No more Umkleidekabine

Vor ziemlich genau drei Jahren habe ich aufgehört, Klamotten zu kaufen. Ein Grund dafür war, dass ich von Vollzeit auf Teilzeit (allerdings in Festanstellung) gegangen bin und fortan sparen musste, weil ich seitdem gut 1000 Euro weniger im Monat verdiene. Am Essen mag ich nicht sparen, an den Urlaubsreisen auch nicht – also beschloss ich, fortan einfach weniger Gedöns und Klamotten zu kaufen. Die Entscheidung fiel mir nicht schwer, das ganze Unternehmen durchzuziehen, noch viel weniger. Seit dem Entschluss kaufe ich nur noch Dinge wie Unterwäsche, Funktionskleidung und Socken. Dinge, die kaputtgehen, die ich aber immer brauche, wie einfarbige T-Shirts etwa, werden 1:1 ersetzt. Es gibt aber keine Spontan- und Lustkäufe mehr.

Dass es mir nicht schwer fiel, das durchzuziehen, lag zum einen daran, dass mein Kleiderschrank voll bis obenhin ist, zum anderen daran, dass ich ständig Kleidung von Freundinnen oder meiner Tante geschenkt bekomme, die diese nicht mehr wollen. Da sind sehr schöne Stücke dabei, die ich mir vielleicht selbst nie gekauft hätte, die mir aber beim Anprobieren gut gefielen.

Und was soll ich sagen: Die letzten drei Jahre waren wunderbar. Das Shoppen fehlt mir so gar nicht. Und noch weniger fehlen mir die Fehlkäufe, die ungetragen im Schrank hängen und mich anklagend anschauen. Die mich daran erinnern, dass ich Geld verschwendet habe oder modisch doch nicht so mutig bin, wie ich dachte. Oder dass ich einfach keinen Bock habe, neue Kleidungsstücke von allen möglichen Seiten kommentiert zu bekommen. Seit ich nichts Neues mehr kaufe, bin ich sehr viel entspannter.

Seit einiger Zeit aber denke ich: Das, was da im Kleiderschrank ist, bin immer weniger ich. Es ist ein Sammelsurium aus Sachen, von denen ich hoffe, dass ich mal wieder reinpassen könnte, die vielleicht mal wieder modern werden und Dingen, die schon jemand anders vor mir anhatte. Ich habe also möglicherweise gar keinen eigenen Stil mehr. Außer eine gewisse Sheldon-Cooper-artigen Vorliebe für Comic-Shirts, aber man kann ja nicht jeden Tag im Büro Zombies oder das Superman-Logo auf der Brust tragen, die Kollegen könnten sowohl das eine als auch das andere falsch verstehen. Oder es gerade richtig verstehen.

Doch der Gedanke, einkaufen zu gehen – in einen echten Laden! – verursachte bei mir Schnappatmung der unangenehmen Sorte. Ich wollte nicht mehr fünf Jeans mit in die Umkleidekabine gehen, mir im Spiegel sämtliche Problemzonen in schlimmster Beleuchtung ansehen, mich schwitzend in eine Hose nach der anderen quälen, mich wieder herauspellen, dann doch alle zurückbringen, weil keine passt, mir von Verkäuferinnen Dinge aufschwatzen lassen, feststellen, dass mir eigentlich keine einzige Farbe steht und am Ende weinend an der Wurstbude vor dem Laden Currywurst essen, weil es jetzt auch egal ist.

Meine Rettung war – wie so oft – das Internet, und ich komme mir sehr mondän und weltmännisch vor, wenn ich Sätze wie „Ich habe ja jetzt eine Styleberaterin“ oder „Das hat mir meine Styleberaterin empfohlen“ sagen kann. Vielleicht auch ein wenig großkotzig, aber irgendwas ist ja immer.

Meine Beraterin heißt Katja, und obwohl ich sie nicht persönlich kenne, hab ich sie schon jetzt sehr lieb. Katja ist nämlich äußerst zurückhaltend. Katja verurteilt mich nicht, weil ich Hintern habe, Katja schickt mir einfach ungefragt Jeans in der richtigen Größe. Katja fragt mich nach meiner Lieblingsfarbe (blau) und stellt mir ein Outfit zusammen, in dem verschiedene Blautöne vorkommen, die man alle miteinander kombinieren kann, Katja fragt nicht, ob ich nicht doch mal was in Entengrützfarben oder ganz crazy in Orange probieren möchte, weil das doch jetzt alle tragen. Katja würde niemals zu mir sagen „Das denkt man gar nicht, dass Sie so dicke Waden haben“ oder „Na, SIE (abschätzigen Blick einfügen) wollen hier sicher nur schauen, was?“, Katja fragt diskret nach, ob denn alles gepasst habe oder ob ich noch was in einer anderen Größe nachbestellen möchte.

Dass ich aus dem ersten Klamottenpaket von zehn Teilen nur zwei behalten werde, verzeihe ich Katja. Wir lernen uns ja erst kennen. Das wird noch sehr schön mit uns, das spüre ich.


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