Archiv der Kategorie: Alltagswahnsinn

Besuch im Gestern

Vergangene Woche war ich mal wieder auf Stippvisite in Marburg, meiner alten Studentenstadt. Ich besuchte eine meiner langjährigsten und besten Freundinnen, ihre Familie und natürlich auch ein bisschen die Stadt. Die Stadt aber zuallerletzt. Ich war viele Jahre nicht da gewesen, dementsprechend hatte sich vieles verändert. Der jüngste Sohn meiner Freundin braucht schon lange keine Windeln mehr, der ältere Sohn trägt jetzt Brille und ist größer als seine Mutter, die Wohnung sah anders aus, in der Stadt gab es zahlreiche neue Geschäfte, weil sich in fünf oder sechs Jahren eben Dinge und Menschen ändern. Zum Glück.

Und zum Glück gehört meine Freundin zu den Menschen, mit denen man auch nach Jahren wieder einfach so zusammensitzen und plaudern kann, als hätte man sich gestern erst verabschiedet. Und doch weiß man, das Zeit vergangen ist und die andere in der Zwischenzeit viel erlebt hat. Ich habe hier und da ein graues Haar mehr als damals, von zusätzlichen Kilos reden wir mal gar nicht erst, auch wenn an diesem Tag zauberhafterweise behauptet wurde, ich hätte mich gar nicht verändert.

Dass der Besuch in Marburg trotzdem komisch war, lag also nicht an den Menschen, nein, es lag an der Stadt. Ich hatte da immerhin mehr als sieben Jahre gelebt, mich verliebt, studiert, Examen gemacht, mich getrennt, an der Uni gearbeitet, für eine Zeitung geschrieben und schließlich der Stadt wieder den Rücken gekehrt, weil man das mit Studienstädten wohl so macht. Und weil ich dort bei der Zeitung keinen Job bekommen hätte, sonst wäre ich vielleicht doch geblieben, wer weiß.

Aber während ich so mit meiner Freudin durch die Stadt ging, hatte ich dasselbe komische Gefühl, dass mich vor ein paar Monaten beschlichen hatte, als ich mal kurz an meiner alten Schule war. Es war als, flüsterte mir eine Stimme ins Ohr: „Was willst du hier? Hier warst du jemand anders.“

Marburg kennt mich, als ich jemand anders war, meine Schule kennt mich noch als ganz anderer Mensch. Marburg kennt die dumme, junge Studentin, die wissbegierig war und Bücher verschlang, in Seminaren kaum was sagte, weil es sicher eh wieder falsch war – etwas, das die Schule ihr beigebracht hatte. Marburg kennt die junge, viel zu emotionale Journalistin, die keine Ahnung von der Welt hatte, sie aber trotzdem erklären wollte. Und Marburg kennt die Freundin, die sich von einem eigensüchtigen Idioten viel zu lang viel zu viel gefallen ließ. Irgendwie werde ich immer auf dieses alt Ich zurückgeworfen, als würde es Marburg einen Scheiß interessieren, dass ich inzwischen ausgebildete Redakteurin bin, sogar Redakteurin vom Dienst, mir einige andere Teile der Welt angesehen habe und zumindest gelegentlich Männern sagen kann, dass sie mich mal kreuzweise können. Es ist, als würden die fast 17 Jahre seit meinem Wegzug einfach weggewischt, wenn ich wieder an den hässlichen Türmen der Geisteswissenschaftlichen Institute stehe oder an der alten Uni-Bibliothek  hochschaue.

Natürlich gab es auch schöne Momente, viel mehr wahrscheinlich als schlechte, aber es liegt nicht unbedingt in meiner Natur, mich primär an die zu erinnern. Da ist es dann immer gut, wenn man nicht nur die Stadt, sondern auch Freunde besucht, mit denen man sich an Grillen an der Lahn, Samstagvormittage im Schwimmbad, verkaterte Referate, blaugemachte Vorlesungen, durchquatschte Nächte und Nachmittage auf dem Weihnachtsmarkt erinnert.

Trotzdem – es bleibt seltsam, an diese Orte aus der Vergangenheit zurückzukehren, auch wenn die Zeit, die man dort verbracht habe, natürlich viel zu der Person beigetragen hat, die man heute ist.


Vielfalt

Weil ich im Augenblick ganz gegen meine Gewohnheit selbst keine Worte zur aktuellen Lage der Weltpolitik finde, möchte ich diesen Text ausnahmsweise mit einem Zitat beginnen, das meine tägliche Stimmung in knappen Worten bestens beschreibt. Bitte, Herr Buddenbohm:

Das hätten wir also geklärt. Und nun zu dem, was ich noch so zu sagen hätte:

In der vergangenen Woche war ich ein paar Tage im Krankenhaus. Eine Routine-OP (zumindest für die Ärzte, nicht unbedingt für mich), nichts, weswegen man sich Sorgen machen müsste. Im Grunde nicht der Rede wert, auch wenn sich meine Lebensqualität dadurch schlagartig erhöht hat, aber ich möchte trotzdem kurz davon erzählen. Weniger von der OP an sich, keine Bange, sondern von den vier Tagen im Krankenhaus. Ich war vorher erst einmal im Krankenhaus gewesen, nach einem Fahrradunfall, den ich mit neun Jahren hatte. Ich habe also nicht wirklich viele Vergleichsmöglichkeiten, aber ich kann mir keine bessere Station vorstellen als diese, auf der ich war.

Natürlich habe ich mich bei meiner Entlassung schon direkt bei allen bedankt, aber ich möchte das auch hier noch mal tun. Es war ein unglaubliches nettes, freundliches und kompetentes Team, das mich betreut hat. Operiert wurde ich unter anderem von einer türkischen Ärztin, für die OP vorbereitet hat mich ein Arzt mit spanischem Akzent. Die zauberhaft-wuselige Nachtschwester, die in der Nacht nach der OP auf mich aufgepasst, Tropf und Katheter ausgetauscht und mir Aufmunterndes ins Ohr geflüstert hat, kam aus Indien. Der eine der Oberärzte war Türke, der andere Pole. Betreut wurde ich anschließend von deutschen, russisch- und türkisch-stämmigen Schwestern. Und alle, ohne Ausnahme, waren unfassbar lieb, einfühlsam, vorsichtig, kompetent, lustig und rundum großartig. Alle hatten einen sehr entspannten Umgangston miteinander und ich fühlte mich noch nie so gut betreut und umsorgt.

Und was hat das jetzt mit der Weltpolitik zu tun? Leider vieles, fürchte ich. Weil auch mein Alltag so aussieht, dass darin viele Menschen mit ausländischen Wurzeln vorkommen, fiel mir das zunächst gar nicht besonders auf. Erst als der orangefarbene Irre in den USA auf einmal damit anfing, Muslime nicht mehr einreisen zu lassen und dafür auch noch Applaus aus der deutschen Politik (WTF, Seehofer?) bekam, wurde mir noch mal in aller Deutlichkeit klar, dass dieses schöne bunte Leben gerade möglicherweise auf sehr wackligen Füßen steht.

Ich persönlich möchte aber nicht, dass sich das ändert, weil ich glaube, dass unser aller Leben dann ärmer, beschränkter und farbloser wird. Wir dürfen das nicht zulassen.


Ich gebe gern

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Und es begab sich aber zu der Zeit, dass sich Menschen die Finger mit Sekundenkleber zusammenbappten, sich heillos in bunten Wollknäueln verhedderten, an den unmöglichsten Stellen Farbkleckse verteilten und mit viel zu dicken Fingern versuchten, winzige Applikationen auf Tischdecken aufzubringen.

Ja, ich gestehe es hiermit: Wenn Weihnachten näherrückt, so etwa ab September, verwandele ich mich in ein gelegentlich mir selbst fremdes Wesen. Ja, ich bin ein Bastelholic. Nein, ich brauche keine Hilfe, danke.

Wenn ich erzähle, dass ich meine Geburtstags- und Weihnachtsgeschenke fast alle selbst bastle, ernte ich eigentlich immer erstaunt-ungläubige Blicke. Gelegentlich folgt dann ein bewundernder Kommentar, in den meisten Fällen aber die mehr oder weniger höflich formulierte Frage, ob ich sie noch alle habe. Auch auf das Geständnis, dass ich jedes Jahr mindestens zehn verschiedene Sorten Kekse backe und sämtliche Weihnachtskarten selbst gestalte, ernte ich meistens hochgezogene Augenbrauen.

Ich will nicht sagen, dass ich immer die allerentspannteste Vorweihnachtszeit habe, und die heimische Wirtschaft fände es sicher auch schöner, wenn ich mein Geld mit vollen Händen aus dem Fenster schmisse, aber ich kann nicht anders. Zum einen besitze ich gefühlte zwei Millionen Handarbeitsbücher und dreißig Kisten voller Stoffreste und Bastelmaterialien, zum anderen war ich schon immer in verschiedene Richtungen kreativ – mit Worten, Farben, Wolle, Stoffen, Kleister und Papier. Ich liebe es, wie sich Dinge unter meinen Händen formen. Wenn man den ganzen Tag am Computerarbeit macht, ist es eine schöne Abwechslung, abends was zu tun, was man anschließend ansehen und anfassen kann.

Dazu kommt, dass ich inzwischen so viele Menschen kenne, die ich zu Weihnachten beschenken möchte, dass ich dabei arm würde. Und um gleich die nächste Fragen zu beantworten: Nein, nicht alle dieser Menschen schenken mir auch was. Ja, ich beschenke diese Menschen trotzdem jedes Jahr wieder. Weil sie mir wichtig sind, weil ich ihnen was Gutes tun möchte. Ich setze mich spätestens im Oktober hin und blättere meine Handarbeitsanleitungen durch, schreibe ellenlange Listen mit möglichen Geschenken, überlege, wen ich dieses Jahr alles bedenken möchte und plane, wer was kriegt. Es macht mir einen Heidenspaß, mir zu überlegen, was die leicht esoterisch angehauchte Kollegin bekommen soll, was für die Freundin, die so gerne reist, das schönste Geschenk wäre oder was der beste Cousin von allen dieses Jahr unter dem Baum vorfinden könnte. Und während ich Handtücher besticke, Notizbücher beklebe, Socken stricke oder Pulswärmer nähe, denke ich an die Person, die das Geschenk bekommen soll und erinnere mich dran, was wir schon alles zusammen erlebt haben oder stelle mir vor, wie derjenige sein Päckchen auspackt und sich (hoffentlich) freut. Manchmal schenke ich sogar Leuten was, die ich kaum kenne – einfach, weil wir mal eine nette Begegnung hatten. Ich mache das einfach gern so, auch wenn ich jedes Jahre tagelang im Bastel- und Paketchaos lebe und regelmäßig in Stress gerate, weil alles natürlich doch viel länger dauert als angenommen.

Ich werde damit nicht aufhören, genausowenig, wie ich damit aufhören werden, meinem Zahnarzt Kekse zu schenken oder meinem Automechaniker eine Kleinigkeit vorbeizubringen, wenn ich mich von diesen Leuten im fast abgelaufenen Jahr gut betreut gefühlt habe. Natürlich machen die auch nur ihren Job, aber ich weiß aus eigener Erfahrung, wie es ist, wenn die Kunden sich immer nur melden, wenn sie was zu meckern haben, dass ich gerne mal sage, dass etwas toll war (das mache ich im Übrigen nicht nur zu Weihnachten).

Im Übrigen finde ich es überhaupt nicht schlimm, wenn jemand nicht basteln kann oder einfach keinen Bock dazu hat. Ich handhabe meine Weihnachtsbräuche ja nicht so, weil ich andere damit beschämen möchte. Wer ein schlechtes Gewissen hat, weil er fertige Kekse kauft, während ich zwei Tage lang mehlbedeckt in der Küche stehe, dann tut mir das leid, aber deswegen werde ich nicht aufhören zu backen. Und ich mag mir auch nicht länger dumme Sprüche dazu anhören. Ich mache euch nicht madig, wie ihr schenkt, also lasst mir doch bitte auch meinen Spaß. Ab Januar bin ich dann ja auch wieder normal.


Wenn endlich alles stimmt

Regelmäßig komme ich im Leben an den Punkt, an dem ich denke: Es soll doch endlich auch mal was stimmen. Es muss doch mal der Punkt kommen, an dem alles richtig ist, alle Puzzleteile zusammenpassen und nicht eines übrig bleibt, oder eines fehlt, sodass der Rest doch wieder auseinanderbricht und alles durcheinander gerät. Das wäre doch mal schön. Oder?

Aber dann frage ich mich, was ich tun würde, wenn auf einmal alles passte. Wäre ich nicht total überrascht, gar überfordert? Würde einen das nicht auch selbst durcheinanderbringen, wenn alles andere plötzlich geordnet wäre? Würde man nicht nervöse Zuckungen kriegen, Tics, Pickel an schwer zugänglichen Stellen? Könnte man ein nicht da seiendes Chaos eigentlich ertragen? Würde man nicht irre werden? Also noch irrer, als man eh schon ist?

Man hätte ja gar nichts mehr zu tun, wüsste gar nichts mit sich anzufangen, wenn man sich über nichts mehr aufregen, niemanden mehr anpöbeln, nicht mehr den Kopf über etwas schütteln könnte und keine Scherben mehr zusammenkehren müsste.

Die Folgen wären doch Verwirrung, Verwahrlosung, vielleicht der Verlust von Gliedmaßen, Verderben, Unheil, Pestilenz, Tod.

Lass mal. Ich glaube, ich käme gar nicht damit klar, wenn endlich alles stimmte.


No more Umkleidekabine

Vor ziemlich genau drei Jahren habe ich aufgehört, Klamotten zu kaufen. Ein Grund dafür war, dass ich von Vollzeit auf Teilzeit (allerdings in Festanstellung) gegangen bin und fortan sparen musste, weil ich seitdem gut 1000 Euro weniger im Monat verdiene. Am Essen mag ich nicht sparen, an den Urlaubsreisen auch nicht – also beschloss ich, fortan einfach weniger Gedöns und Klamotten zu kaufen. Die Entscheidung fiel mir nicht schwer, das ganze Unternehmen durchzuziehen, noch viel weniger. Seit dem Entschluss kaufe ich nur noch Dinge wie Unterwäsche, Funktionskleidung und Socken. Dinge, die kaputtgehen, die ich aber immer brauche, wie einfarbige T-Shirts etwa, werden 1:1 ersetzt. Es gibt aber keine Spontan- und Lustkäufe mehr.

Dass es mir nicht schwer fiel, das durchzuziehen, lag zum einen daran, dass mein Kleiderschrank voll bis obenhin ist, zum anderen daran, dass ich ständig Kleidung von Freundinnen oder meiner Tante geschenkt bekomme, die diese nicht mehr wollen. Da sind sehr schöne Stücke dabei, die ich mir vielleicht selbst nie gekauft hätte, die mir aber beim Anprobieren gut gefielen.

Und was soll ich sagen: Die letzten drei Jahre waren wunderbar. Das Shoppen fehlt mir so gar nicht. Und noch weniger fehlen mir die Fehlkäufe, die ungetragen im Schrank hängen und mich anklagend anschauen. Die mich daran erinnern, dass ich Geld verschwendet habe oder modisch doch nicht so mutig bin, wie ich dachte. Oder dass ich einfach keinen Bock habe, neue Kleidungsstücke von allen möglichen Seiten kommentiert zu bekommen. Seit ich nichts Neues mehr kaufe, bin ich sehr viel entspannter.

Seit einiger Zeit aber denke ich: Das, was da im Kleiderschrank ist, bin immer weniger ich. Es ist ein Sammelsurium aus Sachen, von denen ich hoffe, dass ich mal wieder reinpassen könnte, die vielleicht mal wieder modern werden und Dingen, die schon jemand anders vor mir anhatte. Ich habe also möglicherweise gar keinen eigenen Stil mehr. Außer eine gewisse Sheldon-Cooper-artigen Vorliebe für Comic-Shirts, aber man kann ja nicht jeden Tag im Büro Zombies oder das Superman-Logo auf der Brust tragen, die Kollegen könnten sowohl das eine als auch das andere falsch verstehen. Oder es gerade richtig verstehen.

Doch der Gedanke, einkaufen zu gehen – in einen echten Laden! – verursachte bei mir Schnappatmung der unangenehmen Sorte. Ich wollte nicht mehr fünf Jeans mit in die Umkleidekabine gehen, mir im Spiegel sämtliche Problemzonen in schlimmster Beleuchtung ansehen, mich schwitzend in eine Hose nach der anderen quälen, mich wieder herauspellen, dann doch alle zurückbringen, weil keine passt, mir von Verkäuferinnen Dinge aufschwatzen lassen, feststellen, dass mir eigentlich keine einzige Farbe steht und am Ende weinend an der Wurstbude vor dem Laden Currywurst essen, weil es jetzt auch egal ist.

Meine Rettung war – wie so oft – das Internet, und ich komme mir sehr mondän und weltmännisch vor, wenn ich Sätze wie „Ich habe ja jetzt eine Styleberaterin“ oder „Das hat mir meine Styleberaterin empfohlen“ sagen kann. Vielleicht auch ein wenig großkotzig, aber irgendwas ist ja immer.

Meine Beraterin heißt Katja, und obwohl ich sie nicht persönlich kenne, hab ich sie schon jetzt sehr lieb. Katja ist nämlich äußerst zurückhaltend. Katja verurteilt mich nicht, weil ich Hintern habe, Katja schickt mir einfach ungefragt Jeans in der richtigen Größe. Katja fragt mich nach meiner Lieblingsfarbe (blau) und stellt mir ein Outfit zusammen, in dem verschiedene Blautöne vorkommen, die man alle miteinander kombinieren kann, Katja fragt nicht, ob ich nicht doch mal was in Entengrützfarben oder ganz crazy in Orange probieren möchte, weil das doch jetzt alle tragen. Katja würde niemals zu mir sagen „Das denkt man gar nicht, dass Sie so dicke Waden haben“ oder „Na, SIE (abschätzigen Blick einfügen) wollen hier sicher nur schauen, was?“, Katja fragt diskret nach, ob denn alles gepasst habe oder ob ich noch was in einer anderen Größe nachbestellen möchte.

Dass ich aus dem ersten Klamottenpaket von zehn Teilen nur zwei behalten werde, verzeihe ich Katja. Wir lernen uns ja erst kennen. Das wird noch sehr schön mit uns, das spüre ich.


Die Zeiten, in denen wir leben

Die Zeiten seien schlecht, sagen die einen. Es gehe alles den Bach runter, sagen andere. Wir hätten zu viele Ausländer hier, sagen Dritte. Das Problem mit den Rassisten sei gar keins, sagen wieder andere. The times they are a changin‘, sang schon Bob Dylan.

Ich weiß nicht, was stimmt, aber ich weiß, dass wir in Zeiten leben, die mich nachdenklich machen. Und manchmal machen sie mir auch Angst. Meistens machen sie mich traurig.

Vergangene Woche waren der beste Freund und ich in Berlin, um uns vom großen alten Mann des Grump ’n‘ Roll auf der Waldbühne bis zum Anschlag durchrocken zu lassen. Das tat der alte Mann auch nach allen Regeln der Kunst, und so waren wir voller Musik, voller Liebe, voller Bier, voller „Rockin‘ in the free world“, als wir nach dem Konzert die Arena verließen und zur Bahn liefen. Wir mussten ein paar Male umsteigen, und so landeten wir zuguterletzt in einem recht vollen Zug mit wenigen freien Plätzen. Der beste Freund entdeckte zwei freie Plätze, wir beeilten uns, so schnell es all das Bier und all die Liebe in uns zuließen, dorthin zu kommen, der junge Mann, der gegenüber saß, räumte schnell seine Tasche an die Seite, um uns Platz zu machen. Wir bedankten uns, setzten uns erleichtert hin (die freie Welt zu rocken und dabei viel Bier zu trinken, macht sehr müde) und grinsten den netten jungen Mann an.

„Hey, you guys are cool“, sagte der junge Mann. Der beste Freund und ich nickten. Wir wissen ja, wie unfassbar cool wir sind. Von Zeit zu Zeit aber ist es nett, es auch mal gesagt zu bekommen. Weil wir aber auch höflich sind, gaben wir das Kompliment zurück. Schnell gerieten wir mit dem netten jungen Mann ins Plaudern, erzählten dies und das, unser Gegenüber sagte, er komme gerade aus Magdeburg, wo er nur beschimpft worden sei, aber wir beiden seien ja super drauf und freundliche Menschen, und woher wir kämen, bei welchem Konzert wir gewesen seien, warum wir so gut Englisch könnten, und wow, Neil Young sei fantastisch, wir hätten sicher viel Spaß gehabt, woher er selbst komme?, ach, das sei nicht so wichtig, er sei „from the globe“, und stimmt, eigentlich war es auch gar nicht wichtig. Die Zugfahrt dauerte noch eine Weile, wir lachten viel und schüttelten uns mehrfach die Hände, weil wir uns spontan gern hatten, sprachen drüber, in welchen Zeiten wir leben, der beste Freund und ich entschuldigten uns dafür, dass der nette junge Mann in Magdeburg so schlechte Erfahrungen gemacht hatte, es war uns peinlich, dass man ihn dort übel behandelt hatte, wir waren uns sehr einig darüber, wie wichtig es ist, unseren Kindern beizubringen, dass im Leben vor allem Musik und Liebe wichtig sind und der Rest egal ist. Jeder darf sein, wie er ist, und er darf das sein, wo auch immer er ist. Dann ist die Welt schön für alle. Möglicherweise sprach das Bier aus uns, aber die Botschaft bleibt nüchtern dieselbe.

Schließlich erreichte der Zug den Hauptbahnhof, wir schüttelten uns ein letztes Mal die Hände, wünschten uns eine gute Reise und ein gutes Leben. Der beste Freund und ich tranken noch einen Absacker in der Hotelbar, stießen auf meinen Geburtstag an und fuhren am nächsten Tag, immer noch voller Liebe und etwas Bier, wenn auch weniger, nach Hause.

Warum ich das alles erzähle? Warum ein besoffenes Gespräch in der S-Bahn was Besonderes ist? Warum ich heute immer noch einen Kloß im Hals hab, wenn ich drüber nachdenke?

Der nette junge Mann, der uns gegenüber gesessen hatte, war dunkelhäutig.

Und nun denken wir bitte alle noch mal darüber nach, was es bedeutet, dass wir in Zeiten und in einem Land leben, in denen sich dunkelhäutige junge Männer dafür bedanken, dass man sich in einem vollen Zug ihnen gegenübersetzt, ohne sich was dabei zu denken, und sich nett mit ihnen unterhält.

Und jetzt denken wir bitte auch alle drüber nach, ob wir in solchen Zeiten leben wollen.


Warum Schreiben harte Arbeit ist

Schreiben sei ein lockerer Job, so ein bisschen tippeditipp, ein Weinchen dabei, tralala, fertig ist der Roman – das denkt ihr doch alle, oder? Das das ein Irrglaube ist, möchte ich mal mit einer kleinen Geschichte illustrieren, nämlich der Geschichte davon, was passiert, wenn ich endlich mal wieder was Kreatives schreiben will, sprich, endlich mal wieder mit diesem #+%$&§-Roman weitermachen will, den ich eigentlich geschrieben haben wollte, bevor ich 40 wurde:

Ich fahre den Laptop hoch, rufe Word auf, suche die Stelle, an der ich weitermachen muss. So weit, so brav, so ambitioniert.

Irgendwann aber, dem Gesetz folgend, das besagt, dass mir am Tag mindestens zehn Menschen auf die Nerven gehen müssen, damit die Welt im Gleichgewicht bleibt und ich nicht alles mit meiner guten Laune zum Explodieren bringe, passiert eines der folgenden Dinge (und die Liste ist beliebig erweiterbar):

  • mein Arschloch-Nachbar dreht den Shit Metal auf
  • mein Arschloch-Nachbar hat beim Musikhören zwar Kopfhörer auf, grölt aber wie ein besoffener Pavian mit der Musik mit
  • auf dem Rasen des Nachbarhauses liegen drei Blätter, was sofort the incredible Laubbläserman auf den Plan ruft
  • der Nachbar im Nebenhaus macht den Fernseher so laut, dass ich mit dem Musikantenstadl mitsingen könnte
  • der Hausmeister mäht den Rasen hinter unserem Haus

Nun bin ich sehr lärmempfindlich bzw. empfinde schon Dinge als Lärm, die andere gar nicht hören. Und wenn mir dann noch jemand den schönen Ratschlag gibt, ich solle doch einfach nicht hinhören, werde ich zudem noch wütend, und dann kann ich überhaupt nicht mehr arbeiten.

Ich mache also selbst Musik an. Und das Unheil nimmt seinen Lauf.

Eine Weile geht es gut, mit Musikuntermalung zu schreiben. Aber dann passiert es immer irgendwann, dass ich etwas nachschlagen muss und das Internet anschalten muss. Leider ist es mir aufgrund meiner genetischen Disposition nicht möglich, nur duden.de aufzumachen. Ich muss den Rest des Internets auf öffnen, um „nur mal kurz zwischendurch zu gucken, was so los ist“.

Los ist dann unter anderem, dass einer meiner Facebook-Freunde ein Bild postet, das mich an einen Helden meiner Kindheit erinnert, nämlich Petzi-Bär. Ich frage mich, ob es Petzi noch gibt und mache Wikipedia auf. Ach, schau an, es gibt 40 Bände. Ich frage mich, ob es die heute noch gibt und was die wohl kosten mögen, und öffne die Seite eines bekannten Versandhändlers. Und wenn ich schon mal da bin, kann ich auch gleich gucken, was die fünfte Staffel „The Walking Dead“ inzwischen kostet, denn ein Leben ohne Rick Grimes ist möglich, aber sinnlos. Ach, Rick … Dann frage ich mich, wie es denn nun schon wieder passieren konnte, dass ich mich so schnell habe ablenken lassen und finde, es könnte amüsant sein, darüber zu bloggen. Ich öffne wordpress.de, und da ich nun schon mal dabei bin, auch gleich Twitter, um den unfassbar witzigen Tweet „Vorm Nachbarhaus liegen drei Blätter, und ich setzte mich just mit einem guten Buch aufs Sofa. Auftritt: the incredible Laubbläserman.“ abzusetzen, der zwar nicht ganz das wirkliche Geschehen beschreibt, aber ich lasse mir erstens von der Realität nicht meine Tweets kaputtmachen und zweitens geht es ja auch keinen was an, dass ich eigentlich gerade einen Roman schreiben will. Petzi-Bücher gibt es im Übrigen noch, sie sind gebraucht auch nicht wirklich teuer, und wusstet ihr, dass Petzi eigentlich ein Däne ist? Zwischendrin schreibe ich dann mal wieder einen Satz in das Worddokument, das mal der Roman werden soll, während der Musikplayer bei dieser jüngst von mir entdeckten isländischen Band angekommen ist, in der der Bruder unseres Handballnationalmannschaftstrainers spielt. „Handballnationalmannschaftstrainers“ – deutsche Sprache ist fantastisch, oder? Die Band heißt übrigens Mono Town und ich muss erst mal gucken, welche Songs ich von denen noch kaufen kann. Zwischendrin brummt auch immer mal wieder das Handy, und weil ich da ungern Nachrichten schreibe, erst mal WhatsApp am Rechner öffnen und ein paar Leuten antworten. Man will ja nicht als wunderlicher Sonderling gelten, der keine sozialen Kontakte pflegt. Oh, und die Waschmaschine ist auch fertig.

Liebe Kinder, nun wisst ihr, warum es so schwer ist, einen Roman zu schreiben. Bitte, gern.