350 Emotionen in zwei Stunden

Seit heute früh weiß ich wieder, warum ich schon seit Monaten nicht mehr samstagsmorgens in der Stadt war: der emotionale Overkill macht mich fertig. Zwischen 10 und 12 bin ich durch folgende Gefühlwallungen gegangen (Auswahl):

Im Bodyshop stellt die Verkäuferin fest, dass ich mir ein Geschenk aussuchen kann, weil ich zum vierten Mal mit meiner Kundenkarte einkaufen war und ein Monat ohne „R“ ist. Oder so. In jedem Fall muss ich mich innerhalb von Sekunden entscheiden, was ich noch für einen Artikel dazukaufen möchte: Ich empfinde totale Überforderung.

In der Handarbeitsabteilung im Karstadt versuchen 30 alte Damen, mich aus der Abteilung zu mobben, weil ich nicht in die Zielgruppe passe und sicher nur deswegen in der Stoffabteilung rumstöbere, um irgendwas Illegales zu tun: Ich kämpfe mich durch die alten Schabracken durch und empfinde wachsende Aggression.

In der Zeitschriftenabteilung gibt es alles, nur nicht das, was ich suche: Mich übermannt eine gewisse Frustration.

Im der Klamottenabteilung entdecke ich eine neue Problemzone meines Körpers: Meine Oberarme passen in keines von diesen komisch geschnittenen T-Shirts. Und wenn doch, sehe hich darin aus wie ein Preisboxer. Kann man mögen, mus man aber nicht. Ich empfinde eine Mischung aus Verzweiflung, weil ich in diesem Sommer Rollkragenpullis tragen muss, und Freude darüber, dass das Krafttraining noch immer Wirkung zeigt.

Zurück auf der Straße unterhalten sich an der Ampel zwei geklonte Tussis über irgendetwas Ungeheuerliches, sagen aber dazu nur „Wiekannmannur, wiekannmannur, wiekannmannur“. Da ich nie erfahren werden, wer da was genau getan hat, werde ich wütend. Und weil die Tussis Stimmen haben, die mir förmlich das Trommelfell zerfetzen.

In der Kassenschlange in der Drogerie will ein alter Sack an mir vorbei, sagt das aber nicht, sondern fasst mir vertrauensvoll an die Hüfte. Sofortiges Einsetzen grausamster Tötungsfantasien.

Auf dem Nachhauseweg im Bus das, was mich in letzter Zeit immer öfter vom Busfahren abgehalten hat: Übelkeit.

Und jetzt gerade, das ich das alles noch mal durchlebe, fühle ich mich sehr, sehr müde.


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