Oh Stille, goldene Stille

Ich fühle mich gerade sehr müde. Das liegt nicht nur an der Uhrzeit, sondern vor allem daran, dass der Tag sehr anstrengend war. Was wiederum nicht am Reiseprogramm lag, sondern daran, dass der Platz, den ich im Bus okkupiert habe, der absolute Jackpot ist. Denn ich habe mich zielsicher vor die Dame mit dem Sprechdurchfall gesetzt. Kostprobe gefällig? Aber bitte doch. Ich will ja nicht alleine leiden.

„Mensch, Schatzi (an ihren mehr oder weniger stummen Begleiter gerichtet), warum haben wir uns denn heute Morgen im Café nicht gefunden, ich habe da die ganze Zeit gesessen, aber du bist nicht gekommen, na ja, ich habe dann auch woanders gegessen, denn in dem Café hab ich die Karte gar nicht verstanden, das ist aber heute auch ein Wetterchen, huch, ich habe ja 56 WhatsApp-Nachrichten, du liebe Güte, wann soll ich das denn nur alles lesen, ich habe ja übrigens diese Reise nicht auf Facebook gepostet, weil ich ja so viele Leute kenne, die sich so was gar nicht leisten können, die ganzen Bilder bei WhatsApp, die lösche ich ja immer gleich, das interessiert ja keinen, das ist ja jetzt schon meine vierte USA-Reise, aber viele in meinem Bekanntenkreis können sich das eben nicht leisten, ach schau mal, die Hütten hier und die Liegestühle, das sieht fast aus wie am Strand von Waikiki (Anmerkung der Blogautorin: Nein, Waikiki sieht anders aus. Ganz anders.), weißt du, was ich mir überlegt hab, ich werde hier nur jeden zweiten Tag frühstücken, das wird mir sonst zu viel, du isst ja nur Müll, das möchte ich mir nicht antun, man kann auch im Urlaub mal ganz reduziert leben, aber du mit deinem Yoga immer, das werde ich nie verstehen, auch nicht diese Sojawurst, ich verstehe nicht, wie man das essen kann, ich lache immer, wenn du sagst, dass du Vegetarier bist, aber gut, jedem das seine, aber mir wird das langsam zu kalt mit diesem Rock, ich bin ein wenig dem Wetterbericht aufgesessen, ich dachte, es wäre wärmer, aber vielleicht sind ja Hosen viel schlauer auf Reisen, sicher schlauer als meine Kleider, so sehr ich sie auch lieben mag, Sport würde ich ja nie machen, aber nun, wem es Spaß macht, also wenn ich mir hier die Häuser so anschaue – ich würde da ja nicht wohnen wollen, schau mal, wie die gestrichen sind, und alles aus Holz, ich finde das nicht schön, aber als Schreiner oder Maler hat man hier sicher gut zu tun, ich koche ja übrigens zu Hause überhaupt nicht, das sehe ich gar nicht ein, ich hoffe nur, dass mir hier im Bus nicht schlecht wird, aber wie hübsch, dass auf jeder Veranda hier diese Stühle stehen, ICH bin ja irgendwie noch gar nicht richtig angekommen auf dieser Reise, hoffentlich kommt das noch, oh, wir haben ja auch ein Lobsteressen im Programm, da muss ich aber gleich den Guide mal fragen, ob der Lobster wohl ganz ist, wenn der auf den Teller kommt, denn wenn das so ist, werde ich den nicht essen, das kann ich nicht, hey, wo ist denn der Guide, ich seh ihn gar nicht, aber er wird sicher gleich wiederkommen, dann frag ich ihn mal, ob der Lobster ganz ist, ich geh dann mal nach vorne und frage ihn, sag mal, Schatzi, haben wir eigentlich ein Messer dabei, wir haben kein Messer, warum haben wir kein Messer, warum hast du das denn nicht mitgebracht, es ist ja doch ein bisschen frisch hier im Bus, ich werde morgen mal meinen Schal tragen, du weißt ja, ich hab diesen Wollschal dabei, aber der ist mir vermutlich zu dick, ich nehme lieber das Seidentuch, Seide ist ja auch ein sehr dichtes Material, weißt du.“

Das wird ein großer Spaß die kommenden Tage. Gute Nacht.

Song of the day:


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