Schulden

Im Netz kursiert derzeit ein Mem, in dem es heißt „Ich bin nach 1945 geboren, ich schulde der Welt einen Scheiß“ – meistens geteilt im Zusammenhang mit dem aktuellen Konflikt zwischen Israelis und Palästinensern. Der Text geht mir nicht aus dem Kopf, weil ich diese Aussage mehr als problematisch finde. Ach, was soll ich mich feiner ausdrücken als nötig – ich finde das Ding scheiße. Aber mal so richtig.

Denn jeder Mensch schuldet der Welt etwas. Und zwar, sie ein Stückchen besser zu machen. Wir alle schulden der Welt, dass wir keine Arschlöcher sind. Niemand kann sich da ausnehmen, wann auch immer er geboren ist.

Jedes Land hat seine Geschichte, seine Tragödien, seine Helden, seine dunklen Kapitel. Und es ist die verdammte Pflicht jedes Menschen, sich – wenn er dazu die Möglichkeiten hat – damit zu beschäftigen und Lehren daraus zu ziehen. In unserem, dem deutschen Fall ist es ein besonders dunkles Kapitel, mit dem wir umzugehen haben und aus dem wir Lehren ziehen müssen. Ich bin weit nach dem Krieg geboren, ich bin nicht verantwortlich für das, was zwischen 1933 und 1945 geschehen ist. Ich kann mich dafür natürlich nicht schuldig fühlen oder verantwortlich gemacht werden, und die, die sagen, wir Deutschen müssten bis in alle Ewigkeit aufgrund unserer Geschichte mit gesenktem Kopf herumlaufen, sind genauso bescheuert und vernagelt wie die, die der Meinung sind, sie schuldeten der Welt nichts, weil sie nach 1945 geboren sind. Es macht das Menschsein aus, dass wir aus Fehlern unserer Vorfahren lernen und sie nicht wiederholen. Ich bin nicht für die Vergangenheit vor 70 Jahren verantwortlich. Für die Zukunft aber schon.

Aber auch, wenn ich nicht schuld an den Verbrechen der Nationalsozialisten bin, tut es mir unendlich leid, was Menschen damals in unserem Land und in Europa angetan wurde (so wie es mir zum Beispiel auch leid tut, was den Ureinwohnern in Nordamerika bis heute angetan wird – und dafür bin ich noch viel weniger verantwortlich, weil ich auf einem anderen Kontinent lebe).

Aber es geht ja nicht nur um „die Welt“, um Israel und Palästina, es geht auch um Dinge, die sich direkt vor unserer Haustür abspielen. Wenn ich die Neonazi-Aufmärsche in Deutschland sehe, kommt es mir hoch – und ich sehe es als meine Pflicht, mich damit zu beschäftigen und gegen Rassismus und Diskriminierung mit den Mitteln anzugehen, die mir zur Verfügung stehen. Das mögen in meinem Fall nur Worte sein, aber ein klares NEIN zur rechten Zeit kann auch schon viel bewirken. Und gerade weil es sich in Deutschland um einige besonders dunkle Kapitel handelt, müssen wir wissen, wie es dazu kommen konnte, damit wir die Anzeichen erkennen, wenn es wieder losgehen sollte. Ich kann mich nicht zurücklehnen und sagen, das gehe mich alles nichts an. Ich habe in meinem Leben dafür zu sorgen, dass so etwas nicht noch einmal geschieht, egal, wann ich geboren wurde. So funktioniert die Sache mit dem Menschsein und dem zivilisierten Miteinander nun einmal. Es mag unbequemer sein, als sich zurückzulehnen und zu sagen: „Ich schulde der Welt einen Scheiß.“ Aber aus dieser Nummer kommen wir nicht raus. Keiner von uns.


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