Heimat ist nicht nur ein Ort

Wo bin ich eigentlich zu Hause? Wo ist meine Heimat? Hamburg? Lippstadt? Der Yukon? Hawai’i? Bei meinen Eltern? Bei meinen Freunden? Auf diesen Fragen hab ich neulich während einer vierstündigen Autofahrt rumgekaut, die mich von Hamburg nach Lippstadt brachte. Auslöser war die Frage einer Kollegin, ob ich jetzt Feierabend hätte und nach Hause führe. Ich sagte: „Wenn ich mal nur nach Hause müsste – aber ich muss ja heim.“ (Das „muss“ bezog sich dabei nur auf die Tatsache, dass ich 300 Kilometer über die Autobahn gondeln musste, nicht darauf, nach Lippstadt zu fahren – darauf freute ich mich sehr, nur nicht auf die Fahrt.)

Ich stand während der Fahrt im Stau, es regnete wie Sau, vor mir gewitterte es schaurig-schön – genug Zeit zum Nachdenken. Leider nicht genug Zeit, um eine Antwort zu finden.

Ich habe mich schon an so vielen Orten zu Hause gefühlt – oder neben so vielen Menschen. Das bringt eine Biografie heute eben so mit sich. Als ich neulich von meinem Besuch zu Hause berichtete, fragte mein Chef, ob ich nicht irgendwann wieder nach Westfalen zurück wolle – wegen meiner Familie, wegen meiner Borussia und überhaupt. Ich dachte kurz drüber nach und sagte dann: Nein. Ich werde ja bis zur Rente wohl nicht aus Norddeutschland weggehen. Und dann ist die Frage, wie es in meiner Heimatstadt aussieht – wer wird von der Familie noch da sein, von den Freunden? Der beste Cousin von allen und sein kleines rothaariges Mädchen ganz sicher noch, die älteren Verwandten nur noch mit sehr viel Glück. Mein Elternhaus werde ich alleine nicht halten können – und ich will auch gar nicht. Vielleicht ist die beste Lippstädter Freundin dann noch da. Und auch wenn das eine schöne Vorstellung ist, bei ihr auf der Terrasse zu sitzen, Kaffee zu trinken und irgendwas wie „Runter vom Rasen!“ zu brüllen – ich sehe mich nicht mehr in Lippstadt.

Es ist für ein paar Tage schön da, und hätte ich nach dem Volontariat dort eine Stelle bekommen, wäre ich noch immer da und vermutlich auch als Lokalredakteurin glücklich. Aber jetzt ist es mir zu klein, vielleicht auch zu provinziell. Das klingt sicher arrogant, dabei könnte ich mir durchaus vorstellen, mal auf dem Land oder wieder in einer Kleinstadt zu leben. Bloß nicht in einer, in der mir früher so viele Leute gesagt haben, was ich alles nicht schaffen und werden kann. Hamburg dagegen – hier hatte ich immer das Gefühl, dass ich fast alles kann. Mein Chefredakteur in Lippstadt wollte mich nicht, meine Chefin in Hamburg hat mich zur Redakteurin vom Dienst in Festanstellung gemacht – mit einem Arsch voll Verantwortung und einem Haufen Untergeb… Kollegen, die alle machen müssen, was ich sage. (Dass sie es nicht immer tun, macht mein Leben so aufregend und lebenswert.)

Das ist jetzt vielleicht ein blödes Beispiel, aber der Job in Hamburg war nun mal der Ausweg aus der Arbeitslosigkeit, die mich beinahe an allem hätte verzweifeln lassen. Und Hamburg ist eben Hamburg (hier Herzchen einfügen). Ich habe mich von Anfang an hier zu Hause gefühlt – in der Stadt, bei den Menschen, in der Nähe zum Meer und überhaupt.

Aber was ist mit all den schönen Orten, an denen ich in Urlaub war? Die Strände von Maui, Vancouver, Dublin, die kanadischen Rockies – Orte, an denen das Herz so groß wird, dass man ganz tief Luft holen muss, um nicht vor Glück zu platzen? Orte, an denen man, obwohl man vorher noch nie da war und die man bald wieder verlassen wird, weiß, dass man dort auf eine ganz bestimmte Art hingehört?

Und muss Heimat denn immer ein Ort sein? Für mich ist Heimat auch da, wo ein Herrengedeck für mich bereitgestellt wird, ohne dass ich das bestellen muss.

Vielleicht lautet die Antwort auf die Frage nach meiner Heimat ganz einfach: Ich habe viele Heimaten – und ich bin sehr dankbar dafür, dass es so ist.


2 responses to “Heimat ist nicht nur ein Ort

  • awwokado

    Wie schön. Danke für die Zeilen! Ich habe mich sehr wiedergefunden und vor nicht langer Zeit einen ganz ähnlichen Post geschrieben („Heimweh“)

  • trivia_brain

    Der Text hat bei mir ähnliche Gedanken und Fragen ausgelöst. Vor allem frage ich mich, was Heimat und Zuhause genau ist. Und was ist mit all den anderen Orten, die man besucht und die sich wie „Heimat“ anfühlen. Schöner Text.

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