Mann für einen Tag

Da schreibt eine junge (haha) Frau, die so rein karrieremäßig nicht mehr ganz unten in der Nahrungskette steht, unter dem Hashtag #MannfuereinenTag sinngemäß in etwa folgenden Tweet „Nicht sofort gefragt werden, ob mein Chef da sei, obwohl ich die leitende Redakteurin bin.“

Weil es nämlich kolossal nervt, wenn man nur ans Telefon geht und für eine Tippse gehalten wird, die keine Ahnung hat. Weil es nervt, wenn zwei Minuten, nachdem man jemandem am Telefon was erklärt hat, der Apparat des männlichen Kollegen neben einem klingelt, der der betreffenden Person alles noch mal wortwörtlich genauso erklärt. Weil es nervt, dass Kollegen, die erst zwei Jahre da sind für kompetenter gehalten werden als die Frau, die die Abteilung vor zehn Jahren mit aufgebaut hat.

Was passiert als Nächstes? (Ach ja, um die Sache spannend zu machen, enthält der Tweet dummerweise ein „N“ an einer Stelle, an die es nicht gehört.)

Zwei Frauen faven den Tweet (Yes, sisters, I know you feel me).

Ein Mann, der keine Follower hat und erst einen Tweet geschrieben hat, antwortet: „Bei solchen Tweets kein Wunder, dass man Ihnen die Position nicht zutraut.“

Ein anderer Mann schreibt: „Als leitende Redakteurin wissen Sie ja sicher, dass das eine „N“ da nicht hingehört.“

Ein dritter Mann schreibt: „In der Position und dann so in Watte gepackt? Wie passt das denn zusammen?“

Es gibt Tage, an denen ich so was kalt lächelnd mit der witzigsten, besten, ironischsten Antwort kommentiere, die jemals auf Twitter veröffentlich wurde und denke: „Leckt mich doch am Arsch, ihr hohlen Kackbratzen. Genau wegen Spacken wie euch brauchen wir Feminismus, und wir werden gewinnen.“

Heute ist nicht einer dieser Tage. Heute hab ich nur den Tweet gelöscht und die Deppen blockiert.

Manchmal ist man halt schon am Anfang eines langen Weges erschöpft.

Wie liegen Sie denn hier?

Zu meinen liebsten Vergnügungen im Sommer gehört es, ganze Nachmittage auf einer Wiese im Volkspark zu verdödeln. Manchmal hab ich eine Kühltasche mit Bierchen dabei, gelegentlich auch eine kleine Flasche Rotwein, immer ein Buch oder was zu schreiben. Ich liege da dann sinnlos in der Sonne, drömmele so vor mich hin und lasse den lieben Gott einen guten Mann sein. Also zumindest dann, wenn man mich dabei in Ruhe lässt. Leider ist das immer öfter nicht der Fall.

Als ich letztens auf meiner Lieblingswiese lag und mir gerade meine Hosenbeine ein wenig höherzuppelte, damit auch die Knie ein wenig Sonne abbekommen mögen, hörte ich hinter mir zunächst ein „Uh oh!“, dann ein albernes Kichern. Als ich mich umdrehte, stand auf dem Weg in ein paar Metern Entfernung eine Frau, kicherte noch mal und sagte „Hallo“. Da ich die Frau nicht kannte, sagte ich nichts und drehte mich wieder um. Mit Fremden soll man ja nicht sprechen.

Blöderweise sprechen Fremde aber oft mit mir.

Ob sie mir mal was sagen dürfe, fragte die Frau und kam ungefragt näher. Ich entgegnete „WAS DENN.“ Mit diesem Unterton, der deutlich hörbares „Nein, halt die Fresse“ beinhaltete. Was aber seltsamerweise die meisten Leute überhören. Es ist so ein Elend mit dieser Welt, keiner ist mehr empfänglich für Zwischentöne. Im Folgenden kam es somit zu diesem Dialog:

Sendungsbewusste Frau (SF): Wissen Sie eigentlich, dass hier in der Nähe ein Flüchtlingsheim steht?
Ich: JA.
SF: Und dass da viele junge Männer wohnen?
Ich: JA.
SF: Die gehen auch oft hier im Park spazieren.
Ich: JA. UND?
SF: Da sollten Sie vielleicht mal überlegen, ob Sie hier SO liegen wollen.
Ich (nach einem kurzen Moment der Sprachlosigkeit): Ich wohne hier seit zehn Jahren, und genauso lange liege ich auch schon auf dieser Wiese herum, und es gab noch nie Probleme.
SF: Ich meinte ja auch nur.
Ich: Es ist mir egal, was Sie meinen. Lassen Sie mich gefälligst mit Ihrem Scheiß-Rassismus in Ruhe.
SF: Also Rassismus ist ja nun völliger Quatsch.
Ich: Gehen Sie einfach weg und lassen mich hier liegen.

Offenbar hatte ich jetzt endlich den richtigen Ton getroffen, der die Dame zum Rückzug veranlasste.

Bevor ich dazu übergehe, diese auf so vielen Ebenen verstörende Begegnung genauer aufzudröseln, möchte ich dem geneigten Leser zur Verdeutlichung erst einmal das Outfit des Anstoßes zeigen. Es handelt sich dabei um diese exklusive Kombination:

Man sieht, auch wenn es leicht verwackelt ist: Es handelt sich um eine ausgeblichene, abgeschnittene Jogginghose und ein Top, also Kleidungsstücke, die quasi nichts mehr der Fantasie überlassen. Ein Wunder also, dass ich nicht ständig überfallen werde, wenn ich so unterwegs bin. (Einmal ist mir das auch tatsächlich passiert, dass ich im Volkspark sexuell belästigt wurde, als ich in oben gezeigtem Outfit vor mich hin faulenzte – von einem widerlichen alten weißen deutschen Mann. Der bereut vermutlich heute noch, dass er sich mich dafür ausgesucht hatte, aber das nur am Rande.)

Und damit zur Tirade.

Zunächst mal: Natürlich weiß ich, dass da in der Nähe des Schulgartens im Altonaer Volkspark seit einiger Zeit ein Flüchtlingsheim steht. Und als das Heim bezugsfertig war, waren durchaus viele junge Männer, die man als regelmäßiger Im-Park-Lieger noch nie gesehen hatte, dort unterwegs. Logisch, wenn man irgendwo neu hinkommt, erkundet man erst mal die Umgebung. Da saßen dann die jungen fremden Männer in Grüppchen im Park herum, telefonierten mit dem Handy, unterhielten sich und lachten gelegentlich sogar laut. Schockierend, oder? Manche Männer hatten auch Frauen und gar Kinder dabei, die da einfach so spazieren gingen und spielten. Es war das reine Chaos. Es herrschte quasi Anarchie im Park. Es war kaum noch auszuhalten.

Angesprochen wurde ich seit dem Aufbau dieses Flüchtlingsheims von einem der Bewohner übrigens genau einmal. Es war ein etwas kühlerer Abend im Frühling, ich trug lange Hosen sowie eine Jacke und der junge Mann aus Syrien, der mich angesprochen hatte, erklärte mir, er lerne Deutsch und würde sich freuen, wenn ich mich zwecks Verbesserung seiner Sprachkenntnisse ein bisschen mit ihm unterhalten wolle. Ich wollte nicht (denn ich will mich im Park nie unterhalten), ich wollte einfach nur da sitzen. Das teilte ich ihm freundlich mit, er bedankte sich ohne Groll und ging wieder. Eine Begegnung, die jederzeit hätte eskalieren können, ich zittere immer noch, wenn ich daran denke.

Ich weiß nicht, ob die Dame nun wirklich implizieren wollte, dass alle jungen männlichen Flüchtlinge deutsche Frauen sofort bespringen wollen, weil sie nicht damit klarkommen, dass hier und da mal eine nackte Schulter oder ein entblößtes Knie zu sehen ist. Vielleicht hat sie es sogar wirklich gut gemeint, aber wie wir wissen, ist das meistens das Gegenteil von gut. Denn klar – wenn Männer, die sich nicht benehmen können, das Problem sein sollen, hilft es sicher, Frauen zu sagen, wie sie sich anziehen sollen. Es hilft ganz bestimmt, Frauen einzureden, dass sie selbst schuld sind, wenn jemand bei ihrem Anblick auf dumme Gedanken kommt. Das funktiniert bei sexueller Belästigung und schlimmeren ja seit Jahrzehnten ganz hervorragend. Und wir lassen hier mal außer Acht, dass es sich bei dem fraglichen Outfit um die ältesten Klamotten handeln, die ich besitze und die alle wichtigen und unansehnlichen Körperteile verhüllen. Und wir lassen auch außer Acht, dass nur ein paar Tage später Mädel neben mir im Bikini im Park lagen, die sich aufgrund der Abwesenheit der strengen Sittenwächterin natürlich keinen Spruch reindrücken lassen mussten.

Vielleicht wollte die Dame ja die jungen Flüchtlingen auch nur davor bewahren, einen Kulturschock zu erleiden. Aber auch das ist übergriffig und bevormundend, denn sie hat nicht in einer Art vorauseilendem Gehorsam zu bestimmen, was andere stören könnte. Aber selbst wenn sich jemand aus dem Ausland gestört fühlen sollte – wir leben hier nun mal in einer anderen Kultur, und wer herkommt, kann nicht erwarten, dass sich die Welt nun plötzlich um ihn dreht. Ich weiß natürlich, dass deutsche Touristen im Ausland so ticken, aber so funktiniert es ja nun mal nicht. Wenn wir miteinander klarkommen wollen, müssen wir das im Dialog lösen und nicht damit, indem man entscheidet, was jemand sehen darf und wie sich jemand anders zu kleiden hat. Und darüber, was junge geflüchtete Frauen denken könnten, wenn sich Männer im Park bis auf die Unterbuxe ausziehen und sich breitbeinig sonnen, macht sich interessanterweise keiner Sorgen.

Schweres Thema

Nein, ich bin nicht dick. Das heißt, irgendwie bin ich es doch, aber dann auch wieder nicht wirklich. Bei meiner Hausärztin steht hinter meinen Maßen der Vermerk „prä-adipös“, aber vermutlich käme auf den ersten Blick niemand auf die Idee, mich „dick“ zu nennen. Genau weiß ich das nicht, weil ich vor langer Zeit aufgegeben habe, mich mit Menschen über meinen Körper und mein Gewicht zu unterhalten.

Man kann sich nämlich als Frau nicht mehr normal mit Menschen über sein Gewicht unterhalten, ohne dass es sehr schnell sehr anstrengend wird. (Und dabei ist es egal, ob man zu viel, zu wenig oder genau das richtige wiegt.) Beispiele? Oh, gerne.

Vor vielen Jahren fuhr ich mal mit Freunden und deren kleinem Sohn im Auto, und plötzlich rumpelten wir über Kopfsteinpflaster. „Kevin-Marcel-Pascal hoppelt!“, freute sich der kleine Sohn, und ich sah an mir runter und sagte, ohne groß darüber nachzudenken: „Hihi, und Kiki wabbelt!“ Das bereute ich innerhalb von Sekunden, denn obwohl ich das nur gesagt hatte, weil es stimmte (außer austrainierten Bodybuildern schwabbelt vermutlich jeder auf Kopfsteinpflaster) und ich es lustig fand, wurde mir ein 20-minütiger Monolog aufgedrängt, ich solle doch bitte nicht nach Komplimenten fischen, man könne mich um meinen Körper beneiden, ich sei eine undankbare Ziege, wenn ich nicht zu schätzen wisse, was ich hätte und blablabla. Sprich, es wurden mir Probleme eingeredet, die ich damals noch gar nicht hatte und mir beschieden, wie ich mich in meinem Körper zu fühlen habe, Widerworte nicht gestattet.

Das ist zehn Jahre und fünf Kilo her, und ich sehe eigentlich immer noch nicht dick aus, auch wenn ich mich heute nicht mehr so wohl in meinem Körper fühle, wie ich das mal getan habe. Das liegt daran, dass ich weniger (Wettkampf)-Sport treibe und sich alles anders anfühlt. Das heißt noch lange nicht, dass ich meinen Körper hasse oder ihn in Problemzonen aufteile, die ich trainieren muss, bis sie brennen. Ich würde allerdings wirklich gerne fünf bis zehn Kilo abnehmen, aber es funktioniert nicht. Nach einer OP im Januar, als ich endlich wieder konnte, bin ich sozusagen von 0 auf 100 gestartet. Nachdem ich vorher gar nichts hatte machen können, trieb ich von nun an jeden Tag Sport, fast einen Monat lang. Ich joggte, machte Yoga, Krafttraining, fuhr wieder mit dem Rad zur Arbeit, ging spazieren. Ich hatte gehofft, ich könnte abnehmen, aber das war nicht der Grund für den vielen Sport. Der Grund war, dass ich mich endlich wieder richtig und nicht mehr nur wie eine alte Frau bewegen konnte. Jeder schmerzende Muskel fühlte sich gut an, weil ich endlich wieder fit war. Dass mir Leute auch das madig machen wollten – geschenkt.

Aber wenn ich jemandem sage, ich würde schon gerne mal fünf Kilo abnehmen, wird sofort geschrien, aber ich sähe doch gut aus. Das hab ich zwar nie infrage gestellt, aber bitte, schreit nur. Ich würde gern abnehmen, um meine Knie und Achillessehen zu entlasten, mich besser zu fühlen und natürlich auch, um vielleicht wieder in die vielen schönen Hosen zu passen, die ich zuhauf im Schrank habe. Zurzeit fühlt sich mein Körper nicht wirklich wie meiner an, sondern als sei mein Körper unter dem einer anderen Frau versteckt, und ich komme nicht recht ran, egal, wie ich mich auch anstrenge. Es fühlt sich einfach falsch und anders an, aber es scheint unmöglich zu sein, das jemandem vernünftig klar zu machen. „Das sieht man aber nicht, dass du so viel wiegst“ (ich sehe es aber schon, und vor allem fühle ich es) bekommt man dann gesagt, als wäre das Thema damit erledigt. Man sieht nichts, also ist das zusätzliche Gewicht nicht da und deine Probleme mit Sehnen und Gelenken auch nicht?

Wenn es ums Gewicht geht, ist unsere Gesellschaft mittlerweile komplett verkorkst, scheint mir. Grund ist sicherlich zum einen der übermäßige Gebrauch von Photoshop, wenn es um Werbefotografie geht, die vielen vor allem jungen Mädchen ein komplett falsches Bild davon vermittelt, was ein richtiger Frauenarsch ist. Aber auch die Gegenbewegung, die vermittelt, dass man sich einfach nur ein bisschen mehr liebhaben muss, dann würde schon alles gut und die Welt wieder bunt werden. Das ist genauso ein Unsinn, wie sich einem fragwürdigen Schönheitsideal entgegenzuhungern, bis man jeglichen Spaß am Leben verliert.

Ich finde es wunderbar, wenn Menschen mit ihrem Körper im Reinen sind, wie auch immer dieser aussieht. Das ist sogar sehr wichtig, gerade für junge Menschen. Aber es muss doch auch noch gestattet sein, zwischendurch mal zu sagen, dass es einem mit dem einen Röllchen am Bauch grad nicht so gut geht. Ich möchte meine Kurven nicht permament umarmen und feiern, ich möchte von ihnen auch mal genervt sein dürfen. Ich bin halt lieber durchtrainiert, weil ich das von klein auf so gewohnt bin. Könnten wir uns nicht einfach Sätze wie „Deine Probleme möchte ich haben“, „Was soll ich denn dann sagen?“, „Nein, du siehst doch toll aus“ sparen?

 

Nur mal kurz zuhören?

Wann hat das eigentlich angefangen, dass man sofort einen dämlichen Allgemeinplatz oder einen unpraktikablen Lösungsvorschlag um die Ohren gepfeffert bekommt, wenn man jemandem ein Problem schildert oder nur mal kurz jammern will, weil manchmal eben ein Jammer in einem steckt, der raus muss?

Da erwähnt man mal kurz, dass es im Job derzeit nicht so leicht ist/der Mann spinnt/die Kinder zurzeit unleidlich sind/der Nachbar rumlärmt/das Auto eine teure Reparatur braucht/hier beliebiges Problem einsetzen, schon heißt es als Erstes garantiert: „Na ja, reg dich doch nicht so auf/So ist das eben manchmal/Da musst du dich halt mal behaupten/andere haben es viel schwerer/hier beliebigen Allgemeinplatz einsetzen.“ Und wenn man dann sagt, dass all das eben nicht so einfach sei, weil das Problem vielleicht etwas schwerer wiege, kommt sofort die Endlösung auf dem Silbertablett: „Dann kündige doch/zieh doch aus/trenn dich halt/gib das Kind ins Heim (okay, der war übertrieben, aber das wäre doch mal ein Knaller)/verkauf das Auto, brauchst du doch in der Großstadt eh nicht/spreng halt alles in die Luft/hier beliebige Endlösung einsetzen.“ Wenn man dann wiederum sagt, das sei vielleicht eine Nummer zu groß und übertrieben und aus diversen Gründen nicht möglich, bekommt man garantiert gesagt, dann solle man sich auch nicht beschweren, man wolle sich ja offensichtlich gar nicht ändern und solle nun bitte still in seinem selbstgewählten Elend verharren.

Es ist, als wollten andere erstens bestimmen, welches Problem man haben soll und zweitens, wie man sich damit zu fühlen habe. Aber so funktioniert das nicht. Derjenige, der eigentlich nur mal zuhören, Kaffee kochen und Kekse hinstellen und hier und da ein emphatisches „Ach je“ einstreuen sollte, anstatt gleich mit dem inneren Auge das Hirn nach einer Lösung abzusuchen, schafft es mit seinem Verhalten, die ganze Diskussion auf sich zu lenken, sie zu seiner Diskussion zu machen. Derjenige, der sich nur mal auskotzen möchte, kommt kaum dazu, weil er sofort in eine Rechtfertigungshaltung gedrängt wird, sich erklären muss, warum er an seiner Lage nichts ändert, warum er überhaupt so schwach ist, dass er sich schlecht fühlt und die Probleme nicht einfach weglächelt. Dazu, sich einfach mal Luft zu machen darüber, dass das Leben gerade vielleicht nicht so nett zu einem ist, kommt er überhaupt nicht. Und dabei hat er möglicherweise nicht mal auch nur ansatzweise gesagt „Hast du einen Vorschlag, wie ich mich verhalten soll?“, weil er sich nämlich einfach nur mal was von der Seele reden musste.

Was soll das? Wo kommt das her? Ist das von diesem ganzen Selbstoptimierungswahn, der von uns verlangt, ständig an uns zu arbeiten? Oder vom „Trend“, nur noch auf sich selbst zu schauen und alles aus der eigenen Weltsicht heraus zu beurteilen und zu kommentieren? Oder vielleicht aus der Hilflosigkeit heraus, nicht auf alles eine Antwort zu haben? Überraschung: Manchmal muss man gar nicht auf alles eine Antwort haben und zu allem seinen Senf dazugeben. Manchmal sollte man einfach nur zuhören und mitfühlend nicken. Das scheint mir eine Kunst zu sein, die immer weniger Menschen beherrschen. Und mal angesehen davon, dass das sehr traurig ist, nervt es auch kolossal.

Ich versteh die Welt nicht mehr

Wann genau ist das eigentlich alles so furchtbar schief gegangen mit der Welt? Ich kann mittlerweile die Nachrichten nicht mehr ertragen. All dieses Elend, all der Hass, all die Toten und all die, die unter dem Mantel des besorgten Bürgers rassistische Parolen absondern und das vollkommen normal finden.Politiker stellen sich hin und verbreiten Hassbotschaften gegen Muslime, Homosexuelle, gegen alles, was ihnen nicht in den Kram passt.

Und es sind nicht nur Leute, die weit weg von mir sind, nein, die Einschläge kommen allmählich näher.

Leute, mit denen ich in die Grundschul gegangen bin, die aufgrund ihre eigenen Familiengeschichte wissen müssten, wie grauenhaft es ist, seine Heimat zu verlieren, behaupten, sie könnten nicht mehr frei denken, weil in Lippstadt Flüchtlinge in Turnhallen untergebracht sind. Menschen, die christlich erzogen wurden, fordern die Todesstrafe für Straftäter, Leute, die ich bislang für halbwegs vernunftbegabt, intelligent und empathisch gehalten hatte, sagen auf einmal, der Islam gehöre nicht zu Deutschland.

Was stimmt denn nicht mit euch? Zu meinem Freundeskreis gehören Deutsche, viele Ausländer, Christen, Muslime (soweit ich weiß, denn die Religionszugehörigkeit ist mir egal), Homosexuelle – zu meinem Freundeskreis gehören die tollsten und besten Leute überhaupt, sonst wäre ich ja nicht mit ihnen befreundet. Und dann höre ich jemanden sagen, der Islam gehöre nicht zu Deutschland, und ich muss an meine Freundin aus der Grundschule denken, die Muslima ist. Sie ist schlau, lustig, witzig – und sie ist Ärztin mit Leib und Seele, sie hilft Menschen – und zwar allen, die zu ihr kommen und Hilfe brauchen. Warum bitte soll sie denn nicht hierher gehören?

Eine liebe Freundin hat wunderbare drei Kinder mit einem Mann, der, wie man so schön sagt, einen „Migrationshintergrund“ hat. Was ist mit dem? Soll der gehen, obwohl er hier einen Job hat und Steuern zahlt? Und was ist mit den Kindern? Dürfen die hierbleiben? Immerhin haben sie zur Hälfte einen Migrationshintergrund. Wo wollen wir die Grenze ziehen?

Ich habe homosexuelle Freunde, zwei haben gerade geheiratet, und ich hab ein Tränchen verdrückt, als ich davon gelesen hab, weil beide unfassbar tolle Menschen sind und ich mich freue, wenn sie offenbar so glücklich miteinander sind, dass sie den Rest ihres Lebens miteinander verbringen wollen. Wir sollten froh sein über jedes kleine Bisschen Liebe in dieser beschissen kalten Welt. Das kann doch nicht so schwer sein.

Es ist mir egal, wie oft jemand zu wem betet und wer wen küsst, denn es hat mit meinem Leben doch nichts zu tun. Warum sollte es mich stören, was andere Leute in ihrem Privatleben tun? Wann hat das angefangen, dass sich jeder auf einmal von allem beleidigt und bedrängt fühlt, was nur einen Hauch anders ist, als sie es aus ihrem langweiligen, kleinen, beschränkten Leben kennen? Die Welt dreht sich doch nicht um euch, verdammt noch eins!

Und wann sind die Leute im Rollstuhl dran? Wann passen euch die nicht mehr? Wann die Menschen mit geistigen Einschränkungen, mit Hör-, mit Sehbehinderungen?

Und merkt ihr denn nicht, wie gefährlich das ist? Merkt ihr nicht, dass wir dahin steuern, wo wir 1933 schon mal waren?

Meistens diskutiere ich mit Menschen, die solchen „Meinungen“ haben – zumindest kurz. Aber lange kann ich diese geballte Dummheit meistens nicht ertragen. Ich weiß, dass wir Guten nicht verstummen dürfen, dass wir gegen die Idioten aufstehen und ihnen widersprechen müssen. Aber sie sind einfach so furchtbar dumm, und sie sind so furchtbar laut.

Der alte Schrott muss raus

So fühlt sich also die Midlife Crisis an. Zumindest glaube ich, dass es so was ist.

Seit mehr als drei Jahren, im Grunde, seit ich eine feste Stelle hab, aus der mich nur meine eigene Dummheit oder ein Heiratsantrag von Tom Hiddleston kegeln kann, bin ich damit beschäftigt, mein Leben auszumisten.

Nach einem Jahr war ich mit dem ersten Schwung fertig, hatte Zeitschriften, Kleidung, Stofftiere, Gedöns, teilweise auch Menschen aussortiert und wahlweise weggeworfen, verschenkt, verkauft und vergessen. Ein halbes Jahr fühlte sich das sehr gut, sehr leicht und sehr leer in der Wohnung an, doch dann ging es wieder los. Ich hatte das Gefühl, immer weiter ausmisten, wegschmeißen, mich trennen zu müssen. Es beschleicht mich aber zunehmend der Verdacht, dass es eine Übersprungshandlung ist – oder eben eine Midlife Crisis. Solange es nur darum geht, aufzuräumen und Ordnung zu schaffen, ist es aber vermutlich okay. Sollte ich irgendwann Goldkettchen tragen, mir ein Auto kaufen, das, wäre ich ein Mann, als Ersatz für ein unterdurchschnittlich proportioniertes Geschlechtsteil gesehen werden könnte, sagt mir bitte Bescheid, dann werde ich mich umgehend in Therapie oder in die Spirituosen-Abteilung eines Supermarktes begeben, um mir da geeignete Heilmittel zu suchen.

Wo war ich? Ach ja. Aufräumen, ausmisten, Ordnung schaffen. Im Laufe eines länger als 40 Jahre dauernden Lebens sammelt sich ja doch so einiges an. Dinge, die ich als Kind unbedingt haben musste, um mein Leben zu vervollständigen, betrachte ich heute als mehr oder weniger überflüssig. Die Frage ist aber, warum ich sie immer noch habe. Die einfachste Antwort ist vermutlich: Weil das Haus meiner Eltern groß genug ist, um sie da aufzubewahren.

Und dennoch fühle ich mich in letzter Zeit von all den Dingen erdrückt. Vielleicht weil seit dreieinhalb Jahren das erste Mal in meinem Leben beruflich dergestalt Stabilität herrscht, dass ich weiß: Ich werde wohl aus Hamburg nicht mehr weggehen (müssen). Ich kann hierbleiben, an einem Ort, den ich sehr liebe. Ich fühle mich hier zu Hause, fast schon daheim. Ich mag den Wind, der anderen immer zu kalt ist, ich mag die Leute, ich mag meine Arbeit und meine Kollegen.

Vielleicht muss ich deshalb nicht mehr an dem ganzen alten Zeug festhalten. Aushalten müssen das jetzt gerade meine ganzen Stofftiere. Sollte ich jetzt unerwartet Besuch bekommen, würden diese Gäste vermutlich gleich die Männer mit den weißen Jacken holen: Es liegt alles voller Viecher. Die einen sind schon fertig und warten darauf, an wohltätige Organisationen verschenkt zu werden, die anderen warten darauf, ein neues Outfit zu bekommen, ein Schwung hängt auf der Wäscheleine und tropft mir nach einem erfrischenden Bad den Boden voll, einige stinken noch vor sich hin und stehen Schlange vor der Waschmaschine. Man könnte den Eindruck bekommen, ich sei eine crazy cat lady der Stofftiere. Im Flur wartet ein Stapel Bücher darauf, verschenkt zu werden, einen Haufen Spielzeug hab ich schon abgegeben. In irgendeinem norddeutschen Flüchtlingsheim legt nun vielleicht jemand ein Puzzle vom bayerischen Wald – ich helfe gern bei der Landeskunde.

Ich habe noch viel mehr Mist, den ich wegschmeißen kann, aber ganz so einfach ist es bei aller befreienden Wirkung dann doch nicht. Die Wohnung in Hamburg aufzuräumen, ist die eine Sache. Den Dachboden in Lippstadt auszumisten, die andere Sache. Nach diesem Schwung Spielzeug muss ich erst mal eine Pause machen. Ich kann nicht meine ganze Kindheit auf einen Schlag entsorgen.

Besuch im Gestern

Vergangene Woche war ich mal wieder auf Stippvisite in Marburg, meiner alten Studentenstadt. Ich besuchte eine meiner langjährigsten und besten Freundinnen, ihre Familie und natürlich auch ein bisschen die Stadt. Die Stadt aber zuallerletzt. Ich war viele Jahre nicht da gewesen, dementsprechend hatte sich vieles verändert. Der jüngste Sohn meiner Freundin braucht schon lange keine Windeln mehr, der ältere Sohn trägt jetzt Brille und ist größer als seine Mutter, die Wohnung sah anders aus, in der Stadt gab es zahlreiche neue Geschäfte, weil sich in fünf oder sechs Jahren eben Dinge und Menschen ändern. Zum Glück.

Und zum Glück gehört meine Freundin zu den Menschen, mit denen man auch nach Jahren wieder einfach so zusammensitzen und plaudern kann, als hätte man sich gestern erst verabschiedet. Und doch weiß man, das Zeit vergangen ist und die andere in der Zwischenzeit viel erlebt hat. Ich habe hier und da ein graues Haar mehr als damals, von zusätzlichen Kilos reden wir mal gar nicht erst, auch wenn an diesem Tag zauberhafterweise behauptet wurde, ich hätte mich gar nicht verändert.

Dass der Besuch in Marburg trotzdem komisch war, lag also nicht an den Menschen, nein, es lag an der Stadt. Ich hatte da immerhin mehr als sieben Jahre gelebt, mich verliebt, studiert, Examen gemacht, mich getrennt, an der Uni gearbeitet, für eine Zeitung geschrieben und schließlich der Stadt wieder den Rücken gekehrt, weil man das mit Studienstädten wohl so macht. Und weil ich dort bei der Zeitung keinen Job bekommen hätte, sonst wäre ich vielleicht doch geblieben, wer weiß.

Aber während ich so mit meiner Freudin durch die Stadt ging, hatte ich dasselbe komische Gefühl, dass mich vor ein paar Monaten beschlichen hatte, als ich mal kurz an meiner alten Schule war. Es war als, flüsterte mir eine Stimme ins Ohr: „Was willst du hier? Hier warst du jemand anders.“

Marburg kennt mich, als ich jemand anders war, meine Schule kennt mich noch als ganz anderer Mensch. Marburg kennt die dumme, junge Studentin, die wissbegierig war und Bücher verschlang, in Seminaren kaum was sagte, weil es sicher eh wieder falsch war – etwas, das die Schule ihr beigebracht hatte. Marburg kennt die junge, viel zu emotionale Journalistin, die keine Ahnung von der Welt hatte, sie aber trotzdem erklären wollte. Und Marburg kennt die Freundin, die sich von einem eigensüchtigen Idioten viel zu lang viel zu viel gefallen ließ. Irgendwie werde ich immer auf dieses alt Ich zurückgeworfen, als würde es Marburg einen Scheiß interessieren, dass ich inzwischen ausgebildete Redakteurin bin, sogar Redakteurin vom Dienst, mir einige andere Teile der Welt angesehen habe und zumindest gelegentlich Männern sagen kann, dass sie mich mal kreuzweise können. Es ist, als würden die fast 17 Jahre seit meinem Wegzug einfach weggewischt, wenn ich wieder an den hässlichen Türmen der Geisteswissenschaftlichen Institute stehe oder an der alten Uni-Bibliothek  hochschaue.

Natürlich gab es auch schöne Momente, viel mehr wahrscheinlich als schlechte, aber es liegt nicht unbedingt in meiner Natur, mich primär an die zu erinnern. Da ist es dann immer gut, wenn man nicht nur die Stadt, sondern auch Freunde besucht, mit denen man sich an Grillen an der Lahn, Samstagvormittage im Schwimmbad, verkaterte Referate, blaugemachte Vorlesungen, durchquatschte Nächte und Nachmittage auf dem Weihnachtsmarkt erinnert.

Trotzdem – es bleibt seltsam, an diese Orte aus der Vergangenheit zurückzukehren, auch wenn die Zeit, die man dort verbracht habe, natürlich viel zu der Person beigetragen hat, die man heute ist.

Vielfalt

Weil ich im Augenblick ganz gegen meine Gewohnheit selbst keine Worte zur aktuellen Lage der Weltpolitik finde, möchte ich diesen Text ausnahmsweise mit einem Zitat beginnen, das meine tägliche Stimmung in knappen Worten bestens beschreibt. Bitte, Herr Buddenbohm:

Das hätten wir also geklärt. Und nun zu dem, was ich noch so zu sagen hätte:

In der vergangenen Woche war ich ein paar Tage im Krankenhaus. Eine Routine-OP (zumindest für die Ärzte, nicht unbedingt für mich), nichts, weswegen man sich Sorgen machen müsste. Im Grunde nicht der Rede wert, auch wenn sich meine Lebensqualität dadurch schlagartig erhöht hat, aber ich möchte trotzdem kurz davon erzählen. Weniger von der OP an sich, keine Bange, sondern von den vier Tagen im Krankenhaus. Ich war vorher erst einmal im Krankenhaus gewesen, nach einem Fahrradunfall, den ich mit neun Jahren hatte. Ich habe also nicht wirklich viele Vergleichsmöglichkeiten, aber ich kann mir keine bessere Station vorstellen als diese, auf der ich war.

Natürlich habe ich mich bei meiner Entlassung schon direkt bei allen bedankt, aber ich möchte das auch hier noch mal tun. Es war ein unglaubliches nettes, freundliches und kompetentes Team, das mich betreut hat. Operiert wurde ich unter anderem von einer türkischen Ärztin, für die OP vorbereitet hat mich ein Arzt mit spanischem Akzent. Die zauberhaft-wuselige Nachtschwester, die in der Nacht nach der OP auf mich aufgepasst, Tropf und Katheter ausgetauscht und mir Aufmunterndes ins Ohr geflüstert hat, kam aus Indien. Der eine der Oberärzte war Türke, der andere Pole. Betreut wurde ich anschließend von deutschen, russisch- und türkisch-stämmigen Schwestern. Und alle, ohne Ausnahme, waren unfassbar lieb, einfühlsam, vorsichtig, kompetent, lustig und rundum großartig. Alle hatten einen sehr entspannten Umgangston miteinander und ich fühlte mich noch nie so gut betreut und umsorgt.

Und was hat das jetzt mit der Weltpolitik zu tun? Leider vieles, fürchte ich. Weil auch mein Alltag so aussieht, dass darin viele Menschen mit ausländischen Wurzeln vorkommen, fiel mir das zunächst gar nicht besonders auf. Erst als der orangefarbene Irre in den USA auf einmal damit anfing, Muslime nicht mehr einreisen zu lassen und dafür auch noch Applaus aus der deutschen Politik (WTF, Seehofer?) bekam, wurde mir noch mal in aller Deutlichkeit klar, dass dieses schöne bunte Leben gerade möglicherweise auf sehr wackligen Füßen steht.

Ich persönlich möchte aber nicht, dass sich das ändert, weil ich glaube, dass unser aller Leben dann ärmer, beschränkter und farbloser wird. Wir dürfen das nicht zulassen.

Ich gebe gern

SONY DSC

Und es begab sich aber zu der Zeit, dass sich Menschen die Finger mit Sekundenkleber zusammenbappten, sich heillos in bunten Wollknäueln verhedderten, an den unmöglichsten Stellen Farbkleckse verteilten und mit viel zu dicken Fingern versuchten, winzige Applikationen auf Tischdecken aufzubringen.

Ja, ich gestehe es hiermit: Wenn Weihnachten näherrückt, so etwa ab September, verwandele ich mich in ein gelegentlich mir selbst fremdes Wesen. Ja, ich bin ein Bastelholic. Nein, ich brauche keine Hilfe, danke.

Wenn ich erzähle, dass ich meine Geburtstags- und Weihnachtsgeschenke fast alle selbst bastle, ernte ich eigentlich immer erstaunt-ungläubige Blicke. Gelegentlich folgt dann ein bewundernder Kommentar, in den meisten Fällen aber die mehr oder weniger höflich formulierte Frage, ob ich sie noch alle habe. Auch auf das Geständnis, dass ich jedes Jahr mindestens zehn verschiedene Sorten Kekse backe und sämtliche Weihnachtskarten selbst gestalte, ernte ich meistens hochgezogene Augenbrauen.

Ich will nicht sagen, dass ich immer die allerentspannteste Vorweihnachtszeit habe, und die heimische Wirtschaft fände es sicher auch schöner, wenn ich mein Geld mit vollen Händen aus dem Fenster schmisse, aber ich kann nicht anders. Zum einen besitze ich gefühlte zwei Millionen Handarbeitsbücher und dreißig Kisten voller Stoffreste und Bastelmaterialien, zum anderen war ich schon immer in verschiedene Richtungen kreativ – mit Worten, Farben, Wolle, Stoffen, Kleister und Papier. Ich liebe es, wie sich Dinge unter meinen Händen formen. Wenn man den ganzen Tag am Computerarbeit macht, ist es eine schöne Abwechslung, abends was zu tun, was man anschließend ansehen und anfassen kann.

Dazu kommt, dass ich inzwischen so viele Menschen kenne, die ich zu Weihnachten beschenken möchte, dass ich dabei arm würde. Und um gleich die nächste Fragen zu beantworten: Nein, nicht alle dieser Menschen schenken mir auch was. Ja, ich beschenke diese Menschen trotzdem jedes Jahr wieder. Weil sie mir wichtig sind, weil ich ihnen was Gutes tun möchte. Ich setze mich spätestens im Oktober hin und blättere meine Handarbeitsanleitungen durch, schreibe ellenlange Listen mit möglichen Geschenken, überlege, wen ich dieses Jahr alles bedenken möchte und plane, wer was kriegt. Es macht mir einen Heidenspaß, mir zu überlegen, was die leicht esoterisch angehauchte Kollegin bekommen soll, was für die Freundin, die so gerne reist, das schönste Geschenk wäre oder was der beste Cousin von allen dieses Jahr unter dem Baum vorfinden könnte. Und während ich Handtücher besticke, Notizbücher beklebe, Socken stricke oder Pulswärmer nähe, denke ich an die Person, die das Geschenk bekommen soll und erinnere mich dran, was wir schon alles zusammen erlebt haben oder stelle mir vor, wie derjenige sein Päckchen auspackt und sich (hoffentlich) freut. Manchmal schenke ich sogar Leuten was, die ich kaum kenne – einfach, weil wir mal eine nette Begegnung hatten. Ich mache das einfach gern so, auch wenn ich jedes Jahre tagelang im Bastel- und Paketchaos lebe und regelmäßig in Stress gerate, weil alles natürlich doch viel länger dauert als angenommen.

Ich werde damit nicht aufhören, genausowenig, wie ich damit aufhören werden, meinem Zahnarzt Kekse zu schenken oder meinem Automechaniker eine Kleinigkeit vorbeizubringen, wenn ich mich von diesen Leuten im fast abgelaufenen Jahr gut betreut gefühlt habe. Natürlich machen die auch nur ihren Job, aber ich weiß aus eigener Erfahrung, wie es ist, wenn die Kunden sich immer nur melden, wenn sie was zu meckern haben, dass ich gerne mal sage, dass etwas toll war (das mache ich im Übrigen nicht nur zu Weihnachten).

Im Übrigen finde ich es überhaupt nicht schlimm, wenn jemand nicht basteln kann oder einfach keinen Bock dazu hat. Ich handhabe meine Weihnachtsbräuche ja nicht so, weil ich andere damit beschämen möchte. Wer ein schlechtes Gewissen hat, weil er fertige Kekse kauft, während ich zwei Tage lang mehlbedeckt in der Küche stehe, dann tut mir das leid, aber deswegen werde ich nicht aufhören zu backen. Und ich mag mir auch nicht länger dumme Sprüche dazu anhören. Ich mache euch nicht madig, wie ihr schenkt, also lasst mir doch bitte auch meinen Spaß. Ab Januar bin ich dann ja auch wieder normal.