Schweres Thema

Nein, ich bin nicht dick. Das heißt, irgendwie bin ich es doch, aber dann auch wieder nicht wirklich. Bei meiner Hausärztin steht hinter meinen Maßen der Vermerk „prä-adipös“, aber vermutlich käme auf den ersten Blick niemand auf die Idee, mich „dick“ zu nennen. Genau weiß ich das nicht, weil ich vor langer Zeit aufgegeben habe, mich mit Menschen über meinen Körper und mein Gewicht zu unterhalten.

Man kann sich nämlich als Frau nicht mehr normal mit Menschen über sein Gewicht unterhalten, ohne dass es sehr schnell sehr anstrengend wird. (Und dabei ist es egal, ob man zu viel, zu wenig oder genau das richtige wiegt.) Beispiele? Oh, gerne.

Vor vielen Jahren fuhr ich mal mit Freunden und deren kleinem Sohn im Auto, und plötzlich rumpelten wir über Kopfsteinpflaster. „Kevin-Marcel-Pascal hoppelt!“, freute sich der kleine Sohn, und ich sah an mir runter und sagte, ohne groß darüber nachzudenken: „Hihi, und Kiki wabbelt!“ Das bereute ich innerhalb von Sekunden, denn obwohl ich das nur gesagt hatte, weil es stimmte (außer austrainierten Bodybuildern schwabbelt vermutlich jeder auf Kopfsteinpflaster) und ich es lustig fand, wurde mir ein 20-minütiger Monolog aufgedrängt, ich solle doch bitte nicht nach Komplimenten fischen, man könne mich um meinen Körper beneiden, ich sei eine undankbare Ziege, wenn ich nicht zu schätzen wisse, was ich hätte und blablabla. Sprich, es wurden mir Probleme eingeredet, die ich damals noch gar nicht hatte und mir beschieden, wie ich mich in meinem Körper zu fühlen habe, Widerworte nicht gestattet.

Das ist zehn Jahre und fünf Kilo her, und ich sehe eigentlich immer noch nicht dick aus, auch wenn ich mich heute nicht mehr so wohl in meinem Körper fühle, wie ich das mal getan habe. Das liegt daran, dass ich weniger (Wettkampf)-Sport treibe und sich alles anders anfühlt. Das heißt noch lange nicht, dass ich meinen Körper hasse oder ihn in Problemzonen aufteile, die ich trainieren muss, bis sie brennen. Ich würde allerdings wirklich gerne fünf bis zehn Kilo abnehmen, aber es funktioniert nicht. Nach einer OP im Januar, als ich endlich wieder konnte, bin ich sozusagen von 0 auf 100 gestartet. Nachdem ich vorher gar nichts hatte machen können, trieb ich von nun an jeden Tag Sport, fast einen Monat lang. Ich joggte, machte Yoga, Krafttraining, fuhr wieder mit dem Rad zur Arbeit, ging spazieren. Ich hatte gehofft, ich könnte abnehmen, aber das war nicht der Grund für den vielen Sport. Der Grund war, dass ich mich endlich wieder richtig und nicht mehr nur wie eine alte Frau bewegen konnte. Jeder schmerzende Muskel fühlte sich gut an, weil ich endlich wieder fit war. Dass mir Leute auch das madig machen wollten – geschenkt.

Aber wenn ich jemandem sage, ich würde schon gerne mal fünf Kilo abnehmen, wird sofort geschrien, aber ich sähe doch gut aus. Das hab ich zwar nie infrage gestellt, aber bitte, schreit nur. Ich würde gern abnehmen, um meine Knie und Achillessehen zu entlasten, mich besser zu fühlen und natürlich auch, um vielleicht wieder in die vielen schönen Hosen zu passen, die ich zuhauf im Schrank habe. Zurzeit fühlt sich mein Körper nicht wirklich wie meiner an, sondern als sei mein Körper unter dem einer anderen Frau versteckt, und ich komme nicht recht ran, egal, wie ich mich auch anstrenge. Es fühlt sich einfach falsch und anders an, aber es scheint unmöglich zu sein, das jemandem vernünftig klar zu machen. „Das sieht man aber nicht, dass du so viel wiegst“ (ich sehe es aber schon, und vor allem fühle ich es) bekommt man dann gesagt, als wäre das Thema damit erledigt. Man sieht nichts, also ist das zusätzliche Gewicht nicht da und deine Probleme mit Sehnen und Gelenken auch nicht?

Wenn es ums Gewicht geht, ist unsere Gesellschaft mittlerweile komplett verkorkst, scheint mir. Grund ist sicherlich zum einen der übermäßige Gebrauch von Photoshop, wenn es um Werbefotografie geht, die vielen vor allem jungen Mädchen ein komplett falsches Bild davon vermittelt, was ein richtiger Frauenarsch ist. Aber auch die Gegenbewegung, die vermittelt, dass man sich einfach nur ein bisschen mehr liebhaben muss, dann würde schon alles gut und die Welt wieder bunt werden. Das ist genauso ein Unsinn, wie sich einem fragwürdigen Schönheitsideal entgegenzuhungern, bis man jeglichen Spaß am Leben verliert.

Ich finde es wunderbar, wenn Menschen mit ihrem Körper im Reinen sind, wie auch immer dieser aussieht. Das ist sogar sehr wichtig, gerade für junge Menschen. Aber es muss doch auch noch gestattet sein, zwischendurch mal zu sagen, dass es einem mit dem einen Röllchen am Bauch grad nicht so gut geht. Ich möchte meine Kurven nicht permament umarmen und feiern, ich möchte von ihnen auch mal genervt sein dürfen. Ich bin halt lieber durchtrainiert, weil ich das von klein auf so gewohnt bin. Könnten wir uns nicht einfach Sätze wie „Deine Probleme möchte ich haben“, „Was soll ich denn dann sagen?“, „Nein, du siehst doch toll aus“ sparen?

 


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