Kanonen und Schmugglerstrände

Mir ist ein zauberhaftes Heftchen in die Hände gefallen, Titel: „Tasty Walks Guernsey“ – 15 Touren, die man allein abgehen kann, die einen zu den schönsten Flecken der Insel führen und zu den Plätzen mit den leckersten Leckereien. Ich glaube, davon werde ich hier einige Touren machen. Für den Anfang heute hatte ich mir Teil 1 von Walk 3 ausgeguckt: „Forts, Cannons & Lookout Towers – The South Coast from St Peter Port to Fermain Bay“.

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(Klick aufs Bild vergrößert)

Laut Beschreibung eine Tour der Kategorie „Schwer“ – und ich gebe zu, ich hab ziemlich gekeucht. Zum einen, weil ich im Augenblick nichts drauf hab, zum anderen, weil ich bergauf noch nie gut konnte. Zudem hab ich mich nicht streng an den Plan gehalten, sondern bin hier und da vom Wege abgekommen, wenn eine Abzweigung vielversprechend aussah. Und ich hab das sehr genossen – einfach hingehen, wohin ich will, mich mit keinem absprechen oder mich rechtfertigen zu müssen. Außer vor Moosebert natürlich, aber der ist recht genügsam, so lange er nur getragen wird.

Außerdem hab ich das Gefühl, ich sehe mehr, wenn ich allein bin. Mit anderen muss man immer reden und kann gar nicht in Ruhe schauen. Zumindest ich kann nämlich nur eins. Entweder konzentriere ich mich auf das Gespräch oder auf die Landschaft. Wenn ich gucke, kann ich dem Gespräch nicht folgen, und wenn ich rede, werde ich der Landschaft nicht gerecht. Multitasking? Am Arsch.

Los ging’s also – vor mir Meer und Möwen, hinter mir Vogelzwitschern. Und ich sah zum ersten Mal, wie unterschiedlich die Insel aussehen kann, je nachdem, ob Ebbe oder Flut ist. Wo gestern noch Leute auf einem sehr breiten Strand entlanggingen, klatschten heute die Wellen so hoch an die Mauer, dass ich vorsichtshalber auf der anderen Straßenseite blieb, um nicht gleich zu Beginn des Spaziergangs nass zu werden.

1 Keine Ebbe

2 Keine Ebbe

3 Keine Ebbe

4 Keine Ebbe

5 Keine Ebbe

Irgendwo da unter dem Wasser müssen übrigens auch die Bathing Pools sein. Zumindest laut Karte. Da ich nichts sehen konnte, ging es weiter zur Clarence Battery, wo es eine sehr schöne Aussicht gab und die Gelegenheit, Elche in Kanonen zu stopfen.

6 Clarence Battery

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8 Clarence Battery

Am schwierigsten war es dabei, die Horden von Kindern zu umgehen, die sich plötzlich auf den kleinen Platz ergossen. Die hätten nur mit dem Elch spielen wollen und dann hätte die komische deutsche Frau erklären müssen, warum sie es nicht so gern hat, wenn fremde Kinder mit ihren klebrigen Patschehändchen an ihre Spielzeug packen. Also schnell weiter – über verwunschene und verschlungene Wege, auf denen sich hinter jeder Biegung plötzlich eine überraschende Aussicht zeigen kann.

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Aber noch viel märchenhafter präsentierten sich die Bluebell Woods, die sogar in meinem Reiseführer stehen. Und zwar mit Recht. Vermutlich leuchten die Blauglöckchen in ein paar Wochen noch dichter und intensiver, aber ich fand es auch so schon recht hübsch.

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Anschließend kam ich ein wenig vom vorgegebenen Weg ab, denn durch die Bäume hatte ich einen Friedhof gesehen, den ich gerne von Nahem anschauen wollte. Man musste einen etwas verschlungenen Weg gehen, bergauf, um die Ecke herum, noch mal bergauf und wieder runter, aber das war es wert. Was ich, bevor ich mir einen Reiseführer über die Kanalinseln kaufte, nicht gewusst hatte, war, dass die Deutschen im Zweiten Weltkrieg auch Guernsey besetzt hatten. Es gab sogar KZs hier, und überall finden sich noch Spuren der Besatzung. Zum Glück aber nur in der Landschaft, nicht in den Menschen, die sind hier alle freundlich und begegnen Deutschen ohne Ressentiments. Und so gibt es sogar diesen Friedhof (vielleicht noch mehr, aber das weiß ich grad nicht), auf dem (neben englischen Soldaten) auch 111 deutsche Soldaten ihre letzte Ruhestätte gefunden haben. Ein sehr stiller, beeindruckender Ort, an dem ich das Glück hatte, ganz allein sein zu dürfen.

16 Friedhof

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18 Friedhof

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Weiter ging es dann wieder nach Plan, vorbei an den Ozanne Steps, genau 89 Treppenstufen, die hinunter zum Meer führen. Gebaut, um einem früheren Gouverneur und seiner Frau das Baden zu erleichtern, werden sie heute vor allem von den örtlichen Fischern genutzt. Auch hier war ich wieder ganz allein. Bis auf die dreckige Socke, die jemand auf den Stufen entsorgt hatte.

20 Weg weiter

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23 Ozanne Steps

24 Ozanne Steps

25 Ozanne Steps

Allmählich hatte ich genug von diesem ganzen Rauf und Runter, aber dann war ich auch schon da. Hinter der nächsten Biegung und gefühlt weiteren 4590 Höhenmetern lag Fermain Bay. Auch bei schlechtem Wetter ein sehr schönes Fleckchen Erde. Wo vor langer Zeit Schmuggler ihr Unwesen trieben, steht heute ein Café, das aber so voll war, dass ich lieber wieder umdrehte.

26 Fermain Bay

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28 Fermain Bay

29 Fermain Bay

Also wieder zurück – und siehe da: Inzwischen war Ebbe, und man konnte genau sehen, wo die oben erwähnten Bathing Pools liegen.

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31 Rückweg

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Übrigens war am Morgen jemand hier geschwommen. Ein weiteres Indiz dafür, dass der Brite an sich nicht friert – die Soldaten, die damals in Lippstadt stationiert waren, gingen schließlich auch immer in kurzen Hosen und mit ärmellosem Shirt im Schnee joggen.

Ich musste aber jetzt sehr schnell wieder ins Hotel und mich hinlegen.


5 responses to “Kanonen und Schmugglerstrände

  • dergrafvonborg

    So sehr mir deine Reisegeschichten auch gefallen und ich ihnen gerne folge, eines wundert mich. Wieso bekomme ich sie nie im Reader angezeigt sondern erst einige Zeit später (in diesem Fall drei Tage) per Mail? In meinen Einstellungen kann ich nichts dazu finden. Ist das so beabsichtigt oder habe ich etwas falsch verstanden? Liebe Grüße

    • Kirsten

      Erst mal danke schön, das freut mich sehr!

      Und du bekommst die Beiträge nicht zu spät angezeigt – ich veröffentlichte sie nur nicht mit dem aktuellen Datum, sondern mit dem Datum, an dem sie passiert sind. :-)

      • dergrafvonborg

        Ah, dankesehr :-) dann habe ich das jetzt auch verstanden. Ich wusste nicht einmal, dass es diese Möglichkeit hier gibt.

        • Kirsten

          Ich hab das vor einiger Zeit mal entdeckt und finde es ganz praktisch, aus der Vergangenheit bloggen bzw. auch Beiträge für die Zukunft zeitsteuern zu können. Verfälscht vielleicht das Bild etwas, aber wenn man wie ich nie zu was kommt, ist es gut, dass es das gibt. ;-)

  • Hasenwein mit Elch | Kirstens Weblog

    […] Schloss erstrahlte bislang an jedem Abend in einer anderen Farbe. Nach all den Eindrücken auf der Tour heute war das schon fast zu viel. Zeit, sich einen auf die Lampe zu gießen und den Tag in Ruhe […]

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