlich scheißegal sind, ist: Behaltet eure Kommentare doch einfach für euch. Oder sagt einfach was Nettes, wenn es nicht allzu schwer fällt. Positive Verstärkung kann so viel bewirken, nicht alle Menschen fühlen sich von Kritik angestachelt, es besser zu machen. Manche werfen den Scheiß dann auch einfach in die Ecke und verlieren die Lust an ihrem Tun. Falls es das ist, was ihr beabsichtigt habt, macht natürlich gerne so weiter. Ist dann aber halt scheiße.

Ach so, und der vierte Satz?

Den sagten mir die Erzieherinnen im Kindergarten. Da malte ich nämlich immer und immer wieder, tagtäglich, wochen- und monatelang, dasselbe Motiv: ein Haus mit einer Sonnenblume davor. Meine Mutter fand das schön und sagte, ich würde jeden Tag besser. Also warum sollte ich was anderes malen, wenn meine Mama sich doch so darüber gefreut hat?

Und außerdem: Dem aufmerksamen Beobachter wird auffallen, dass die Bilder mitnichten immer gleich sind, sondern die junge Künstlerin hier mit den Farben experimentiert und auch Motive wie Sonne oder blauer Himmel variiert.

Möglicherweise hatte ich aber auch keinen Bock, mir stundenlang zu überlegen, was ich denn nun malen könnte oder irgendwelchen Erwartungen gerecht zu werden.

Vielleicht wusste ich aber auch damals schon, dass wahre Meisterschaft nur durch Schweiß, Übung und Wiederholungen zu erreichen ist.

Ein Gedanke zu “Jeder ist ein Kritiker

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