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Expeditionen ins Menschenreich

Auf unserer Suche nach dem Sinn des Lebens und des Menschseins begeben wir uns heute in ein geheimnisvolles und gefährliches Revier. Wir gehen in den Baumarkt.

Der Baumarkt ist das natürliche Revier der Männchen der menschlichen Spezies. Hier können sie Karohemden tragen, eine mangelhafte körperliche Ausstattung mit überlangen Zollstöcken kompensieren, an Holz schnuppern und in einem Haufen Schrauben wühlen. Vor allem aber können sie hier ganz Mann sein, denn Weibchen fühlen sich im Baumarkt in den allermeisten Fällen unwohl. Nur selten stößt man im Baumarkt auf ein allein umherstreifendes Weibchen, das keinen verwirrten Gesichtsausdruck zur Schau trägt.

Die meisten der im Baumarkt anzutreffenden Männchen gehören zur Klasse der „Macher“. Sie tragen mit Malerflecken beschmutzte Hemden, Schuhe mit Stahlkappen und Schweißflecken unter den Armen, die anderen Männchen signalisieren sollen: Ich bin hier der geilste Heimwerker, mein Bohrer ist der längste. Wäre es nicht gesellschaftlich verpönt, griffen sie sich ständig in den Schritt. So aber wedeln sie nur mit ausgeklappten Zollstöcken umher und messen Dinge ab, die bereits mit Maßangaben ausgezeichnet sind. Sie haben den Zettel, auf dem die zu tätigenden Einkäufe stehen und wissen genau, wo es auf kürzestem Weg zur Sanitärabteilung geht. Aus jeder Pore des Machers strömt Virilität. Und Schweißgeruch.

Das Weibchen dagegen gewandet sich für den Baumarktbesuch mit Kleidung, die in allen Belangen Imkompetenz für’s Heimwerken signalisiert: High Heels, Blümchenleggings und weit schwingende Tuniken. Es ist, als wolle das Weibchen sich des im Baumarkt umherschwirrenden Testosterons mit möglichst mädchenhafter Kleidung erwehren und den Männchen zeigen, dass es keinesfalls in ihren Revieren zu wildern gedenkt.

Die meisten Weibchen im Baumarkt gehören zu einem Männchen und zeigen das auch, denn allein wären sie in dieser für sie so feindlichen Umwelt verloren. In seltenen Fällen kann man einen Vorgang beobachten, der den Forschern aufgrund seiner Seltenheit Rätsel aufgibt und der als „Emanzipation“ bezeichnet wird. Gelegentlich lässt sich nämlich beobachten, dass ein Männchen einen Wagen erbeutete Holzlatten, Farbeimer und Werkzeuge zur Kasse trägt, alles unter großer Anstrengung auf das Band legt und auch wieder in den Wagen einräumt – während das Weibchen mit einem kleinformatigen Stück Plastik den Bezahlvorgang übernimmt. Was genau diese Verhaltensweise zu bedeuten hat, bedarf eingehenderer Forschungen.

Normalerweise aber lässt sich bei einem zusammen durch den Baumarkt laufenden Paar Folgendes beobachten: Während das Männchen mit weit ausgreifenden, gemächtschonenden Schritten den Wagen mit den erbeuteten Baumaterialien schiebt, hält sich das Weibchen krampfhaft an der Hand des Männchens fest. Wird das Paar trotzdem einmal getrennt, irrt das Weibchen so lange nervös herum, bis es seinen Partner wieder gefunden hat. Dabei stößt es laute Rufe aus, die das Männchen anlocken sollen. „Heinz-Hermann!“ – „Erwin!“ – „Hans?!“ – allerdings hört das Männchen in den allermeisten Fällen nicht, weil es damit beschäftigt ist, mit anderen Männchen im Gang mit den Schrauben die Schweißflecken unter den Achseln zu vergleichen.

Sollte nun aber der seltene Fall eintreten, dass im Baumarkt ein Weibchen auftaucht, das nicht nur allein durch die Welt streift, sondern auch selbst auf der Jagd nach Baumaterialien ist, macht sich Unruhe im Revier breit. Denn ein alleinlebendes Weibchen verschiebt die Achse des Baumarktes, die wohl geordnete Welt dort gerät ins Wanken. Die Männchen nehmen ein alleinjagendes Weibchen allerdings nicht als solches wahr, vermuten sie doch, dass es nur auf der Suche nach dem Partner ist, der vermutlich bei den Schrauben steht. Die Weibchen aber wittern, dass die mögliche Konkurrentin allein lebt und beginnen ihr Revier, sprich ihren Partner, zu markieren. Der Blick wird ungestüm, der Griff um den Arm des dazugehörigen Männchens fester. Und wäre es nicht gesellschaftlich verpönt, würden die Weibchen ihren Partnern in die Arme springen, sich unsittlich an ihnen schubbern und dem allein umherstreifenden Weibchen zurufen: „Verpissdisch! Meins!“

Was aber mag im Kopf des allein umherstreifenden Weibchens vorgehen, wenn es sich in so ein gefährliches Revier wagt? Trachtet es wirklich den anderen Tieren nach dem Leben oder gar dem Partner? Gelten die suchenden Blicke tatsächlich den Männchen oder doch nur einer Tube Holzleim und einer Dose „Buntlack seidenmatt“ in dunkelblau? Das ist eines der großen Geheimnisse im Menschenreich, die wir wohl nie lösen werden.


Hauptsache, er steht*

*Meine Besucherzahlen gehen zurück und ich versuche nun, die Leser mit sexuell zweideutigen Überschriften zu ködern.

Ich habe endlich einen Weihnachtsbaum, und er ist schief. Das war so nicht geplant, aber es ging irgendwie nicht anders. Schuld am schiefen Baum bin natürlich nicht ich, sondern ein alter Mann. Und das kam so:

Ich wollte eigentlich schon vor einer Woche einen Baum kaufen, aber die Verkäufer vorm Möbelschweden waren unfreundlich und die Nordmanntannen zu teuer, sodass ich erst heute im Baumarkt um die Ecke zuschlagen konnte. Ich hatte dabei einen festen Plan: Mir nichts von einem dämlichen Verkäufer aufschwatzen zu lassen und keine Nordmann-Tanne zu kaufen, sondern lieber eine Blaufichte.

Das mit dem Verkäufer klappte auf Anhieb, denn im Weihnachtsbaum-Abschnitt des Baumarkts gab es keinen. Alles mit Selbstbedienung, dafür an jedem Baum ein eigenes Preisschild, so mag ich das. Allerdings sahen die Blaufichten ein bisschen sehr krüppelig aus. Es gab sowieso nicht mehr allzu viele schöne Bäume, denn ich war wohl doch schon ein bisschen spät dran mit dem Weihnachtsbaumkauf. Und die Bäume, die noch schön waren, waren zu groß für meine Wohnung. Endlich fand ich dann doch noch einen, hielt ihn hoch, sah ihn von allen Seiten an und wollte ihn schon wieder wegstellen, als neben mir jemand sagte: „Der ist doch schon von unten schief, Kind.“ Neben mir stand ein älterer Herr, der mich mit ebenso gönnerhafter wie besserwisserischer Miene ansah. Klar – Baumkauf ist Männersache, und da ich offenbar keinen dabei hatte, muss natürlich so ein alter Sack die Rolle des Fachmanns übernehmen.

Nun passiert aber folgendes, wenn mich so ein alter Besserwisser „Kind“ nennt und mir gönnerhaft sagen will, was ich zu tun habe: Ich bringe den Herrn zunächst mit einem Blick zum Schweigen und tue dann das Gegenteil von dem, was er geraten hat. Sprich, ich kaufte den Baum, der schief war und den ich eigentlich nicht haben wollte. Weil ich dieses Verhalten von alten Männern hasse – und diesen „Ich-erklär-dir-armer-Frau-mal-die-Welt-Ton“. Ich will nicht „Kind“ genannt werden von Typen, die ich nicht kenne. Ich will nicht ungefragt Ratschläge bekommen. Ich will meine Ruhe! Ich bin schon groß, Himmel Arsch.

Ich habe also aus Trotz einen schiefen Baum gekauft, den ich eigentlich nicht hatte haben wollen, ihn zu Hause aufgestellt (und er steht dank des patentierten Ständers trotzdem gerade, ätschbätsch!) und geschmückt. Und er sieht zau-ber-haft aus!

So war also der alte Mann Schuld daran, dass ich nun einen schiefen Baum habe. Eine Nordmanntanne übrigens.