Es hilft ja alles nix

„Es hilft ja alles nix“ – ein Satz, der immer geht und den ich häufig sage. Ob ich mich mit Freunden in der Kneipe verabrede („Es hilft ja nix – wenn keiner das Bier trinkt, wird es ja schlecht“), mich morgens zum Laufen aus dem Bett aus dem Bett quäle („Hilft ja nix, wenn die Achillessehne nicht anständig gequält wird, tut sie morgen ja nicht weh“) oder zur Arbeit fahre („Es hilft ja nix – bevor ich reich heirate, muss ich eben selbst die Miete verdienen“).

In jüngster Zeit aber seufze ich diesen bestimmten Satz immer häufiger im Zusammenhang mit Fußball. Ob der BVB verliert oder gewinnt, schlecht spielt oder Zauberfußball zeigt, oben oder unten in der Tabelle steht, ob ich jammer, resigniere oder den Rumpelfußball und die rote Laterne stoisch ertrage – es hilft doch alles nix. Wir müssen da durch. Wir alle. Zusammen.

„Auch in ganz schweren Zeiten
werden wir Dich stets begleiten,
Brussia, wir sind immer für Dich da“ –

wenn wir so was auf der Tribüne singen (oder – je nach unseren gesanglichen Möglichkeiten – grölen), dann müssen wir auch dazu stehen. Ich musste mir zuletzt oft anhören, der Abstiegskampf sei ja für mich ganz neu, damit könne ich sicher nicht umgehen. Ich will auch nicht behaupten, dass mir das leichtfällt. Aber im Gegensatz zu Nicht-Borussen oder manchen Neu-Borussen weiß ich, dass die vergangenen paar Jahre nicht alles waren, was Borussia Dortmund ausmacht. Da die meisten Menschen die Gedächtnisspanne einer Stechmücke haben, denken sie bei Borussia Dortmund gerade nur noch an Meisterschaften, Hurra-Fußball, Pokalsieg, Double, Pokalfinale, Champions-League-Finale, in die Höhe gereckte Meisterschalen und Pötte, den Borsigplatz voller schwarz-gelb gewandeter Menschen, die ebenso übernächtigte wie glückstrunkene Mannschaft, die Dortmund in Schutt und Asche feiert.

Ich denke bei Borussia Dortmund aber auch dran, wie ich im Winter der Saison 2004/2005 (korrigiert mich, wenn ich das falsch im Kopf hab) in Hamburg in einer Kneipe saß und mir der beste Freund aus dem Stadion simste: „0:1 gegen Bielefeld verloren.“ Sicher folgte noch ein gottloser Fluch hinterher, aber den habe ich vergessen. Was mir aber bis heute im Gedächtnis geblieben ist, ist diese Traurigkeit und Verzweiflung, die nicht nur daher rührte, dass ich nicht glauben konnte, dass man zu Hause gegen Bielefeld verlieren kann, sondern auch daher, dass der BVB damit auf einen Abstiegsplatz rutschte.

Was mir aber nie in den Sinn kam, war, meine Leidenschaft für den BVB aufzugeben oder zum Beispiel beim Eishockey zwischenzuparken, bis wieder bessere Zeiten kommen. Zum 1. Januar 2005 trat ich in den BVB ein. Im März 2005 beobachtete ich von der Redaktion in Hamburg die Eilmeldungen im Nachrichtenticker, um zu erfahren, ob mein Herzensverein die Insolvenz hatte abwenden könnte. Als die Meldungen im Sekundentakt über den Bildschirm flimmerten, dass das Undenkbare vorerst abgewendet, ging ich in die Teeküche, öffnete das Eisfach, von dem ich wusste, dass da von einer Kollegin selbstgemachter finnischer Salmiak-Schnaps drin war, und kippte einen Kurzen. (Ich denke, nach knapp zehn Jahren ist das verjährt, oder?)

Was auch viele vergessen: Die Zeiten wurden nicht sofort besser oder gar golden, als Jürgen Klopp bei uns Cheftrainer wurde. Wir wurden nicht sofort Meister, es gab viele finstere unentschiedene und vergurkte Spiele, in denen man die Qualität der Mannschaft allenfalls erahnen konnte. Wir haben ihm damals die Zeit gegeben, seinen Jungs sein Spielsystem beizubringen, und ich bin zuversichtlich, dass wir ihm auch jetzt die Zeit geben, alles wieder gut zu machen.

Liebe Leute, ich kenne also auch die anderen, die traurigen und die ganz traurigen Zeiten. Als ich in den Verein eintrat, stand dieser halb im Grab. Und ich wäre ihm ohne Zögern gefolgt – meinetwegen bis in die Kreisliga. Wenn ich mich einmal für jemanden entschieden habe, ist es für den denjenigen sehr schwer, mich wieder loszuwerden. Ich gehe dann für den durch die Hölle. Glaubt ihr echt, mich könnte die Aussicht auf die Zweite Bundesliga schocken?

Echte Liebe geht nicht kaputt. Ich bleibe bei euch. Es hilft doch alles nix.


One response to “Es hilft ja alles nix

Schreibe einen Kommentar

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

%d Bloggern gefällt das: