Dem Glück die Luft rauslassen

Wenn ich das richtig recherchiert hab, war es Kierkegaard, der sagte: „Das Vergleichen ist das Ende des Glücks und der Anfang der Unzufriedenheit.“ Und wenn ihr schon nicht auf mich hören wollt, hört wenigstens auf den Sören.

Ja, Neuseeland scheint auf den ersten Blick viele Länder zu sein. Es gibt steinige Flussläufe, die an Kanada erinnern, Strände wie auf Maui, Berge und Hügel, die aussehen wie die auf der Isle of Skye, Geysire und heiße Quellen wie auf Island und Seen, die meinetwegen aussehen wie der Starnberger See. Aber wenn hier noch einmal einer sagt etwas Ähnliches sagt wie „Ach, schau mal, wie in Dingenskirchen“, dann ticke ich aus. Einmal ist es schon aus mir rausgeplatzt (für meine Verhältnisse noch höflich), dass man dieses ständige Vergleichen lassen soll. Unser Reiseleiter sprang mir bei und erwähnte in dem Zusammenhang noch eine andere deutsche Unart, die mir auch schon diverse Male aufgestoßen war: Das berühmte deutsche Aber. „Es ist ja ganz schön hier, aber …“ (Hier beliebigen, nicht änderbaren Umstand ergänzen, der eine an sich rundum perfekte Sache madig macht.)

Klar habe ich das auch schon gedacht, zum Beispiel als ich in Te Anau an diesem wunderschönen See saß und neben mir jemand ums Verrecken nicht aufhören konnte zu telefonieren und mich in Fantasien erging, in denen ich dem betreffenden Mitmenschen das Handy dahin steckte, wo die Sonne nie scheint. Wenn ich drüber nachdenke, endet bei mir sowieso jeder „Aber“-Satz mit „die Leute“, denn die Leute können einem schon echt viel kaputt machen. Aber ich schweife ab. Nur noch schnell die Elch-Episode zum Nachlesen, wer mag.

Wo war ich stehengeblieben? Ach ja: Jedes Land für sich IST. Es ist nicht WIE etwas anderes.

Man wird dem Land mit den ständigen Vergleichen nicht gerecht, vielleicht beleidigt man es sogar damit, wer weiß. Ich verstehe ja, dass das Gehirn in jeder Situation etwas Bekanntes sucht und Dinge gern in hübsche Schubladen einordnet. Aber hier mal ein ganz verrückter Gedanke: Man muss nicht alles, was einem im Kopf rumgeht, auch aussprechen. Man kann auch einfach mal den Mund halten. Crazy, oder?

Warum kann ich mich nicht einfach an den schönsten See aller Zeiten stellen, durchatmen, vielleicht ein Tränchen verdrücken und glücklich sein, dass ich da sein darf? Ich kann mich doch an den kleinen Wellen freuen, die ans Ufer plätschern, die Enten und Möwen, die drüberfliegen oder draufrumschwimmen, ich kann auf die Berge schauen, die am anderen Ende stehen, ich kann, wenn ich ein bisschen Zeit hab, vielleicht mal die Füße reinhalten, bis es zu kalt wird, ich kann die Wolken am Himmel anschauen, die sich mit ein bisschen Glück vielleicht im See spiegeln und dann weiterfliegen, um sich den Rest der Welt anzusehen.

Das alles kann, nein, das sollte ich machen, weil ich sonst überhaupt nicht im Moment bin und keine noch so kleine Chance habe, einen Augenblick lang rundum glücklich zu sein. Ich lasse dem Glück auf diese Art die Luft raus, bis es wie ein Ballon mit einem lauten Flatulenzgeräusch durch die Luft rauscht und als schrumplige, traurige Hülle zu Boden zu fällt.

Leider entscheiden sich Menschen viel zu oft für die weniger schöne Variante, in der man seinen Mitreisenden tierisch auf den Sender geht, indem man ständig Dinge sagt: „Kumma, dat sieht hier aus wie anne Brucher Talsperre.“

Diese Variante kann man wählen, ist dann aber kacke.

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