Aufstehen, anständig sein

Mit dem Folgenden bin ich spät dran, ich weiß. Andere haben das alles schon vor mir gesagt und meistens auch viel höflicher, aber raus muss es doch noch.

Ihr kotzt mich an, ihr „Ich bin kein Nazi, aber“-Typen, ihr „Ich hab nichts gegen Ausländer, aber“-Sager, ihr Steineschmeißer und Brandstifter, ihr Scheiß-Nazis, ihr kleinen Würstchen, die im Leben nichts erreicht haben und sich dann den Nächstschwächeren aussuchen und auf ihn runtergucken, um sich das eigene kleine Ego aufzupolieren – ihr seid widerlich. Und es ist höchste Zeit, dass die Anständigen aufstehen und genauso laut sind, wie ihr es immer seid mit euren ekelhaften, braunen, Nazi-Scheißhausparolen.

Glaubt ihr denn ernsthaft, dass jemand jahrelang Geld spart, um sich die lebensgefährliche Überfahrt nach Europa leisten zu können – in kaum seetüchtigen Nachen, in Schlauchbooten, mit Hunderten von anderen Menschen, ohne zu wissen, ob man heile dort ankommt, wo man hinwill, weil es so lustig ist? Meint ihr, jemand verlässt aus reiner Abenteuerlust seine Familie, die Freunde, das Leben, das er oder sie sich aufgebaut hat? Nein, man tut so etwas, weil man absolut verzweifelt ist und keinen anderen Ausweg mehr sieht, keinen noch so winzigen Silberstreif am Horizont, kein Fünkchen Hoffnung mehr. Mir bleibt jedes Mal das Herz stehen, wenn ich sehe oder lese, unter welchen Umständen Menschen zu uns kommen, müde, abgerissen, verzweifelt, traumatisiert, mit nichts als ihrem Telefon und dem, was sie auf dem Leib tragen. Ich bin recht hart im Nehmen, aber wenn ich die weinenden Kinder, hochschwangeren Frauen und müden Männer sehe, die da am Mittelmeer aus den Booten fallen, dann muss ich heulen. Jedes Mal. Ich habe die Bilder so oft in den Medien gesehen, und sie verlieren ihren Schrecken für mich nie. Wie kann man diese Menschen als „Dreck“ beschimpfen, den man schnellstmöglich loszuwerden hat?

Und ihr sitzt da auf euren fetten, arroganten Wohlstandsärschen und erdreistet euch, Sachen zu sagen wie „Die Albaner sollen erst mal ihr eigenes Land aufbauen, bevor sie zu uns kommen“, mit hasszerfressenen Hackfressen braune Parolen in die Kameras zu geifern, ihr steckt Flüchtlingsunterkünfte an, brüllt braune Parolen, wollt „unser Land schützen“,  fühlt euch so erhaben und seid doch nur verachtenswert. Ihr seid feige Würstchen, nichts anderes. (Und wenn ihr sagt, man solle doch erst mal die Sozialhilfe und Arbeitslosengeld II-Bezüge für die deutschen Arbeitslosen erhöhen, kommt es mir hoch. Ich hab selber mal ALG II bekommen und kann mich noch gut erinnern, wie es damals hieß, ich sei Sozialschmarotzer. Aber was kümmert euch euer Geschwätz von gestern, was?)

Woher kommt das nur, dass ihr immer denkt, man nehme euch was weg? Ich persönlich verdiene keinen Cent weniger, nur weil um die Ecke ein syrischer Flüchtling, der zu Hause die Hölle auf Erden erlebt hat, vielleicht eine Lebensmittelmarke bekommt. Kein deutscher Rentner bekommt auch nur einen Euro weniger Rente, weil zwei Straßen weiter ein Containerdorf gebaut wird. Und schon gar nicht bekommt ein Asylbewerber oder ein Flüchtling einen Job, den ihr gerne haben wollt. Niemandem von euch wird etwas weggenommen, und die Flüchtlinge und Asylbewerber haben viel, viel weniger als ihr. Auf was zur Hölle seid ihr denn so neidisch?

Wie klein und scheiße seid ihr, dass ihr jemandem, der nach einer Odyssee durch halb Europa nun in Deutschland angekommen ist und sich nach Ruhe, Frieden und einem halbwegs normalen Leben sehnt, nicht mal das Schwarze unter den Fingernägeln gönnt? Ach ja, das sind da alles nur Wirtschaftsflüchtlinge, die es sich hier hübsch machen wollen. Abgesehen davon, dass das Unsinn ist: Wirtschaftsflüchtlinge, politische Flüchtlinge – das ist doch völlig egal. Jeder Mensch hat das Recht auf ein Leben in Frieden, mit einem Job, einem Familienleben, einem Kinobesuch hier und da, Abendessen bei Freunden, einem sonnigen Nachmittag im Park. Wie könnt ihr euch erdreisten, das anderen Menschen abzusprechen, nur weil ihr selbst das Glück hattet, in einem Land geboren zu werden, in dem man (im Vergleich zu anderen Ländern) den Puderzucker mit einem Silberlöffeln in den Arsch geblasen bekommt?

Gerade wir Deutschen, ob gebürtig auf dem Osten, dem Westen, dem Norden, dem Süden, müssten doch wissen, wie brüchig Frieden sein kann, wie schnell Stimmungen umschlagen können, wie plötzlich man gezwungen sein kann, alles hinter sich zu lassen, was einen ausmacht, was einem Identität und Halt gibt. Wir Deutschen waren vor nicht allzu langer Zeit schuld daran, dass Millionen Menschen Leben und Heimat verloren, aus ihrem eigenen Land flüchten mussten und auf die Hilfe anderer angewiesen waren. Aber es scheint uns fremd zu sein, daraus den Schluss zu ziehen, dass man ein solches Schicksal anderen Menschen ersparen oder leichter machen sollte. Nein – wenn es uns mal schlecht ging, soll es anderen auch nicht besser gehen. Und schon gar nicht den Ausländern, die für euch ja keine Menschen sind, sondern „Dreck“.

Die Mittvierziger und -fünfziger haben mit der Nazizeit nichts mehr zu tun und selbst die Leute, die heute um die 70 sind, haben den Krieg nur als Kinder erlebt. Aber dennoch ist das ein Teil unserer Geschichte, und wir müssen damit, verdammte Scheiße noch eins, leben. Wir können das Unrecht, das wir der Welt angetan haben, nicht ungeschehen machen. Aber wir haben jetzt die Chance, der Welt ein bisschen zurückgeben, ein kleines Bisschen wieder gutzumachen, indem wir keine Arschlöcher sind. Wir sollten den Menschen, die unsere Hilfe brauchen, mit Warmherzigkeit und Nächstenliebe entgegentreten, sie aufnehmen, ihnen helfen, etwas schenken – und wenn es nur ein Lächeln ist oder ein freundliches Wort.

Die Menschen, die im Augenblick zu uns kommen, haben alle die Hölle hinter sich, jeder auf seine Weise. Wir sollten dafür sorgen, dass sie hier ein wenig Frieden erleben können, und ich bin fest davon überzeugt, dass jeder von ihnen es uns doppelt und dreifach zurückzahlen wird – auch jeder auf seine Weise, und wenn es „nur“ ein dankbares Lächeln ist. Dass wir diesen Menschen helfen, schreibt nicht nur unser Grundgesetz vor, es gebietet auch einfach die Menschlichkeit.

Wer das nicht versteht, Flüchtlingsheime anzündet, Steine schmeißt, Menschen als „Dreck“ beschimpft, braune Parolen brüllt, der kotzt mich dermaßen an, dass ich keine Worte dafür hab.


6 responses to “Aufstehen, anständig sein

  • Petrolgrau

    Du hast, verdammte Hacke, so recht!

    Ich habe neulich, vor nicht allzu langer Zeit, einige Leute aus meiner „Freundesliste“ geworfen, weil sie sich darüber aufregten, dass „Kinder mit Asylantenhintergrund“ (?) ihre Kinder auf dem Spielplatz nicht mitspielen lassen haben. Und da könne man sich ja vorstellen, dass die Eltern sich sicher nicht integrieren wollen hier.

    Ich kann bei einigen dieser Äußerungen gar nicht so viel essen, wie ich kotzen möchte, denn es soll sich ja auch lohnen, wenn ich diesen Neu-Nazis, diesen kranken Hirnen, vor die Füße breche.

    Wenn ich mir die Qualität dieser (oft schriftlichen) als Meinung getarnten, faschistoiden Ergüsse ansehe, dann sind sie für mich der beste Beweis, dass man an der Bildung nicht sparen sollte.

    Allein der Ausspruch, man sei nicht verantwortlich für den Krieg damals und habe keine Schuld abzutragen, zeigt mir, dass das Grundverständnis von Erbe und kollektivem Gedächtnis nicht verstanden wurde. Ich möchte auch nur einen dieser Leute sehen, die das Haus ihrer Eltern ablehnen, weil sie es nicht selbst erbaut oder bezahlt haben.

    Selbst wenn man Weltkrieg, Vertreibung und Gastarbeiter außen vor lässt, bleibt unterm Strich, ungeachtet der Schuld, eins: unsere Verantwortung als Mensch.

    Und so lange wir unsere Kleidung billig produzieren lassen, unseren Schrott in der Welt abladen, unser Essen für ein paar Cent kaufen und die Rüstungsindustrie als einträglichen Wirtschaftszweig ansehen, so lange wir uns nicht dafür einsetzen, dass andere Länder ebenso lebenswert sind wie unseres, so lange sollten wir uns nicht beschweren, dass andere zu uns kommen wollen – auch als „Wirtschaftsflüchtling“.

    Sollten wir zwei uns mal an der Theke beim Bier treffen und uns jemand begegnen, der „ich hab ja nichts gegen Ausländer, aber“ sagt, dann lass uns alles, was in unseren Mägen ist, gemeinsam hervor würgen und dorthin bringen, wo es in dem Moment besser aufgehoben ist.

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