Abstecher nach Peenemünde

Hier sah alles noch ziemlich genau so aus, wie ich es von meinem jüngsten Besuch auf Usedom, der nun auch schon elf Jahre zurückliegt, in Erinnerung hatte. Da ich mich aber an viele geschichtliche Details zur V2-Rakete und den Forschungen hier erinnern konnte, machte der Besuch auch ein zweites bzw. eigentlich schon drittes Mal Spaß. Zumal das Wetter auch eher bescheiden war und es eh schöner war, seine Zeit drinnen zu verbringen.

Zum ersten Mal war ich dann auch oben auf dem Dach – sehr schöne Aussicht hat man von hier, bei dramatischem Wolkenhimmel vielleicht sogar eine schönere als bei Sonnenschein.

Das Kraftwerk war auch noch mal einen Besuch wert, an das konnte ich mich so gar nicht erinnern. Und Industriekultur ist für Menschen aus der Nähe des Ruhrgebiets auch immer was Schönes.

Ins U-Boot schafften wir es diesmal nicht mehr, aber wir sind ja noch ein paar Tage hier.

Was wir uns aber nach dem obligatorischen Fischbrötchen noch gönnten, war ein Abstecher ans Wasser, um das Feuerwerk zum 3. Oktober, dieses Jahr der 30. Jahrestag des Mauerfalls, anzuschauen. Dieses zog sich wie eine explodierende Perlenkette an der ganzen Küste entlang, alle Viertelstunde war ein weiterer Ort dran, in der Ferne sahen wir so zunächst die Funken über Zempin sprühen, dann waren „wir“ in Koserow dran.

Sonnenaufgang und Ruinen

Danke, blöde Natur. Um 6 Uhr geduscht, die Kamera geschnappt und ab ans Wasser. Gestern Morgen beim Joggen war der Sonnenaufgang perfekt zu sehen, heute waren Wolken davor.

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Stimmung trotzdem:

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Zur Strafe war ich nicht mehr am Strand, sondern hab mir Raketen in Peenemünde angeguckt.

Peenemünde ist wirklich beeindruckend – aber an der Parksituation sollte man da noch mal arbeiten. Wenn es dort heißt: „Parken 1 Stunde“, dann hat man auf manchen Parkplätzen auch wirklich eine Stunde zu bleiben. Zumindest muss man für eine Stunde bezahlen. Wirft man nur 50 Cent ein, weil man denkt, 30 Minuten würden zum Angucken des U-Boots reichen, fordert der Automat einen charmant auf: „Weiterzahlen!“ Sowas führt bei mir allerdings nicht dazu, dass ich weiterzahle, sondern dass ich zum Automat sage, er kann mich am Arsch lecken und darauf hoffe, dass keiner kontrollieren kommt. Ätsch.

Das U-Boot, einst Teil der baltischen Rotbannerflotte, ist ebenso eng wie sehenswert und lehrte mich vor allem eins: Ich hab doch Angst vor engen Räumen. Und vor seltsamen Gerüchen und eingespielten Gesängen einer U-Boot-Besatzung aus lauter Schaufensterpuppen.

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Dann doch lieber das Historisch-Technische Informationszentrum auf dem Areal des ehemaligen Raketen-Testgeländes. Hier steckt unglaublich viel Arbeit drin und man erkennt, dass die Macher nicht nur Ahnung von dem, was sie tun, sondern auch viel Spaß an der Sache hatten. Dass man für eine Fotografier-Erlaubnis extra zahlen muss, finde ich allerdings etwas albern. Ich bin mir ziemlich sicher, dass mehr als die Hälfte der Leute da gestern ohne Erlaubnis die Kamera zückten. Unter anderem ich, allerdings von außen, als ich von der Fotografiererlaubnis noch nichts wusste. *hust*

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Der Ort Peenemünde ist auch nicht unterinteressant, wobei mich die Ruinen weitaus mehr beeindruckt haben als die neu gebauten Häuser. Einzig die rekonstruierte Kapelle zeugt noch vom alten Ortskern des ehemals 500-Einwohner-starken Fischerörtchens.

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Bei vielen Ruinen würde mich allerdings mal interessieren, was da früher drin war – waren es von den Nationalsozialisten gebaute Unterkünfte oder stammen die Häuser erst aus der DDR?

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Viele Ruinen sind allerdings heute im Besitz privater Eigentümer, und die sind natürlich nicht verpflichtet, jedem dahergelaufenen Touristen mitzuteilen, was früher in den Gebäuden stattfand.

Besonders beeindruckend ist die Ruine des alten Sauertoffwerks, die mitten im Ort steht. Das Ding ist inzwischen ein Denkmal.

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Vernagelt

So, Schluss mit Entspannung. Heute hab ich mich aufgeregt.

Ich war beim Vortrag „Geschichte und Technik in Peenemünde“ mit anschließendem Spaziergang in den Wald zu einer V1-Abschussrampe. Der Referent war mit Feuereifer bei der Sache. Ein toller Vortrag, spannend, humorvoll und so gehalten, dass sogar ich Technik-Depp nun glaube, was von Raketentechnik zu verstehen. So weit das Gute.

Bei solchen Vorträgen weiß man ja im Grunde vorher schon, wer daran teilnimmt: elende Besserwisser, die dauernd dazwischenquatschen und ihren Frauen und überhaupt allen anderen die Welt erklären.

Ich erwartete also lauter „ältere Herrschaften“, darunter mindestens einer dieser „Lehrer“ in Cargo-Hosen und Wanderschuhen. Letzteres stimmte schon mal nicht, denn ich war die einzige in Wanderschuhen. Ähem. Stattdessen aber war die Gruppe auf den ersten Blick sehr nett – manche sprachen sogar mit der seltsamen alleinreisenden jungen Frau, sprich mit mir. Bis kurz vor Ende der Wanderung war also alles prima, aber dann entpuppte sich eine der älteren Damen als eine dermaßen vernagelte Rassistin, dass ich fast zwischen die Birken gekotzt hätte. Ich war ebenso angeekelt wie fasziniert, dass man seine Thesen mit soviel Überzeugung vortragen und sich dabei selbst ständig widersprechen kann. Und dass man soviel von der Welt gesehen und nichts gelernt haben kann.

Ich lernte also heute Vormittag, dass deutsche Kriegsopfer immer unter den Tisch gekehrt werden und die bösen Engländer ja den „ritterlichen Krieg“ beendet hätten, indem sie begannen, nicht mehr nur militärische, sondern auch zivile Ziele zu zerstören. Mal abgesehen davon, dass mir niemand glaubhaft erklären kann, was ein „ritterlicher Krieg“ ist – wer hat noch mal den Krieg angefangen? Die Engländer doch eher nicht, oder? Ich muss gestehen, dass das mein einziger Einwand war: „Hören Sie mal, wer hat den ganzen Scheiß denn angefangen?“ Darüber ging die gute Dame dann hinweg und auch sonst widersprach ihr niemand.

Ansonsten lernte ich noch, dass Wessis blöde und Ossis dumm sind und Katholiken einen beschränkten geistigen Horizont haben, Polen eigentlich Pommern heißt, die Jugend das Alter nicht mehr achtet (kein Wunder, wenn das Alter so einen Scheiß redet), und dass nur Ausländer nachkommen werden, wenn die Alten mal wegsterben. Dem stimmte ein Paar aus Leipzig zu, das zuvor die Behauptung der alten Schachtel, der Ossi an sich sei ja total dumm, klaglos hingenommen hatte. Das hab ich ja gern: Nicht den Arsch in der Hose haben zu widersprechen, aber dann sofort auf die nächste „Randgruppe“ einprügeln.

Das war auch der Punkt, an dem ich mich aus der Gruppe mit einer wegwerfenden Handbewegung verabschiedete. Und seitdem ärgere ich mich. Und zwar über mich selbst. Dass ich nicht gesagt habe, sie sollten alle die Schnauze halten. Hmpf.

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