Ich bin dann mal gut zu mir

Mir gehen ja generell immer viel zu viele Gedanken im Kopf herum – gute, schlechte, meistens wirre, für andere nicht nachvollziehbare, oft hochphilosophische. (Die drei letztgenannten sind übrigens dieselben – je nach dem, wen man so fragt.)

Besonders schlimm ist es immer nach einem Geburtstag. Oder nach Krisen. Beides fiel in diesem Jahr zusammen, und mir explodiert quasi gerade der Schädel. Fragen nach dem Sinn, dem Warum, dem „Und jetzt?“ ohne Ende. Gespräche mit lieben Menschen, die mir Ratschläge gaben, die alle gut gemeint sind, aber nicht immer gut. Am Ende muss ich ja doch wieder selbst wissen, was ich tue, wer ich bin und wer ich sein will.

Ich war während des Studiums mit einem Mann zusammen, der mir einmal sagte, was ihm besonders an mir gefalle, sei, dass ich sowieso immer machte, was ich wolle. Zweieinhalb Jahre später verließ er mich wegen eines devoten kleinen Mäuschens, das immer tat, was er wollte.

Ich hatte bei der Zeitung einen Chef, der mir genau wegen dieser Eigenschaft keinen Job gab. Er gab mir Anweisungen, die ich für Unsinn hielt, ich nickte, lächelte und machte es dann entweder gar nicht oder eben so, wie ich es für richtig hielt. Ich war zu dem Zeitpunkt nicht mehr fest angestellt, er konnte mich nicht wirklich packen, es muss ihn wahnsinnig gemacht haben. Das Einzige, womit er mich bestrafen konnte, war, alle freien Jobs denjenigen zu geben, die sich seiner Meinung nach besser lenken ließen. (In meinem Job heute ist es dagegen ganz gut, wenn man gut improvisieren kann und Dinge im letzten Moment umschmeißt, neu ordnet, nach anderem Schema erledigt. Hauptsache, am Ende ist die Sendung fertig.)

Vielleicht sollte ich mich mehr auf diese Qualität verlassen, auch wenn es mir vielleicht nicht immer Vorteile gebracht hat. Aber ich kann die Dinge nicht anders machen, als ich sie mache oder machen sollte. Das wurde mir dann irgendwann in der vergangenen Woche klar. Ratschläge sind gut, Tipps und Hinweise auch, aber am Ende doch wieder nutzlos. Zumal ich innerlich anfange zu kochen, wenn mir jemand mit diesem „Du musst“, „Du bist doch sonst auch so …“ oder „Was hast du denn überhaupt für ein Problem“ oder auch „Du hast doch nichts zu verlieren“ kommt. Ich muss gar nichts. Und wenn ich mit einer Sache Probleme habe, sie nicht gerne mache und deswegen vielleicht auch gleich bleiben lasse, dann ist das eben so. Ich bin mittlerweile 41 und ich werde in diesem Leben nicht mehr abenteuerlustiger oder abgebrühter, als ich bin. Ich werde nie Bungee springen, tanzen lernen oder in ein Land fahren, in dem ich die Sprache nicht kann. Das mögen andere bescheuert finden, für mich ist es richtig. Und nur, weil ich meinen Alltag und meinen Job hinkriege und da gut funktioniere, heißt das noch lange nicht, dass ich in emotionaler Hinsicht genauso abgebrüht bin. Wenn mich ein Mitarbeiter nicht mag – geschenkt. Wenn jemand, den ich ganz wunderbar finde, mir nicht dasselbe Ausmaß an Zuneigung entgegenbringt, geht es mir schlecht damit. Da bin ich wieder ein pickliger Teenager, der sich fragt, was zur Hölle denn nicht stimmt mit ihm. Obwohl die erwachsene Frau genau weiß, dass sie super ist und man Sympathie eben nicht erzwingen kann.

Und was das Verlieren angeht – zu verlieren hat man immer etwas – sei es „nur“ die eigene geistige Gesundheit oder das Wohlbefinden. Auch wenn man es nur für eine kleine Weile verliert, ist das ein Zeichen dafür, dass etwas falsch gelaufen ist.

Dabei gibt es natürlich auch immer Menschen, die genau das Richtige sagen, die einen genau verstehen, weil sie ähnlich ticken oder zumindest akzeptieren, dass ich anders ticke. Die beiden besten Ratschläge, die ich in den vergangenen Wochen erhalten habe, waren: „Sei gut zu dir“ und „Sei nicht so böse zu dir“.

Genau das mache ich jetzt. Ich nicke und lächle und mache sowieso wieder alles so, wie ich es für richtig halte. Es mag mir dabei der eine oder andere Fehler passieren, den andere und vielleicht auch ich selbst so haben kommen sehen. Aber ich muss ihn trotzdem machen, um ganz sicher zu sein. Und um mir nachher nicht sagen zu müssen: „Ach, damals. Hätteste mal …“ Und ich werde ich dabei so fühlen, wie ich mich eben fühle. Das muss außer mir niemand verstehen können.


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