Die Zeiten, in denen wir leben

Die Zeiten seien schlecht, sagen die einen. Es gehe alles den Bach runter, sagen andere. Wir hätten zu viele Ausländer hier, sagen Dritte. Das Problem mit den Rassisten sei gar keins, sagen wieder andere. The times they are a changin‘, sang schon Bob Dylan.

Ich weiß nicht, was stimmt, aber ich weiß, dass wir in Zeiten leben, die mich nachdenklich machen. Und manchmal machen sie mir auch Angst. Meistens machen sie mich traurig.

Vergangene Woche waren der beste Freund und ich in Berlin, um uns vom großen alten Mann des Grump ’n‘ Roll auf der Waldbühne bis zum Anschlag durchrocken zu lassen. Das tat der alte Mann auch nach allen Regeln der Kunst, und so waren wir voller Musik, voller Liebe, voller Bier, voller „Rockin‘ in the free world“, als wir nach dem Konzert die Arena verließen und zur Bahn liefen. Wir mussten ein paar Male umsteigen, und so landeten wir zuguterletzt in einem recht vollen Zug mit wenigen freien Plätzen. Der beste Freund entdeckte zwei freie Plätze, wir beeilten uns, so schnell es all das Bier und all die Liebe in uns zuließen, dorthin zu kommen, der junge Mann, der gegenüber saß, räumte schnell seine Tasche an die Seite, um uns Platz zu machen. Wir bedankten uns, setzten uns erleichtert hin (die freie Welt zu rocken und dabei viel Bier zu trinken, macht sehr müde) und grinsten den netten jungen Mann an.

„Hey, you guys are cool“, sagte der junge Mann. Der beste Freund und ich nickten. Wir wissen ja, wie unfassbar cool wir sind. Von Zeit zu Zeit aber ist es nett, es auch mal gesagt zu bekommen. Weil wir aber auch höflich sind, gaben wir das Kompliment zurück. Schnell gerieten wir mit dem netten jungen Mann ins Plaudern, erzählten dies und das, unser Gegenüber sagte, er komme gerade aus Magdeburg, wo er nur beschimpft worden sei, aber wir beiden seien ja super drauf und freundliche Menschen, und woher wir kämen, bei welchem Konzert wir gewesen seien, warum wir so gut Englisch könnten, und wow, Neil Young sei fantastisch, wir hätten sicher viel Spaß gehabt, woher er selbst komme?, ach, das sei nicht so wichtig, er sei „from the globe“, und stimmt, eigentlich war es auch gar nicht wichtig. Die Zugfahrt dauerte noch eine Weile, wir lachten viel und schüttelten uns mehrfach die Hände, weil wir uns spontan gern hatten, sprachen drüber, in welchen Zeiten wir leben, der beste Freund und ich entschuldigten uns dafür, dass der nette junge Mann in Magdeburg so schlechte Erfahrungen gemacht hatte, es war uns peinlich, dass man ihn dort übel behandelt hatte, wir waren uns sehr einig darüber, wie wichtig es ist, unseren Kindern beizubringen, dass im Leben vor allem Musik und Liebe wichtig sind und der Rest egal ist. Jeder darf sein, wie er ist, und er darf das sein, wo auch immer er ist. Dann ist die Welt schön für alle. Möglicherweise sprach das Bier aus uns, aber die Botschaft bleibt nüchtern dieselbe.

Schließlich erreichte der Zug den Hauptbahnhof, wir schüttelten uns ein letztes Mal die Hände, wünschten uns eine gute Reise und ein gutes Leben. Der beste Freund und ich tranken noch einen Absacker in der Hotelbar, stießen auf meinen Geburtstag an und fuhren am nächsten Tag, immer noch voller Liebe und etwas Bier, wenn auch weniger, nach Hause.

Warum ich das alles erzähle? Warum ein besoffenes Gespräch in der S-Bahn was Besonderes ist? Warum ich heute immer noch einen Kloß im Hals hab, wenn ich drüber nachdenke?

Der nette junge Mann, der uns gegenüber gesessen hatte, war dunkelhäutig.

Und nun denken wir bitte alle noch mal darüber nach, was es bedeutet, dass wir in Zeiten und in einem Land leben, in denen sich dunkelhäutige junge Männer dafür bedanken, dass man sich in einem vollen Zug ihnen gegenübersetzt, ohne sich was dabei zu denken, und sich nett mit ihnen unterhält.

Und jetzt denken wir bitte auch alle drüber nach, ob wir in solchen Zeiten leben wollen.


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