Durch die Stadt, in den Krieg und zurück

Mit dem Tag heute sind wir schnell fertig. Diese verdammte Erkältung nervt, aber immerhin hab ich es geschafft, an einem kleinen, aber sehr feinen geführten Stadtrundgang teilzunehmen. Mit dabei ein freundliches Ehepaar aus Gloucester, Cliff und Christine. Stadtführerin Viv begleitete uns sehr kompetent durch St Peter Port- und auch bei diesen dreien: kein komischer Blick oder gar Kommentar, als ich sagte, dass ich ganz allein für 18 Tage hier sei. „Oh, you’ve come to the right spot“, hieß es nur auf meinen Hinweis, dass ich nur wandern und meine Ruhe haben wollte. Herrlich, das.

Der Stadtrundgang dauerte etwa eine Stunde, kostete lumpige sieben Pfund und lohnte sich sehr. Einige Ecken kannte ich zwar schon, weil mein Hotel ja ziemlich günstig mitten in der Stadt liegt, aber natürlich war auch einiges neu für mich. Zum Beispiel die „Sunken Gardens„, also die „Versunkenen Gärten“.

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3 Stadtrundgang

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Oder auch die Kirche in der Stadt, die, wenn ich Viv richtig verstanden hab, im Guinness-Buch der Rekorde steht, weil es keine Kirche sonst auf der Welt oder in Europa oder in Großbritannien oder was weiß ich gibt, die näher an einer Kneipe steht. Das stimmt vermutlich, denn der Gargoyle der Kirche, sollte er mal im Sturm nach vorne kippen, schlüge direkt in der Kneipe ein.

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8 Stadtrundgang

Was ich neben vielen anderen Dingen sehr hübsch an dieser Kirche finde, ist, dass sie zu bestimmten Zeiten zu einem Café wird. Sonntags Gottesdienst, donnerstags oder wann auch immer weltliche Gespräche, lautes Lachen und Käffchen – so was gefällt mir.

9 Stadtrundgang

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Kaum wollte ich aus der Kirche wieder raus, begann es zu schiffen. Die Guernsey Tapestries hatte ich schon vorher abgehakt (kann ich nur empfehlen), also begab ich mich nun zum La Vallette Underground Military Museum und verflucht noch eins, war das gruselig. Ich hab kein einziges Foto gemacht, obwohl es vermutlich erlaubt war, aber es hat mich die ganze Zeit geschüttelt. Das Museum ist in mehreren unterirdischen Gängen angelegt, in denen die Nazis Treibstofftanks für U-Boote untergebracht hatten. In einem der Tunnel ist noch so ein Tank zu sehen, die anderen zeigen alle möglichen Dokumente, Bekanntmachungen, Plakate, Abzeichen etc. aus der fünf Jahre langen Besatzungszeit, in denen wir Deutschen hier unser Unwesen trieben.

Mit am gruseligsten war vielleicht, dass man auch alles mögliche an originalen Erinnerungsstücken dort kaufen kann. Wenn ich gewollt hätte, hätte ich diverses Gedöns mit Hakenkreuzen drauf kaufen können. Was ich selbstverständlich gelassen hab, man will ja schließlich bei der Einreise nicht den Verfassungsschutz auf dem Hals haben. Mal abgesehen von so vielen anderen Gründen.

Sehr schön aber war, dass mich plötzlich von hinten jemand ansprach: „Oh, that’s an important match tonight, isn’t it?“ Ein Familienvater hatte das BVB-Logo auf meinem Rucksack entdeckt und sagte mir gleich als Nächstes, dass sein Sohn ja Liverpool-Fan sei. Der Klein kam auch gleich an und zeigt mir das Logo auf seinem Trikot. Denn selbstverständlich trägt der hingebungsvolle Fan am Spieltrag Trikot. Wir plauderten eine Weile sehr nett, ich sagte etwas sehr Mädchenhaftes wie „ach, es soll der Bessere gewinnen“ und „wenn Liverpool weiterkommt, gewinnen wir ja wegen Jürgen Klopp auch ein bisschen mit“, wir wünschten einander erstens Glück und zweitens einen schönen Resturlaub und gingen unserer Wege. Ist so was nicht wunderbar? In einem britischen Museum, das die dunklen Jahre deutscher Besatzung dokumentiert, treffen sich eine englische Familie und eine deutsche Urlauberin und sprechen inmitten von Nazi-Devotionalien über – Fußball. (So viel auch zu dem Vollpfosten, der neulich auf Twitter über Briten nur als „Inselaffen“ sprach. In your face.) Eine kleine, aber feine und für mich irgendwie wichtige Begegnung, die mich auch Stunden später noch grinsen ließ.


One response to “Durch die Stadt, in den Krieg und zurück

  • dergrafvonborg

    Die „Inselaffen“ sind eben doch einfach genau wie „wir“ :D Und durch eine gemeinsame Leidenschaft vereint zu sein ist doch auch viel schöner, als durch einen hirnrissigen Irrsinn geteilt.

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