Über Stock und Stein – ein Reisestöckchen

Gefunden bei der bezaubernden Frau Neverevertown, die sich Gedanken machte, warum sie mir das Stöckchen nicht auch zugeworfen hat. (Wahrscheinlich, weil ich das davor immer noch nicht gefangen hab. *hust*) Aber ich nehm mir das einfach mal, ha!

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Welcher ist Dein liebster Tagtraum auf Reisen?

Dass ich da, wo ich gerade bin, lebe – für immer. Ich denke mir ein ganz neues Leben aus, sehe mir die Einheimischen an, stelle mir vor, dass das meine Nachbarn sind, dort, in dem anderen Leben. Ich stelle mir vor, wie ich mit den klapprigen alten Bussen auf Malta jeden Morgen zur Arbeit fahre, male mir aus, wie ich in Dawson City im langen, dunklen Winter Baseball auf dem zugefrorenen Fluss spiele oder Schmuck und Selbstgestricktes herstelle, das ich im Sommer verkaufen kann. Ich habe in diesen Tagträumen eine Hütte in den kanadischen Rocky Mountains, zu der sich höchstens mal ein Elch oder ein Bär verirrt, versuche, mir vorzustellen, was die Einsamkeit, die ich mir manchmal so dringend erhoffe, auf Dauer mit mir machen würde. Ich besitze ein Haus in Key West, sitze abends auf der Veranda und trinke Hemingway Hammers. Ich wohne in der Gas Town von Vancouver mit Freunden zusammen und arbeite irgendwo als Journalistin in einem der glänzenden Hochhäuser. Ich wohne in Griechenland am Strand und gehe schwimmen, wann immer ich will, weil das Meer so nah ist. Ich frage mich, wie mein Leben wohl wäre, wenn ich an einem der Orte aufgewachsen wäre, die ich so besuche.

Diese Art Tagträumerei hat den Vorteil, dass man das Leben, das man hat, ganz leicht vergessen kann – die ständig klingelnden Telefone und die an einem herumzerrenden Menschen verschwinden im Nebel, und aus diesem Nebel kommt ein ganz neues Leben, in dem alles anders ist und man auch selbst anders ist. Vielleicht freundlicher, geduldiger, netter, von sonnigerem, immer urlaubigem Gemüt. Es ist spannend, sich das vorzustellen. Und diese Art von Tagträumen hat den Vorteil, dass man trotzdem mit offenen Augen durch die Ferien geht, weil man ja die Umgebung genau wahrnehmen muss. Man nimmt sich ja auf Reisen immer mit, aber so behält man viel von dem, was man unterwegs trifft, in Kopf und Herz und nimmt das alles mit nach Hause. Die Hütte am Yukon, in den Rockies oder am Strand. Und zu Hause macht man die Augen zu und ist gleich wieder da, weil man da ja schließlich schon ein ganzes Leben verbracht hat.

Wo übernachtest Du auf Reisen am liebsten?

Im Hotel. Ganz einfach. Es muss nichts Tolles sein – obwohl ich die Vier-Sterne-Häuser, in denen ich auf einer Pressereise durch Irland übernachten durfte, auch ganz klasse fand. Und – genau das Gegenteil – das Zelt in Alaska/Yukon auch. Ich hab es gerne halbwegs sauber, und ansonsten möchte ich in meinem Zimmer ja nur pennen und vielleicht was frühstücken, die meiste Zeit des Tages bin ich hoffentlich unterwegs.

Dein Reisemotto?

Ich mag keine Motti. Ich mag auch keine Kategorien. Ich bewege mich den ganzen Tag zu Hause in enggesteckten Grenzen, da möchte ich mich im Urlaub nicht auch noch einem Leitspruch oder ähnlichem unterwerfen. Generell finde ich es aber gut, im Urlaub kein Arschloch zu sein, das ständig alles mit zu Hause vergleicht und im Ausland schlechter findet. Ich bin immer neugierig und gucke mir erst mal alles an. Vielleicht ist das ja doch ein gutes Motto: „Sei neugierig und offen“. Okay, okay, ich habe also doch ein Motto.

Was würdest Du auf Reisen absolut nie tun?

Das passt jetzt nicht zum Neugierigsein, ich weiß: Aber ich fahre nur ungern in Länder, in denen ich die Sprache nicht kann. Zumindest nicht alleine. Ich weiß, dass ich deswegen sehr viele wunderbare Orte nie sehen werde. Bayern zum Beispiel. Oder Schwaben. Zum Glück spreche ich ziemlich gut Englisch, was bedeutet, dass es trotz dieser seltsamen Sprachbehinderung  ziemlich viele Länder gibt, in die ich reisen kann. Und es sind auch noch ziemlich viele übrig, in denen ich noch nicht war.

Das mit der Sprache hatte ich hier schon mal genauer erläutert, das muss ich ja nicht noch mal erklären, woll?

Was würdest Du auf Reisen richtig gerne mal ausprobieren?

Puh, schwierig. Ich bin ja ein Schisser, was Bungee Jumping und solches Zeug angeht. Meine Qualitäten liegen mehr darin, mich ohne Ausfallerscheinung quer durch Büfetts zu essen und internationale Schnäpse zu trinken. Bei Känguru-Klöte und Affen-Anus würde auch ich allerdings passen müssen. Aber ich fahre ja auch nicht ins Dschungel-Camp in Urlaub. Im Übrigen halte ich es für nicht ausgeschlossen, dass ich irgendwann mal nach dem zehnten internationalen Schnaps hackenstramm in einem angeranzten Tattoo-Studio lande und mir von einem dicken, bärtigen Mann ein chinesisches Schriftzeichen auf die Wade stechen lasse, das „Firefly Forever“ bedeuten soll, aber in Wirklichkeit „Ente in Erdnusssoße“ heißt. Das ist jetzt nichts, was ich gerne ausprobieren will, aber manche Dinge passieren einfach so, Herrgott.

Wovor ekelst Du Dich auf Reisen?

Vor den gleichen Sachen wie zu Hause. Tiere mit weniger als zwei und mehr als vier Beinen, Campingklos und anderen deutschen Touristen. Und die Asiatin, die mir in Griechenland mal mitten ins Gesicht rülpste, war jetzt auch nicht sooo lecker.

Was sollte Dir auf einer Reise unbedingt mal passieren?

Ich würde gern mal einen Promi treffen. Echt jetzt. Aber nicht einen von diesen gelackten Schauspielern, sondern Paul Auster in Brooklyn oder so. Wir würden einen voll intellektuellen Kaffee zusammentrinken und über Literatur sprechen. (Das heißt, er würde sprechen, und ich würde mit debilem Grinsen an seinen Lippen hängen. Ich mache mir über meine verbleibende Restintelligenz in der Gegenwart von Paul Auster keine Illusionen.)

Dieser Wunsch steht aber vielleicht einfach nur dafür, dass ich möchte, dass mir etwas Außergewöhnliches passiert. Dabei erachte ich aber auch Sachen als außergewöhnlich, die andere normal finden oder gar nicht erst sehen. In London bin ich mal eine belebte Straße langgelaufen, ein nicht unhübscher junger Mann sah mich an, sah weg, stutzte, sah mich noch mal an und lächelte. Einfach so. Ich kontrollierte im nächsten Schaufenster, ob mir nicht noch ein Stück Pizza vom Mittagessen aus der Nase hing, was nicht der Fall war. Ich kam zu dem Schluss, dass der mich wohl wirklich nett fand und mir das zeigen wollte. Das ist 13 Jahre her, und ich erinnere mich immer noch dran.

Oder das hier: Nach dem Abitur machte ich mit zwei Freundinnen eine Tour durch Schottland und irgendwann setzte ich mich ab und ging ein bisschen allein durch den Wald. Ich kam an einen winzigen kleinen Wasserfall, einen ganz ruhigen und zauberhaften Ort. Ich setzte mich ein bisschen hin und träumte vor mich hin, beoachtete das Wasser eine Viertelstunde lang und machte ein paar Fotos. Ich hab den beiden anderen nie davon erzählt, der kleine Wasserfall gehörte nur mir, der Moment war meiner, und ich konnte ganz für mich sein und mich freuen, dass ich diese schöne Reise machen konnte. So was sollte einem auf jeder Reise passieren. Und man sollte das Herz so weit offen haben, dass man solche Momente auch wahrnehmen kann.

Welche Grundsätze wirfst Du bei Reisen über Bord?

Weniger internationale Schnäpse zu trinken. Das geht höchstens eine Woche gut.

Wenn bei einer Kontrolle Dein Koffer geöffnet würde – für welches Stück darin würdest Du Dich echt schämen?

Nix. Echt nicht. Es gibt Songs auf meinem MP3-Player, die mir peinlich sind, aber nichts, was ich im Koffer habe.

Was oder wen vermisst Du auf Reisen am meisten?

Ganz ehrlich – nichts. Ich weiß ja, dass ich das alles in drei oder vier Wochen wieder haben werde. In meinem Sommerurlaub fehlte mir das Internet zum Beispiel nicht eine Minute lang. Wobei ich zugeben muss, dass es schön war, im Visitor Center in Fairbanks meine Geburtstagsmails nachzulesen. Es wäre aber auch nicht schlimm gewesen, wenn das noch eine weitere Woche hätte warten müssen. Nach einer Weile denke ich aber häufiger mal an deutsches Brot – ein furchtbares Klischee, aber so ist es. Und natürlich der BVB.

Wenn Du nur einen Tipp an Reisende vergeben könntest, wie würde er lauten?

„Mach, was Du willst.“ So einfach und für viele doch so schwer. Ich fahre gerne weit weg, aber wer statt am Yukon entlang lieber im bayerischen Wald wandern will und glücklich damit ist, soll das tun. Ich lerne gerne Land und Leute kennen, aber wer eine Woche nur am Strand liegen will und damit glücklich ist, soll das tun. Ich hatte in Dawson City einen großartigen Abend mit einem kanadischen Trucker an der Theke einer Kneipe. Wer lieber all inclusive an der Hotelbar abhängt und damit glücklich ist, soll das tun.

Was gemerkt? Das wichtige Wort in allen genannten Beispielen ist „glücklich“. Und da nun mal nicht alle Menschen auf dieselbe Art Glück und Zufriedenheit finden, muss jeder für sich selbst sehen, wie er glücklich wird. Es gibt kein richtiges und kein falsches Reisen. Einfach immer der Nase nach. Am zweiten Stern rechts und weiter bis zum Morgen.


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