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Mann für einen Tag

Da schreibt eine junge (haha) Frau, die so rein karrieremäßig nicht mehr ganz unten in der Nahrungskette steht, unter dem Hashtag #MannfuereinenTag sinngemäß in etwa folgenden Tweet „Nicht sofort gefragt werden, ob mein Chef da sei, obwohl ich die leitende Redakteurin bin.“

Weil es nämlich kolossal nervt, wenn man nur ans Telefon geht und für eine Tippse gehalten wird, die keine Ahnung hat. Weil es nervt, wenn zwei Minuten, nachdem man jemandem am Telefon was erklärt hat, der Apparat des männlichen Kollegen neben einem klingelt, der der betreffenden Person alles noch mal wortwörtlich genauso erklärt. Weil es nervt, dass Kollegen, die erst zwei Jahre da sind für kompetenter gehalten werden als die Frau, die die Abteilung vor zehn Jahren mit aufgebaut hat.

Was passiert als Nächstes? (Ach ja, um die Sache spannend zu machen, enthält der Tweet dummerweise ein „N“ an einer Stelle, an die es nicht gehört.)

Zwei Frauen faven den Tweet (Yes, sisters, I know you feel me).

Ein Mann, der keine Follower hat und erst einen Tweet geschrieben hat, antwortet: „Bei solchen Tweets kein Wunder, dass man Ihnen die Position nicht zutraut.“

Ein anderer Mann schreibt: „Als leitende Redakteurin wissen Sie ja sicher, dass das eine „N“ da nicht hingehört.“

Ein dritter Mann schreibt: „In der Position und dann so in Watte gepackt? Wie passt das denn zusammen?“

Es gibt Tage, an denen ich so was kalt lächelnd mit der witzigsten, besten, ironischsten Antwort kommentiere, die jemals auf Twitter veröffentlich wurde und denke: „Leckt mich doch am Arsch, ihr hohlen Kackbratzen. Genau wegen Spacken wie euch brauchen wir Feminismus, und wir werden gewinnen.“

Heute ist nicht einer dieser Tage. Heute hab ich nur den Tweet gelöscht und die Deppen blockiert.

Manchmal ist man halt schon am Anfang eines langen Weges erschöpft.


Heimat ist nicht nur ein Ort

Wo bin ich eigentlich zu Hause? Wo ist meine Heimat? Hamburg? Lippstadt? Der Yukon? Hawai’i? Bei meinen Eltern? Bei meinen Freunden? Auf diesen Fragen hab ich neulich während einer vierstündigen Autofahrt rumgekaut, die mich von Hamburg nach Lippstadt brachte. Auslöser war die Frage einer Kollegin, ob ich jetzt Feierabend hätte und nach Hause führe. Ich sagte: „Wenn ich mal nur nach Hause müsste – aber ich muss ja heim.“ (Das „muss“ bezog sich dabei nur auf die Tatsache, dass ich 300 Kilometer über die Autobahn gondeln musste, nicht darauf, nach Lippstadt zu fahren – darauf freute ich mich sehr, nur nicht auf die Fahrt.)

Ich stand während der Fahrt im Stau, es regnete wie Sau, vor mir gewitterte es schaurig-schön – genug Zeit zum Nachdenken. Leider nicht genug Zeit, um eine Antwort zu finden.

Ich habe mich schon an so vielen Orten zu Hause gefühlt – oder neben so vielen Menschen. Das bringt eine Biografie heute eben so mit sich. Als ich neulich von meinem Besuch zu Hause berichtete, fragte mein Chef, ob ich nicht irgendwann wieder nach Westfalen zurück wolle – wegen meiner Familie, wegen meiner Borussia und überhaupt. Ich dachte kurz drüber nach und sagte dann: Nein. Ich werde ja bis zur Rente wohl nicht aus Norddeutschland weggehen. Und dann ist die Frage, wie es in meiner Heimatstadt aussieht – wer wird von der Familie noch da sein, von den Freunden? Der beste Cousin von allen und sein kleines rothaariges Mädchen ganz sicher noch, die älteren Verwandten nur noch mit sehr viel Glück. Mein Elternhaus werde ich alleine nicht halten können – und ich will auch gar nicht. Vielleicht ist die beste Lippstädter Freundin dann noch da. Und auch wenn das eine schöne Vorstellung ist, bei ihr auf der Terrasse zu sitzen, Kaffee zu trinken und irgendwas wie „Runter vom Rasen!“ zu brüllen – ich sehe mich nicht mehr in Lippstadt.

Es ist für ein paar Tage schön da, und hätte ich nach dem Volontariat dort eine Stelle bekommen, wäre ich noch immer da und vermutlich auch als Lokalredakteurin glücklich. Aber jetzt ist es mir zu klein, vielleicht auch zu provinziell. Das klingt sicher arrogant, dabei könnte ich mir durchaus vorstellen, mal auf dem Land oder wieder in einer Kleinstadt zu leben. Bloß nicht in einer, in der mir früher so viele Leute gesagt haben, was ich alles nicht schaffen und werden kann. Hamburg dagegen – hier hatte ich immer das Gefühl, dass ich fast alles kann. Mein Chefredakteur in Lippstadt wollte mich nicht, meine Chefin in Hamburg hat mich zur Redakteurin vom Dienst in Festanstellung gemacht – mit einem Arsch voll Verantwortung und einem Haufen Untergeb… Kollegen, die alle machen müssen, was ich sage. (Dass sie es nicht immer tun, macht mein Leben so aufregend und lebenswert.)

Das ist jetzt vielleicht ein blödes Beispiel, aber der Job in Hamburg war nun mal der Ausweg aus der Arbeitslosigkeit, die mich beinahe an allem hätte verzweifeln lassen. Und Hamburg ist eben Hamburg (hier Herzchen einfügen). Ich habe mich von Anfang an hier zu Hause gefühlt – in der Stadt, bei den Menschen, in der Nähe zum Meer und überhaupt.

Aber was ist mit all den schönen Orten, an denen ich in Urlaub war? Die Strände von Maui, Vancouver, Dublin, die kanadischen Rockies – Orte, an denen das Herz so groß wird, dass man ganz tief Luft holen muss, um nicht vor Glück zu platzen? Orte, an denen man, obwohl man vorher noch nie da war und die man bald wieder verlassen wird, weiß, dass man dort auf eine ganz bestimmte Art hingehört?

Und muss Heimat denn immer ein Ort sein? Für mich ist Heimat auch da, wo ein Herrengedeck für mich bereitgestellt wird, ohne dass ich das bestellen muss.

Vielleicht lautet die Antwort auf die Frage nach meiner Heimat ganz einfach: Ich habe viele Heimaten – und ich bin sehr dankbar dafür, dass es so ist.


Was soll, kann, muss ich tun?

Eigentlich steht ja hier schon alles – und zwar viel besser, als ich es jemals ausdrücken könnte. Aber so zwei, drei eigene Gedanken muss ich nun doch noch loswerden.

Der feige Anschlag auf die Redaktion von „Charlie Hebdo“ in Frankreich hat mich fassunglos gemacht. Ich kann noch immer nicht begreifen, dass jemand für etwas, das ich als eines unserer wichtigsten und richtigsten Kulturgüter erachte, nämlich die Presse- und Meinungsfreiheit, sterben muss. Dass Kollegen hingemetzelt werden, weil sie sich  nicht verbiegen lassen, weil sie nicht klein beigeben, sich nicht den Mund verbieten lassen, weitermachen, weil sie das, was sie tun, für richtig halten. Das mögen manche für blöd, leichtsinnig und irre halten, ich bewundere das. Und ich überlege, ob ich das auch getan hätte.

Ich muss nicht lange überlegen – ich weiß, dass ich feige wäre. Zu feige.

Und dennoch – ich weiß, dass ich etwas tun muss. Irgendwas. Ich muss was tun, damit die Idioten und Arschlöcher da draußen nicht gewinnen, wie ich ja hier vor nicht allzu langer Zeit schrieb. Aber wenn mein Leben in Gefahr wäre, würde ich vermutlich die Beine in die Hand nehmen und rennen. Oder eben schweigen. Töten ist eine neue Dimension. Damit komme ich nicht klar.

Aber eigentlich will ich etwas tun und etwas sagen. Ich kann doch nicht zulassen, dass etwas, woran ich neben der Presse- und Meinungsfreiheit noch glaube, nämlich das Recht aller Menschen auf ein friedliches Leben in Freiheit und ohne Angst, in Gefahr gerät, weil ein paar durchgeknallte Idioten beschließen, dass sie das, was sie für richtig halten, mit Waffengewalt und Terror durchsetzen müssen.

Aber was kann ich tun? Was soll ich tun? Was muss ich tun?

Muss ich mich zum Beispiel mit diesen Pegida-Idioten auseinandersetzen, obwohl ich doch weiß, dass man deren verqueres Weltbild mit guten Argumenten und Worten nicht geraderücken kann? Soll ich mich an denen abarbeiten, oder lasse ich sie stehen wie ein ungezogenes Kind, das im Supermarkt einen Tobsuchtsanfall bekommt und nur Aufmerksamkeit will? Hilft es eher, wenn ich diesen Vollpfosten ständig und andauernd Paroli biete, oder ist das zu viel der Aufmerksamkeit? Andererseits – wenn ich nichts tue, gewinnen diese Bewegungen vermutlich noch viel mehr Anhänger, weil wir Guten es versäumt haben, verirrte Seelen auf der Suche nach Orientierung (oder einem Feindbild, je nach dem) frühzeitig vom falschen Weg abzubringen. Aber wenn wir früh genug ansetzen, gibt es vielleicht eine Chance. Denen die Bretter vom Kopf zu reißen, die sowieso schon vernagelt sind – das wird schwer. Aber vielleicht können wir dafür sorgen, dass sie nicht noch allzu viele andere Leute auf die dunkle Seite ziehen. Das muss doch zu schaffen sein.


Enthüllungen

„Das ist ja alles schön und gut, was du da machst, aber du müsstest dich doch mal woanders hin orientieren. So Enthüllungsjournalismus, die ganz großen Geschichten aufdecken und so. Leuten auf die Füße treten, damit die mit Infos rauskommen, weißte?!“

Nee, weiß ich nicht. Ich weiß nicht, warum ich meinen Job, den ich ziemlich gut mache und der sinnvoll ist, auf einmal scheiße finden sollte, nur weil auf einer Party einer meint, was ich mache, sei langweilig.

Denn mal abgesehen davon, dass es nicht langweilig ist – Dinge wie „Enthüllungsjournalismus“, „die ganz großen Geschichten“, „Leuten auf die Füße treten“ sind einfach nicht mein Ding. Ich kann das nicht, und ich will das nicht. Manche finden das sicher geil, mit dem Gefühl nach Hause zu gehen, den Tag über etwa zehn Leuten auf die Füße getreten und Statements aus ihnen herausgepresst zu haben. Ich finde das nicht geil, ich kriege davon Magenschmerzen. Ich schreibe ja heute kaum noch beruflich, aber als das noch der Fall war, kam gern mit den Leuten, über die ich schrieb, gut aus und ging auch gern ein wenig auf deren Wünsche ein. Dann standen mir diese Leute nämlich vielleicht mehr als einmal für eine Geschichte zur Verfügung. Das ist für mich keine Arschkriecherei, das ist eine Art von Professionalität, für die ich mich nicht zu rechtfertigen gedenke.

In meinen Zeiten als Lokaljounalistin gab es manchmal ziemlich krude formulierte Polizeimeldungen. Bei Nachfragen bei der Polizei empfahl es sich, immer freundlich nachzuhaken, vielleicht mal einen kleinen Scherz zu machen – und schon bekam man (wenn auch mit dem Zusatz „Aber das haben Sie nicht von mir“) die fehlende Info nachgeliefert. Bei einem Termin mit der Feuerwehr habe ich es mal geschafft, dass der Einsatzleiter seine Jungs extra das Wasser noch mal anstellen ließ, weil ich erst an der Brandstelle eintraf, als das Feuer schon gelöscht war. „Und sonst sieht das Foto ja nach nichts aus; wir machen Ihnen da mal ein bisschen Action!“ Und wenn ich den Jungs das Bild anschließend als Ausdruck noch mal zukommen ließ, wurde ich beim nächsten Treffen mit „Ach, Frau Konradi ist wieder da, wie schön. Brauchen Sie noch Infos? Hier ist eigentlich abgesperrt, aber kommen Sie man durch!“ So hab ich gearbeitet, und so hab ich gerne gearbeitet.

Klar hab ich auch mal über kontroverse Geschichten geschrieben, mit denen nicht immer alle Seiten zufrieden waren. Da gab es böse Anrufe und Briefe – aber in keinem der Fälle war mir vorzuwerfen, dass ich unsauber recherchiert hätte oder jemandem auf die Füße getreten sei. Einmal beschwerte sich eine Frau nach einem Artikel darüber, dass ich auch die Gegenseite zu Wort hatte kommen lassen. Das passte ihr nicht, war aber nun mal nicht zu ändern. So was lass ich mir dann gern vorwerfen, weil ich damit nur Leute ärgere, die eh einen Knall haben und mit denen ich mich nicht weiter befassen muss.

Klar waren Geschichten über Hühnerzüchter damals nicht die ganz große Nummer. Aber sie haben mir Spaß gemacht. Und wenn man sich mal auf die kleinen Geschichten einlässt, merkt man, dass die auch ganz schön spannend sein können.

Ich bewundere es durchaus, wenn jemand die ganz großen Sachen macht, Klüngeleien aufdeckt und auch mal den richtigen Leuten auf die Füße tritt. Das ist wichtig. Aber es ist nicht mein Ding. Das sollen die Leute machen, die das gut können. Ich kann andere Sachen gut, und das ist weder langweilig noch weniger wert.


Ich will nicht nachtreten, aber …

Vor zwei Monaten hab ich etwas getan, was ich nicht mehr für möglich gehalten hätte: Ich habe einen festen Arbeitsvertrag unterschrieben. Wenn ich nicht gerade goldene Löffel klaue oder dem Intendanten auf dem Flur Beinchen stelle, muss ich in diesem Leben nie wieder eine Bewerbung schreiben. Das fühlt sich alles sehr richtig an. Ich mache meinen Job gut, ich mache ihn gern, was ich tue, ist sinnvoll, und ich habe noch dazu furchtbar nette Kollegen. Manche Tage sind aufregend, weil es, wenn man mit Live-Fernsehen zu tun hat, eben manchmal aufregend ist. Manche Tage sind langweilig, da kann man sich dann von den aufregenden Zeiten erholen und sich frisch machen für den nächsten aufregenden Tag, der sicher kommen wird. Ich sage es noch mal und werde auch nicht müde, es zu betonen: Das fühlt sich alles sehr richtig an, und ich bin (abgesehen von der 380-Kilometer-Entfernung zum Dortmunder Stadion) genau da, wo ich sein will.

Man hat mir vor sieben Jahren vorgeworfen, ich hätte mich für den falschen von zwei angebotenen Jobs entschieden. Das hat mich damals schon gewundert, weil ich schon damals gesagt hatte, dass ich mit der neuen Aufgabe glücklich bin, aber sei’s drum. Und was den anderen Kritiker angeht: Ja, man muss durchaus Redakteurin sein für das, was ich tue.

Jetzt, da die Chancen noch einmal um ein Vielfaches gesunken sind, dass ich jemals wieder für die Zeitung in meiner Heimatstadt schreiben muss, juckt es mich in den Fingern, ein paar Sachen rauszuhauen, die sich damals dort abgespielt haben. Aber es wäre ja schlechter Stil zu erzählen, dass drei oder vier Jobs an mir vorbeivergeben wurden, obwohl ich mir nach dem Volontariat noch als Freie für einen Hungerlohn den Arsch aufgerissen habe und sofort hätte anfangen können. Dass ich die Jugendseite auf Vordermann bringen sollte und mir dann, als es soweit war, dass ich das Ding zweimal in der Woche hätte erscheinen lassen können, sagte, ach nein, das sei aber nun doch nicht gewünscht. Dass diese Jugendseite dann eingestellt wurde, ohne dass sich der Chef jemals dazu herabgelassen hätte, mir das persönlich anstatt über die Volontäre mitzuteilen. Dass hinter meinem Rücken über mich geredet wurde, weil ich als eigentlich Arbeitslose ja den ganzen Tag nur in der Redaktion herumhing und den Arbeitsplatz blockierte (was sicherlich richtig war – aber ich konnte nicht zu Hause rumhängen und mir die Decke auf den Kopf fallen lassen, wenn ich wusste, dass es einen Ort gibt, an dem ich unter Menschen sein und mich zumindest ansatzweise produktiv fühlen konnte). Das alles könnte ich schreiben, wenn es in meiner Natur läge, nachzutreten. (Kleiner Scherz. Habt Ihr gemerkt, ne?)

Vielleicht sollte ich nur noch eins sagen: Das oben Beschriebene fehlt mir. Kein Stück.

(Was mir fehlt, sind die drei, vier netten Kollegen, zu denen ich aber auch immer noch auf die eine oder andere Weise Kontakt habe und mit denen ich gerne ein paar Takte rede, wenn wir uns zufällig wo treffen. Das will ich nicht unter den Tisch fallen lassen. Es war ja früher auch nicht alles schlecht.)