Ferienwohnung

Wie einige geneigte (haha) Leser vielleicht wissen, bin ich vor einiger Zeit umgezogen. Die alte Wohnung war mir endgültig zu schimmelig geworden, der laute Nachbar zu laut, der Nachtspeicherofen zu teuer und zu unpraktisch. Also begab ich mich auf Wohnungssuche in Hamburg und zog nur wenige Wochen später um. Glaubt mir keiner? War aber so. Ich hab mir tatsächlich nur elf Wohnungen angesehen, bei fünfen wusste ich schon vorher, dass sie eigentlich nichts sein würden, aber ich wollte ja nicht gleich zu Anfang so wählerisch sein. Einige waren hübscher als auf den Bildern, andere nicht so und einige hatten so schangelige Badezimmer, dass ich wusste, ich würde die nicht so putzen können, dass ich sie benutzen wollen würde. Am Ende bewarb ich mich ernsthaft nur für zwei Wohnungen, wusste aber auf dem Nachhauseweg von der ersten bereits, dass ich die zweite lieber haben wollte. Die hatte ich zu dem Zeitpunkt noch gar nicht besichtigt, aber heute wohne ich drin.

Es war wirklich Liebe auf den ersten Blick. Ich weiß nicht, ob es der Wohnung auch so ging, aber ich wusste gleich beim Betreten, dass sie und ich untrennbar zusammengehören würden. Sie ist vielleicht nicht mehr ganz so ruhig wie die alte, weil sie an einem vielbefahrenen Kreisverkehr liegt, aber das stört mich nicht besonders. Sie hat alles, was ich immer haben wollte: einen Balkon, drei Zimmer (wie ich hier ja bereits schrieb, bin ich nun stolze Besitzerin eines magischen Schreibarbeitsnähmalbastelzimmers), Badewanne und vor allem einen Balkon. Seit 45 Jahren möchte ich gerne einen Balkon haben, und nun hab ich es endlich geschafft.

Wisst ihr, wie sich das anfühlt? Wie im Urlaub. Es ist wie eine Ferienwohnung, in der man sich, sehr, sehr wohlfühlt. Es ist das Gefühl zu wissen, dass man hier definitiv hingehört, gepaart mit dem Gefühl „AAAH! Ist das wirklich meinsmeinsmeins?!“

Ich hab den halben Sommer auf dem Balkon verbracht und in den Morgen-, Abend- und Nachthimmel geschaut, ich freue mich, dass die Arbeitsflächen in der Küche viel höher sind, was meiner Länge sehr entgegenkommt, ich habe schon wieder Bilder gemalt, ich freue mich, dass ich endlich einen Kleiderschrank habe, der nicht wackelt wie ein Lämmerschwanz und in den so unfassbar viel Zeugs reingeht; im Bad zieht es nicht wie Hechtsuppe, und wenn es jetzt Winter wird, muss ich mir endlich nicht mehr einen Tag vorher überlegen, ob wir kalt sein wird und wenn ja, wie sehr. Ja, es ist wie Urlaub!

Dazu passt, dass ich die Gegend um die Wohnung herum derzeit noch mal ganz neu entdecke. Und vor allem, wie es eben auch in den Ferien ist, weil ich auch richtig Lust draufhab, mir hier noch mal alles anzusehen. Alles ist auch nach dreieinhalb Monaten noch ganz neu und aufregend. Und das, obwohl die Wohnung lustigerweise in einer Parallelstraße von der Straße liegt, in der die Wohnung ist, in der ich ganz zu Anfang gewohnt hab, als ich das allererste Mal in Hamburg gearbeitet hab. Ich kenn das hier eigentlich alles, aber ich entdecke immer wieder was Neues. Zum Beispiel diesen bezaubernden Park hier:

WIE. URLAUB.

Das dritte Zimmer

Während ich dies schreibe, sitze ich an seinem sehr besonderen Ort. Ich sitze in meinem dritten Zimmer, dem dritten Zimmer, das ich mir schon so lange gewünscht hatte und das ich nun endlich wieder habe. Es sollte ein Arbeitszimmer sein, aber was es wurde, ist ein Bastelschreibmalkrumelnähhandarbeitsnachdenkkreativitätszimmer. Denn ich habe es geschafft, in diesem winzigen Zimmer drei Tische unterzubringen. Den Nähtisch, den Schreibtisch und den Maltisch. Es beherbergt meine ganzen gesammelten Papiere, mein Schmierpapier und meine Notizbücher, meine Bastelbücher, meine Unterlagen, die Scrapbooks, meine Acryl- und Stoffmalfarben, meine Buntstifte, meine Pastellkreiden. Hier lagern meine Stoffe, meine Skizzen, meine Entwürfe, das ganze halbfertige Zeug. Das dritte Zimmer verschluckt die ganze Unordnung, die bisher immer vor Weihnachten oder Geburtstagen von Freunden im Wohnzimmer herrschte. Hier liegt meine ganze Kreativität, hier kommt alles hin, was meinen Kopf zu voll macht. Das dritte Zimmer bewahrt es auf, ohne dass der Alltag aus Arbeit und Pflichten die Ideen kaputt macht. Hier liegt alles sicher und trocken.

Wenn ich ganz früh in diesem Zimmer sitze, sehe ich, wie sich der Himmel rot färbt, weil die Sonne an dieser Seite der Wohnung aufgeht. Und dann verarbeite ich die Sachen, die ich auf der anderen Seite der Wohnung in mein Notizbuch geschmiert hab, während ich am Abend vorher auf dem Balkon, dem zweiten sehr besonderen Ort dieser Wohnung gesessen und beobachtet hab, wie die Sonne unterging. (Aber zum Balkon kommen wir vielleicht ein andermal.)

Vielleicht ist es kein Wunder, dass ich in der alten Wohnung nie so richtig kreativ sein konnte, dass ich immer wollte und nicht konnte, wenn doch die ganze Kreativität hier, in der neuen Wohnung, in diesem magischen Zimmer, gefangen war.

Denn genau das ist es: ein magisches Zimmer.

(Und es ist mir vollkommen egal, dass das Fahrrad auf der Skizze ein zu kleines Vorderrad hat und die Perspektive nicht stimmt. Es ist das Erste, was ich seit Monaten gezeichnet habe, und es ist somit das schönste Bild eines Fahrrad ever. So.)

Warum ich nicht auf Klassentreffen gehe

Man mag es angesichts meines jugendlichen Aussehens kaum glauben, aber in diesem Jahr könnte ich 25 Jahre Abi feiern, wenn ich das wollte. Beziehungsweise ich könnte die Feier besuchen, die es anlässlich dieses Jahrestags geben wird, wenn ich das wollte. In der WhatsApp-Gruppe sind alle schon gaaaanz aufgeregt und freuen sich, während ich die ganze Zeit überlege, ob es zu pubertär wäre, am Stichtag einfach 20 Gifs mit Mittelfingern zu schicken, um die Gruppe direkt darauf zu blocken. (Ich bin nur deswegen noch in der Gruppe, weil ich chronisch neugierig bin. Es ist wie ein Autounfall. Man weiß, man sollte einfach weiterfahren und das Ganze vergessen, allein, man kann den Blick nicht abwenden.)

Aber um die Frage in der Überschrift ganz kurz und fix zu beantworten: Ich gehe nicht auf Klassentreffen, weil ich meine Zeit nicht mit Leuten verschwenden will, die ich früher schon nicht leiden konnte. Mit Leuten, die mich von der achten bis zur zehnten Klasse gemobbt haben und erst allmählich damit aufhörten, als die Klassenverbände in der Oberstufe aufgelöst wurden. Und nein, man kann das nicht so einfach hinter sich lassen, vergessen und verzeihen. Ich finde auch nicht, dass man das muss. Man sollte schon weiterleben und das alles irgendwie hinter sich zu lassen versuchen, aber es waren wichtige, prägende Jahre, in denen dieses Mobbing passierte. Und nur, weil etwas lange her ist, heißt das keinesfalls, dass es mich nicht immer noch beschäftigt und in mir nachwirkt. Das verklärt sich auch nicht im Rückblick. Falls eins von den Arschlöchern von früher diesen Text liest: Gut gemacht, ihr könnt stolz auf euch sein. Aber erwartet nicht, dass ich heute noch mehr als einen gelegentlichen Gedanken an euch verschwende. Dafür gibt es viel zu viele liebe Menschen in meinem Leben, die es wert sind, dass ich ihnen Aufmerksamkeit schenke.

Dazu kommt, dass einen ein Klassentreffen in Sekundenschnelle in die Schulzeit zurückfallen lässt. Das mag mancher schön finden, aber leider entwickelt sich auch meine Persönlichkeit dann zu diesem dussligen Mädchen zurück, das ich damals war. Von Mitschülern gemobbt, von Lehrern übersehen, die mir kaum was zugetraut haben. Das bin ich schon lange nicht mehr, wobei sich über eine gewisse Restdusseligkeit sicher trefflich streiten lässt. Ich hab es inzwischen ja doch zu ein bisschen was gebracht, und genau deswegen würde ich vermutlich rasch in das berühmte „Mein Haus, mein Auto, mein Pony“-Schema fallen. Schaut mal, ich bin leitende Redakteurin beim Norddeutschen Rundfunk, schaut mal, ich habe ein Buch geschrieben, schaut mal, ich wohne in der schönsten Stadt der Welt, und Westdeutsche Vizemeisterin im Kugelstoßen war ich auch mal. Ich würde es den Pennern von damals verzweifelt beweisen wollen, obwohl sie mir doch eigentlich komplett egal sein sollten. Und vermutlich würde von denen sicher mehr als einer sagen: „Aber Mann und Kinder haste nicht, oder?“ Und schon wäre ich wieder ein Verlierer, mit dem sich niemand abgeben will. Und für diese Spielchen bin ich mir zu schade.

Dabei bin ich durchaus noch mit Klassenkameraden von damals befreundet, einige hab ich auf Facebook wiedergefunden, und darüber freue ich mich sehr. Manche treffe ich sogar gelegentlich im echten Leben, und nur selten sprechen wir dann über die Schulzeit und die „guten alten Zeiten“. Dafür ist die Gegenwart doch viel zu spannend. Also: Habt ein schönes Klassentreffen, ihr sieben bis zehn netten Menschen von damals, schwelgt in Erinnerungen, macht es euch schön. Allen anderen entbiete ich die allerherzlichsten Grüße:

Angst vor dem Fremden

Vor einigen Jahren beschwerte sich mal eine ehemalige Klassenkameradin aus der Grundschule, sie könne ja in Lippstadt, unserer gemeinsamen Heimatstadt, nicht mehr frei denken, weil in den Turnhallen dort jetzt Flüchtlinge nächtigten. Es war keinesfalls so, dass sie sich Sorgen machte, dass es den Menschen dort in den beengten Verhältnissen nicht gutgehen könne. Nein, es ging vielmehr darum, dass sie sich in ihrer Freiheit beschnitten sah, weil in den Turnhallen Leute untergebracht waren, die nach einer traumatisierenden Flucht nun ihr und ihrer Familie nach dem Job, der Wohnung, womöglich gar dem Leben trachteten. (Dass die Familie dieser Klassenkameradin selbst in den 60ern aus dem damaligen Jugoslawien nach Deutschland gekommen war, lassen wir mal außen vor, die Sache ist schon absurd genug.)

Ich kenne leider noch einige Leute mehr, die so denken, und das Verstörende ist, dass diese Menschen in ihrem Alltag kaum Berührungspunkte mit „Ausländern“ haben, sie kennen keine Muslime persönlich, vom Judentum haben sie, wenn es hochkommt, mal irgendwas gelesen. Und trotzdem haben sie Angst vor diesen Menschen, die irgendwie anders sind, die sie in ihrer kleinen heilen deutschen Welt bedrohen könnten, womit auch immer.

Wie wenig Ahnung sie doch haben. Da sitzen sie in ihrer kleinen spießbürgerlichen Welt, in ihrer kleinen deutschen Höhle und ängstigen sich vor Menschen, denen sie wahrscheinlich vollkommen egal sind, weil die nämlich auch nur ihr kleines Leben leben wollen. Diese Spießbürger müssten mal in meinem Viertel in Hamburg leben, dann könnten sie wenigstens mitreden. In der Parallelstraße zu meinem Haus ist eine iranische Schule, noch eine Straße weiter findet sich eine Moschee, und sonntags höre ich die Glocken der Russisch-Orthodoxen Gemeinde. In der Hochhaussiedlung gegenüber wohnen ziemlich viele Menschen, die wohl einen „Migrationshintergrund“ haben, ein paar Straßen weiter gibt es ein brasilianisches Restaurant und einen asiatischen Lebensmittelmarkt. Ich bin umgeben von Menschen, die irgendwie anders sind als ich, es ist unfassbar. Habt ihr überhaupt eine Ahnung, wie so was das Leben beeinflussen kann? Wie oft ich jeden Tag mit Angst aus dem Haus gehe, weil mir fremdländisch aussehende Menschen begegnen können?

Ich sage euch mal, wie das mein Leben jeden Tag beeinträchtigt:

Gar nicht.

Jeder ist seines Glückes Schmied

Dein Leben beginnt dort, wo deine Komfortzone endet.

Das Leben ist zu kurz, um sich Sorgen zu machen.

Alles, was du willst, ist auf der anderen Seite der Angst.

Sorgen ändern nichts, sie stehlen dir nur deine Zeit.

Die Entfernung zwischen deinen Träumen und der Realität nennt man Disziplin.

Schon mal gehört? Oder gar über dem Küchentisch hängen? Spitze.

Ich hab gar nicht genug Worte dafür, wie sehr ich diese Motivationssprüche hasse. Diese Annahme, man könne einfach aufhören, Angst zu haben oder sich Sorgen zu machen, wenn man es sich nur genug vornimmt. Einmal mit dem Finger schnipsen, puff! weg sind die Sorgen und alles ist wieder fein. Und wenn man das nicht schafft, ist man halt ein schwacher Mensch, der selbst schuld daran ist, wenn es ihm nicht gut geht. Fall abgeschlossen.

Als ob es ein Verbrechen wäre, einen Tag, für den man sich eigentlich viel vorgenommen hatte, mit einem Buch oder einer guten Serie auf dem Sofa zu verdödeln, weil man nichts anderes auf die Reihe bekommt und vielleicht genau das braucht! Es gibt nun mal Tage, an denen die vielbeschworene Komfortzone an der eigenen Wohnungstür endet. Wo einem die Welt so laut und beängstigend erscheint, dass man nicht anders kann, als drinnen zu bleiben, dort, wo man weiß, dass einem niemand wehtun oder auf die Nerven gehen kann. An manchen Tagen erscheint es eine unlösbare Aufgabe, einfach nur aufzustehen und Frühstück zu machen. Es gibt Zeiten, in denen man es einfach nicht schafft, den sorgenschweren Gedankenschleier auch nur einen Zentimeter anzuheben oder gar ein Stück beseite zu ziehen, damit auch mal die Sonne rein kann. Dabei weiß man ja meistens, dass viele der Sorgen, die man sich macht, unsinnig sind. Und doch kann man manchmal nicht damit aufhören.

Aber solche Tage gibt es nun mal, es darf sie geben, und es muss sie geben. Wer dauernd glücklich ist oder sich auch nur ständig bemüht, diesen Anschein zu erwecken, wird eines Tages sehr irre oder sehr müde sein oder beides. Dunkle Tage gehören zum Leben dazu, für einige Menschen dauerhaft, für andere nur mal hier und da. Und daran ist niemand selbst schuld, und niemand, wirklich niemand, braucht dann schlaue Sprüche. Manche brauchen dann jemanden, der für sie einkaufen fährt, manche brauchen professionelle Hilfe, manche brauchen einfach nur mal ihre Ruhe. Alles davon ist okay, alles davon ist richtig.

Man sollte niemandem vorwerfen, wenn er es nicht schafft, „mal unter Leute“  oder „mal an die frische Luft zu gehen“, seine Komfortzone zu verlassen oder auch nur einkaufen zu gehen. Denn wer weiß, vielleicht bestand die große Leistung des Tages darin, aufzustehen und zu duschen. Dafür sollte man dann ehrlich gesagt einen Preis bekommen, keine Vorwürfe, weil es zu wenig sei.

Ich könnte jetzt noch ein Bild teilen, auf dem das Sonnenlicht zögerlichoptimistischhoffnungsvoll durch die Bäume fällt, aber ich hab das hier gefunden:

Mann für einen Tag

Da schreibt eine junge (haha) Frau, die so rein karrieremäßig nicht mehr ganz unten in der Nahrungskette steht, unter dem Hashtag #MannfuereinenTag sinngemäß in etwa folgenden Tweet „Nicht sofort gefragt werden, ob mein Chef da sei, obwohl ich die leitende Redakteurin bin.“

Weil es nämlich kolossal nervt, wenn man nur ans Telefon geht und für eine Tippse gehalten wird, die keine Ahnung hat. Weil es nervt, wenn zwei Minuten, nachdem man jemandem am Telefon was erklärt hat, der Apparat des männlichen Kollegen neben einem klingelt, der der betreffenden Person alles noch mal wortwörtlich genauso erklärt. Weil es nervt, dass Kollegen, die erst zwei Jahre da sind für kompetenter gehalten werden als die Frau, die die Abteilung vor zehn Jahren mit aufgebaut hat.

Was passiert als Nächstes? (Ach ja, um die Sache spannend zu machen, enthält der Tweet dummerweise ein „N“ an einer Stelle, an die es nicht gehört.)

Zwei Frauen faven den Tweet (Yes, sisters, I know you feel me).

Ein Mann, der keine Follower hat und erst einen Tweet geschrieben hat, antwortet: „Bei solchen Tweets kein Wunder, dass man Ihnen die Position nicht zutraut.“

Ein anderer Mann schreibt: „Als leitende Redakteurin wissen Sie ja sicher, dass das eine „N“ da nicht hingehört.“

Ein dritter Mann schreibt: „In der Position und dann so in Watte gepackt? Wie passt das denn zusammen?“

Es gibt Tage, an denen ich so was kalt lächelnd mit der witzigsten, besten, ironischsten Antwort kommentiere, die jemals auf Twitter veröffentlich wurde und denke: „Leckt mich doch am Arsch, ihr hohlen Kackbratzen. Genau wegen Spacken wie euch brauchen wir Feminismus, und wir werden gewinnen.“

Heute ist nicht einer dieser Tage. Heute hab ich nur den Tweet gelöscht und die Deppen blockiert.

Manchmal ist man halt schon am Anfang eines langen Weges erschöpft.

Wie liegen Sie denn hier?

Zu meinen liebsten Vergnügungen im Sommer gehört es, ganze Nachmittage auf einer Wiese im Volkspark zu verdödeln. Manchmal hab ich eine Kühltasche mit Bierchen dabei, gelegentlich auch eine kleine Flasche Rotwein, immer ein Buch oder was zu schreiben. Ich liege da dann sinnlos in der Sonne, drömmele so vor mich hin und lasse den lieben Gott einen guten Mann sein. Also zumindest dann, wenn man mich dabei in Ruhe lässt. Leider ist das immer öfter nicht der Fall.

Als ich letztens auf meiner Lieblingswiese lag und mir gerade meine Hosenbeine ein wenig höherzuppelte, damit auch die Knie ein wenig Sonne abbekommen mögen, hörte ich hinter mir zunächst ein „Uh oh!“, dann ein albernes Kichern. Als ich mich umdrehte, stand auf dem Weg in ein paar Metern Entfernung eine Frau, kicherte noch mal und sagte „Hallo“. Da ich die Frau nicht kannte, sagte ich nichts und drehte mich wieder um. Mit Fremden soll man ja nicht sprechen.

Blöderweise sprechen Fremde aber oft mit mir.

Ob sie mir mal was sagen dürfe, fragte die Frau und kam ungefragt näher. Ich entgegnete „WAS DENN.“ Mit diesem Unterton, der deutlich hörbares „Nein, halt die Fresse“ beinhaltete. Was aber seltsamerweise die meisten Leute überhören. Es ist so ein Elend mit dieser Welt, keiner ist mehr empfänglich für Zwischentöne. Im Folgenden kam es somit zu diesem Dialog:

Sendungsbewusste Frau (SF): Wissen Sie eigentlich, dass hier in der Nähe ein Flüchtlingsheim steht?
Ich: JA.
SF: Und dass da viele junge Männer wohnen?
Ich: JA.
SF: Die gehen auch oft hier im Park spazieren.
Ich: JA. UND?
SF: Da sollten Sie vielleicht mal überlegen, ob Sie hier SO liegen wollen.
Ich (nach einem kurzen Moment der Sprachlosigkeit): Ich wohne hier seit zehn Jahren, und genauso lange liege ich auch schon auf dieser Wiese herum, und es gab noch nie Probleme.
SF: Ich meinte ja auch nur.
Ich: Es ist mir egal, was Sie meinen. Lassen Sie mich gefälligst mit Ihrem Scheiß-Rassismus in Ruhe.
SF: Also Rassismus ist ja nun völliger Quatsch.
Ich: Gehen Sie einfach weg und lassen mich hier liegen.

Offenbar hatte ich jetzt endlich den richtigen Ton getroffen, der die Dame zum Rückzug veranlasste.

Bevor ich dazu übergehe, diese auf so vielen Ebenen verstörende Begegnung genauer aufzudröseln, möchte ich dem geneigten Leser zur Verdeutlichung erst einmal das Outfit des Anstoßes zeigen. Es handelt sich dabei um diese exklusive Kombination:

Man sieht, auch wenn es leicht verwackelt ist: Es handelt sich um eine ausgeblichene, abgeschnittene Jogginghose und ein Top, also Kleidungsstücke, die quasi nichts mehr der Fantasie überlassen. Ein Wunder also, dass ich nicht ständig überfallen werde, wenn ich so unterwegs bin. (Einmal ist mir das auch tatsächlich passiert, dass ich im Volkspark sexuell belästigt wurde, als ich in oben gezeigtem Outfit vor mich hin faulenzte – von einem widerlichen alten weißen deutschen Mann. Der bereut vermutlich heute noch, dass er sich mich dafür ausgesucht hatte, aber das nur am Rande.)

Und damit zur Tirade.

Zunächst mal: Natürlich weiß ich, dass da in der Nähe des Schulgartens im Altonaer Volkspark seit einiger Zeit ein Flüchtlingsheim steht. Und als das Heim bezugsfertig war, waren durchaus viele junge Männer, die man als regelmäßiger Im-Park-Lieger noch nie gesehen hatte, dort unterwegs. Logisch, wenn man irgendwo neu hinkommt, erkundet man erst mal die Umgebung. Da saßen dann die jungen fremden Männer in Grüppchen im Park herum, telefonierten mit dem Handy, unterhielten sich und lachten gelegentlich sogar laut. Schockierend, oder? Manche Männer hatten auch Frauen und gar Kinder dabei, die da einfach so spazieren gingen und spielten. Es war das reine Chaos. Es herrschte quasi Anarchie im Park. Es war kaum noch auszuhalten.

Angesprochen wurde ich seit dem Aufbau dieses Flüchtlingsheims von einem der Bewohner übrigens genau einmal. Es war ein etwas kühlerer Abend im Frühling, ich trug lange Hosen sowie eine Jacke und der junge Mann aus Syrien, der mich angesprochen hatte, erklärte mir, er lerne Deutsch und würde sich freuen, wenn ich mich zwecks Verbesserung seiner Sprachkenntnisse ein bisschen mit ihm unterhalten wolle. Ich wollte nicht (denn ich will mich im Park nie unterhalten), ich wollte einfach nur da sitzen. Das teilte ich ihm freundlich mit, er bedankte sich ohne Groll und ging wieder. Eine Begegnung, die jederzeit hätte eskalieren können, ich zittere immer noch, wenn ich daran denke.

Ich weiß nicht, ob die Dame nun wirklich implizieren wollte, dass alle jungen männlichen Flüchtlinge deutsche Frauen sofort bespringen wollen, weil sie nicht damit klarkommen, dass hier und da mal eine nackte Schulter oder ein entblößtes Knie zu sehen ist. Vielleicht hat sie es sogar wirklich gut gemeint, aber wie wir wissen, ist das meistens das Gegenteil von gut. Denn klar – wenn Männer, die sich nicht benehmen können, das Problem sein sollen, hilft es sicher, Frauen zu sagen, wie sie sich anziehen sollen. Es hilft ganz bestimmt, Frauen einzureden, dass sie selbst schuld sind, wenn jemand bei ihrem Anblick auf dumme Gedanken kommt. Das funktiniert bei sexueller Belästigung und schlimmeren ja seit Jahrzehnten ganz hervorragend. Und wir lassen hier mal außer Acht, dass es sich bei dem fraglichen Outfit um die ältesten Klamotten handeln, die ich besitze und die alle wichtigen und unansehnlichen Körperteile verhüllen. Und wir lassen auch außer Acht, dass nur ein paar Tage später Mädel neben mir im Bikini im Park lagen, die sich aufgrund der Abwesenheit der strengen Sittenwächterin natürlich keinen Spruch reindrücken lassen mussten.

Vielleicht wollte die Dame ja die jungen Flüchtlingen auch nur davor bewahren, einen Kulturschock zu erleiden. Aber auch das ist übergriffig und bevormundend, denn sie hat nicht in einer Art vorauseilendem Gehorsam zu bestimmen, was andere stören könnte. Aber selbst wenn sich jemand aus dem Ausland gestört fühlen sollte – wir leben hier nun mal in einer anderen Kultur, und wer herkommt, kann nicht erwarten, dass sich die Welt nun plötzlich um ihn dreht. Ich weiß natürlich, dass deutsche Touristen im Ausland so ticken, aber so funktiniert es ja nun mal nicht. Wenn wir miteinander klarkommen wollen, müssen wir das im Dialog lösen und nicht damit, indem man entscheidet, was jemand sehen darf und wie sich jemand anders zu kleiden hat. Und darüber, was junge geflüchtete Frauen denken könnten, wenn sich Männer im Park bis auf die Unterbuxe ausziehen und sich breitbeinig sonnen, macht sich interessanterweise keiner Sorgen.

Schweres Thema

Nein, ich bin nicht dick. Das heißt, irgendwie bin ich es doch, aber dann auch wieder nicht wirklich. Bei meiner Hausärztin steht hinter meinen Maßen der Vermerk „prä-adipös“, aber vermutlich käme auf den ersten Blick niemand auf die Idee, mich „dick“ zu nennen. Genau weiß ich das nicht, weil ich vor langer Zeit aufgegeben habe, mich mit Menschen über meinen Körper und mein Gewicht zu unterhalten.

Man kann sich nämlich als Frau nicht mehr normal mit Menschen über sein Gewicht unterhalten, ohne dass es sehr schnell sehr anstrengend wird. (Und dabei ist es egal, ob man zu viel, zu wenig oder genau das richtige wiegt.) Beispiele? Oh, gerne.

Vor vielen Jahren fuhr ich mal mit Freunden und deren kleinem Sohn im Auto, und plötzlich rumpelten wir über Kopfsteinpflaster. „Kevin-Marcel-Pascal hoppelt!“, freute sich der kleine Sohn, und ich sah an mir runter und sagte, ohne groß darüber nachzudenken: „Hihi, und Kiki wabbelt!“ Das bereute ich innerhalb von Sekunden, denn obwohl ich das nur gesagt hatte, weil es stimmte (außer austrainierten Bodybuildern schwabbelt vermutlich jeder auf Kopfsteinpflaster) und ich es lustig fand, wurde mir ein 20-minütiger Monolog aufgedrängt, ich solle doch bitte nicht nach Komplimenten fischen, man könne mich um meinen Körper beneiden, ich sei eine undankbare Ziege, wenn ich nicht zu schätzen wisse, was ich hätte und blablabla. Sprich, es wurden mir Probleme eingeredet, die ich damals noch gar nicht hatte und mir beschieden, wie ich mich in meinem Körper zu fühlen habe, Widerworte nicht gestattet.

Das ist zehn Jahre und fünf Kilo her, und ich sehe eigentlich immer noch nicht dick aus, auch wenn ich mich heute nicht mehr so wohl in meinem Körper fühle, wie ich das mal getan habe. Das liegt daran, dass ich weniger (Wettkampf)-Sport treibe und sich alles anders anfühlt. Das heißt noch lange nicht, dass ich meinen Körper hasse oder ihn in Problemzonen aufteile, die ich trainieren muss, bis sie brennen. Ich würde allerdings wirklich gerne fünf bis zehn Kilo abnehmen, aber es funktioniert nicht. Nach einer OP im Januar, als ich endlich wieder konnte, bin ich sozusagen von 0 auf 100 gestartet. Nachdem ich vorher gar nichts hatte machen können, trieb ich von nun an jeden Tag Sport, fast einen Monat lang. Ich joggte, machte Yoga, Krafttraining, fuhr wieder mit dem Rad zur Arbeit, ging spazieren. Ich hatte gehofft, ich könnte abnehmen, aber das war nicht der Grund für den vielen Sport. Der Grund war, dass ich mich endlich wieder richtig und nicht mehr nur wie eine alte Frau bewegen konnte. Jeder schmerzende Muskel fühlte sich gut an, weil ich endlich wieder fit war. Dass mir Leute auch das madig machen wollten – geschenkt.

Aber wenn ich jemandem sage, ich würde schon gerne mal fünf Kilo abnehmen, wird sofort geschrien, aber ich sähe doch gut aus. Das hab ich zwar nie infrage gestellt, aber bitte, schreit nur. Ich würde gern abnehmen, um meine Knie und Achillessehen zu entlasten, mich besser zu fühlen und natürlich auch, um vielleicht wieder in die vielen schönen Hosen zu passen, die ich zuhauf im Schrank habe. Zurzeit fühlt sich mein Körper nicht wirklich wie meiner an, sondern als sei mein Körper unter dem einer anderen Frau versteckt, und ich komme nicht recht ran, egal, wie ich mich auch anstrenge. Es fühlt sich einfach falsch und anders an, aber es scheint unmöglich zu sein, das jemandem vernünftig klar zu machen. „Das sieht man aber nicht, dass du so viel wiegst“ (ich sehe es aber schon, und vor allem fühle ich es) bekommt man dann gesagt, als wäre das Thema damit erledigt. Man sieht nichts, also ist das zusätzliche Gewicht nicht da und deine Probleme mit Sehnen und Gelenken auch nicht?

Wenn es ums Gewicht geht, ist unsere Gesellschaft mittlerweile komplett verkorkst, scheint mir. Grund ist sicherlich zum einen der übermäßige Gebrauch von Photoshop, wenn es um Werbefotografie geht, die vielen vor allem jungen Mädchen ein komplett falsches Bild davon vermittelt, was ein richtiger Frauenarsch ist. Aber auch die Gegenbewegung, die vermittelt, dass man sich einfach nur ein bisschen mehr liebhaben muss, dann würde schon alles gut und die Welt wieder bunt werden. Das ist genauso ein Unsinn, wie sich einem fragwürdigen Schönheitsideal entgegenzuhungern, bis man jeglichen Spaß am Leben verliert.

Ich finde es wunderbar, wenn Menschen mit ihrem Körper im Reinen sind, wie auch immer dieser aussieht. Das ist sogar sehr wichtig, gerade für junge Menschen. Aber es muss doch auch noch gestattet sein, zwischendurch mal zu sagen, dass es einem mit dem einen Röllchen am Bauch grad nicht so gut geht. Ich möchte meine Kurven nicht permament umarmen und feiern, ich möchte von ihnen auch mal genervt sein dürfen. Ich bin halt lieber durchtrainiert, weil ich das von klein auf so gewohnt bin. Könnten wir uns nicht einfach Sätze wie „Deine Probleme möchte ich haben“, „Was soll ich denn dann sagen?“, „Nein, du siehst doch toll aus“ sparen?

 

Nur mal kurz zuhören?

Wann hat das eigentlich angefangen, dass man sofort einen dämlichen Allgemeinplatz oder einen unpraktikablen Lösungsvorschlag um die Ohren gepfeffert bekommt, wenn man jemandem ein Problem schildert oder nur mal kurz jammern will, weil manchmal eben ein Jammer in einem steckt, der raus muss?

Da erwähnt man mal kurz, dass es im Job derzeit nicht so leicht ist/der Mann spinnt/die Kinder zurzeit unleidlich sind/der Nachbar rumlärmt/das Auto eine teure Reparatur braucht/hier beliebiges Problem einsetzen, schon heißt es als Erstes garantiert: „Na ja, reg dich doch nicht so auf/So ist das eben manchmal/Da musst du dich halt mal behaupten/andere haben es viel schwerer/hier beliebigen Allgemeinplatz einsetzen.“ Und wenn man dann sagt, dass all das eben nicht so einfach sei, weil das Problem vielleicht etwas schwerer wiege, kommt sofort die Endlösung auf dem Silbertablett: „Dann kündige doch/zieh doch aus/trenn dich halt/gib das Kind ins Heim (okay, der war übertrieben, aber das wäre doch mal ein Knaller)/verkauf das Auto, brauchst du doch in der Großstadt eh nicht/spreng halt alles in die Luft/hier beliebige Endlösung einsetzen.“ Wenn man dann wiederum sagt, das sei vielleicht eine Nummer zu groß und übertrieben und aus diversen Gründen nicht möglich, bekommt man garantiert gesagt, dann solle man sich auch nicht beschweren, man wolle sich ja offensichtlich gar nicht ändern und solle nun bitte still in seinem selbstgewählten Elend verharren.

Es ist, als wollten andere erstens bestimmen, welches Problem man haben soll und zweitens, wie man sich damit zu fühlen habe. Aber so funktioniert das nicht. Derjenige, der eigentlich nur mal zuhören, Kaffee kochen und Kekse hinstellen und hier und da ein emphatisches „Ach je“ einstreuen sollte, anstatt gleich mit dem inneren Auge das Hirn nach einer Lösung abzusuchen, schafft es mit seinem Verhalten, die ganze Diskussion auf sich zu lenken, sie zu seiner Diskussion zu machen. Derjenige, der sich nur mal auskotzen möchte, kommt kaum dazu, weil er sofort in eine Rechtfertigungshaltung gedrängt wird, sich erklären muss, warum er an seiner Lage nichts ändert, warum er überhaupt so schwach ist, dass er sich schlecht fühlt und die Probleme nicht einfach weglächelt. Dazu, sich einfach mal Luft zu machen darüber, dass das Leben gerade vielleicht nicht so nett zu einem ist, kommt er überhaupt nicht. Und dabei hat er möglicherweise nicht mal auch nur ansatzweise gesagt „Hast du einen Vorschlag, wie ich mich verhalten soll?“, weil er sich nämlich einfach nur mal was von der Seele reden musste.

Was soll das? Wo kommt das her? Ist das von diesem ganzen Selbstoptimierungswahn, der von uns verlangt, ständig an uns zu arbeiten? Oder vom „Trend“, nur noch auf sich selbst zu schauen und alles aus der eigenen Weltsicht heraus zu beurteilen und zu kommentieren? Oder vielleicht aus der Hilflosigkeit heraus, nicht auf alles eine Antwort zu haben? Überraschung: Manchmal muss man gar nicht auf alles eine Antwort haben und zu allem seinen Senf dazugeben. Manchmal sollte man einfach nur zuhören und mitfühlend nicken. Das scheint mir eine Kunst zu sein, die immer weniger Menschen beherrschen. Und mal angesehen davon, dass das sehr traurig ist, nervt es auch kolossal.