Einen Scheiß muss ich

Wenn ich so auf 2015 zurückschaue, und ich finde, im Februar kann man das noch tun, kommt mir das ganze Jahr vor wie ein einziges Rumgezerre. Überall Genöle, Gejammer, Gejaule und ich mittendrin. Und als ich irgendwann, zum Ende des Jahres, zu verstehen gab, dass ich nicht mehr kann, wurde mir wiederum zu verstehen gegeben, dass meine Persönlichkeit nicht in Ordnung sei. Dass ich doch bitte mehr lächeln und weniger schimpfen solle, dass ich alles wegzustecken habe und gefälligst immer gut drauf zu sein hätte, egal, wer alles in meiner Bekanntschaft stirbt und wer mir all seine Negativität und seine Unzufriedenheit vor die Füße kippt und sich im Gegenzug einen Scheiß dafür interessiert, was möglicherweise bei mir grad alles so schief läuft.

Gut, ich versuchte also, mich selbst zu optimieren, gelassener zu werden, mich weniger aufzuregen, den Ärger herunterzuschlucken. Das funktionierte so gut, dass ich Sodbrennen bekam und drei Kilo in einer Woche zunahm, ohne mehr gegessen zu haben als sonst. Möglicherweise machte ich also was falsch beim Entspannen und Nichtaufregen, denn mir ging es nicht besser damit.

Und irgendwann drängten sich mir diverse Fragen auf. Wann merke ich eigentlich, dass ich fertig bin mit all meiner Selbstoptimierung? Wann bin ich endlich der Mensch, der allen passt? Ab wie vielen Idioten, deren dummes und schlechtes Benehmen ich fein lächelnd toleriert habe, bin ich gut genug? Wie oft muss ich meinen Ärger runtergeschluckt haben, wie oft meine Wut im wahrsten Sinne des Wortes in mich reingefressen haben, damit ich für die Welt lieb und nett genug bin?

Ich kann nicht anders – wenn mir alles zu viel wird, muss ich mich eine Weile zurückziehen. Je mehr Ärger und Wut ich geschluckt habe, desto mehr Ruhe brauche ich um mich herum. Ach, ich sei ja nicht mehr sozialisierbar, heißt es dann. Hurra, ein weiterer Defekt an meiner Persönlichkeit, an dem ich arbeiten muss. Ich muss lernen, mit dem Stress anders umzugehen. Aber warum eigentlich immer ich? Warum muss ich mich weniger über die Idioten aufregen? Warum können die Idioten nicht einfach damit aufhören, so idiotisch zu sein?

Je mehr ich darüber nachdenke, wie ich es schaffen kann, es jedem recht zu machen (nie aus der Haut, dafür aber an die richtigen Urlaubsorte fahren, immer ein hübsch gekleideter, stets gutgelaunter Sonnenschein sein, der Freude und Frohsinn verbreitet, ausgeglichen, freundlich, die richtigen Serien gucken, nur gescheite Bücher lesen, schöne Hobbys haben, sich immer gewählt ausdrücken, nicht rülpsen und so weiter und so fort), desto öfter kommt mir die Postkarte in den Sinn, deren Text die Überschrift für diesen Post liefert: Einen Scheiß muss ich.

Ich muss gar nicht allen Leuten in den Kram passen. Und ich will das auch gar nicht. Wenn ich etwas will, dann meine Ruhe. Ich brauche keine Kommentare zu meinem Lebensstil, meinen Reisen, meiner Kleidung, meiner Frisur, meiner Ausdrucksweise und schon gar nicht zu meiner Persönlichkeit. Ich bin ja gar nicht auf der Welt, um anderen in den Kram zu passen, potztausend!

Ich muss also einen Scheiß. Aber vielleicht will ich ja was. Und wenn alle mal aufhören würden, mir laut ihre Meinung ins Ohr zu schreien und wild an mir herumzuzerren, dann hätte ich vielleicht auch mal genug Ruhe, um herauszufinden, was.


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