Weit, weit weg

Im Urlaub am Yukon und in Alaska hat mich ein Buch bzw. eine Geschichte sehr beschäftigt. Die Geschichte von Christopher McCandless alias Alexander Supertramp hat mich bis heute nicht losgelassen, und ich denke heute immer noch häufig daran. Vor der Reise hatte mir ein lieber Freund den Soundtrack zum Film über McCandless geschenkt, weil das die perfekte Musik für einen Trip in den Norden sei. Und ich kann nur sagen: Das stimmt.

Ich habe die Musik während der langen Fahrten durch die schönste Landschaft, die man sich vorstellen kann, rauf und runter gehört. Nichts hätte besser gepasst.

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In einem winzigen Ort namens Nenana machten wir einen Zwischenstopp, und im Laden neben dem Eisenbahnmuseum fand ich Jon Krakauers Buch „Into the Wild“, das die Geschichte von McCandless erzählt. Bis zum Ende des Urlaubs hatte ich das Buch durch und war bewegt wie selten. Wieder zu Hause, besorgte ich mir den Film dazu und heulte noch mal Rotz und Wasser. Zumal mir klar wurde, dass ich im Denali National Park gar nicht so weit weg von dem berühmten grünen Bus gewesen war, in dem McCandless sowohl die wohl beste Zeit seines Lebens verbracht als auch den Tod gefunden hatte.

Es soll hier gar nicht darum gehen, wie verantwortungslos und leichtsinnig McCandless war, als er zu seiner großen Reise aufbrach. Es geht mir um das Grundgefühl, das ihn in die Wildnis trieb. Denn das kann ich nur allzu gut verstehen. Wenn einen die Arbeit auffrisst, die Menschen einem auf jeden einzelnen Nerv gehen, den man im Körper hat, wenn man so müde vom Alltag ist, dass man nicht dazu kommt, mal was Schönes nur für sich zu tun, wenn alle an einem rumzerren, wenn man abends im Bett liegt, die Gedanken aber noch immer draußen herumschwirren und nicht zur Ruhe kommen wollen – wie oft hab ich nach so einem Tag abends auf dem Nachhauseweg schon gedacht, ich pack das Nötigste zusammen und hau einfach ab. Ich will nicht mehr erwachsen und vernünftig sein, keine Steuererklärung machen, an die Winterreifen denken, Leute anrufen und von meinen Nachbarn mit Musik und Laubsaugern terrorisiert werden. Ich möchte nur irgendwo sitzen und alleine aufs Meer gucken dürfen. Mindestens für ein halbes Jahr. So lange würde ich wohl ungefähr brauchen, um wieder zu wissen, wer ich bin. Man verliert sich so oft im Alltag. Und ich möchte nicht irgendwann denken, ich hätte mehr malen, schreiben lesen und träumen sollen. Ich möchte nicht irgendwann das Gefühl haben, dass es noch ein anderes Leben mit mehr Leben drin da draußen gegeben hätte, das ich hätte haben können, wenn ich mich nur ein wenig mehr angestrengt hätte.

McCandless suchte vermutlich genau das: mehr Leben, ein anderes Leben. Und er hat es wohl auch gefunden da draußen in der Wildnis Alaskas. Irgendwo zwischen Wölfen und Bären, Elchen, Erdhörnchen, rauschenden Flüssen und Bergen wie Festungen war das, was er gesucht hat. Und ich bin überzeugt, dass es viel weniger das Abenteuer an sich war, sondern vielmehr eine Art innere Ruhe und Selbstbestimmtheit. Er hatte wohl das Gefühl, an dem ganzen Ballast zu ersticken, den wir so mit uns herumtragen. Zum einen der wortwörtliche Ballast in Form von Besitztümern, zum anderen der Ballast, den solche Besitztümer im Kopf entstehen lassen können, die ihn träge machen. Also verschenkte McCandless fast alles, was er besaß und ging einfach los.

Doch er ließ nicht nur seinen Besitz hinter sich, sondern auch die Menschen. Auch das kann ich zu einem großen Teil verstehen. Man muss viel allein sein, damit man herausfindet, wer man ist. Denn viel zu oft sind Leute um einen herum, die einen auf die eine oder die andere Art davon abhalten, man selbst zu sein. Wenn das zu lange so geht, hat man igendwann vergessen, wer man ist. Zumindest geht es mir so, und deswegen werde ich, wenn ich zu wenig Zeit für mich habe, unentspannt und undleidlich.

Mein Mut reicht lange nicht so weit, wirklich auszusteigen.Ich steige eher im Kopf als im richtigen Leben aus. Ich nehme mir Auszeiten, gucke mir Fotos an und reise noch mal an all die schönen Orte, an denen ich schon mal war. Und male mir aus, ich lebte da. Das reicht mir und tut mir gut, und das ist ja eigentlich die Hauptsache. Ich hätte niemals den Mut, wirklich auszusteigen. Ich bewundere McCandless unendlich dafür, dass er ihn hatte.

Denali2


2 responses to “Weit, weit weg

  • mehrblick83

    Hach, warum kommt mir das alles bloß so bekannt vor? Dieses „Einfach-nur-weg-Gefühl“ hsat du sehr treffend beschrieben. Auch wenn ich Alaska nicht persönlich kenne und mein Wahl-Fluchtort wohl ein anderer wäre – abgeholt hast du mich damit trotzdem! <3

    • Kirsten

      Mein Fluchtort wäre es wohl auch nur im Sommer. ;-) Aber jeder hat halt einen anderen Ort, der ihn glücklich macht. Das ist auch gut so, denn sonst wäre es ja in Alaska ziemlich voll auf einmal. Es geht ums Grundgefühl, und es freut mich sehr, dass Du das verstehst. :-)

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