Sport oder nicht Sport

… das ist hier die Frage. Wer mich länger kennt, weiß, dass Sport und vor allem Kugelstoßen zu mir gehören wie die Dusseligkeit zu einem Elch.  „Mädchen, die Sport treiben, wissen, wer sie sind und was sie wollen.“ – Dieser hier schon des Öfteren zitierte Spruch aus der Werbung eines Sportartikelherstellers hängt in meinem Flur und war immer mein Leitfaden.

Bislang zumindest.

Denn seit einiger Zeit weiß ich nicht mehr so richtig, wer ich sportlich bin und was ich will. An meinem inneren Schweinehund liegt es nicht, der schläft und schnarcht wie immer friedlich vor sich, ob es regnet oder schneit. Motivation, morgens aus dem Bett zu steigen und zum Sportplatz zu fahren, hab ich für fünf.

Aber es läuft nicht mehr so richtig, und das liegt nicht an mir. Denn ich fühle mich oft so fremdbestimmt mit meinem Sport. Das heißt, nein, ich fühle mich nicht so, ich bin es. 2010 hatte ich mir einen Bänderriss zugezogen – das kann passieren beim Sport, und ich bin sehr froh, dass das im Grunde die erste wirklich schwere Verletzung war, die ich mir in bis dahin 37 Jahren Sport zugezogen hatte. Danach hatte ich mit ein paar Dämonen zu kämpfen und konnte erst im darauffolgenden Jahr wieder mit dem Training beginnen. Ich war gerade wieder so richtig dabei, da wurde im Sommer die Tartanbahn „meines“ Sportplatzes erneuert. Was in Hamburg so viel bedeutet wie: den alten Belag rausreißen und dann mehrere Wochen lang nichts tun. Der Platz war gesperrt, Arbeiter und Fortschritt bei der Bahnerneuerung sah man so gut wie nie. Die Westfalenmeisterschaften kamen näher, und ich konnte nicht trainieren. Das Wettkampfjahr 2011 verging somit ohne nennenswerte Beteiligung meinerseits. Das war aber okay, ich hatte das Jahr sowieso dazu nutzen wollen, Grundlagen zu trainieren, um wieder an meine alte Kraft und Kondition heranzukommen.

Im Jahr darauf war der Sportplatz im Sommer auf einmal nicht mehr ab 7 Uhr geöffnet, sondern erst ab 14 Uhr. Ich konnte also nur dann trainieren, wenn ich frei oder die ganz späte Schicht hatte, was aber nur selten vorkam. Ich war also gerade wieder halbwegs fit geworden, da wurde ich erneut ausgebremst. Über meine Leistung bei den Westfalenmeisterschaften in dem Jahr breiten wir mal den Mantel des Schweigens.

Im Jahr danach, also in diesem, wollte ich gerade nach den Westdeutschen Hallenmeisterschaften im Januar (mal wieder) so richtig durchstarten, als es im März noch einmal zu schneien begann und vier Wochen lang nicht taute. Und nein, in einem vereisten Ring Kugeln zu stoßen bzw. diese aus dem Schnee zu fischen, macht keinen Spaß. Es ist außerdem saugefährlich. Wer sich einmal in einem glatten Ring auf die Fresse gelegt hat, vielleicht auf den Ellbogen gefallen ist und einen Tag später den lädierten Arm nur noch mit Mühe bewegen konnte, weiß, wo von ich spreche.

Von all den Gelegenheiten, zu denen mir das Training verregnete, ich das Feld räumen musste, weil Schulklassen den Platz für sich beanspruchten oder weil eine Veranstaltung stattfand, wollen wir hier mal gar nicht erst anfangen. Auch nicht von der chronischen Achillessehnenentzündung, die mich seit Mitte Juli plagt. Das ist das Alter, das ist mehr oder weniger normal.

Auch der Job macht mir den Sport gerade nicht leichter. Es geht einfach nicht, abends mit einem dicken Schädel aus dem Büro zu kommen und am Morgen darauf im Ring Höchstleistungen zu bringen. Mein Sport ist nicht nur Ausgleich, wie es ein bisschen Joggen vielleicht wäre. Kugelstoßen erfordert Konzentration und Geduld, Koordination und Kraft sowieso. Und manchmal habe ich beim Stoßen das Gefühl, dass mein Kopf so schwer ist, dass er mir auch die Beine lähmt. Ich will, aber mein Körper bremst mich und lässt keinerlei schnelle Bewegung zu. Wie in einem dieser Träume, in denen man laufen möchte und nicht vom Fleck kommt.

Ich weiß nicht, wie oft ich mich in der Vorbereitung auf die diesjährigen Westfalenmeisterschaften gefragt habe, warum ich die Scheiße noch mache. Ich weiß aber noch, dass mir mehrmals in der Woche zum Heulen war, wenn beim Training nichts, aber auch wirklich gar nichts funktioniert hatte. Natürlich muss man sich ein bisschen quälen, das gehört dazu. Aber so? Nein, das fühlte sich nicht gut an.

Und ich erinnere mich leider noch sehr genau daran, wie ich nach meinem letzten Versuch bei den diesjährigen Westfalenmeisterschaften heulend zu meiner Mutter sagte, das mir das alles keinen Spaß mehr mache. Es war eigentlich nicht schlimm, dass ich nicht gewonnen hatte, denn ich gewinne eh nicht so häufig. Es war die Enttäuschung darüber, dass ich mal wieder nicht meine Leistung gebracht hatte, dass nichts zusammenlief, obwohl ich mich regelmäßig beim Training gequält, bei Regen und Kälte trainiert hatte, noch im Dunkeln zum Platz gefahren war und abends vor dem Fernseher mein Krafttraining durchgezogen hatte. Ich hatte alles für mein Ziel getan, und es hatte mal wieder nicht gereicht, ich war mit einer Leistung Dritte geworden, für die ich mich normalerweise nicht mal hätte aufwärmen müssen. Ich gönne meinen Gegnerinnen den Titel bzw. den zweiten Rang, aber ich könnte immer noch heulen, wenn ich daran denke, dass ich, wenn ich vernünftig hätte durchtrainieren können, locker hätte gewinnen können.

Mir ist über die Jahre mit all ihren Widrigkeiten passiert, was ich nie für möglich gehalten hätte: Mir ist der Spaß am Sport abhanden gekommen. Ich will eigentlich nicht aufhören, weil Sport ein wichtiger Teil meines Lebens und vielleicht sogar meiner Persönlichkeit ist. Ich weiß aber auch nicht, wie ich weitermachen soll. Oder warum.


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