Zu Gast bei Monsieur Hugo

Da wohne ich nun schon zwei Wochen quasi neben Victor Hugo und habe es noch nicht einmal geschafft, bei dem alten Herrn vorbeizuschauen. Heute aber war es soweit. Hauteville House, wo Hugo zwischen 1856 bis 1870 lebte, liegt keine 50 Meter entfernt von meinem Hotel und bietet einen faszinierenden Einblick ins Leben des Schriftstellers. Ich muss gestehen, dass ich bislang noch nichts von ihm gelesen hatte, und eigentlich interessierte mich das Haus auch nicht besonders, aber wenn man schon mal da ist und daneben wohnt …

Wobei der Eintritt nicht einfach so möglich ist. Es gibt Führungen zu festgelegten Zeiten, viele auf Französisch, einige natürlich auch auf Englisch. Man muss erst mal klingeln, dann öffnet der Glöckn… äh Türwächter und teilt einem mit, wann die nächste Tour stattfindet. Ist ein passender Termin dabei, hinterlässt man seinen Namen und darf dann noch mal ums Eck gehen. Dann kommt man ein wenig vor dem mitgeteilten Termin zurück, kauft sein Ticket und wird in meinem Fall von einer hübschen Französin mit sehr bezauberndem Akzent durch das Anwesen geführt.

Und ich muss sagen: Ein Besuch lohnt sich auf jeden Fall. Das Haus ist eine Augenweide, voller exzentrischer Ideen, überbordender Dekorationen und lustiger Ideen wie Teller an der Decke und Teppichen an den Wänden. Hugo mochte es sehr, Dinge zu verdrehen und für etwas zu verwenden, für das sie eigentlich nicht gedacht waren. Anfassen darf man nichts, weil es sich noch um die Originalmöbel und -stoffe handelt. Vieles entwarf Hugo selbst.

Es war übrigens sein Glück, dass er sich dieses Haus gekauft und es nicht nur gemietet hatte. Denn im Exil sparte Hugo wohl nicht an Kritik und Spott für die englische Monarchie. Wenn man auf Guernsey aber Eigentum hat, kann man nicht ausgewiesen werden. Praktisches Gesetz.

Im Erdgeschoss ist es relativ düster, die Vorhänge sind schwer, die Stoffe dunkel, die Hölzer auch. Hugo war der Meinung, dass man nur durch die Dunkelheit ins Licht gehen könne, und so gestaltete er auch sein Haus.

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Diese Tür ist ein Beispiel für die kleinen „Twists“, die Hugo so liebte: einst Tür eines Kleiderschranks, jetzt eine ganz normale Tür.

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Hinter dem gemütlichen Sessel, den ich auch gern in meinem Wohnzimmer hätte, befindet sich übrigens eine Geheimtür. Genau wie in der Wand an der anderen Seite, wo sich eine Dunkelkammer befindet, um sich mit der damals noch recht neuen Technik der Fotografie beschäftigen zu können.

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Teller an der Decke? Warum nicht:

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In der Küche fragte einer der Teilnehmer der Führung nicht ganz zu unrecht, was denn damals aus den Wasserhähnen gekommen sei – Wasser oder Wein. Enttäuschenderweise war es nur Wasser.

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Dann ging es rauf in die nächste Etage, wo es schon ein bisschen heller wurde.

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In diesem Salon fanden gerne Gesellschaften statt, zum Beispiel für die anderen Exilanten auf Guernsey, die es nicht so mit Napoleon hatten.

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Ich glaube, der Wintergarten wäre mein Lieblingsplatz gewesen:

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Sehr nett auch, dass Teile der Bibliothek im Flur  stehen. Während der Rest des Hauses schon ziemlich drauf angelegt ist, die Leute mit offenem Mund zurückzulassen, sind die Bücher mehr so beiläufig hingestellt.

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Für den Garten gibt es eigene Touren, und so schön dieser auch ist, mit dem Garten des Hotels kann er nicht mithalten. ;-)

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Ganz oben dann, auf dem Dach, schließlich das „Herzstück“ des Hauses: das Arbeitszimmer. Hier war Hugo am liebsten allein, er musste eine enge Stiege hinauf und arbeitete dann an diesem Schreibpult im Stehen. Hier schrieb er unter anderem „Die Arbeiter des Meeres“, was ich jetzt wohl unbedingt mal lesen muss.

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Ganz ehrlich – ich weiß nicht, wie man so arbeiten kann. Ich hab vom Schreibtisch meines Hotels einen ähnlichen Blick, und ich kann da nicht arbeiten. Ich kann da nur, der geneigte Leser dieses Urlaubstagesbuchs ahnt es, sitzen und starren.

Es gibt zwar im Haus eine Etage drunter auch ein Schlafzimmer, aber das ist so opulent und mit dunklem Holz ausgestattet, dass es sich da vermutlich nicht gut schlafen lässt. Meistens also schlief Hugo auf derselben Etage wie sein Arbeitszimmer, auf diesem Bett:

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Bücher gibt es übrigens auch hier:

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Und ganz zum Schluss noch der charmante Hinweis des Hauses: Auch Victor Hugo hätte hier nicht telefoniert.

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