Unter der Erde

Wenn ich gedacht hatte, das German Occupation Museum und das German Military Underground Museum seien gruselig gewesen, hatte ich mir unwissentlich das Schlimmste für den Schluss aufgehoben. Willkommen im Tunnel of Horror, ähm, dem German Underground Military Hospital. Irgendwie hatte ich erwartet, auf den Bildern plötzlich Schatten oder Lichtwesen zu sehen, die ich vorher nicht wahrgenommen hatte, aber zum Glück sieht alles halbwegs normal aus. Wenn man bei solch einem Ort von „normal“ sprechen kann.

Der Bau dieses unterirdischen Krankenhauses begann im Winter 1940 und dauerte fast fünf Jahre. In Betrieb war es dann nur wenige Monate, bis der Krieg im Mai 1945 zu Ende war. Zwangsarbeiten mussten die Tunnel aus dem Fels hauen. Das Areal umfasst 7000 Quadratmeter, wenn ich es richtig gelesen hab, und es besteht aus den Tunneln, die man besichtigen kann, aber auch mehreren Meilen an unfertigen Gängen. Viele der Tunnel wurden als Munitionslager benutzt.

Schon der Eingang lässt vermuten, dass man da in eine eigenartige, dunkle Welt tritt.

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Die Tatsache, dass man vom netten Herrn am Eingang angewiesen wird, sein Ticket gut aufzubewahren und am Ausgang wieder abzugeben, damit bloß nicht einer aus Versehen in den Tunneln eingeschlossen wird, tut ein Übriges dazu, das Wohlbefinden der Besucher zu mindern. Dann tritt man durch eine geschlossene Tür, und wenn die hinter einem zufällt, ist man ganz allein in einer wirklich fremden und sehr unheimlichen Welt.

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Man stelle sich zu den folgenden Bildern fast völlige Stille vor. Offenbar war vor mir noch eine Besuchergruppe unterwegs, deren Stimmen ich ganz am Anfang meines Rundgangs von weit weg hörte, doch die Leute gingen irgendwann und ich war ganz allein in den Tunneln. Alles, was man nun hören konnte, waren der Widerhall meiner eigenen Schritte und ein ständiges Tröpfeln und Tropfen, weil die Tunnel sehr feucht sind.

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Einige der Gänge sind noch mit Betten ausgestattet. Verwundete lagen hier aber nicht lange, weil sie schon nach kurzer Zeit unter der Erde so weiß waren wie die Laken, auf denen sie lagen.

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Reste der Küche sind auch noch vorhanden:

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Es gibt mehrere Fluchttunnel, die nach oben führen, dieses ist einer davon:

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Wenn ich es recht in Erinnerung habe, handelt sich bei dem folgenden Tunnel um das Kino:

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Mit der Feuchtigkeit gab es damals auch schon Probleme, heute tropft es vor allem im Sommer an allen Ecken und Enden, während die Tunnel im Winter relativ trocken sind:

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So in etwa muss es ausgesehen haben, als die Zwangsarbeiter in den Tunneln gearbeitet haben:

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Einer der unfertigen Tunnel:

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Die einzelnen Tunnel und Räume sind durchnummeriert, der Ausgang ist an mehreren Stellen ausgeschildert, und das ist auch gut so. Man könnte sich sonst durchaus verlaufen. Man muss sich nur wenige Minuten dort unten aufhalten, und schon sieht alles gleich aus.

Ehrlich gesagt war ich froh, als ich endlich wieder draußen war. Vielleicht wäre es weniger gruselig gewesen, wenn noch andere Besucher mit mir dort gewesen wären, wer weiß. Am Ausgang erwarteten mich die unvermeidlichen zwei netten Herren, die mich natürlich gleich in ein Gespräch verwickelten. Natürlich sprachen wir auch darüber, was das für ein unheimlicher Ort ist und wie besonders die Atmosphäre in den Tunneln. Als ich meinte, ich sei ja auch ganz allein da drin gewesen, nur am Anfang hätte ich noch Stimmen gehört, sagte der eine grinsend: „Nee, das waren keine anderen Besucher, das war unser Geist.“ Hey, danke, den hatte ich noch gebraucht. Aber es kam noch besser. Der eine Herr erzählte von einem französischen Kamerateam, das in den Tunneln hatte filmen wollen. Bei mir klingelte da was, und wir stellten fest, dass ich diesem Team auch schon begegnet war – nämlich beim “La Creux ès Faïes”, der Feenhöhle, die ich vor ein paar Tagen besucht hatte. Wie der freundliche Mann wusste, arbeiten die drei wohl für ein Magazin, das sich mit übersinnlichen Phänomenen beschäftigt. Und als sie erst kurze Zeit in den Tunneln des Militärkrankenhauses unterwegs gewesen waren, hatten sich wie von Geisterhand (huhu) plötzlich sämtliche Kameraakkus  und Batterien entladen, obwohl sie vorher ganz voll gewesen waren. Auch wenn ich an meiner Kamera nichts Komisches bemerkt hatte, hätte ich auch diese Geschichte nicht gebraucht.

Der andere der beiden Herren erklärte mir dann anhand einer Karte noch netterweise den Weg zur Little Chapel, die ich mir als Ausgleich für das Hospital als zweiten Besuch für den Nachmittag ausgesucht hatte, und fügte vorausschauend hinzu: „Und falls Sie noch einen Brandy brauchen, um den Ort hier zu verarbeiten – eine Kneipe liegt auf dem Weg.“ Guter Mann.

Das Schlimmste über die Tunnel las ich aber zum Glück erst, als ich nachher im frischen Wind an der Little Chapel auf den Bus wartete: Es waren beim Arbeiten in den Tunneln natürlich auch Menschen zu Tode gekommen, denn mit Zwangsarbeitern verfuhren die Nazis bekanntlich wenig zimperlich. Die Leichen wurden aber, wie man vermutet, nicht begraben oder an einen würdigeren Ort geschafft, sondern kurzerhand in den Tunnelwänden eingemauert. Ich war also möglicherweise durch Gänge voller Leichen spaziert.


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