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Besuch im Gestern

Vergangene Woche war ich mal wieder auf Stippvisite in Marburg, meiner alten Studentenstadt. Ich besuchte eine meiner langjährigsten und besten Freundinnen, ihre Familie und natürlich auch ein bisschen die Stadt. Die Stadt aber zuallerletzt. Ich war viele Jahre nicht da gewesen, dementsprechend hatte sich vieles verändert. Der jüngste Sohn meiner Freundin braucht schon lange keine Windeln mehr, der ältere Sohn trägt jetzt Brille und ist größer als seine Mutter, die Wohnung sah anders aus, in der Stadt gab es zahlreiche neue Geschäfte, weil sich in fünf oder sechs Jahren eben Dinge und Menschen ändern. Zum Glück.

Und zum Glück gehört meine Freundin zu den Menschen, mit denen man auch nach Jahren wieder einfach so zusammensitzen und plaudern kann, als hätte man sich gestern erst verabschiedet. Und doch weiß man, das Zeit vergangen ist und die andere in der Zwischenzeit viel erlebt hat. Ich habe hier und da ein graues Haar mehr als damals, von zusätzlichen Kilos reden wir mal gar nicht erst, auch wenn an diesem Tag zauberhafterweise behauptet wurde, ich hätte mich gar nicht verändert.

Dass der Besuch in Marburg trotzdem komisch war, lag also nicht an den Menschen, nein, es lag an der Stadt. Ich hatte da immerhin mehr als sieben Jahre gelebt, mich verliebt, studiert, Examen gemacht, mich getrennt, an der Uni gearbeitet, für eine Zeitung geschrieben und schließlich der Stadt wieder den Rücken gekehrt, weil man das mit Studienstädten wohl so macht. Und weil ich dort bei der Zeitung keinen Job bekommen hätte, sonst wäre ich vielleicht doch geblieben, wer weiß.

Aber während ich so mit meiner Freudin durch die Stadt ging, hatte ich dasselbe komische Gefühl, dass mich vor ein paar Monaten beschlichen hatte, als ich mal kurz an meiner alten Schule war. Es war als, flüsterte mir eine Stimme ins Ohr: „Was willst du hier? Hier warst du jemand anders.“

Marburg kennt mich, als ich jemand anders war, meine Schule kennt mich noch als ganz anderer Mensch. Marburg kennt die dumme, junge Studentin, die wissbegierig war und Bücher verschlang, in Seminaren kaum was sagte, weil es sicher eh wieder falsch war – etwas, das die Schule ihr beigebracht hatte. Marburg kennt die junge, viel zu emotionale Journalistin, die keine Ahnung von der Welt hatte, sie aber trotzdem erklären wollte. Und Marburg kennt die Freundin, die sich von einem eigensüchtigen Idioten viel zu lang viel zu viel gefallen ließ. Irgendwie werde ich immer auf dieses alt Ich zurückgeworfen, als würde es Marburg einen Scheiß interessieren, dass ich inzwischen ausgebildete Redakteurin bin, sogar Redakteurin vom Dienst, mir einige andere Teile der Welt angesehen habe und zumindest gelegentlich Männern sagen kann, dass sie mich mal kreuzweise können. Es ist, als würden die fast 17 Jahre seit meinem Wegzug einfach weggewischt, wenn ich wieder an den hässlichen Türmen der Geisteswissenschaftlichen Institute stehe oder an der alten Uni-Bibliothek  hochschaue.

Natürlich gab es auch schöne Momente, viel mehr wahrscheinlich als schlechte, aber es liegt nicht unbedingt in meiner Natur, mich primär an die zu erinnern. Da ist es dann immer gut, wenn man nicht nur die Stadt, sondern auch Freunde besucht, mit denen man sich an Grillen an der Lahn, Samstagvormittage im Schwimmbad, verkaterte Referate, blaugemachte Vorlesungen, durchquatschte Nächte und Nachmittage auf dem Weihnachtsmarkt erinnert.

Trotzdem – es bleibt seltsam, an diese Orte aus der Vergangenheit zurückzukehren, auch wenn die Zeit, die man dort verbracht habe, natürlich viel zu der Person beigetragen hat, die man heute ist.


Was würde Opa dazu sagen?

Der unverschämt gutaussehende Herr, der hier von einem Lazarettbett so verschmitzt in die Kamera grinst, ist mein Großvater. Als das Bild aufgenommen wurde, war er das natürlich noch nicht. Und als ich ihn kennenlernen durfte, sah er natürlich auch anders aus.

Leider durfte ich ihn nicht allzu lange kennenlernen, denn er starb bereits, als ich gerade mal fünf Jahre alt war. Seltsamerweise – oder vielleicht gerade deshalb – fehlt er mir an manchen Tagen sehr, auch wenn ich nicht allzu viele detaillierte Erinnerungen an ihn habe. Aber ich kenne natürlich viele Geschichten von ihm und hätte ihn sehr gerne länger um mich haben wollen, denn er war wirklich ein toller Mann, der alles für seine Familie tat und so einige verwegene Ideen hatte.

Ich weiß aber immerhin noch, dass wir früher zusammen Eishockey im Fernsehen geschaut haben und gelegentlich zusammen in der Kneipe um die Ecke waren, in der ich nach einer Weile alle dort an der Theke hängenden Schnapsleichen mit Vor- und Zunamen kannte. Was vermutlich viel zu meiner alkoholischen Sozialisation beigetragen hat.

Ich kann mich zwar nicht daran erinnern, aber ich vermute, dass wir auch mal zusammen beim Fußball waren. Und zwar bei de Schwatten, also bei Teutonia Lippstadt, wo mein Onkel ein berühmt-berüchtigter Stürmer war.

Und immer, wenn ich an Fußball denke, frage ich mich, was wohl aus mir geworden wäre, wenn mein Opa länger gelebt hätte. Dann hätte sich mein erster Stadionbesuch wohl nicht so abgespielt, wie das dann tatsächlich der Fall war. Dann wäre der Besuch nämlich erstens nicht erst im Jahr 2002 gewesen, sondern sicherlich viel früher. Und der Ort wäre unter Garantie nicht das Westfalenstadion gewesen, sondern das Parkstadion.

Denn der beste Opa von allen war Schalker. Und ich komme nicht umhin, gelegentlich drüber nachzudenken, was er wohl dazu sagen würde, dass seine einzige Enkelin sich so komplett gegen die doch scheinbar in die Wiege gelegte S04-Begeisterung entwickelt hat. (Und auch seine Tochter inzwischen, aber das ist noch mal eine ganz andere Geschichte.)

Denn auch, wenn ich der festen Überzeugung bin, dass mein Opa irgendwo da oben im Himmel rumgeistert und auf mich aufpasst, glaube ich manchmal, ein leichtes Erdbeben zu spüren, wenn ich mein schwatz-gelbes Trikot überstreife, meinen schwatz-gelben Schal anlege und die schwatz-gelben Socken anziehe, um in „mein“ schwatz-gelbes Stadion zu pilgern. Ein Erdbeben, das daher rührt, dass sich mein lieber Opa Arthur wie ein Rotor im Grabe dreht.