Am anderen Ende

Der letzte richtige Tag, der letzte richtige Ausflug – es fiel mir schwer, den so richtig zu genießen. Es war alles so anders – ein Tagesausflug in einem riesigen Bus mit lauter Leuten, die wir nicht kannten, einem anderen Busfahrer, dann noch einem kaputten Bus, der schon beim ersten Stopp ausgetauscht werden musste …

Und dann noch den dummen Spruch eines unserer Mitreisenden: „Ich sitz doch nicht den ganzen Tag im Bus, um so einen blöden Leuchtturm zu sehen.“ Als ob es darum ginge. Ich bin immer wieder erstaunt, wie sich Leute die ganze Welt anschauen können und trotzdem nichts vom Reisen begriffen haben. Wie geht das nur?

Aber wir wollten uns nicht ärgern, sondern diesen Tag doch irgendwie genießen. Also los.

Erster Stopp: Manginangina Kauri Walk. Manginangina ist Teil des Puketi-Omahuta-Waldes, ein Überbleibsel des subtropischen Regenwaldes, der einst fast überall im Norden Neuseelands zu finden gewesen war. Heutzutage sind nur noch drei Prozent des ursprünglichen Gebiets bewaldet – das Holz der Hunderte Jahre alten Kauri-Bäume war für neu angekommenen Siedler einfach zu gutes Baumaterial. Diese riesigen Bäume strahlen eine unglaubliche Ruhe aus und lassen einen richtig demütig werden, einfach weil sie schon so lange da sind. Die Fotos lassen leider nicht annähernd erahnen, wie groß und mächtig diese Waldriesen sind. Hier wäre ich gerne noch ein wenig länger geblieben – allein oder mit der bezaubernden Reisegruppe, auf jeden Fall nicht mit diesen ewigplappernden und kichernden Tussis, die leider zuhauf in unserem Bus waren.

Aber weiter, immer weiter geht’s auf Gruppenreise. Wir näherten uns allmählich dem nördlichsten Ende des Landes, und irgendwie schien sich der Himmel noch ein bisschen höher zu wölben als bisher.

Und dann waren wir da: Am anderen Ende des anderen Endes der Welt, fast am Ende unserer Reise, am nördlichsten Punkt Neuseelands, am Cape Reinga, wo sich Tasmanische See und Pazifischer Ozean treffen, wo die Wellen besonders wild miteinander spielen.

Stürmisch war es hier, windig, unfassbar schön.

Aber auch hier konnten wir nicht allzu lange verweilen, denn jetzt sollte es zur Te Paki Sanddüne gehen, die man auf der Fahrt schon von Weitem sehen konnte.

Vielleicht war es auch eine andere Düne, wer weiß das schon so genau. Sandig sind sie ja alle irgendwie.

Wer wollte, konnte kopfüber auf einem Brett runtersurfen.

Aber nach all den Sicherheitshinweisen, die uns der Busfahrer auf dem Weg dorthin mit an die Hand gab, hatte ich schon keine Lust mehr auf diesen Sport. Das ging den meisten so, aber immerhin einer der Herren aus unserer bezaubernden Reisegruppe vertrat uns würdig.

Moosebert hätte wohl auch gewollt, aber es gab einfach kein Brett in seiner Größe.

Danach gab es noch einen letzten Stopp, bevor wir nach Hause fuhren, und ich wäre doch wirklich sehr traurig gewesen, wenn wir den verpasst hätten: den 90 Mile Beach, der zwar nicht ganz 90 Meilen lang ist, aber doch so wirkt. Was für eine Weite, vor allem, wenn die Wolken sich im nassen Sand spiegeln und man gar nicht mehr weiß, wo oben und unten ist.

Und für besonders dramatische Effekte gab es sogar noch einen kräftigen Regenschauer.

Die Heimfahrt war vor allem eines: ermüdend lang. Eigentlich wollten wir alle nur noch schnell unter die Dusche und ins Bett, es waren einfach zu viele Eindrücke und Gedanken, die wir zu verarbeiten hatten.

Am Leuchtturm hatte es sich irgendwie so angefühlt, dass hier nicht nur unsere Reise fast zu Ende war, sondern auch noch was anderes,  was ich aber noch nicht recht begreifen kann. Und immer, wenn was endet, macht mir das auf diffuse Art Angst, selbst wenn das, was endet, was Schlechtes war. Denn immerhin kannte man das ja, und was nun kommt, so gut es sein mag, das weiß man nicht. Also versuchte ich, mich an dem zweiten Gefühl festzuhalten, das mich beschlich, nämlich dass das Ende von etwas ja auch immer der Anfang von etwas Neuem ist. Das funktionierte so lange gut, bis mir einfiel, dass ich Neues nicht ansatzweise weniger beängstigend finde.

Song of the Day:

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