Olympia ist kein Bauernwettkampf

Als ich klein war und mit dem Sportverein an den ersten Leichtathletik-Wettkämpfen teilgenommen habe, brachten uns sowohl meine Eltern als auch die Übungsleiter eines schnell bei: Die Siegerehrung ist (auch laut Wettkampfordnung) Teil des Wettkampfes, man hat daran teilzunehmen, buht dabei den Gegner nicht aus (das konnten die Kinder eines Nachbarvereins immer sehr gut) und benimmt sich überhaupt vernünftig dabei, egal, wie sehr man sich im Falle eines Sieges freut oder wie groß der Frust bei einer Niederlage auch sein mag. Für mich war das immer selbstverständlich, weil ich das als Sportler von klein auf so gelernt hat. Es geht einfach darum, dass man dem Sport an sich und vor allem auch dem Gegner Respekt entgegenbringt. Ich hätte früher sonstwas gegeben, um mehr sportliches Talent zu haben. Bei mir hat es halt nur für die Westfalenmeisterschaften gereicht, und ich kann nicht mal ansatzweise ermessen, wie fantastisch es sein muss, olympisches Gold zu gewinnen und vor den Augen der Welt so etwas Wunderbares wie eine Siegerehrung mitmachen zu dürfen.

Und nun gewinnt Christoph Harting ziemlich überraschend das olympische Diskuswerfen, hampelt bei der Siegerehrung rum wie ein Kasper, verschränkt auf dem Podium die Arme, deutet ein Flöten an, feixt durch die Gegend und was weiß ich noch alles. Das habe ich dann in diesem komischen Internetz zu kritisieren gewagt und wurde plötzlich in die nationalistische Ecke gestellt, ich wolle jemandem vorschreiben, wie er sich zu freuen habe, ob ich es denn schöner gefunden hätte, wenn Harting den Hitlergruß gezeigt oder strammgestanden hätte und was weiß ich noch alles. Interessant dabei: Leute, die selber mal Sport getrieben haben oder Sport treiben, haben genau verstanden, was ich meinte. Im Übrigen hat sich Christoph Harting ja inzwischen entschuldigt, also ist die Sache abgehakt und vergessen. Aber denjenigen, deren Sport vor allem aus dummen Kommentaren und der schönen Disziplin „Alles ins Lächerliche ziehen“ vorm Fernseher besteht, würde ich gerne noch mal erklären, warum mich Hartings Verhalten so gestört hat.

Die meisten gingen davon aus, dass es mich als Journalistin quasi persönlich beleidigt hat, dass Harting sämtliche Interviewanfragen ablehnt und dass ich ihn deswegen doof finde. Dazu kann ich nur sagen: Das ist mein geringstes Problem. Kein Athlet ist meines Wissens dazu verpflichtet, den Medien vor oder nach dem Wettkampf Rede und Antwort zu stehen. Wenn Christoph Harting sagt, ihn lenkten Interviews vom Wettkampf ab und er sei generell niemand, den es mit Statements vor die Kamera ziehe, ist das völlig legitim. Und wenn er schon mal schlechte Erfahrungen mit den Medien gemacht hat, kann ich seine Entscheidung noch mal so gut verstehen.

Aber wenn jemand bei der Siegerehrung so herumhampelt, ist das für einen Sportler so, als würde der Bräutigam bei der Hochzeit vor lauter überbordender Freude in die Kirche pinkeln. Das mag man nun lächerlich finden oder doof, aber es ist so. Da bin ich humorlos bis zur Spießigkeit und stehe dazu. Es gibt einfach für gewisse Situationen gewisse Verhaltensmaßregeln. Im Übrigen habe ich nie irgendwo geschrieben oder gesagt, dass bei der Siegerehrung jemand mit den Händen an der Hosennaht steht und bitte schön laut die Nationalhymne mitsingt. Und zwischen Feixen, Rumhampelei und Händen an der Hosennaht gibt es ja wohl auch noch eine ganze Menge. Ich erwarte lediglich, dass jemand bei der Siegerehrung wenige Minuten still stehen kann, um auch dem Gegner eine schöne und würdevolle Zeremonie zu ermöglichen. Möglich, dass man nach so einem Wettkampf dermaßen voller Adrenalin ist, dass einen das daran hindert, rational zu denken. Aber der Dritte im Diskuswerfen, der Wattenscheider Daniel Jasinski, hatte auch zum ersten Mal eine olympische Medaille gewonnen, und konnte sich benehmen.

Wie Hartings Kaspereien beim Zweitplatzierten, dem Polen Piotr Małachowski, angekommen sein mögen, kann ich mir gar nicht vorstellen. Da hat man jahrelang diesen Robert Harting vor der Nase, der einem regelmäßig im letzten Versuch den ersten Platz wegschnappt. Dann ist dieser Harting verletzt, man führt lange, gestattet sich vielleicht schon den Gedanken an einen Sieg, je weiter der Wettkampf voranschreitet, da zieht der kleinen Bruder dieses Harting plötzlich die gleiche Nummer ab, haut im letzten Durchgang eine fantastische Weite raus und gewinnt. Wäre ich Małachowski, wäre mir das Feixen Christoph Hartings bei der Siegerehrung wie ein Schlag ins Gesicht vorgekommen. Ein Schlag, der mit Sportlichkeit oder ehrlicher Freude nichts zu tun hat. (Oder mal ein anderes Szenario: Stellen wir uns nur mal vor, Małachowski hätte sich bei der Siegerehrung so benommen. Da wäre das Geschrei aber wieder groß gewesen.)

Denn eines sollten wir nicht vergessen: Nicht nur der Erstplatzierte steht bei der Siegerehrung auf dem Podest, da stehen auch noch zwei andere. Zwei andere, die ebenfalls mindestens vier Jahre für diesen Wettkampf gearbeitet haben, sich sicherlich durch harte Zeiten, Schmerzen, vielleicht Verletzungen, Motivationslöcher gequält haben und für die dieser eine Moment der Siegerehrung so vieles wieder wettmacht – und vielleicht auch zum Weitermachen motiviert, wenn man Rücktrittsgedanken im Kopf hatte. Nicht umsonst sagen Viertplatzierte bei großen Events, denen nachträglich wegen eines Dopingfalls unter den drei Ersten noch eine Medaille zuerkannt wird, fast allesamt etwas Ähnliches: Danke für die nachträgliche Medaille, aber den Moment der Siegerehrung kann mir niemand mehr wiedergeben.

Denn das ist eine Siegerehrung, nicht mehr und nicht weniger: ein würdiger und feierlicher Moment, in dem man Applaus und Aufmerksamkeit bekommt, in dem eine hervorragende Leistung gewürdigt wird. Von mir auch könnte man da auch die Olympische Hymne spielen und nicht die Nationalhymne, darum geht es mir überhaupt nicht. Es geht mir darum, dass da jemand nicht nur für sich selbst, sondern auch für seine Gegner einen schönen Moment zerstört hat. Sich bei der Siegerehrung angemessen zu benehmen, hat einfach etwas mit sportlicher Fairness zu tun.

(Und wer nun immer noch nicht verstanden hat, dass es mir um Liebe zum Sport und Respekt gegenüber dem Gegner geht und nicht um Liebe zum Deutschtum, könnte ja einfach mal den Text lesen, den ich vor diesem Blogbeitrag hier veröffentlicht habe.)


3 responses to “Olympia ist kein Bauernwettkampf

  • Petrolgrau

    Hätten wir bei Wettkämpfen (immer diese regionalen Kinderwettkämpfe im Turnen und ich war ja immer nur als Notnagel dabei, falls die 15 Ersatzleute vor plötzlich umfallen würden) so ein Gedöns gemacht, hätte uns der Trainer nach Hause geschickt.

    Was Du schreibst, trifft genau den Gedanken der Fairness, der dahinter steht: Arbeit, harte Arbeit, die belohnt wird. Es ist nur ein ganz kurzer Moment der Ehrung, den Sportler für jahrelanges Schuften erhalten. Und den mit Rumkaspern kaputt zu machen, ist respektlos.

    Man stelle sich einen Angestellten vor, der vier Jahre lang jeden Tag Überstunden macht, ein großes Projekt vorbereitet, sein Privatleben vernachlässigt und weiß, dass dieses Projekt beim Vorstand Aufmerksamkeit bekommt, wenn alles gut läuft. Die Karriere hängt davon ab. Und dann ist am Tag der Präsentation sogar der Vorstand da und alles läuft perfekt und der Angestellte ist super drauf – und vorne im Raum sitzt der direkte Kollege und zeigt dem Nachbarn lustige Tiervideos auf dem Smartphone.

    Ich finde einfach, dass wir viel zu viel Grenzüberschreitungen tolerieren im Namen von „bleib mal locker“ oder weil man nicht als „Spießer“ gelten will. Wie früher in der Schule, wenn es Kinder gab, die „pssst“ zu den Störern gesagt haben, weil sie lernen wollten – und dafür in der Pause Schläge kassiert haben, weil sie Streber wären.

    Werte wie Anstand und Höflichkeit gehen verloren, weil niemand als Spielverderber dastehen möchte. Und wenn es jemand macht, muss er sich vor denen rechtfertigen, die noch nicht mal wissen, wie Höflichkeit geschrieben wird, geschweige denn gelernt haben, wie es funktioniert.

  • Lesenswerte Links – Kalenderwoche 33 in 2016 > Vermischtes > Lesenswerte Links 2016

    […] weiß: Olympia ist kein Bauernwettkampf und schreibt über den Diskuswerfer Christoph Harting. Saffti sagt: Bloß nicht anders sein. Und […]

  • Wheelie

    Hallo Kirsten,
    ich habe dich für den Liebster Award nominiert! :-) https://justdisabled.wordpress.com/2016/08/21/liebster-award-nr-2/

    Ich freue mich schon sehr auf deine Antworten! :-)

    Liebe Grüße,
    Wheelie

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