Altes Problem, neue Dimension

Ich weiß, wie vermutlich jeder, der nicht dabei war, nicht, was genau in der Silvesternacht in Köln, Hamburg oder Stuttgart passiert ist. Ich weiß nicht, ob die Täter wirklich alle einen Migrationshintergrund haben, ich weiß nicht, wie viele es waren und wie genau sie vorgegangen sind. Dazu will ich mich auch gar nicht äußern. Aber Tatsache ist ganz offensichtlich, dass an diesen Orten, in dieser Nacht, schlimme Dinge passiert sind, sexuelle, gewaltsame Übergriffe auf Frauen und Mädchen. Die Details kann ich nicht klären, das ist auch nicht meine Aufgabe. Zu sagen habe ich aber dennoch einiges zu dem Thema.

Damals, als ein #Aufschrei durch die Twitter-Welt ging, habe ich mich ja bereits zu den Themen „Sexuelle Übergriffe“ oder „Sexismus“ geäußert, zum Beispiel hier und hier. Und deswegen wundere ich mich grad auch. Zum einen erstaunt mich – auf positive Weise – dass den Opfern der Silvesternacht geglaubt wird. Das ist nach wie vor nicht selbstverständlich, denn im Allgemeinen wird den Frauen zumindest eine Teilschuld zugeschoben oder eine fiese Anmache abgetan als „na ja, jeder flirtet halt anders“ und „stell dich mal nicht so an“. Deswegen ist es ein großer Schritt nach vorne, dass die Opfer dieses Mal wohl tatsächlich ernstgenommen werden. Wenn ich jetzt ganz böse wäre, würde ich unterstellen, dass es vielen gut in den Kram passt, dass die Täter der Silvesternacht Berichten zufolge „nordafrikanisch“ oder „arabisch“ aussahen. Da kann man ein bisschen auf den Ausländern oder Flüchtlingen rumprügeln und die ganze Sache zu einem Problem machen, das seinen Ursprung in einem anderen Kulturkreis hat, anstatt sich an die eigene Nase zu fassen und zu schauen, ob nicht vielleicht auch in Deutschland und bei Deutschen bei diesem Thema gehörig was schief läuft. Denn machen wir uns nichts vor – wie das fantastische Satiremagazin extra 3 postete: „Nicht Ausländer, sondern Arschlöcher belästigen Frauen.“

Was mich noch erstaunt, ist, dass das Thema so große Wellen schlägt. Natürlich hatten die Angriffe der Silvesternacht eine völlig neue Dimension und „Qualität“ – aber wieso zur Hölle sind auf einmal alle so erstaunt, dass etwas passiert ist, was für die Hälfte der Bevölkerung mehr oder weniger zum Alltag gehört? Jeden Tag werden Frauen sexuell belästigt, vergewaltigt, blöde angemacht oder „nur“ wegen ihres Geschlechts benachteiligt. Das kann doch jetzt nicht wirklich jemanden überraschen? Den #Aufschrei vor ziemlich genau zwei Jahren schon vergessen? Ach nein – der kam ja von sexuell frustrierten Frauen, die nicht wussten, wie sie mit harmlosen Komplimenten umzugehen hatten.

Ich möchte noch mal kurz ein paar Beispiele geben: Ich wurde von fremden Männern in der U-Bahn betatscht, von einem Mitschüler sogar im Religionsunterricht, in einem Park von einem Wildfremden, dem ich nicht mal die Hand hätte geben wollen, „gebeten“, sein Ding anzufassen, einer anderen U-Bahn beim Aussteigen als „fette, alte Fotze“ beschimpft, weil ich mich nicht unterhalten wollte. Das. Ist. Alltag. Für. Frauen.

Da kommt mir der Ratschlag der Kölner Oberbürgermeisterin, doch einfach eine Armlänge Abstand zu anderen Menschen zu halten, gerade recht. Das war sicher gut gemeint, aber der Rat ist auf so vielen Ebenen doof, dass ich gar nicht weiß, wo ich anfangen soll. Als ich mit 20 von einem Frotteur in der Stuttgarter U-Bahn begrapscht wurde, war diese Bahn so voll, dass keine Chance bestand, jemanden nicht zu berühren. Bei dem Gedränge am Kölner Hauptbahnhof oder auf dem Kiez ist das manchmal genauso schwierig, weil es da echt voll ist – gerade zum Jahreswechsel. Zum Zweiten rückt dieser Hinweis Frauen mal wieder in die Rolle der Mitschuldigen – die haben sich ja sicher alle selber an die Angreifer rangeschmiert, die wollten das ja vielleicht so. Und aufreizend angezogen waren sie sicher auch (so wie ich in Jeans und BVB-Trikot, als mich der Typ im Park bat, ihn unsittlich zu berühren). Und zum Dritten: Wieso bringt man nicht endlich mal den übergriffigen Männern bei, sich anständig zu benehmen, anstatt den Frauen, die sich nichts zuschulden haben kommen lassen, zu raten, absurde Regeln zu befolgen? Wer jemandem weh tun will, tut das im Allgemeinen auch. Egal, was der andere für Klamotten trägt oder wie er oder sie sich sonst benimmt. Das Opfer ist nicht schuld. Punkt.

Wenn die Vorfälle von Köln, Hamburg und Stuttgart nun dazu beitragen, dass Frauen endlich zugehört wird, ist das das einzig halbwegs Gute daran. Dass immer erst so massiv etwas passieren muss, ist dagegen scheiße.

Einen hab ich noch

Na, geht Euch das Thema schon auf den Zeiger? Gut.

Da möchte ich doch gerade noch mal die Gelegenheit nutzen, ein paar dumme „Argumente“ auseinanderzunehmen, die ich im Rahmen der Sexismus-Debatte gehört hab. Falls jemand dachte, ich hätte in meinem letzten Artikel alles gesagt – da kennt ihr mich aber schlecht. Hömma.

1. Och, darf man Euch Frauen denn jetzt gar keine Komplimente mehr machen? Gar nicht mehr so ein bisschen flirten?

Doch, das darf man, Ihr Vollpfosten und Vollpfostinnen. Jetzt tut mal nicht so, als könntet Ihr nicht zwischen einem netten Kompliment oder einem freundlichen Lächeln und einer sabbernden, unflätigen Anmachen unterscheiden. Ihr kennt die Grenzen sehr wohl, stellt Euch mal nicht dümmer dar, als Ihr seid.

Es gibt da jemanden in meinem Umkreis, der mir immer sagt, wenn ihm etwas gefällt, das ich anhabe. Das ist sehr lieb, und ich freue mich jedes Mal darüber. Der Mann ist liiert, hat Kinder, es wird nie was zwischen uns laufen. Er ist trotzdem nett zu mir (warum auch nicht, zum Teufel!), aber nie schmierig. Das geht. Man braucht halt nur ein Hirn dazu.

2. Aber Frauen sind auch sexistisch!

Ja, sind wir. Und? Fühlt sich das gut an? Nein? Ach! Deswegen wäre es schön, wenn wir einfach alle höflich zueinander wären.

3. Die Aktion #Aufschrei macht doch Frauen erst zu Opfern.

Nein. Sie bietet nur ein Forum dafür, sich zu äußern, zu erinnern, öffentlich zu machen, worüber viel zu lange geschwiegen wurde. Sie macht Frauen deutlich, dass sie nicht allein sind mit ihren Erfahrungen, dass sie kein Einzelfall sind. Das ist für viele eine neue Erfahrung. Man sollte das nicht kleinreden oder als „Einzelfälle“ abtun. Ein Fall ist ein Einzelfall, Zehntausende wohl bedauerlicherweise ein gesellschaftliches Problem.

Und um die große Philosophin Buffy Summers zu zitieren: „Ich habe Schlachten verloren, aber niemand hat mich je zu einem Opfer gemacht.“

4. Wehrt Euch doch einfach, meine Güte!

Tun wir ja auch. Aber wäre es nicht schön, wenn man sich gar nicht erst wehren müsste? Wenn alle nett und höflich miteinander umgingen?
Im Übrigen finde ich, dass #Aufschrei auch eine Art von sich wehren ist – warum findet Ihr das denn alle doof?

5. Man kann die Männer doch sowieso nicht ändern.

Ach so. Und deswegen sollen wir Frauen uns ändern, locker machen, den Stock aus dem Arsch nehmen? Uns in der U-Bahn und im Religionsunterricht betatschen lassen? Ach so. Nicht mit mir, vegesst es.

Und um noch ein Zitat zu bringen, das, wenn ich mich recht erinnere, aus einer Damenbekleidungswerbung stammt, als Frauen in der Werbung nicht hysterisch kreischten, wenn der Paketbote ankam: „Ich hab doch nicht sprechen gelernt, um jetzt den Mund zu halten.“

Und zuguterletzt möchte ich gern noch ein kleines Gedankenspiel bringen:

Wir stellen uns mal vier Situationen vor, Politiker und Journalisten abends spät an der Bar, es ist wohl schon Alkohol geflossen.

  • Rainer Brüderle sagt einer jungen Journalistin, sie könne ja sicher auch ein Dirndl ausfüllen.
  • Ursula von der Leyen* sagt einem jungen Journalisten, dass sein Gemächt in einer Lederhose sicher gut aussähe.
  • Claudia Roth* sagt einer jungen Journalistin, deren Oberweite sähe sicher in einem Dirndl gut aus.
  • Peer Steinbrück* sagt einem jungen Journalisten, dass dessen Gemächt sich in einer Lederhose sicher gut machte.

Drei davon sind wahlweise ziemlich schräg, seltsam, unprofessionell und irgendwie unangemessen, oder? Warum also sollen wir uns über das vierte „mal nicht so aufregen“?!

*Namen willkürlich gewählt. Ich entschuldige mich für die Bilder.

Stellt euch mal an!

Sind Frauen, die sexuelle Übergriffe erleben, Opfer? Selbst schuld? Zu sexy angezogen? Mit zu wenig Selbstbewusstsein ausgestattet? Zu empfindlich?

Sind Frauen, die Sexismus benennen, unentspannt? Untervögelt? Frigide Zicken, die keinen Mann abkriegen? Nervtussis? Männerhasserinnen?

Man könnte diesen Eindruck gewinnen.

Auf Twitter und in anderen Foren geht es gerade vermehrt um Sexismus im Alltag, Übergriffe und Gewalt gegen Frauen. Viele von ihnen schildern, in welchen Formen sie Sexismus, Belästigungen und sexuelle Übergriffe erlebt haben. Und ich weiß nicht, was ich schockierender finde: die geschilderten Erlebnisse oder wie manch andere User auf die Schilderung der Erlebnisse reagieren.

Als ich anfing, die Beiträge auf Twitter zu lesen, dachte ich noch: „Uff, gut, dass mir sowas noch nicht passiert ist.“ Aber nicht im Sinne von „Diese Frauen sollen sich alle mal nicht so anstellen“, sondern eher im Sinne von „Bis hierhin Glück gehabt.“ Denn ich habe keine Zweifel daran, dass all diese Geschichten wahr sind, dass Frauen täglich sexuell belästigt werden, dass ihnen Chancen aufgrund ihres Geschlechts verwehrt werden, dass ein Mann meint, die Frau habe es doch nicht anders gewollt, weil sie doch diesen kurzen Rock getragen habe. Zum Thema „Nicht anders gewollt“ empfehle ich übrigens „Lucky“ (auf Deutsch „Glück gehabt“) von Alice Sebold, eines der mutigsten Bücher, das ich je gelesen habe. Sebold schildert darin ihre Vergewaltigung und wie sie damit fertig wurde. Lest das mal und sagt dann noch „Die hat das doch so gewollt“.

Und weil ich mit Twitter nicht so richtig warm werden, hier meine Beiträge zum Thema:

  • Der Mitschüler im Religionsunterricht, der mich (damals 13) angrapschte, mir Fragen zu meiner körperlichen Entwicklung ins Ohr flüsterte und dem ich in der zweiten Stunde mit Ansage eine langte, dass es nur so flatschte.
  • Der Religionslehrer, der daraufhin MIR entsetzt sagte, Gewalt sei keine Lösung und nicht mal ansatzweise auf die Idee kam, das meine Backpfeife nur die Antwort auf eine andere Art von Gewalt gewesen war.
  • Die ältere Dame, die mir (damals 16) beschied, Abitur sei ja für Mädchen wohl nicht so wichtig.
  • Der Frotteur in der rappelvollen Stuttgarter U-Bahn, den ich (damals 20) loswurde, indem ich instinktiv meine große Klappe gebrauchte und ihm laut sagte, er solle seine Hand dahinstecken, wo keine Sonne scheint, und der daraufhin an der nächsten Station mitten im Nirgendwo ausstieg.
  • Der Typ, der mich (so Mitte 20) in der Disko ständig antanzte und anrempelte, bis ich ihn wie einen jungen Hund, der in die Ecke gekackt hatte, im Nacken packte und sagte, beim nächsten Mal würde er sich eine fangen.
  • Die „Freundin“, die daraufhin meinte, ich (!) solle woanders peinlich sein.
  • Jeder Anrufer in der Zeitungsredaktion, der, wenn er mich am Telefon hatte, „einen Redakteur“ zu sprechen verlange oder von mir einen Termin für einen „der Herren“ wollte, weil ich als Sekretärin ja sicher Einblick in die Kalender hätte.
  • Jeder Besucher, der in die Redaktion kam, keinen „der Herren“, sondern nur mich sah und fragte: „Ist denn keiner da?“
  • Der Typ, der mich (Anfang 30) nicht einstellen wollte, obwohl er meine Bewerbung ganz toll fand. Aber er habe nun mal einen Mann für den Posten gewollt.
  • Der Therapeut, der mir nach fünf Minuten sagte, ich sei selber Schuld, wenn man mich so behandele. (Die Hintergründe kennen der betreffende Mann und ich , der Rest geht keinen was an. Es war aber kein Übergriff, der Typ war und ist nur eine arme, feige Wurst.)

Alles nicht so schlimm? Weil nichts wirklich Schlimmes passiert ist? Weil ich mich ja offensichtlich schon immer gut wehren konnte? Mag sein. Ich habe alles überlebt, vieles vergessen oder zumindest verdrängt, ich kann mich wehren, habe beruflich gesehen heute eine Stelle, die die von damals um Längen schlägt und bin privat sehr glücklich und zufrieden. Aber ich habe mich im jeweiligen Moment trotzdem wahlweise schuldig, beschmutzt, hilflos oder wütend gefühlt. Da kann mir heute gern jemand sagen, dass das doch alles nicht so schlimm war, die Gefühle, die ich damals hatte, waren wahr. Und niemand hat das Recht, ihnen die Berechtigung abzusprechen. Meine Grenzen sind meine Grenzen, ich bestimme, was ich lustig finde. Und wenn ein Thema solche Wellen schlägt, wurde es offenbar höchste Zeit, drüber zu sprechen.

Und was wäre denn gewesen, wenn ich  mich bei den körperlichen Geschichten nicht so gut hätte wehren können? Wenn mich aus dem Gebüsch drei Männer gleichzeitig ansprängen, käme ich mit Backpfeifen auch nicht weit. Und was dann? Pech gehabt? Selbst Schuld, weil ich zu dicht an Gebüschen lang gehe?

Aber alles in allem passieren mir solche Geschichten nicht wirklich oft; keine Ahnung, warum. Wahrscheinlich wirklich Glück und Zufalle. Ich will mich auf keinen Fall auf eine Stufe stellen mit Frauen, denen richtig schlimme, köperlich und seelisch kaputtmachende Dinge passiert sind und die unter Aufwendung von bewundernswerter Energie und Kraft aufstehen, weitermachen und kämpfen.

Jetzt denken sicher einige: „Die macht ja auch Sport, zieht sich nicht  aufreizend an, ist selbstbewusst, strahlt halt was aus, was übergriffige Männer abschreckt und hat eben genug Selbstbewusstsein und Kraft, mit Sexismus fertig zu werden.“ Das mag sein – aber das wirft alle anderen Frauen in die „Selbst-Schuld-Kiste“, die keine Kugeln durch die Gegend stoßen, gerne kurze Röcke tragen und zarter aussehen als ich. Und das wäre doch wohl Bullshit. Lernt das endlich!

Das Dümmste, was ich in diesem Zusammenhang gelesen habe, war aber nicht auf Twitter, sondern in einer anderen Online-Diskussion. Da stellte sich eine Frau hin und sagte, Sexismus mache nichts mit ihr, weil sie ja ein ach so gesundes Verhältnis zu ihrem Körper und zudem ein gefestigtes Selbstbild habe. Da könne ihr das alles nichts anhaben. Und alle anderen hätten eben große Probleme mit sich selbst, wenn sie damit nicht klar kämen. Ja, danke auch. Das hilft sehr in der Diskussion. Genauso wie der beleidigte Aufschrei „Aber ihr blöden Frauen seid doch auch sexistisch!“

Ich fordere keine weibliche Solidarität,weil ich nichts davon halte, per se alle Frauen toll zu finden und alle Männer scheiße. (Ich weiß, das meinen die meisten nicht, wenn sie weibliche Solidarität einfordern. Aber wir kriegen nun mal keine Gleichberechtigung, wenn wir weiter in „männlich“- und „weiblich“-Schubladen denken. Kleine Jungs und Männer sind auch manchmal arme Säue.) Stattdessen wäre es schön, wenn alle mal das Hirn einschalten und Mitgefühl zeigen mit Menschen, denen schlimme Sachen widerfahren sind. Und nicht immer dieses „Stellt euch doch nicht so an!“ oder „Sind die Weiber doch selbst schuld!“ Leuten, die sowas absondern, möchte ich gerne Folgendes sagen: Was für arme Würstchen seid Ihr eigentlich?! Je älter ich werde, desto mehr verachte ich Leute, die andere nicht mit Respekt behandeln. Ihr kotzt mich an, ganz ehrlich. Weil Ihr keinen Arsch in der Hose habt, weil Ihr nicht den Mut habt, Euch mit eigenem Fehlverhalten auseinander zu setzen, weil Ihr ganz kleine Leuchten seid und so beschränkt, dass Ihr dafür eigentlich ein Schild um den Hals tragen solltet, damit man ganz langsam und deutlich  mit Euch spricht, weil Ihr es ja sonst nicht peilt.

Also: Verdammte Scheiße, stellt Euch an!