Müssen wollen

Zu wenig ehrgeizig sei ich, ich müsse doch beruflich noch weiter vorankommen wollen, das Bisschen, was ich leiste, sei nicht genug, das könne ja jeder und ob ich denn aus meinem Leben nichts machen wolle, sagte mir neulich jemand, als ich erzählte, was ich beruflich so mache.

Mal abgesehen davon, dass derjenige überhaupt nicht beurteilen konnte, was ich den lieben langen Tag bei der Arbeit so alles leiste, denke ich seitdem drüber nach, wie unterschiedlich man offenbar den Begriff „Ehrgeiz“ auslegen kann. Und wie verschieden man den Stellenwert des beruflichen Vorakommens bewerten kann. Und ein bisschen sauer bin ich auch.

Ich finde, ich hab beruflich bereits einiges geschafft – aus einer unbedeutenden Lokalklitsche nach Hamburg zum NDR, dort Leitende Redakteurin in Festanstellung. Wer hätte das schon gedacht, als ich bei den Kaninchenzüchtern in Marburg meine ersten Pressetermine als kleine freie Mitarbeiterin gemacht hab? Ich finde es ziemlich dreist, mir absprechen zu wollen, dass das eine gute Leistung war.

Aber jetzt, mit 45, ist es vielleicht auch erst mal gut. Darf ich nicht einfach froh über das bisher Erreichte sein? Ich ruhe mich ja nicht aus, sondern mache weiterhin meinen Job bestmöglich, weil ich ihn mag und meistens auch gerne zur Arbeit gehe. Aber darf ich denn nicht zumindest eine Weile genießen, was ich bisher geschafft habe? Wenn ich mit 50 noch weiter will, hab ich immer noch Zeit. (Und nein, der große investigative Journalismus war eh nie mein Ziel, weil ich meine Fähigkeiten durchaus realistisch einschätzen kann. Andere Kollegen leisten da sehr viel bessere Arbeit, als ich sie je machen könnte. Die können aber meinen Job vielleicht auch nicht.)

So richtig will ich mir aber nicht gefallen lassen, dass ich nicht ehrgeizig genug bin. Ich hatte und habe durchaus Ziele im Leben. Ich wollte immer mal nach Kanada – das hab ich geschafft, zweimal sogar. Ich wollte nach Alaska, Hawaii, Neuseeland – hab ich alles besucht, und alles war unvergesslich schön. Ich wollte ein gutes Verhältnis zu meiner Familie, und ich glaube, das hab ich. Nach langen Jahren des Mobbings an der Schule wollte ich einen großen Freundeskreis – auch den habe ich, und er besteht fast nur noch aus Leuten, von denen ich weiß, dass sie mich genauso mögen, wie ich bin, mit allen Ticks und Macken. Ich wollte mit der Kugel über zehn Meter stoßen – das habe ich geschafft, und der Weg dahin war mit viel Fluchen, Schweiß, Tränen, Quälerei und Muskelkater gepflastert, ohne Ehrgeiz wäre das nicht zu schaffen gewesen. Ich wollte ein Buch schreiben – das hab ich getan, sogar ein zweisprachiges. Ich wollte immer so schreiben können, dass die Leser das wirklich bewegt – man hat mir glaubhaft versichert, dass ich das mit dem einen oder anderen Text hier schon geschafft hab (bis bin zum Heulen, jawoll!). Was soll ich denn noch wollen? Die wirklich wichtigen Dinge hab ich doch hinbekommen.

Und woran erinnern wir uns denn bitte am Ende? An die supertolle Untertitel-Datei für die drei Stunden lange Spielshow, die ich zum Sendezentrum nach Frankfurt geschickt habe? An endlose Meetings?

Oder vielleicht eher an laue Balkonabende mit einem kühlen Weißwein in der Hand und einer guten Freundin neben sich? An die Sonnenuntergänge auf Maui? An das unschlagbare Gefühl, als die Kugel das erste Mal über zehn Meter flog? An das erste Mal, dass ich ein Buch mit einer meiner Kurzgeschichten drin in der Hand hatte? Als der Karton mit den Belegexemplaren meines ersten eigenen Buchs ankam? An spontan am Meer verbrachte Tage? An Wind im Gesicht und Sand unter den Füßen? An Kinoabende, Theaterstücke, mit einem Buch auf dem Sofa vergammelte verregnete Sonntage?

Also ich finde nicht, dass ich diejenige bin, die hier die falschen Prioritäten hat.

Ein Gedanke zu “Müssen wollen

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

This site uses Akismet to reduce spam. Learn how your comment data is processed.