Übers Leuchten

Gestern Nacht, als wir so auf dem Rasen vorm Haus am See zusammensaßen, wie fast jeden Abend furchtbar viel lachten und noch mehr Unsinn redeten, da war tatsächlich für einen kurzen Moment alles  so ganz ohne Einschränkungen schön. Ich hatte die Haare offen, es war Sommer, die Erde war noch warm, der Mond schien über uns, das Wasser plätscherte leise ans Ufer, und mir entfuhr der Satz: „Wenn ihr wüsstet, was ich zu Hause für eine blöde Ziege bin!“ Brüllendes Gelächter antwortete mir, klar, ganz ernst gemeint hatte ich das nicht, und trotzdem war an dem Satz was Wahres dran.

Denn das, was ich der bezauberndsten Reisegruppe ever und den Einwohnern des schönsten Landes der Welt hier präsentiere, ist mein Sommer-Ich, mein Urlaubs-Ich, mein Gute-Laune-Ich, die Urlaubs-Kiki, die es in echt gar nicht gibt, die selbst ich viel zu selten sehe, und ich lebe ja nun doch schon eine ganze Weile mit mir. Aber hier leuchte ich. Einfach so, von ganz allein. Weil das Wetter hier so schön ist, weil ich von netten Menschen umgeben bin.

So sehr ich dieses Urlaubs-Ich mag, so flüchtig ist es. Und je mehr ich versuche, es festzuhalten, desto schneller flutscht es mir weg, dreht mir eine lange Nase und brüllt schlecht gelaunt „Runter von meinem Rasen“. Allzu oft ertrinkt meine gute Laune zu Hause im Hamburger Schietwedder, allzu schnell wird mein Urlaubs-Ich untergebuttert und lässt sich verschrecken, bis es noch nicht mal mehr ans Meer fahren will, um sich vom Nordseewind wieder aufpusten zu lassen.

Ich weiß, dass man seine Laune nicht nur von der Umgebung und anderen Menschen abhängig machen darf, weil man dann zum Spielball wird und  kaum noch selbst in der Hand hat, ob es einem gut geht oder nicht. Natürlich muss ein bisschen Leuchten auch aus einem selbst kommen.

Aber was, wenn das alles gar nicht nur aus mir allein kommen kann? Wenn manche Menschen an ganz bestimmte Orte gehören oder mit ganz bestimmten Menschen zusammen sein müssen, damit sie voll und ganz sie selbst sein können? Denn vielleicht ist mein Urlaubs-Ich ja mein wahres Ich? Vielleicht ist mein wahres Ich gar nicht so chronisch schlecht gelaunt? Vielleicht spiegele ich viel zu oft nur meine Umwelt? Die dummen Kommentare, den Neid, das unablässige Gejammer der Mitmenschen? Vielleicht sind manche Menschen ja so gestrickt, dass sie da, wo sie sind, gar nicht vollkommen glücklich sein können, weil sie nicht genug Kraft haben, gegen all das anzukommen oder einfach milde darüber hinwegzulächeln?

Manche Tage zu Hause machen mich so müde, dass ich abends nicht mal mehr gute Freunde anrufen kann, von denen ich weiß, dass wir ein schönes Gespräch haben würden. Das tut mir unendlich leid, aber ich muss dann erst mal für mich sein und meine Ruhe haben. Meine Ruhe davon, dass ich dauernd beurteilt, bewertet, wahlweise nicht ernst oder zu ernst genommen werde, dass mir dauernd reingequatscht wird, dass ich morgens überlegen muss, was ich anziehe, um mir keinen Spruch einzufangen, dass mir Aufgaben aufgedrückt werden, die ich nicht machen sollte, dass mir eigentlich immer nur gezeigt wird, dass ich so, wie ich bin, nicht richtig bin. Nicht lustig genug, zu lustig, schlecht gelaunt, gut gelaunt, zu streberisch, zu lahm, zu alles.

Und dann gibt es auf der anderen Seite fremde Länder, in denen ich mich sofort zu Hause fühle und Menschen wie in meiner Reisegruppe, die ich nach drei Tagen als Familie betrachte. Von denen ich mich abends verabschiede und mich beim Zubettgehen freue, dass ich sie am anderen Morgen schon früh wiedersehen werde. Ich dachte immer, ich mag einfach keine Leute, aber die richtigen wohl doch. Mit den richtigen Leuten erlebt man auch die richtigen Dinge – und dass ich am anderen Ende der Welt, das sich wie zu Hause anfühlt, mit so tollen Menschen sein darf, ist ja schon fast zu viel Glück für einen alleine.

Aber um mein ganzes Leben umzukrempeln, dafür bin ich dann doch zu feige. Denn da ist ja auch immer noch die Angst, dass es nach einer Weile auch am anderen Ende der Welt so furchtbar werden könnte wie an manchen Tagen zu Hause, weil man eben doch man selbst ist und sich selbst immer mitnimmt, auch an den entlegendsten Winkel der Welt.

Herrje, Neuseeland spült wirklich die ganz großen Fragen nach oben. Es muss wohl daran liegen, dass es für mich das andere Ende der Welt ist. Da fallen einem die Sorgen aus der eigentlich fest verschnürten Tasche und kreisen einem plötzlich um den Kopf. Keine Chance mehr, sie mit den Füßen zu verscharren und drüberweg zu laufen. Hier bröckelt der ganze Panzer ab, den ich mir über die Jahre zugelegt hab. Ob das nun gut ist oder schlecht, weiß ich noch nicht. Schlecht ist auf jeden Fall, dass es hier in diesem perfekten kleinen Ferienhaus keine Minibar gibt.

Ein Haus am See

Ich habe hier mein eigenes Häuschen bezogen. Ich finde, ihr solltet das wissen. Der Elch behauptet zwar, es sei seins und ich dürfe gnädigerweise bei ihm nächtigen, aber das sind zu vernachlässigende Spitzfindigkeiten.

Auf jeden Fall war ich heute zum ersten Mal in meinem Leben in der luxuriösen Situation, dass ich mich zum Einkaufen verabredet hatte und den anderen aus unserer Reisegruppe, die mich abholen wollten, sagen konnte: „Ich erwarte euch auf meiner Veranda.“ (Hier huldvolles Nicken™ einfügen.)

Aber auch unter den Reichen gibt es Leute, denen es besser geht als anderen. Das sind die, die nur nicht ein eigenes Haus haben, sondern ein eigenes Haus am See bewohnen. Und nun aufgemerkt, liebe Kinder, es folgt eine wichtige Lektion fürs ganze Leben: Wenn ihr euch hier und da mal nicht wie ein Arsch benehmt, laden eure reichen Freunde euch abends auch mal zum Picknick an der Wiese an ihrem Haus am See ein.

Nicht eingeladen dagegen waren diese Herrschaften, die sich spontan so lange durch Zellteilung zu vermehren schienen, …

… dass es doch irgendwann ein wenig bedrohlich wurde. Einige von uns begannen schon mal, die Titelmusik von „Die Vögel“ zu recherchieren, damit das unweigerlich folgende Massaker auch mit dem richtigen Sound unterlegt werden konnte, …

… da war doch plötzlich wohl die gesetzlich vereinbarte Arbeitszeit erreicht, und die Möwen verschwanden wie auf Kommando alle wieder.

Zum Glück, denn das gab uns Gelegenheit, ein weiteres, zu Tränen rührendes Naturschauspiel zu beobachten, das zuvor noch niemals auf Fotos gebannt wurde. Die traditionelle neuseeländische Begrüßungszeremonie zwischen einem einheimischen Kiwi (l., mit Blatt als symbolischem Geschenk) und einem kanadischen Elch.

Nennt mich Heinz. Heinz Sielmann.

So, dann aber mal langsam zum gemütlichen Teil, an dem sogar unser Reiseleiter teilnahm. Wir wussten es ja eh schon die ganze Zeit, aber jetzt mal ehrlich: Wenn der Reiseleiter mitfeiert, kann die Gruppe so schlecht nicht sein. Die Qualität der Mitreisenden erkennt man zudem an Sätzen wie: „Ich habe eine schlechtes Gefühl. Ich glaube, wir trinken heute alle Flaschen aus.“ Und dass man das dann auch tatsächlich tut. Und anschließend noch Schabernack mit den leeren Flaschen treibt. Aber pssssst!

Nicht so ganz bei der Sache war allerdings Petrus an diesem Abend, denn die angekündigte Mondfinsternis ließ dann so lange auf sich warten, dass wir irgendwann die Segel strichen und ins Bett gingen. Aber dennoch hatten wir lange im Januar barfuß auf dem Rasen gestanden und mit großen Augen in den Sommermond geschaut. Kinners, ich bin voller Liebe. Voller *hick* Liebe.

Song of the Day:

Kiwis und Elche

Herrje. Heute ist der letzte Tag, an dem wir noch sagen können, dass wir erst im nächsten Monat nach Hause müssen. Schnell an was Niedliches denken. Die Kiwis in der Aufzuchtstation Rainbow Springs zum Beispiel. (Die echten durften wir leider nicht fotografieren, aber ich habe einen vier Tage alten gesehen und selten Leute erlebt, die mit mehr Liebe bei der Arbeit waren als die Mitarbeiter dort.)

Das sind aber auch echt putzige Vögel. Und sehr viel größer, als man denkt und vor allem sehr viel schneller unterwegs, als man denkt. Im Shop konnte ich trotzdem einen fangen. Mal sehen, was Moosebert dazu sagt.

Mittags machten wir einen kleinen Spaziergang rund um Mount Maunganui, wobei ich vor lauter angeregter Plauderei mit unserem Reiseleiter fast vergessen hätte, Fotos zu machen. (Und wenn er mir wie versprochen mal das Bild geschickt hätte, auf dem ich mithilfe von Magie zweimal drauf bin, hätte ich euch das hier auch zeigen können. *nudgenudge!*)

Auch schon wieder so ein schöner Ort mit Schiffen, Strand, bestem Wetter, feinen kleinen Cafés und netten Menschen. Schlimm.

Nicht ganz so hübsch, dafür aber sehr geschichtsträchtig: Waihi, ein kleiner Ort, geprägt vom Goldbergbau. Davon zeugen heute noch die Reste zum Beispiel des Cornish Pumphouse von 1905, der gigantischen Mine Martha und Statuen neueren Datums, die man hervorragend mit Elchen dekorieren kann. Ich mag ja diese Industrieromantik sehr. Den Spruch „wie im Ruhrgebiet“ verkneife ich mir jetzt mal. Ups.

Diesen Doktor hätte ich übrigens auch gern, praktiziert der noch irgendwo? Ich arbeite in einem sehr staubigen Büro und bräuchte echt dringend ein Rezept über ein tägliches Pint Bier. (Mir doch egal, ob es hilft oder nicht. Globuli werden auch verschrieben, und die taugen doch auch nur dazu, sich den Tee zu süßen.)  Prost!

Maori-Land

Ich konnte mir gar nicht alles merken, was ich heute gelernt hab, also eigentlich so ziemlich nix, aber es war ein pickepackevoller Tag mit vielen beeindruckenden Begegnungen. Das nächste Mal nehme ich mir vielleicht doch einen Block mit, in dem ich schnell alles aufschreibe. Falls dieser Beitrag also den einen oder anderen Fehler enthält, seht es mir nach.

Der Tag stand ganz im Zeichen der Maori-Kultur, ein Teil der Reise, der mich von Anfang an sehr interessiert hatte. Vieles von der Philosophie und der Lebenshaltung der ersten Einwanderer erinnert mich an Hawai’i – die Achtung vor der Natur, die Gastfreundschaft, die Herzlichkeit, in Teilen auch die Sprache.

Den ersten Stopp machten wir am Wairakei Terraces and Thermal Health Spa – und was soll ich sagen: Ich wäre gern gleich hier geblieben und hätte in den warmen Wassern gebadete, mich meinetwegen auch massieren lassen und auf Gedeih und Verderb entspannt. Leider habe ich den Namen des Herrn vergessen, der uns durch die Anlage führte, aber es war super angenehm und sehr informativ. Leider auch furchtbar warm und schwül, sodass wir am Ende der Tour alle schon einmal durch waren. Alle Poren quasi weit geöffnet.

Nach unserem Rundgang trafen wir uns zum Tee mit einer ganz wunderbaren alten Dame, einer richtigen Lady, nämlich einer über 80 Jahre alten Maori-Frau, die quasi das Oberhaupt eines ganzen Clans ist. Ich habe selten eine faszinierendere Persönlichkeit getroffen. Das Kaffeetrinken mit ihr war ein gebuchter Teil unserer Reise, und es war wirklich ganz fantastisch. Sie erzählte aus ihrem Leben, ihrer großen Familie, den Kindern, Enkeln, Urenkeln – es war wunderbar. Eine Frau, die ganz in der Gegenwart lebt, aber auch ihr Erbe und ihre Traditionen nicht vergisst und zwar genau in der richtigen Mischung. Und einmal wurde mir richtig warm ums Herz, als sie meinte, eine ihrer Enkelinnen sei Journalistin, und unser Reiseleiter sich einschaltete und erklärte, jemand aus unserer kleinen „Reisefamilie“ sei auch Journalistin. Aber es stimmt ja – wir sind ja wirklich eine kleine Familie und das hoffentlich für länger als nur diese drei Wochen.

Nach diesem Treffen führte uns die Reise zu den Huka Falls mit den wunderbarsten Farben überhaupt.

Ich weiß nicht, warum, aber Wasser anzugucken, ist das Tollste überhaupt. Meer, Flüsse, egal. Lasst mich einfach nur am Ufer stehen und gucken, holt mich in zwei Stunden als glücklichen Menschen wieder ab.

Nächster Stopp in der Mittagshitze: Whakarewarewa, voller blubbernder Schlammtümpel, Geysire und heißer Quellen. (Und der Nächste, der sagt, „Oh, wie in Island“, kriegt auf die Omme.) So sehr viel sahen wir nicht, weil es wirklich richtig heiß war. Also retteten wir uns von Schattenplatz zu Schattenplatz, aßen zwischendurch Eis und schlurften dann langsam weiter. Zum nächsten Schattenplatz.

Vor dem wharenui, dem Versammlungshaus, sahen wir sogar eine Maori-Begrüßungszeremonie.

Weiter fuhren wir nach Rotorua, den Ort, der in meinem Reiseführer vor allem für den Schwefelgeruch bekannt ist, der hier über allem schwebt. Bislang hatte ich das aber noch nicht so wahrgenommen. Im Gegenteil: altes Badehaus, Park, Blümchen – alles sehr hübsch hier und durchaus wohlriechend.

Als wir dann zum Hotel kamen, standen unsere Koffer bereits auf dem Zimmer, was ich immer als den größten Luxus empfinde. Man fühlt sich ein wenig wie ein VIP, wenn so für einen gesorgt wird.

Wir nutzten die kleine Pause bis zum Abendessen zum Frischmachen, Nickerchen halten und Postkarten schreiben, bevor es zum Dinner inklusive Haka ging. Und ich muss leider sagen, dass das das Erste war, was mir an der Reise so gar nicht gefiel. An der Performance der Gruppe lag es nicht, das gleich vorweg. Alle hatten wunderbare Stimmen, sangen und spielten ganz hervorragend zusammen und waren überhaupt mit viel Herzblut bei der Sache. Es lag eher an der Atmosphäre drumherum. Der Saal war groß und laut, es waren zu viele Reisegruppen zusammen und die Tischmanieren einiger Anwesender ließen doch stark zu wünschen übrig. Und ich mag es generell nicht, wenn das kulturelle Erbe eines Volkes zur rein touristischen Veranstaltung verkommt bzw. das Publikum sich nicht mal ansatzweise dafür begeistern kann bzw. es ins Lächerliche zieht.

Und so landete unsere bezaubernde Reisegruppe dann recht schnell nach Ende der Veranstaltung ernüchtert an der Bar und machte es sich dort noch mal nett. Und ich hoffe, dass ihr als geneigte (haha) Leser auf dem folgenden Bild auch einen Dinosaurier seht und das nicht an meinem Bierkonsum liegt.

Nachts holte mich der Schwefelgeruch doch noch ein, weil ich im Sommer ungern mit Klimaanlage, dafür aber liebend gern mit offenem Fenster schlafe. Es roch zwar, als habe mir der Teufel persönlich ins Schlafzimmer geschissen, aber so richtig störte mich der Geruch eigentlich nicht. (Anstelle meiner Mitreisenden gäbe mir das übrigens zu denken, dass mich der Schwefelgeruch nicht stört. Da liegt der Gedanke doch nah, dass ich direkt aus der Hölle komme.)

Sehr viel störender war das nächtliche Telefonat meines Zimmernachbarn in einer Sprache, der ich nicht mächtig war. Wenn ich nachts schon so was hören muss, möchte ich doch wenigstens wissen, worum es geht.

Song of the Day:

Keine Stille am Schicksalsberg

Wandern in Mordor macht hungrig, doch ein störungsfreies Abendessen war uns nicht gegönnt. Das lässt man sich aber gern gefallen, wenn die Störung in so einem wunderbaren Sonnenunter- und Mondaufgang besteht.

Einziger Wermutstropfen: Wir sind so eine lustige Truppe, dass wir vieles können – einfach mal die Klappe halten gehört leider nicht dazu. Und so standen wir auf der („Das Stativ steht im Weg!“) Terrasse der Lodge, blickten auf den („Nee, Kinder, was ist das schön!“) Schicksalsberg in der Ferne, versuchten, die Stimmung auf (* Kichern *) Fotos einzufangen, aber so richtig still genießen („Nun lasst doch mal das Kind nach vorne!“) war irgendwie nicht. ;-)

Song of the Day:

Gruß aus Mordor

So schön es in Wellington war (und vor allem so schön es war, mal wieder zwei Nächte an einem Ort zu sein), freue ich mich jetzt auch, wieder in die Natur zu kommen. Die Nordinsel braucht etwas, bis sie zündet, aber landschaftlich gefällt es mir hier bislang auch ganz gut. Schon die Fahrt zum Tongariro National Park deutete das an.

Leider aber schleicht sich immer wieder ein Gedanke in Hirn und Herz, der mir ganz und gar nicht gefällt – heute in einer Woche werde ich meinen Koffer zum letzten Mal packen und bald danach über den Wolken sein, auf dem Weg nach Hause, wo es auf so vielen Ebenen kalt und ungemütlich ist. Aber noch haben wir ja mehr als eine Woche zusammen in diesem großartigen Land und diesem besten Urlaub aller Zeiten.

Die Landschaft auf dem Weg zum Schicksalsberg (der natürlich eigentlich anders heißt, aber ich weigere mich, den richtigen Namen zu benutzen) war erst natürlich sehr urban, dann wie bei uns, dann wie im Auenland, dann wie Mordor.

Unter anderem kamen wir an Mount Ruapehu vorbei, der sich plötzlich ganz klar zeigte. Wobei – solche Aussichten erachten wir in der zauberhaftesten Reisegruppe aller Zeiten ja schon fast als normal. Es kriegt halt jeder das, was er verdient, und wir verdienen das Beste, weil wir so unfassbar großartig (und bescheiden) sind.

Ein wenig verstörend war es in Ohakune, aber womöglich bin ich die Einzige, die sich in der Gegenwart von überdimensioniertem Gemüse unwohl fühlt.

Kurzer Zwischenstopp am Makatote Viadukt:

Und dann sahen wir den Schicksalsberg auch schon von Weitem:

Bis zum Abendessen im Hotel hatten wir noch eine ganze Menge Zeit, und so beschlossen die Mädels und ich, eine anständige Wanderung zu machen. Die andere Hälfte der Reisegruppe eilte uns voraus – um uns auf halbem Wege wieder entgegen zu kommen, weil schlechtes Wetter aufgezogen war. In meinem Reiseführer hatte ich schon gelesen, dass es in dieser Gegend zu schnellen und überraschenden Wetterumschwüngen kommen kann, aber HIER WIRD NICHT RUMGEMEMMT! ES WIRD DIE KAPUZE HOCHGEZOGEN UND DANN WIRD GEWANDERT! IM FRÜHTAU ZU BERGE, HÖMMA!

Belohnt wurde unser Mut (oder unsere unvernünftige Waghalsigkeit, wenn man ans Gewitter denkt) mit plötzlichem Sonnenschein, einem fantastischen Ausblick auf Mount Doom, dem anderen Vulkan und dem Taranaki-Wasserfall. Es ist wirklich schön grün hier, seit Sauron das Zeitliche gesegnet hat.

Als wir unsere Runde fast beendet hatten regnete es bereits wieder – mit den schnellen Wetterwechseln hatte der Reiseführer echt nicht gelogen.

Zwei Fragen, die aber noch immer offen sind:

1. Mein „Herr der Ringe“-Ring hat mich überhaupt nicht Richtung Schicksalsberg gezogen. Ist der womöglich gar nicht echt?

2. Frodo, der Depp … Warum hat der nicht einfach den Weg genommen, anstatt sich durch Sümpfe und ungastliche Berge zu quälen?

Ein Museum wie eine ganze Welt

Freier Tag in Wellington – was macht man denn da mal so? Was man halt so macht: ein bisschen durch die Stadt laufen, ein bisschen shoppen, zur Mittagshitze ins Museum, noch ein bisschen durch die Stadt laufen, noch ein bisschen shoppen und dann, schon nach etwa acht Stunden und mehr als zehn Kilometern wieder ins Hotel, ein bisschen frisch machen, was essen, sich überlegen, ob man doch noch mal rausgehen sollte, aber erst mal ein kleines Nickerchen, dann vielleicht noch ma… Zzzzzz.

Das Te Papa ist übrigens ein ganz fantastisches Museum. Leider konnten wir alles nur quasi im Schnelldurchlauf ansehen, weil es für einen Tag zu viel war und wir auch irgendwann die vielen Eindrücken gar nicht mehr verarbeiten konnten. Würde ich hier wohnen, käme ich vielleicht jeden Sonntag oder auch mal in der Mittagspause her, um mir einen anderen Teilbereich ganz genau anzugucken. Der Eintritt ist nämlich umsonst, man wird lediglich gebeten, einen angemessen erscheinenden Betrag in die bereitgestellten Spendenboxen zu werfen. Und diese Boxen waren voll, sehr voll. Ich wage irgendwie zu bezweifeln, ob so ein Konzept auch bei uns funktionieren würde. Vermutlich wäre das Haus innerhalb eines halben Jahres pleite, weil sich alle hämisch freuen würde, so was Schönes umsonst sehen zu dürfen. (Und weil ich so mit Gucken und Staunen beschäftigt war, hab ich leider nicht allzu viele Fotos mitgebracht.)

Selbstverständlich habe ich auch den Einwanderungstest gemacht – und fiel durch. Es war alles so lange okay, bis ich mein Alter eingab. Pah.

Song of the Day:

Dem Glück die Luft rauslassen

Wenn ich das richtig recherchiert hab, war es Kierkegaard, der sagte: „Das Vergleichen ist das Ende des Glücks und der Anfang der Unzufriedenheit.“ Und wenn ihr schon nicht auf mich hören wollt, hört wenigstens auf den Sören.

Ja, Neuseeland scheint auf den ersten Blick viele Länder zu sein. Es gibt steinige Flussläufe, die an Kanada erinnern, Strände wie auf Maui, Berge und Hügel, die aussehen wie die auf der Isle of Skye, Geysire und heiße Quellen wie auf Island und Seen, die meinetwegen aussehen wie der Starnberger See. Aber wenn hier noch einmal einer sagt etwas Ähnliches sagt wie „Ach, schau mal, wie in Dingenskirchen“, dann ticke ich aus. Einmal ist es schon aus mir rausgeplatzt (für meine Verhältnisse noch höflich), dass man dieses ständige Vergleichen lassen soll. Unser Reiseleiter sprang mir bei und erwähnte in dem Zusammenhang noch eine andere deutsche Unart, die mir auch schon diverse Male aufgestoßen war: Das berühmte deutsche Aber. „Es ist ja ganz schön hier, aber …“ (Hier beliebigen, nicht änderbaren Umstand ergänzen, der eine an sich rundum perfekte Sache madig macht.)

Klar habe ich das auch schon gedacht, zum Beispiel als ich in Te Anau an diesem wunderschönen See saß und neben mir jemand ums Verrecken nicht aufhören konnte zu telefonieren und mich in Fantasien erging, in denen ich dem betreffenden Mitmenschen das Handy dahin steckte, wo die Sonne nie scheint. Wenn ich drüber nachdenke, endet bei mir sowieso jeder „Aber“-Satz mit „die Leute“, denn die Leute können einem schon echt viel kaputt machen. Aber ich schweife ab. Nur noch schnell die Elch-Episode zum Nachlesen, wer mag.

Wo war ich stehengeblieben? Ach ja: Jedes Land für sich IST. Es ist nicht WIE etwas anderes.

Man wird dem Land mit den ständigen Vergleichen nicht gerecht, vielleicht beleidigt man es sogar damit, wer weiß. Ich verstehe ja, dass das Gehirn in jeder Situation etwas Bekanntes sucht und Dinge gern in hübsche Schubladen einordnet. Aber hier mal ein ganz verrückter Gedanke: Man muss nicht alles, was einem im Kopf rumgeht, auch aussprechen. Man kann auch einfach mal den Mund halten. Crazy, oder?

Warum kann ich mich nicht einfach an den schönsten See aller Zeiten stellen, durchatmen, vielleicht ein Tränchen verdrücken und glücklich sein, dass ich da sein darf? Ich kann mich doch an den kleinen Wellen freuen, die ans Ufer plätschern, die Enten und Möwen, die drüberfliegen oder draufrumschwimmen, ich kann auf die Berge schauen, die am anderen Ende stehen, ich kann, wenn ich ein bisschen Zeit hab, vielleicht mal die Füße reinhalten, bis es zu kalt wird, ich kann die Wolken am Himmel anschauen, die sich mit ein bisschen Glück vielleicht im See spiegeln und dann weiterfliegen, um sich den Rest der Welt anzusehen.

Das alles kann, nein, das sollte ich machen, weil ich sonst überhaupt nicht im Moment bin und keine noch so kleine Chance habe, einen Augenblick lang rundum glücklich zu sein. Ich lasse dem Glück auf diese Art die Luft raus, bis es wie ein Ballon mit einem lauten Flatulenzgeräusch durch die Luft rauscht und als schrumplige, traurige Hülle zu Boden zu fällt.

Leider entscheiden sich Menschen viel zu oft für die weniger schöne Variante, in der man seinen Mitreisenden tierisch auf den Sender geht, indem man ständig Dinge sagt: „Kumma, dat sieht hier aus wie anne Brucher Talsperre.“

Diese Variante kann man wählen, ist dann aber kacke.

Hello Nordinsel

Huch. Leute, Autos, Stadtleben, Gewusel. Menschen, Technik, Gefahr! Das ist man ja nach all der Natur zuletzt gar nicht mehr gewohnt. Aber schön ist es in Wellington. Ein hübscher Mix aus Alt und Neu, belebt, aber nicht so städtisch, dass man gleich wieder davonlaufen müsste.

Ganz im Gegenteil – als wir so durch die Stadt gefahren wurden, um einen ersten Einblick zu bekommen, guckten wir uns schon ein paar Häuser aus, die wir als Reisegruppe zusammen kaufen wollten, um uns dort WG-mäßig einzurichten. Man muss sich ja langsam mal über die Zeit nach dem Urlaub Gedanken machen. Wir fanden auch prompt ein paar schöne Immobilien am Wasser, die unseren Ansprüchen und Bedürfnissen entgegenkamen, einzig das Problem der Finanzierung bleibt vorerst ungelöst. Irgendjemand machte den Vorschlag, ich solle einfach reich heiraten, aber davon, unseren Finanzierungsplan auf derart wacklige Füße zu stellen, musste ich dringend abraten. Immerhin versuche ich das mit diesem „Reich Heiraten“ ™ seit fast zwei Jahrzehnten und musste nun leider die Reisegruppe darauf hinweisen, dass Männer eh schon einen großen Bogen um mich machen, reiche Männer aber quasi gleich eine anderen Umlaufbahn einschlagen, wenn es darum geht, auch nur mit mir einen Kaffee trinken zu gehen. Wir werden eine andere Lösung finden müssen.

Und bis wir die gefunden haben, gondelten wir schön weiter durch die Stadt, den Berg rauf bis ganz nach oben.

Lesen hier Wellington-Kenner mit? Wenn ich mich recht erinnere, hat der Tower des Flughafens aufgrund seiner Lage eine eigene Adresse mit Hausnummer. Stimmt das oder hab ich das geträumt?

Und dann wieder runter und dann wieder rauf, aber diesmal mit dem Cable Car.

Wenn man oben ist, steht man oberhalb des Botanischen Gartens von Wellington, und hier hätte ich ja gerne noch mehr Zeit verbracht. Blumen, BLUMEN, BLUMEN! Verzeihung, es geht gleich wieder. Das ist nur das Alter. (Mit 20 waren mir Blumen komplett egal.)

Als wir abends im Hotel eincheckten und mein Blick auf den Fernseher fiel, zuckte ich kurz zusammen – schwarz-gelb zieht meinen Blick ja immer magisch an. War aber nur Wellington Phoenix FC, die sich als meine Brussia tarnten.

Nach dem Essen unternahmen wir noch alle zusammen einen kleinen Spaziergang ans Wasser (wie wir anschließend bei Bier und Rum in einer Kneipe landeten, kann ich mir beim besten Willen nicht mehr erklären; wir wollten und echt nur die Beine vertreten und frische Luft schnappen. ECHT!)

Im Übrigen hab ich jetzt neue Eltern. Der männliche Teil des zauberhaften Ehepaars aus Mannheim hat mich an der Hotelbar adoptiert. Ich hab soweit nichts dagegen, aber ich fürchte, meine aktuellen Eltern haben da möglichweise noch ein Wörtchen mitzureden, und meine Mutter hat noch relativ viel aufm Ärmel.

Song of the Day: