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Wenn endlich alles stimmt

Regelmäßig komme ich im Leben an den Punkt, an dem ich denke: Es soll doch endlich auch mal was stimmen. Es muss doch mal der Punkt kommen, an dem alles richtig ist, alle Puzzleteile zusammenpassen und nicht eines übrig bleibt, oder eines fehlt, sodass der Rest doch wieder auseinanderbricht und alles durcheinander gerät. Das wäre doch mal schön. Oder?

Aber dann frage ich mich, was ich tun würde, wenn auf einmal alles passte. Wäre ich nicht total überrascht, gar überfordert? Würde einen das nicht auch selbst durcheinanderbringen, wenn alles andere plötzlich geordnet wäre? Würde man nicht nervöse Zuckungen kriegen, Tics, Pickel an schwer zugänglichen Stellen? Könnte man ein nicht da seiendes Chaos eigentlich ertragen? Würde man nicht irre werden? Also noch irrer, als man eh schon ist?

Man hätte ja gar nichts mehr zu tun, wüsste gar nichts mit sich anzufangen, wenn man sich über nichts mehr aufregen, niemanden mehr anpöbeln, nicht mehr den Kopf über etwas schütteln könnte und keine Scherben mehr zusammenkehren müsste.

Die Folgen wären doch Verwirrung, Verwahrlosung, vielleicht der Verlust von Gliedmaßen, Verderben, Unheil, Pestilenz, Tod.

Lass mal. Ich glaube, ich käme gar nicht damit klar, wenn endlich alles stimmte.


Träum weiter!

Uh oh.

Ich bin bis obenhin voll mit Labskaus und den Erzeugnissen edler hanseatischer Braukunst und fühle neben zu viel Luft das Bedürfnis in mir aufsteigen, mich genau jetzt, mitten in der Nacht, mit den ganz großen Fragen des Lebens auseinander zu setzen. Es sollte mich vielleicht jemand davon abhalten, betrunken zu bloggen.

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Tja. Zu spät.

Neulich unterhielt ich mich mit einer Freundin über Lebensträume und wie scheiße es ist, wenn einer zerpölatzt. (Das „ö“ gehört da selbstverständlich nicht hin, aber ich treffe erstens die Tasten nicht mehr und finde zweitens, dass das Wort so viel hübscher aussieht.) Der Traum, von dem meine Freundin meinte, dass er meiner sei, war aber sowas von überhaupt nicht meiner, so dass ich unweigerlich darüber nachdenken musste, was denn nun eigentlich mein Lebenstraum ist.

Womit wir bei den großen Fragen des Lebens wären, die mir meistens dann durch den Kopf gehen, wenn dieser leicht benebelt ist: Warum hat jedes blonde Dummchen, das keine Ahnung vom Gebrauch des korrekten Genitivs hat, eine eigene TV-Show, ich aber nicht? Wann ruft mich endlich Florian David Fitz an? Oder Max von Thun (ich bin nicht wählerisch)? Warum stürzen sich meine Pflanzen regelmäßig in suizidaler Absicht aus dem Topf? Wann repariert die %&§#*+~-Hausverwaltung endlich die kaputte Steckdose in meinem Wohnzimmer? Wieso freut man sich, wenn Babys rülpsen, findet das bei erwachsenen Menschen (mir) aber abstoßend? Wird meine Mastercard je genehmigt? Warum kann ich das „Dschungelcamp“ ertragen, „Die Alm“ aber nicht? Habe ich eigentlich einen Lebenstraum? Wenn nein, brauche ich einen? Oder wenn ja, welcher ist das? Fragen über Fragen und nicht genug Alkohol auf der ganzen Welt, um sie jemals abschließend zu klären. Tragisch, das.

Erst dachte ich ja nach dem Gespräch mit meiner Freundin, ich hätte keinen Lebenstraum, sondern lebte nur still, leise, heimlich und zufrieden einfach so vor mich hin. Bis mir klar wurde, dass ich nicht nur den einen, großen Traum habe, sondern viele kleine. (Was vermutlich auch ganz gut ist, denn wie stünde ich da, wenn ich nur einen Traum hätte und der dann zerpölatzte?)

Meine Träume im Einzelnen:

Ich wollte als Kind unbedingt Englisch lernen. – Well, I did it.

Ich wollte Abi machen und studieren. – Hab ich gemacht.

Ich wollte Redakteurin werden. – Bin ich. (Eine besondere Genugtuung, nachdem meine Deutschlehrerin mal meinte, ich könne das nicht.)

Ich wollte mal weiter als 10 m stoßen. – Geschafft.

Ich wollte ein Buch schreiben. – Jawoll.

Ich wollte nach Irland reisen. – Erledigt. (Und das, ohne auch nur einen Pfennig dafür zu bezahlen.)

Ich möchte abends strunkelig nach Hause kommen, mich im Schlafanzug bloggenderweise vor den Rechner setzen, dabei Journey hören und noch ein Bier trinken können, ohne dass jemand rumnölt, dass sich das nicht gehöre. – Hey ho.

Ich würde gern mal bei Deutschen Meisterschaften starten. – Krieg ich noch hin. Und wenn nicht, hab ich einen anderen Plan in der Hinterhand.

Ein weiterer großer Traum wird sich in etwa drei Wochen erfüllen, und vermutlich werde ich heulen wie ein kleines Kind, wenn es endlich soweit ist.

Ich würde also sagen, ich stehe ganz gut da mit meinen Träumen. Vermutlich liegt das daran, dass all dies Träume waren/sind, an deren Erfüllung ich selbst den allergrößten Anteil hatte. Ich will nicht sagen, dass man komplett im Arsch ist, wenn man die Erfüllung seiner Träume komplett an einen anderen Menschen hängt, aber es fühlt sich einfach um so vieles besser an, wenn man mit seinem eigenen Einsatz und in eigener Verantwortung etwas erreicht. Die Krise, die ich vergangenes Jahr durchzustehen hatte, lag vor allem darin begründet, dass ich mein Glück von jemandem abhängig gemacht hatte, der nicht das Schwarze unter meinen Fingernägeln wert war. Ein Fehler, der mir hoffentlich nicht noch einmal unterläuft. Aber diese Krise, wenn sie überhaupt zu was gut war, hat mir gezeigt, dass es neben meiner Familie und einer Handvoll guter Freunde nur einen Menschen gibt, auf den ich mich verlassen sollte. Mich. Darauf ein weiteres Erzeugnis edler hanseatischer Braukunst.

Die wichtigste Frage von allen aber harrt (haart?) weiter einer Antwort: Warum liegen meine Haare eigentlich immer nur dann perfekt, wenn ich alleine zu Hause bin?


Antizyklisch leben

Als ich so ungefähr 15 war, hatte ich ziemlich konkrete Pläne dafür, wie das Leben mit Anfang/Mitte 30 aussehen würde. Ich war mir ziemlich sicher, dass dann der Spaß vorbei sein würde, ich aber einen Mann und mindestens zwei Kinder haben würde (was man sich halt hormongeschüttelt zu zusammendenkt). Einen Job würde ich natürlich auch haben, und vermutlich ein Heim mit Garten. So die Theorie.

Praxis, sprich aktuelle Situation: Ich werde im Sommer 34, sitze gerade auf einer Luftmatratze in einem WG-Zimmer, habe so etwas ähnliches wie einen Job, keinen Mann, nicht mal ansatzweise ein Kind, 800 Euro Miese auf dem Konto, eine kleine Flasche Astra neben mir stehen – und extrem gute Laune.

Aber das wundert mich nicht – bei mir liefen, was das Timing angeht, die Dinge schon immer anders als bei anderen. Zum Glück. Zuerst ging ja alles glatt: Abi, Studium, Hiwi-Job bis zum Beginn des Volontariats, Volontariat, und dann – nichts. An dem Punkt, an dem andere karrieremäßig durchstarten, hab ich erstmal ne Bruchlandung hingelegt. Arbeitslos, und das viel länger, als ich je gedacht hätte. Was in viereinhalb Jahren ohne festen Job (netto dreieinhalb) so in einem vorgeht, muss ich hier nicht mehr erwähnen. Darüber hab ich mich zu gegebener Zeit lang und breit ausgelassen. Und in dem Moment, in dem ich mich endgültig damit abgefunden hatte, eine verkrachte Existenz zu sein und im Badezimmer schon auf der Suche nach den Rasierklingen war, ging es auf einmal aufwärts: Neue Aufgabe, „neue“ Stadt, neue Chancen, neues Leben.

Und in einem Alter, in dem andere ein Haus kaufen, zum Partner in der Firma aufsteigen, eine Kreuzfahrt machen, das dritte Kind kriegen oder die Dauerkarte wieder verkaufen, fange ich noch mal an, wie zu Studentenzeiten zu leben und beruflich was (fast) ganz Neues zu machen. Und auch, wenn mir meine Wohnung und meine Familie natürlich grad etwas fehlen, gehts mir hier richtig gut. Trotz Luftmatratze, Chaos und einem für drei Leute viel zu kleinen Badezimmer.

Fazit: Nichts ist so, wie ich das mal haben wollte. Und verdammte Scheiße, was bin ich froh drüber. :-)