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Nicht mein Hamburg

Während ich dies schreibe, kreist über mir ein Hubschrauber und liefert ein beunruhigendes Hintergrundbrummen zum hellen Martinshorn, das gefühlt auch schon den ganzen Tag ertönt. Ich hatte gestern und heute Sonderschichten zum Untertiteln der Sendungen zum G20-Gipfel und radelte sowohl in der vergangenen Nacht als auch heute Nachmittag durch geisterhaft leere Straßen. Das war einerseits entspannend, zum anderen aber auch verstörend.

Als ich heute Morgen wach wurde und die Stöpsel aus den Ohren nahm, hörte ich als Erstes wieder den Hubschrauber, als ich den Fernseher anmachte, brannte halb Altona.

Die meisten Leute, die ich kenne, sind nicht damit einverstanden, dass der G20-Gipfel hier bei uns stattfinden muss, wir alle würde uns freuen, wenn sich dafür irgendwo in der Südsee eine einsame Insel gefunden hätte. Aber marodierend durch die Straßen zu ziehen, Autos anzuzünden, Scheiben von Geschäften einzuwerfen und Flaschen auf Polizisten zu werfen – das kotzt uns alle an, das ist nicht unsere Stadt. Das hat mit politischem Protest nichts mehr zu tun, da geht es nur darum, möglichst großen Schaden anzurichten und alles kaputtzumachen, was sich einem in den Weg stellt. Einfach nur so.

Das ist nicht mein Hamburg. Aber die brennenden Autos, der Rauch, die Verletzten, die Randale – das sind die Bilder, die nun von Hamburg aus in die Welt gehen. Das ist das Bild, was nun viele von Hamburg bekommen.

Mein Hamburg sieht ganz anders aus. In meinem Hamburg sitze ich Samstag Nachmittag in der Sonne am Elbstrand, trinke Bier in der Strandperle und esse Fischbrötchen und warte, dass die Sonne untergeht. Es gibt fantastische kulturelle Veranstaltungen, man kann an der Elbe sitzen und gelegentlich die „Queen Mary“ vorbeifahren sehen, in einem Café in der Marktstraße Schokoladenkuchen essen, der so gut ist, dass man ihn heiraten möchte. Mein Hamburg ist bunt und freundlich, in meinem Hamburg sagt der Beamte bei der Anmeldung in der Hansestadt freudestrahlend „Na denn mal willkommen in der schönsten Stadt der Welt“, und er hat recht damit. Flüchtlinge werden willkommen geheißen, in den Kneipen wird einmal manchmal nicht gesagt, dass man eigentlich schon längst geschlossen hat, weil man das Gespräch am Tisch nicht stören will, am Abend leuchten die Häuser rund um die Alster wie Perlen. Man sitzt im Sommer draußen vor den Kneipen, teilt sich die Bierzeltbank mit wildfremden Menschen und fühlt sich beim Nachhausegehen im Morgengrauen wie alte Freunde. Es gibt einen eigens Beauftragten für Schwanenwesen, und wenn man nachts im Sommer durch die Stadt fährt, riecht es noch nach der Sonne vom Tage, nach frischem Wind und vielleicht auch nach dem Meer, das gar nicht so weit weg ist. In meinem Hamburg gibt es diese sinnlose Gewalt nicht, da redet man miteinander, trinkt ein Astra dazu und streitet sich augenzwinkernd. Man schmeißt keine Scheiben an, man wirft keine Brandsätze.

Mein Hamburg ist der Tor zur Welt, es ist die beste Stadt der Welt und ich hoffe, die Welt ahnt das auch irgendwie, wenn sich der Rauch verzogen hat.

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Altes Problem, neue Dimension

Ich weiß, wie vermutlich jeder, der nicht dabei war, nicht, was genau in der Silvesternacht in Köln, Hamburg oder Stuttgart passiert ist. Ich weiß nicht, ob die Täter wirklich alle einen Migrationshintergrund haben, ich weiß nicht, wie viele es waren und wie genau sie vorgegangen sind. Dazu will ich mich auch gar nicht äußern. Aber Tatsache ist ganz offensichtlich, dass an diesen Orten, in dieser Nacht, schlimme Dinge passiert sind, sexuelle, gewaltsame Übergriffe auf Frauen und Mädchen. Die Details kann ich nicht klären, das ist auch nicht meine Aufgabe. Zu sagen habe ich aber dennoch einiges zu dem Thema.

Damals, als ein #Aufschrei durch die Twitter-Welt ging, habe ich mich ja bereits zu den Themen „Sexuelle Übergriffe“ oder „Sexismus“ geäußert, zum Beispiel hier und hier. Und deswegen wundere ich mich grad auch. Zum einen erstaunt mich – auf positive Weise – dass den Opfern der Silvesternacht geglaubt wird. Das ist nach wie vor nicht selbstverständlich, denn im Allgemeinen wird den Frauen zumindest eine Teilschuld zugeschoben oder eine fiese Anmache abgetan als „na ja, jeder flirtet halt anders“ und „stell dich mal nicht so an“. Deswegen ist es ein großer Schritt nach vorne, dass die Opfer dieses Mal wohl tatsächlich ernstgenommen werden. Wenn ich jetzt ganz böse wäre, würde ich unterstellen, dass es vielen gut in den Kram passt, dass die Täter der Silvesternacht Berichten zufolge „nordafrikanisch“ oder „arabisch“ aussahen. Da kann man ein bisschen auf den Ausländern oder Flüchtlingen rumprügeln und die ganze Sache zu einem Problem machen, das seinen Ursprung in einem anderen Kulturkreis hat, anstatt sich an die eigene Nase zu fassen und zu schauen, ob nicht vielleicht auch in Deutschland und bei Deutschen bei diesem Thema gehörig was schief läuft. Denn machen wir uns nichts vor – wie das fantastische Satiremagazin extra 3 postete: „Nicht Ausländer, sondern Arschlöcher belästigen Frauen.“

Was mich noch erstaunt, ist, dass das Thema so große Wellen schlägt. Natürlich hatten die Angriffe der Silvesternacht eine völlig neue Dimension und „Qualität“ – aber wieso zur Hölle sind auf einmal alle so erstaunt, dass etwas passiert ist, was für die Hälfte der Bevölkerung mehr oder weniger zum Alltag gehört? Jeden Tag werden Frauen sexuell belästigt, vergewaltigt, blöde angemacht oder „nur“ wegen ihres Geschlechts benachteiligt. Das kann doch jetzt nicht wirklich jemanden überraschen? Den #Aufschrei vor ziemlich genau zwei Jahren schon vergessen? Ach nein – der kam ja von sexuell frustrierten Frauen, die nicht wussten, wie sie mit harmlosen Komplimenten umzugehen hatten.

Ich möchte noch mal kurz ein paar Beispiele geben: Ich wurde von fremden Männern in der U-Bahn betatscht, von einem Mitschüler sogar im Religionsunterricht, in einem Park von einem Wildfremden, dem ich nicht mal die Hand hätte geben wollen, „gebeten“, sein Ding anzufassen, einer anderen U-Bahn beim Aussteigen als „fette, alte Fotze“ beschimpft, weil ich mich nicht unterhalten wollte. Das. Ist. Alltag. Für. Frauen.

Da kommt mir der Ratschlag der Kölner Oberbürgermeisterin, doch einfach eine Armlänge Abstand zu anderen Menschen zu halten, gerade recht. Das war sicher gut gemeint, aber der Rat ist auf so vielen Ebenen doof, dass ich gar nicht weiß, wo ich anfangen soll. Als ich mit 20 von einem Frotteur in der Stuttgarter U-Bahn begrapscht wurde, war diese Bahn so voll, dass keine Chance bestand, jemanden nicht zu berühren. Bei dem Gedränge am Kölner Hauptbahnhof oder auf dem Kiez ist das manchmal genauso schwierig, weil es da echt voll ist – gerade zum Jahreswechsel. Zum Zweiten rückt dieser Hinweis Frauen mal wieder in die Rolle der Mitschuldigen – die haben sich ja sicher alle selber an die Angreifer rangeschmiert, die wollten das ja vielleicht so. Und aufreizend angezogen waren sie sicher auch (so wie ich in Jeans und BVB-Trikot, als mich der Typ im Park bat, ihn unsittlich zu berühren). Und zum Dritten: Wieso bringt man nicht endlich mal den übergriffigen Männern bei, sich anständig zu benehmen, anstatt den Frauen, die sich nichts zuschulden haben kommen lassen, zu raten, absurde Regeln zu befolgen? Wer jemandem weh tun will, tut das im Allgemeinen auch. Egal, was der andere für Klamotten trägt oder wie er oder sie sich sonst benimmt. Das Opfer ist nicht schuld. Punkt.

Wenn die Vorfälle von Köln, Hamburg und Stuttgart nun dazu beitragen, dass Frauen endlich zugehört wird, ist das das einzig halbwegs Gute daran. Dass immer erst so massiv etwas passieren muss, ist dagegen scheiße.


Stellt euch mal an!

Sind Frauen, die sexuelle Übergriffe erleben, Opfer? Selbst schuld? Zu sexy angezogen? Mit zu wenig Selbstbewusstsein ausgestattet? Zu empfindlich?

Sind Frauen, die Sexismus benennen, unentspannt? Untervögelt? Frigide Zicken, die keinen Mann abkriegen? Nervtussis? Männerhasserinnen?

Man könnte diesen Eindruck gewinnen.

Auf Twitter und in anderen Foren geht es gerade vermehrt um Sexismus im Alltag, Übergriffe und Gewalt gegen Frauen. Viele von ihnen schildern, in welchen Formen sie Sexismus, Belästigungen und sexuelle Übergriffe erlebt haben. Und ich weiß nicht, was ich schockierender finde: die geschilderten Erlebnisse oder wie manch andere User auf die Schilderung der Erlebnisse reagieren.

Als ich anfing, die Beiträge auf Twitter zu lesen, dachte ich noch: „Uff, gut, dass mir sowas noch nicht passiert ist.“ Aber nicht im Sinne von „Diese Frauen sollen sich alle mal nicht so anstellen“, sondern eher im Sinne von „Bis hierhin Glück gehabt.“ Denn ich habe keine Zweifel daran, dass all diese Geschichten wahr sind, dass Frauen täglich sexuell belästigt werden, dass ihnen Chancen aufgrund ihres Geschlechts verwehrt werden, dass ein Mann meint, die Frau habe es doch nicht anders gewollt, weil sie doch diesen kurzen Rock getragen habe. Zum Thema „Nicht anders gewollt“ empfehle ich übrigens „Lucky“ (auf Deutsch „Glück gehabt“) von Alice Sebold, eines der mutigsten Bücher, das ich je gelesen habe. Sebold schildert darin ihre Vergewaltigung und wie sie damit fertig wurde. Lest das mal und sagt dann noch „Die hat das doch so gewollt“.

Und weil ich mit Twitter nicht so richtig warm werden, hier meine Beiträge zum Thema:

  • Der Mitschüler im Religionsunterricht, der mich (damals 13) angrapschte, mir Fragen zu meiner körperlichen Entwicklung ins Ohr flüsterte und dem ich in der zweiten Stunde mit Ansage eine langte, dass es nur so flatschte.
  • Der Religionslehrer, der daraufhin MIR entsetzt sagte, Gewalt sei keine Lösung und nicht mal ansatzweise auf die Idee kam, das meine Backpfeife nur die Antwort auf eine andere Art von Gewalt gewesen war.
  • Die ältere Dame, die mir (damals 16) beschied, Abitur sei ja für Mädchen wohl nicht so wichtig.
  • Der Frotteur in der rappelvollen Stuttgarter U-Bahn, den ich (damals 20) loswurde, indem ich instinktiv meine große Klappe gebrauchte und ihm laut sagte, er solle seine Hand dahinstecken, wo keine Sonne scheint, und der daraufhin an der nächsten Station mitten im Nirgendwo ausstieg.
  • Der Typ, der mich (so Mitte 20) in der Disko ständig antanzte und anrempelte, bis ich ihn wie einen jungen Hund, der in die Ecke gekackt hatte, im Nacken packte und sagte, beim nächsten Mal würde er sich eine fangen.
  • Die „Freundin“, die daraufhin meinte, ich (!) solle woanders peinlich sein.
  • Jeder Anrufer in der Zeitungsredaktion, der, wenn er mich am Telefon hatte, „einen Redakteur“ zu sprechen verlange oder von mir einen Termin für einen „der Herren“ wollte, weil ich als Sekretärin ja sicher Einblick in die Kalender hätte.
  • Jeder Besucher, der in die Redaktion kam, keinen „der Herren“, sondern nur mich sah und fragte: „Ist denn keiner da?“
  • Der Typ, der mich (Anfang 30) nicht einstellen wollte, obwohl er meine Bewerbung ganz toll fand. Aber er habe nun mal einen Mann für den Posten gewollt.
  • Der Therapeut, der mir nach fünf Minuten sagte, ich sei selber Schuld, wenn man mich so behandele. (Die Hintergründe kennen der betreffende Mann und ich , der Rest geht keinen was an. Es war aber kein Übergriff, der Typ war und ist nur eine arme, feige Wurst.)

Alles nicht so schlimm? Weil nichts wirklich Schlimmes passiert ist? Weil ich mich ja offensichtlich schon immer gut wehren konnte? Mag sein. Ich habe alles überlebt, vieles vergessen oder zumindest verdrängt, ich kann mich wehren, habe beruflich gesehen heute eine Stelle, die die von damals um Längen schlägt und bin privat sehr glücklich und zufrieden. Aber ich habe mich im jeweiligen Moment trotzdem wahlweise schuldig, beschmutzt, hilflos oder wütend gefühlt. Da kann mir heute gern jemand sagen, dass das doch alles nicht so schlimm war, die Gefühle, die ich damals hatte, waren wahr. Und niemand hat das Recht, ihnen die Berechtigung abzusprechen. Meine Grenzen sind meine Grenzen, ich bestimme, was ich lustig finde. Und wenn ein Thema solche Wellen schlägt, wurde es offenbar höchste Zeit, drüber zu sprechen.

Und was wäre denn gewesen, wenn ich  mich bei den körperlichen Geschichten nicht so gut hätte wehren können? Wenn mich aus dem Gebüsch drei Männer gleichzeitig ansprängen, käme ich mit Backpfeifen auch nicht weit. Und was dann? Pech gehabt? Selbst Schuld, weil ich zu dicht an Gebüschen lang gehe?

Aber alles in allem passieren mir solche Geschichten nicht wirklich oft; keine Ahnung, warum. Wahrscheinlich wirklich Glück und Zufalle. Ich will mich auf keinen Fall auf eine Stufe stellen mit Frauen, denen richtig schlimme, köperlich und seelisch kaputtmachende Dinge passiert sind und die unter Aufwendung von bewundernswerter Energie und Kraft aufstehen, weitermachen und kämpfen.

Jetzt denken sicher einige: „Die macht ja auch Sport, zieht sich nicht  aufreizend an, ist selbstbewusst, strahlt halt was aus, was übergriffige Männer abschreckt und hat eben genug Selbstbewusstsein und Kraft, mit Sexismus fertig zu werden.“ Das mag sein – aber das wirft alle anderen Frauen in die „Selbst-Schuld-Kiste“, die keine Kugeln durch die Gegend stoßen, gerne kurze Röcke tragen und zarter aussehen als ich. Und das wäre doch wohl Bullshit. Lernt das endlich!

Das Dümmste, was ich in diesem Zusammenhang gelesen habe, war aber nicht auf Twitter, sondern in einer anderen Online-Diskussion. Da stellte sich eine Frau hin und sagte, Sexismus mache nichts mit ihr, weil sie ja ein ach so gesundes Verhältnis zu ihrem Körper und zudem ein gefestigtes Selbstbild habe. Da könne ihr das alles nichts anhaben. Und alle anderen hätten eben große Probleme mit sich selbst, wenn sie damit nicht klar kämen. Ja, danke auch. Das hilft sehr in der Diskussion. Genauso wie der beleidigte Aufschrei „Aber ihr blöden Frauen seid doch auch sexistisch!“

Ich fordere keine weibliche Solidarität,weil ich nichts davon halte, per se alle Frauen toll zu finden und alle Männer scheiße. (Ich weiß, das meinen die meisten nicht, wenn sie weibliche Solidarität einfordern. Aber wir kriegen nun mal keine Gleichberechtigung, wenn wir weiter in „männlich“- und „weiblich“-Schubladen denken. Kleine Jungs und Männer sind auch manchmal arme Säue.) Stattdessen wäre es schön, wenn alle mal das Hirn einschalten und Mitgefühl zeigen mit Menschen, denen schlimme Sachen widerfahren sind. Und nicht immer dieses „Stellt euch doch nicht so an!“ oder „Sind die Weiber doch selbst schuld!“ Leuten, die sowas absondern, möchte ich gerne Folgendes sagen: Was für arme Würstchen seid Ihr eigentlich?! Je älter ich werde, desto mehr verachte ich Leute, die andere nicht mit Respekt behandeln. Ihr kotzt mich an, ganz ehrlich. Weil Ihr keinen Arsch in der Hose habt, weil Ihr nicht den Mut habt, Euch mit eigenem Fehlverhalten auseinander zu setzen, weil Ihr ganz kleine Leuchten seid und so beschränkt, dass Ihr dafür eigentlich ein Schild um den Hals tragen solltet, damit man ganz langsam und deutlich  mit Euch spricht, weil Ihr es ja sonst nicht peilt.

Also: Verdammte Scheiße, stellt Euch an!