Immer den Tölpeln nach

Eigentlich müssten ja nicht Elche meine geistigen Führer sein, sondern Tölpel – so oft, wie ich schon beim Joggen umgeknickt bin oder mir das Knie aufgeschlagen hab. Aber auf Englisch heißen Tölpel Gannets, und das klingt schon weniger nach mir. Es sei denn, in der Übersetzung „Vielfraß“, dann passt es wieder.

Was ich aber eigentlich erzählen wollte, war, dass es hier einen „Gannet Walk“ gibt, der einen zu den Felsen Les Etacs führt, einer Tölpelkolonie auf einem inzwischen ziemlich zugeschissenen Felsen. Also der Spaziergang führt einen nicht direkt dahin, denn dafür müsste man sich schon die Klippen runterstürzen. Aber man kann die Vögel zumindest zu beobachten. Also mit einem Fernglas. Das ich nicht besitze.

Die Kolonie nahm ihren Anfang wohl im Zweiten Weltkrieg. Die Bewohner Alderneys hatten die Insel aufgegeben, wenige Tage später kamen die deutschen Besatzer und kippten überall Beton hin. Es gab also keine Fischer mehr, die um die Vogelfelsen herumgeschippert wären und das bis dahin einzige Vogelpärchen beim Brüten hätten stören können. Das schien sich unter den Tölpeln herumzusprechen, und über die Jahre wuchs und wuchs die Kolonie. Heute machen die Gannets vor Alderney zwei Prozent des weltweiten Bestandes aus.

Nachdem ich das ziemlich heftige Gewitter nach meinem kleinen Stadtspaziergang heute Morgen abgewartet hatte, packte ich den Elch ein und machte mich noch mal auf den Weg. Tölpel gucken.

Der erste Marker des Wanderwegs war schon mal gut zu finden: der Madonna Stone.

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Von da aus geht es auf den Küstenweg, der einmal um die ganze Insel herumführt.Und klar: Es ist auch an dieser Ecke der Insel zum Weinen schön.

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Ich hätte eigentlich rechts abbiegen müssen, aber ich werde in diesem Urlaub nicht auf einmal anfangen, mich an vorgeschriebene Wege zu halten. Zum einen, weil mir ein sehr freundlicher Hund mit noch freundlicherem Frauchen entgegenkam, das mich sogleich in ein Gespräch verwickelte, zum anderen, weil nach links das Schild „Wildlife Bunker“ lockte. Dabei handelt es sich um einen von den Deutschen formschön (nicht) in die Heide geklotzen Bunker, der vom Alderney Wildlife Trust übernommen und mit Infotafeln zu Flora und Fauna ausgestattet wurde. Zumindest steht das so im Internet, denn auch, wenn der Bunker gesäubert und halbwegs fein hergerichtet wurde – er ist immer noch gruselig. Oder ich bin halt einfach ein alter Schisser. Sucht euch eine der beiden Möglichkeiten aus.

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Ich hab es da doch eher mit der freien Natur und dem Blick aufs Wasser.

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Wenn man dem Wanderweg ein wenig weiter folgt, kommt man allerdings nicht umhin, sich erneut mit dem dunkelsten geschichtlichen Kapitel der Insel zu befassen. Die Nazis errichteten auf Alderney insgesamt vier Lager, drei Arbeitslager (benannt nach den Inseln Borkum, Norderney, Helgoland) und ein Konzentrationslager, dem sie den Namen „Sylt“ gaben. Viel ist von allen nicht mehr zu sehen, doch die Säulen zum Eingang des KZs stehen noch.

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Ich blieb ein paar Minuten stehen, bat im Geiste um Vergebung für das, was Deutsche, die nicht wie ich in friedlicher Absicht auf die Inseln gekommen waren, den Menschen und der Landschaft hier angetan hatten, und wanderte schließlich weiter.

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Was die folgenden Bilder nicht zeigen, ist das herannahende dritte Gewitter des Tages, das in Form von ziemlich dunklen Wolken aus Richtung Jersey kam. Da das Gewitter am Mittag schon ziemlich heftig gewesen war, bekam ich ein wenig Schiss und kürzte den Weg nach Hause ab. Querfeldein, durch Matsche natürlich. Alles andere wäre ja langweilig gewesen. Statt Tölpeln sah ich stattdessen etwas weniger exotische Tiere.

Laute …

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… und leckere.

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Das Gewitter, vor dem ich hektisch geflüchtet war, kam übrigens an diesem Abend sonstwo an. Nur nicht in Alderney.


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