Archiv der Kategorie: Humbug

Gefühle aus zweiter Hand

Ich weiß, keine Trolle füttern, aber dieser Kommentar ist nicht nur eloquent und freundlich, er ist meines Erachtens auch eine direkte Aufforderung an mich, sich noch mal einen abholen zu dürfen.

Es soll hier gar nicht darum gehen, wie traurig das Leben solcher Menschen sein muss, dass sie sich bemüßigt fühlen, einem Frechheiten ins Blog zu schreiben, die sie einem niemals ins Gesicht sagen würden, weil sie zu feige dafür sind. Gottes Tiergarten ist groß, auch solche muss es geben und ich habe großes Mitgefühl mit so armen, kleinen Würstchen.

Nein, der Kommentar wirft so viele Fragen auf, dass ich einfach nicht davon loskomme.

„Was geht in Ihrem Leben schief, dass Sie intensive Gefühle nur Second Hand über das Hilfsmittel Fußballverein ausleben können?“, heißt es da.

Ich bin ja immer bereit, in mich zu gehen und an meiner verkorksten Persönlichkeit zu arbeiten, aber hier lässt mich die gute Frau leider ein bisschen im Regen stehen. Ich armes kleines Naivchen hatte ja bisher nicht mal ansatzweise geahnt, dass meine Gefühle nur aus zweiter Hand stammen könnten. Was mache ich denn da jetzt nur? Fußball gucken auf keinen Fall, das ist ja nur ein billiges Hilfsmittel, vorgeführt von Leuten, denen ich total egal bin.

Ich zermartere mir schon seit Tagen das Hirn, wie ich wohl endlich Gefühle aus erster Hand empfinden kann. Eine Freundin von mir erzählte mir neulich von einer Reise, die sie bald machen wird, und ich habe mich sehr für diese Freundin gefreut. Aber darf ich das überhaupt? Mich für jemand anders freuen? Nein, bestimmt nicht. Da geht es ja nicht um mich, ich nehme ja nur die Freundin als Hilfsmittel, das soll ich ja nicht mehr.

Damit fallen leider auch noch ganz viele andere Sachen weg, bei denen ich bisher Freude oder Ärger oder was auch immer empfunden hab. Als meine Mutter Deutsche Meisterin im Diskuswerfen wurde, hab ich mich auch so gefreut. Oder als Björn Otto in London eine Medaille geholt hat. Als meine Firefly-DVD endlich ankam, war ich ganz außer mir vor Freude. Als mein Cousin sein kleines rothaariges Mädchen geheiratet hat, hab ich sogar vor Freude geweint (nur ganz kurz und auf coole Art natürlich). Als mir neulich eine Kollegin pampig und respektlos antwortete, war ich ziemlich ärgerlich. Angesichts des Fährenunglücks in Korea war ich geschockt und traurig. Wenn ich schöne Musik höre, macht sich oft ein Wohlgefühl in mir breit. Wenn ich ein schönes Buch lese, bin ich manchmal sogar richtig glücklich. Wenn ich mit guten Freunden (und ja, ich hab tatsächlich welche, was man ja angesichts meiner verkrüppelten Persönlichkeit gar nicht meinen sollte) unterwegs bin und dann noch Alkohol im Spiel ist, bin ich oft total lustig. Wenn mir komische Leute dämliche Kommentare ins Blog schreiben, rege ich mich gelegentlich und etwa fünf Sekunden lang auf. Wenn ich einen Text schreibe und mir eine schöne Formulierung einfällt, freue ich mich und lächel sogar manchmal vor Zufriedenheit. Und als mich Borussia Dortmund das erste  Mal retweetet hat, hab ich sogar den ganzen Tag gegrinst. (Davon, was ich gemacht hab, als die Benachrichtigung kam, dass mir der BVB nun auf Twitter folgt, wollen wir mal gar nicht reden.)

Aber was davon ist denn nun echt? Gar nichts?! Mir scheint, ich bin total abhängig von Hilfsmitteln, um mich als Mensch fühlen zu können. Musik, Alkohol (pfui Teufel!), Schreiben, Freunde, immer wieder dieser böse Sport und der BVB, dem ich egal bin, das ist doch schlimm. Wie empfinde ich denn nun Gefühle aus erster Hand? So hilf mir doch endlich jemand!*

*Aber kommt mir jetzt nicht mit Kinderkriegen oder so. Der Zug ist abgefahren, danke.


350 Emotionen in zwei Stunden

Seit heute früh weiß ich wieder, warum ich schon seit Monaten nicht mehr samstagsmorgens in der Stadt war: der emotionale Overkill macht mich fertig. Zwischen 10 und 12 bin ich durch folgende Gefühlwallungen gegangen (Auswahl):

Im Bodyshop stellt die Verkäuferin fest, dass ich mir ein Geschenk aussuchen kann, weil ich zum vierten Mal mit meiner Kundenkarte einkaufen war und ein Monat ohne „R“ ist. Oder so. In jedem Fall muss ich mich innerhalb von Sekunden entscheiden, was ich noch für einen Artikel dazukaufen möchte: Ich empfinde totale Überforderung.

In der Handarbeitsabteilung im Karstadt versuchen 30 alte Damen, mich aus der Abteilung zu mobben, weil ich nicht in die Zielgruppe passe und sicher nur deswegen in der Stoffabteilung rumstöbere, um irgendwas Illegales zu tun: Ich kämpfe mich durch die alten Schabracken durch und empfinde wachsende Aggression.

In der Zeitschriftenabteilung gibt es alles, nur nicht das, was ich suche: Mich übermannt eine gewisse Frustration.

Im der Klamottenabteilung entdecke ich eine neue Problemzone meines Körpers: Meine Oberarme passen in keines von diesen komisch geschnittenen T-Shirts. Und wenn doch, sehe hich darin aus wie ein Preisboxer. Kann man mögen, mus man aber nicht. Ich empfinde eine Mischung aus Verzweiflung, weil ich in diesem Sommer Rollkragenpullis tragen muss, und Freude darüber, dass das Krafttraining noch immer Wirkung zeigt.

Zurück auf der Straße unterhalten sich an der Ampel zwei geklonte Tussis über irgendetwas Ungeheuerliches, sagen aber dazu nur „Wiekannmannur, wiekannmannur, wiekannmannur“. Da ich nie erfahren werden, wer da was genau getan hat, werde ich wütend. Und weil die Tussis Stimmen haben, die mir förmlich das Trommelfell zerfetzen.

In der Kassenschlange in der Drogerie will ein alter Sack an mir vorbei, sagt das aber nicht, sondern fasst mir vertrauensvoll an die Hüfte. Sofortiges Einsetzen grausamster Tötungsfantasien.

Auf dem Nachhauseweg im Bus das, was mich in letzter Zeit immer öfter vom Busfahren abgehalten hat: Übelkeit.

Und jetzt gerade, das ich das alles noch mal durchlebe, fühle ich mich sehr, sehr müde.


Es muss Frühling sein

Hab im Wald schon den ersten Bären gesehen.


Träum weiter!

Uh oh.

Ich bin bis obenhin voll mit Labskaus und den Erzeugnissen edler hanseatischer Braukunst und fühle neben zu viel Luft das Bedürfnis in mir aufsteigen, mich genau jetzt, mitten in der Nacht, mit den ganz großen Fragen des Lebens auseinander zu setzen. Es sollte mich vielleicht jemand davon abhalten, betrunken zu bloggen.

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Tja. Zu spät.

Neulich unterhielt ich mich mit einer Freundin über Lebensträume und wie scheiße es ist, wenn einer zerpölatzt. (Das „ö“ gehört da selbstverständlich nicht hin, aber ich treffe erstens die Tasten nicht mehr und finde zweitens, dass das Wort so viel hübscher aussieht.) Der Traum, von dem meine Freundin meinte, dass er meiner sei, war aber sowas von überhaupt nicht meiner, so dass ich unweigerlich darüber nachdenken musste, was denn nun eigentlich mein Lebenstraum ist.

Womit wir bei den großen Fragen des Lebens wären, die mir meistens dann durch den Kopf gehen, wenn dieser leicht benebelt ist: Warum hat jedes blonde Dummchen, das keine Ahnung vom Gebrauch des korrekten Genitivs hat, eine eigene TV-Show, ich aber nicht? Wann ruft mich endlich Florian David Fitz an? Oder Max von Thun (ich bin nicht wählerisch)? Warum stürzen sich meine Pflanzen regelmäßig in suizidaler Absicht aus dem Topf? Wann repariert die %&§#*+~-Hausverwaltung endlich die kaputte Steckdose in meinem Wohnzimmer? Wieso freut man sich, wenn Babys rülpsen, findet das bei erwachsenen Menschen (mir) aber abstoßend? Wird meine Mastercard je genehmigt? Warum kann ich das „Dschungelcamp“ ertragen, „Die Alm“ aber nicht? Habe ich eigentlich einen Lebenstraum? Wenn nein, brauche ich einen? Oder wenn ja, welcher ist das? Fragen über Fragen und nicht genug Alkohol auf der ganzen Welt, um sie jemals abschließend zu klären. Tragisch, das.

Erst dachte ich ja nach dem Gespräch mit meiner Freundin, ich hätte keinen Lebenstraum, sondern lebte nur still, leise, heimlich und zufrieden einfach so vor mich hin. Bis mir klar wurde, dass ich nicht nur den einen, großen Traum habe, sondern viele kleine. (Was vermutlich auch ganz gut ist, denn wie stünde ich da, wenn ich nur einen Traum hätte und der dann zerpölatzte?)

Meine Träume im Einzelnen:

Ich wollte als Kind unbedingt Englisch lernen. – Well, I did it.

Ich wollte Abi machen und studieren. – Hab ich gemacht.

Ich wollte Redakteurin werden. – Bin ich. (Eine besondere Genugtuung, nachdem meine Deutschlehrerin mal meinte, ich könne das nicht.)

Ich wollte mal weiter als 10 m stoßen. – Geschafft.

Ich wollte ein Buch schreiben. – Jawoll.

Ich wollte nach Irland reisen. – Erledigt. (Und das, ohne auch nur einen Pfennig dafür zu bezahlen.)

Ich möchte abends strunkelig nach Hause kommen, mich im Schlafanzug bloggenderweise vor den Rechner setzen, dabei Journey hören und noch ein Bier trinken können, ohne dass jemand rumnölt, dass sich das nicht gehöre. – Hey ho.

Ich würde gern mal bei Deutschen Meisterschaften starten. – Krieg ich noch hin. Und wenn nicht, hab ich einen anderen Plan in der Hinterhand.

Ein weiterer großer Traum wird sich in etwa drei Wochen erfüllen, und vermutlich werde ich heulen wie ein kleines Kind, wenn es endlich soweit ist.

Ich würde also sagen, ich stehe ganz gut da mit meinen Träumen. Vermutlich liegt das daran, dass all dies Träume waren/sind, an deren Erfüllung ich selbst den allergrößten Anteil hatte. Ich will nicht sagen, dass man komplett im Arsch ist, wenn man die Erfüllung seiner Träume komplett an einen anderen Menschen hängt, aber es fühlt sich einfach um so vieles besser an, wenn man mit seinem eigenen Einsatz und in eigener Verantwortung etwas erreicht. Die Krise, die ich vergangenes Jahr durchzustehen hatte, lag vor allem darin begründet, dass ich mein Glück von jemandem abhängig gemacht hatte, der nicht das Schwarze unter meinen Fingernägeln wert war. Ein Fehler, der mir hoffentlich nicht noch einmal unterläuft. Aber diese Krise, wenn sie überhaupt zu was gut war, hat mir gezeigt, dass es neben meiner Familie und einer Handvoll guter Freunde nur einen Menschen gibt, auf den ich mich verlassen sollte. Mich. Darauf ein weiteres Erzeugnis edler hanseatischer Braukunst.

Die wichtigste Frage von allen aber harrt (haart?) weiter einer Antwort: Warum liegen meine Haare eigentlich immer nur dann perfekt, wenn ich alleine zu Hause bin?


Expeditionen ins Menschenreich

Auf unserer Suche nach dem Sinn des Lebens und des Menschseins begeben wir uns heute in ein geheimnisvolles und gefährliches Revier. Wir gehen in den Baumarkt.

Der Baumarkt ist das natürliche Revier der Männchen der menschlichen Spezies. Hier können sie Karohemden tragen, eine mangelhafte körperliche Ausstattung mit überlangen Zollstöcken kompensieren, an Holz schnuppern und in einem Haufen Schrauben wühlen. Vor allem aber können sie hier ganz Mann sein, denn Weibchen fühlen sich im Baumarkt in den allermeisten Fällen unwohl. Nur selten stößt man im Baumarkt auf ein allein umherstreifendes Weibchen, das keinen verwirrten Gesichtsausdruck zur Schau trägt.

Die meisten der im Baumarkt anzutreffenden Männchen gehören zur Klasse der „Macher“. Sie tragen mit Malerflecken beschmutzte Hemden, Schuhe mit Stahlkappen und Schweißflecken unter den Armen, die anderen Männchen signalisieren sollen: Ich bin hier der geilste Heimwerker, mein Bohrer ist der längste. Wäre es nicht gesellschaftlich verpönt, griffen sie sich ständig in den Schritt. So aber wedeln sie nur mit ausgeklappten Zollstöcken umher und messen Dinge ab, die bereits mit Maßangaben ausgezeichnet sind. Sie haben den Zettel, auf dem die zu tätigenden Einkäufe stehen und wissen genau, wo es auf kürzestem Weg zur Sanitärabteilung geht. Aus jeder Pore des Machers strömt Virilität. Und Schweißgeruch.

Das Weibchen dagegen gewandet sich für den Baumarktbesuch mit Kleidung, die in allen Belangen Imkompetenz für’s Heimwerken signalisiert: High Heels, Blümchenleggings und weit schwingende Tuniken. Es ist, als wolle das Weibchen sich des im Baumarkt umherschwirrenden Testosterons mit möglichst mädchenhafter Kleidung erwehren und den Männchen zeigen, dass es keinesfalls in ihren Revieren zu wildern gedenkt.

Die meisten Weibchen im Baumarkt gehören zu einem Männchen und zeigen das auch, denn allein wären sie in dieser für sie so feindlichen Umwelt verloren. In seltenen Fällen kann man einen Vorgang beobachten, der den Forschern aufgrund seiner Seltenheit Rätsel aufgibt und der als „Emanzipation“ bezeichnet wird. Gelegentlich lässt sich nämlich beobachten, dass ein Männchen einen Wagen erbeutete Holzlatten, Farbeimer und Werkzeuge zur Kasse trägt, alles unter großer Anstrengung auf das Band legt und auch wieder in den Wagen einräumt – während das Weibchen mit einem kleinformatigen Stück Plastik den Bezahlvorgang übernimmt. Was genau diese Verhaltensweise zu bedeuten hat, bedarf eingehenderer Forschungen.

Normalerweise aber lässt sich bei einem zusammen durch den Baumarkt laufenden Paar Folgendes beobachten: Während das Männchen mit weit ausgreifenden, gemächtschonenden Schritten den Wagen mit den erbeuteten Baumaterialien schiebt, hält sich das Weibchen krampfhaft an der Hand des Männchens fest. Wird das Paar trotzdem einmal getrennt, irrt das Weibchen so lange nervös herum, bis es seinen Partner wieder gefunden hat. Dabei stößt es laute Rufe aus, die das Männchen anlocken sollen. „Heinz-Hermann!“ – „Erwin!“ – „Hans?!“ – allerdings hört das Männchen in den allermeisten Fällen nicht, weil es damit beschäftigt ist, mit anderen Männchen im Gang mit den Schrauben die Schweißflecken unter den Achseln zu vergleichen.

Sollte nun aber der seltene Fall eintreten, dass im Baumarkt ein Weibchen auftaucht, das nicht nur allein durch die Welt streift, sondern auch selbst auf der Jagd nach Baumaterialien ist, macht sich Unruhe im Revier breit. Denn ein alleinlebendes Weibchen verschiebt die Achse des Baumarktes, die wohl geordnete Welt dort gerät ins Wanken. Die Männchen nehmen ein alleinjagendes Weibchen allerdings nicht als solches wahr, vermuten sie doch, dass es nur auf der Suche nach dem Partner ist, der vermutlich bei den Schrauben steht. Die Weibchen aber wittern, dass die mögliche Konkurrentin allein lebt und beginnen ihr Revier, sprich ihren Partner, zu markieren. Der Blick wird ungestüm, der Griff um den Arm des dazugehörigen Männchens fester. Und wäre es nicht gesellschaftlich verpönt, würden die Weibchen ihren Partnern in die Arme springen, sich unsittlich an ihnen schubbern und dem allein umherstreifenden Weibchen zurufen: „Verpissdisch! Meins!“

Was aber mag im Kopf des allein umherstreifenden Weibchens vorgehen, wenn es sich in so ein gefährliches Revier wagt? Trachtet es wirklich den anderen Tieren nach dem Leben oder gar dem Partner? Gelten die suchenden Blicke tatsächlich den Männchen oder doch nur einer Tube Holzleim und einer Dose „Buntlack seidenmatt“ in dunkelblau? Das ist eines der großen Geheimnisse im Menschenreich, die wir wohl nie lösen werden.