Wie liegen Sie denn hier?

Zu meinen liebsten Vergnügungen im Sommer gehört es, ganze Nachmittage auf einer Wiese im Volkspark zu verdödeln. Manchmal hab ich eine Kühltasche mit Bierchen dabei, gelegentlich auch eine kleine Flasche Rotwein, immer ein Buch oder was zu schreiben. Ich liege da dann sinnlos in der Sonne, drömmele so vor mich hin und lasse den lieben Gott einen guten Mann sein. Also zumindest dann, wenn man mich dabei in Ruhe lässt. Leider ist das immer öfter nicht der Fall.

Als ich letztens auf meiner Lieblingswiese lag und mir gerade meine Hosenbeine ein wenig höherzuppelte, damit auch die Knie ein wenig Sonne abbekommen mögen, hörte ich hinter mir zunächst ein „Uh oh!“, dann ein albernes Kichern. Als ich mich umdrehte, stand auf dem Weg in ein paar Metern Entfernung eine Frau, kicherte noch mal und sagte „Hallo“. Da ich die Frau nicht kannte, sagte ich nichts und drehte mich wieder um. Mit Fremden soll man ja nicht sprechen.

Blöderweise sprechen Fremde aber oft mit mir.

Ob sie mir mal was sagen dürfe, fragte die Frau und kam ungefragt näher. Ich entgegnete „WAS DENN.“ Mit diesem Unterton, der deutlich hörbares „Nein, halt die Fresse“ beinhaltete. Was aber seltsamerweise die meisten Leute überhören. Es ist so ein Elend mit dieser Welt, keiner ist mehr empfänglich für Zwischentöne. Im Folgenden kam es somit zu diesem Dialog:

Sendungsbewusste Frau (SF): Wissen Sie eigentlich, dass hier in der Nähe ein Flüchtlingsheim steht?
Ich: JA.
SF: Und dass da viele junge Männer wohnen?
Ich: JA.
SF: Die gehen auch oft hier im Park spazieren.
Ich: JA. UND?
SF: Da sollten Sie vielleicht mal überlegen, ob Sie hier SO liegen wollen.
Ich (nach einem kurzen Moment der Sprachlosigkeit): Ich wohne hier seit zehn Jahren, und genauso lange liege ich auch schon auf dieser Wiese herum, und es gab noch nie Probleme.
SF: Ich meinte ja auch nur.
Ich: Es ist mir egal, was Sie meinen. Lassen Sie mich gefälligst mit Ihrem Scheiß-Rassismus in Ruhe.
SF: Also Rassismus ist ja nun völliger Quatsch.
Ich: Gehen Sie einfach weg und lassen mich hier liegen.

Offenbar hatte ich jetzt endlich den richtigen Ton getroffen, der die Dame zum Rückzug veranlasste.

Bevor ich dazu übergehe, diese auf so vielen Ebenen verstörende Begegnung genauer aufzudröseln, möchte ich dem geneigten Leser zur Verdeutlichung erst einmal das Outfit des Anstoßes zeigen. Es handelt sich dabei um diese exklusive Kombination:

Man sieht, auch wenn es leicht verwackelt ist: Es handelt sich um eine ausgeblichene, abgeschnittene Jogginghose und ein Top, also Kleidungsstücke, die quasi nichts mehr der Fantasie überlassen. Ein Wunder also, dass ich nicht ständig überfallen werde, wenn ich so unterwegs bin. (Einmal ist mir das auch tatsächlich passiert, dass ich im Volkspark sexuell belästigt wurde, als ich in oben gezeigtem Outfit vor mich hin faulenzte – von einem widerlichen alten weißen deutschen Mann. Der bereut vermutlich heute noch, dass er sich mich dafür ausgesucht hatte, aber das nur am Rande.)

Und damit zur Tirade.

Zunächst mal: Natürlich weiß ich, dass da in der Nähe des Schulgartens im Altonaer Volkspark seit einiger Zeit ein Flüchtlingsheim steht. Und als das Heim bezugsfertig war, waren durchaus viele junge Männer, die man als regelmäßiger Im-Park-Lieger noch nie gesehen hatte, dort unterwegs. Logisch, wenn man irgendwo neu hinkommt, erkundet man erst mal die Umgebung. Da saßen dann die jungen fremden Männer in Grüppchen im Park herum, telefonierten mit dem Handy, unterhielten sich und lachten gelegentlich sogar laut. Schockierend, oder? Manche Männer hatten auch Frauen und gar Kinder dabei, die da einfach so spazieren gingen und spielten. Es war das reine Chaos. Es herrschte quasi Anarchie im Park. Es war kaum noch auszuhalten.

Angesprochen wurde ich seit dem Aufbau dieses Flüchtlingsheims von einem der Bewohner übrigens genau einmal. Es war ein etwas kühlerer Abend im Frühling, ich trug lange Hosen sowie eine Jacke und der junge Mann aus Syrien, der mich angesprochen hatte, erklärte mir, er lerne Deutsch und würde sich freuen, wenn ich mich zwecks Verbesserung seiner Sprachkenntnisse ein bisschen mit ihm unterhalten wolle. Ich wollte nicht (denn ich will mich im Park nie unterhalten), ich wollte einfach nur da sitzen. Das teilte ich ihm freundlich mit, er bedankte sich ohne Groll und ging wieder. Eine Begegnung, die jederzeit hätte eskalieren können, ich zittere immer noch, wenn ich daran denke.

Ich weiß nicht, ob die Dame nun wirklich implizieren wollte, dass alle jungen männlichen Flüchtlinge deutsche Frauen sofort bespringen wollen, weil sie nicht damit klarkommen, dass hier und da mal eine nackte Schulter oder ein entblößtes Knie zu sehen ist. Vielleicht hat sie es sogar wirklich gut gemeint, aber wie wir wissen, ist das meistens das Gegenteil von gut. Denn klar – wenn Männer, die sich nicht benehmen können, das Problem sein sollen, hilft es sicher, Frauen zu sagen, wie sie sich anziehen sollen. Es hilft ganz bestimmt, Frauen einzureden, dass sie selbst schuld sind, wenn jemand bei ihrem Anblick auf dumme Gedanken kommt. Das funktiniert bei sexueller Belästigung und schlimmeren ja seit Jahrzehnten ganz hervorragend. Und wir lassen hier mal außer Acht, dass es sich bei dem fraglichen Outfit um die ältesten Klamotten handeln, die ich besitze und die alle wichtigen und unansehnlichen Körperteile verhüllen. Und wir lassen auch außer Acht, dass nur ein paar Tage später Mädel neben mir im Bikini im Park lagen, die sich aufgrund der Abwesenheit der strengen Sittenwächterin natürlich keinen Spruch reindrücken lassen mussten.

Vielleicht wollte die Dame ja die jungen Flüchtlingen auch nur davor bewahren, einen Kulturschock zu erleiden. Aber auch das ist übergriffig und bevormundend, denn sie hat nicht in einer Art vorauseilendem Gehorsam zu bestimmen, was andere stören könnte. Aber selbst wenn sich jemand aus dem Ausland gestört fühlen sollte – wir leben hier nun mal in einer anderen Kultur, und wer herkommt, kann nicht erwarten, dass sich die Welt nun plötzlich um ihn dreht. Ich weiß natürlich, dass deutsche Touristen im Ausland so ticken, aber so funktiniert es ja nun mal nicht. Wenn wir miteinander klarkommen wollen, müssen wir das im Dialog lösen und nicht damit, indem man entscheidet, was jemand sehen darf und wie sich jemand anders zu kleiden hat. Und darüber, was junge geflüchtete Frauen denken könnten, wenn sich Männer im Park bis auf die Unterbuxe ausziehen und sich breitbeinig sonnen, macht sich interessanterweise keiner Sorgen.


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