Warum ich nicht auf Klassentreffen gehe

Man mag es angesichts meines jugendlichen Aussehens kaum glauben, aber in diesem Jahr könnte ich 25 Jahre Abi feiern, wenn ich das wollte. Beziehungsweise ich könnte die Feier besuchen, die es anlässlich dieses Jahrestags geben wird, wenn ich das wollte. In der WhatsApp-Gruppe sind alle schon gaaaanz aufgeregt und freuen sich, während ich die ganze Zeit überlege, ob es zu pubertär wäre, am Stichtag einfach 20 Gifs mit Mittelfingern zu schicken, um die Gruppe direkt darauf zu blocken. (Ich bin nur deswegen noch in der Gruppe, weil ich chronisch neugierig bin. Es ist wie ein Autounfall. Man weiß, man sollte einfach weiterfahren und das Ganze vergessen, allein, man kann den Blick nicht abwenden.)

Aber um die Frage in der Überschrift ganz kurz und fix zu beantworten: Ich gehe nicht auf Klassentreffen, weil ich meine Zeit nicht mit Leuten verschwenden will, die ich früher schon nicht leiden konnte. Mit Leuten, die mich von der achten bis zur zehnten Klasse gemobbt haben und erst allmählich damit aufhörten, als die Klassenverbände in der Oberstufe aufgelöst wurden. Und nein, man kann das nicht so einfach hinter sich lassen, vergessen und verzeihen. Ich finde auch nicht, dass man das muss. Man sollte schon weiterleben und das alles irgendwie hinter sich zu lassen versuchen, aber es waren wichtige, prägende Jahre, in denen dieses Mobbing passierte. Und nur, weil etwas lange her ist, heißt das keinesfalls, dass es mich nicht immer noch beschäftigt und in mir nachwirkt. Das verklärt sich auch nicht im Rückblick. Falls eins von den Arschlöchern von früher diesen Text liest: Gut gemacht, ihr könnt stolz auf euch sein. Aber erwartet nicht, dass ich heute noch mehr als einen gelegentlichen Gedanken an euch verschwende. Dafür gibt es viel zu viele liebe Menschen in meinem Leben, die es wert sind, dass ich ihnen Aufmerksamkeit schenke.

Dazu kommt, dass einen ein Klassentreffen in Sekundenschnelle in die Schulzeit zurückfallen lässt. Das mag mancher schön finden, aber leider entwickelt sich auch meine Persönlichkeit dann zu diesem dussligen Mädchen zurück, das ich damals war. Von Mitschülern gemobbt, von Lehrern übersehen, die mir kaum was zugetraut haben. Das bin ich schon lange nicht mehr, wobei sich über eine gewisse Restdusseligkeit sicher trefflich streiten lässt. Ich hab es inzwischen ja doch zu ein bisschen was gebracht, und genau deswegen würde ich vermutlich rasch in das berühmte „Mein Haus, mein Auto, mein Pony“-Schema fallen. Schaut mal, ich bin leitende Redakteurin beim Norddeutschen Rundfunk, schaut mal, ich habe ein Buch geschrieben, schaut mal, ich wohne in der schönsten Stadt der Welt, und Westdeutsche Vizemeisterin im Kugelstoßen war ich auch mal. Ich würde es den Pennern von damals verzweifelt beweisen wollen, obwohl sie mir doch eigentlich komplett egal sein sollten. Und vermutlich würde von denen sicher mehr als einer sagen: „Aber Mann und Kinder haste nicht, oder?“ Und schon wäre ich wieder ein Verlierer, mit dem sich niemand abgeben will. Und für diese Spielchen bin ich mir zu schade.

Dabei bin ich durchaus noch mit Klassenkameraden von damals befreundet, einige hab ich auf Facebook wiedergefunden, und darüber freue ich mich sehr. Manche treffe ich sogar gelegentlich im echten Leben, und nur selten sprechen wir dann über die Schulzeit und die „guten alten Zeiten“. Dafür ist die Gegenwart doch viel zu spannend. Also: Habt ein schönes Klassentreffen, ihr sieben bis zehn netten Menschen von damals, schwelgt in Erinnerungen, macht es euch schön. Allen anderen entbiete ich die allerherzlichsten Grüße:

8 Gedanken zu “Warum ich nicht auf Klassentreffen gehe

  1. Ich hatte im Mai Klassentreffen, kein wirklicher Premiumtermin im meinem Kalender, aber eine Gelegenheit, meinen alten Vater wiederzusehen. Kurz, ich bin hingefahren. Und war so begeistert: so schöne Frauen! (Ich war in einer Mädchenschule). Und so coole Themen. Niemand hat da eigentlich von früher gesprochen. Eigentlich waren alle damit beschäftigt, sich die Leben der anderen erzählen zu lassen. Und sogar diejenigen, die ich als Kind nicht besonders mochte, nee, natürlich nicht alle, aber manche fand ich plötzlich doch sehr sympathisch. Es ist – es war überraschend. Und insofern werde ich, falls ich Zeit habe, auch zum nächsten Treffen gehen. Wer hätte das gedacht!

    1. Achm das klingt sehr schön! Ich glaube, mit den Leuten aus der Grundschule wäre das auch ganz schön, aber mit denen aus dem Gymnasium – näääh. Schon allein beim Gedanken, mit denen einen Tag zu verbringen, bekomme ich schlechte Laune. In der WhatsApp-Gruppe wird schon klar, dass die, die früher dämlich waren, es heute auch noch sind. ;-)

  2. Bravo, liebe Kirsten! Genau so.
    Bei mir war es an der Oberschule weitestgehend ok – mich hatte dafür meine Grundschul-Klassenlehrerin gemobbt, und die dusselige Kuh hatte ich sechs Jahre lang (in Berlin sind es ja sechs Jahre, und sie wollte uns als Klasse einfach nicht abgeben).
    Als nach 26 Jahren Klassentreffen war (und ich bin extra hingegangen), hat die Lehrerin alle Klassenkameraden freudig mit Namen begrüßt. Dann stand sie vor mir und sagte: „Hilf mir mal.“ Ich war Klassenbeste, sie hat mich gehasst und sie kannte meinen Namen nicht mehr. Ich sagte: „Nö. Sie haben ja den ganzen Abend Zeit zu überlegen.“ Ich habe sie gesiezt, obwohl sie uns schon in der 5. Klasse aufgezwungen hatte, sie zu duzen.
    Dann kam es, dass sie mir am Tisch gegenüber saß. Wir sahen eine Diashow mit Fotos von damals, und sie schwärmte davon, was das eine tolle Zeit war, mit Baader-Meinhof und überhaupt. (Die Alte hat echt einen Sprung in der Schüssel.) Alle rund um mich herum beeilten sich, ihr zu versichern, wie schön alles damals war, und was sie für eine tolle Lehrerin war. Dann fragte sie „Petra?“ (jemand hatte ihr meinen Namen verraten) „Du siehst das nicht so?“ Das konnte man mir nämlich ansehen. Und dann habe ich mit ihr abgerechnet. Wie sie mich behandelt hat, was sie mir alles angetan hat, wie abartig sie teilweise mit anderen Schülern umgesprungen ist (die nicht gekommen waren). Und dass die gesamte Grundschulzeit deswegen die Hölle für mich war (und all das nur, weil meine Eltern mich gegen die Empfehlung der Schulpsychologin ist sechs NICHT gleich in die zweite Klasse einschulen ließen; da hätte ich sie nicht gehabt).
    Ich genoss es sehr, wie sie sich hilfesuchend umblickte und versuchte, eine Stimme dafür zu finden, dass ich log. Sie fand aber keine. Weil die anderen das nämlich damals sehr wohl mitbekommen hatten.
    In meinem Fall war es sehr heilsam, das ich auf dieses Klassentreffen gegangen bin. Aber in deinem Fall hätte ich auch lieber Mittelfinger gewhatsappt :-)
    Liebe Grüße
    Petra

    1. Bah, wie unfassbar mies. Eine mobbende Grundschullehrerin, unglaublich. Aber wie großartig, wenn man so souverän damit umgehen kann! Das stelle ich mir tatsächlich sehr heilsam vor.

      Ich hatte einen Mathelehrer, der mich immer an die Tafel geholt hat, um mein Versagen mit „hab ich mir schon gedacht, dass du das nicht kannst“ zu kommentieren. Als meine Eltern ihn später mal trafen und sagten, Mathe sei ja nun nicht mein Lieblingsfach gewesen, konnte er sich nicht dran erinnern. Penner.

      Eine andere Lehrerin hat damals meine zwei Freundinnen und mich als Mobber ausgemacht, obwohl es genau umgekehrt war.

      Wen ich wirklich gerne noch mal sehen würde, wäre meine Deutschlehrerin, die sagte, Journalismus sei doch wohl nichts für mich. Ich würde ihr gerne sagen, dass ich heute Leitende Redakteurin bin. ;-)

      Es gab aber auch gute Lehrer, denen hab ich teilweise vor ein paar Jahren noch mal geschrieben, wie sehr sie mich positiv beeinflusst haben und wie viel ich von ihnen gelernt habe. Mal soll ja nicht immer nur meckern. ;-)

  3. Pingback: Lesenswerte Links – Kalenderwoche 38 in 2018 - Ein Ostwestfale im Rheinland

  4. Stimmt, ich habe auch ein paar wenige Lehrer, die richtig toll und fair waren. Einer hat mich sogar bei Stayfriends geaddet ;-) Und zwar der, der mir kurz vor meinem Abi gestand, das er Angst vor mir hatte, als ich 7./ 8. Klasse Geschichte bei ihm hatte. Weil ich so viel gequatscht hatte und er damit nicht klar kam :-D
    Leider sind mobbende Grundschullehrer gar nicht so selten. Kind 3 hatte das Pech direkt in der 1. Klasse, sodass wir ihn mitten im Schuljahr an eine andere Schule retten mussten. Das war so schlimm, dass mich sogar andere Eltern drauf ansprachen. Und er hatte sich vorher so auf die Schule gefreut … :-(

  5. Thorsten Loy

    Liebe Kirsten,

    ich kann verstehen, wenn Du Deine Meinung über die Mitschüler von damals nicht ändern kannst und willst.
    Das ist Dein gutes Recht.
    Ich kann es verstehen, wenn Du Dich von solchen Klassentreffen lieber fernhalten möchtest, weil Du keine guten Erinnerung an die Zeit mit diesen Menschen hattest.
    Und ich kann verstehen, wenn Du Dich an dieser Stelle und zu diesem Anlass einfach mal „auskotzen“ willst.

    Auch wenn ich die Gründe Deiner Ablehnung nicht kenne und sie auch gar nicht wissen will (diejenigen, die Du hier ansprichst, werden sich möglicherweise erinnern und hoffentlich möge sie ihr Gewissen zeitlebens ausreichend dafür quälen), möchte ich Deine Zeilen nicht unkommentiert lassen.

    Zunächst einmal kann ich von mir sagen, dass ich mich definitiv NICHT zu den von Dir angesprochenen Personen zähle.

    Auch ich möchte von mir behaupten, nicht unbedingt einer der beliebten bei unseren Mitschüler/innen gewesen zu sein. Das gilt gleichwohl für einige unserer Lehrer.
    Jeder hat seine „likes“ und „dislikes“, und dazwischen leider manchmal nicht viel, was aber KEINESFALLS etwas wie Mobbing rechtfertigt!

    Damals bin auch ich letztendlich einigen Mitschülern eher aus dem Weg gegangen.
    Sei es einer entgegen gebrachten Arroganz, einem offensichtlichen Gruppenausschluß oder auch nur meiner eigenen Ablehnung wegen einer fehlenden „gemeinsamen Wellenlänge“ geschuldet.

    Nichtsdestotrotz ist es so, dass sich Menschen ändern können.
    Der eine mehr, der andere weniger.
    Nein, eigentlich können sie es nicht nur, sie tun es.
    Aus Arschlöchern können nette und aus netten Menschen Arschlöcher werden.
    Zum Glück trifft ersteres nach meiner Erfahrung häufiger und letzteres seltener zu.
    Ein Umstand, den man aber erst erkennen kann, wenn man mit den Menschen wieder auf einer neutralen Ebene interagiert!

    Ich möchte Dir hiermit eigentlich nur sagen, dass die Leute, die ich am Wochenende (und auch im Verlauf der WhatsApp-Kommunikation im Zuge meiner Planungen für dieses Treffen) zum Teil nach 25 Jahren wieder ’neu‘ kennen lernen durfte, allesamt freundlich, liebenswert, dankbar und glücklich ob des wieder-Sehens waren und keineswegs „die, die wie früher dämlich waren, es heute auch noch sind.“

    Auch wenn ich natürlich nicht bei allen Gesprächen dabei war, kann ich mit großer Sicherheit behaupten, dass Arroganz, Prahlerei oder Selbstinszenierung das letzte war, was an diesem Abend zelebriert wurde.

    Ich will mit meinen Zeilen jetzt gar nicht bezwecken, dass Du Deine Meinung änderst, denn das wäre vermessen.
    Ich möchte nur auch meine Ansichten und Erfahrung zu Deinem Beitrag äußern und hoffe, dass Du auch diese akzeptierst.

    Ich würde mich im Übrigen immer noch sehr freuen, wenn wir uns ungeachtet dessen bei Gelegenheit gerne mal auf ein paar Bier oder eine Flasche Wein treffen. Lippstadt, Hamburg, egal.
    Und dabei quatschen wir von mir aus über Gott, die Welt oder was immer Du möchtest.
    Und gerne auch nicht über die Schulzeit. ;)

    Bis dahin wünsche ich Dir eine gute Zeit und freue mich auf weitere interessante Beträge in Deinem Blog.

    Viele Grüße nach Hamburg, auch an Sir Moosebert Diefenbaker

    Thorsten

    1. Lieber Thorsten, vielen Dank für deinen tollen Kommentar, und nein, du gehörst definitiv nicht zu den Angesprochenen. ;-)

      Ich will nur ganz kurz antworten, weil mich das Ganze ja gar nicht so viel beschäftigt, wie offenbar der Eindruck entstanden ist …

      Dass Menschen sich ändern können, ist ein weit verbreiteter Irrglaube. ;-) Und der erste Kommentar, den es in der WhatsApp-Gruppe gab, war so von oben runter, arrogant und abwertend, dass ich mich in meiner Meinung bestätigt sah. (’ne Mail gab’s auch noch dazu, in der sich entschuldigt wurde, dass „ich so empfinde“, was ja auch nur wieder bedeutet, dass das alles nur in meinem Kopf war. Egal.)

      Und ich glaube dir, dass es auf den ersten Blick nicht dieses „Mein Haus, mein Boot, mein Pony“-Getue war – so was läuft sehr viel subtiler ab. Tut mir auch voll leid, dass ich in der allgemeinen Beweihräucherung, was man doch für eine tolle Truppe gewesen sei, auf die Parade gepisst hab. ;-)

      In jedem Fall sollten wir unbedingt mal einen heben gehen.

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