Und es gibt nienienie einen anderen Verein!

Champions-League-Finale, BVB – FC Bayern München 1:2

Es ist ja eigentlich schon alles gesagt worden zu diesem Spiel, aber dieser wunderbare Artikel hat mich bewogen, auch noch mal niederzuschreiben, was ich so auf dem Herzen hab.

Ich bin selten so oft und mit ehrlicher Anteilnahme nach meinem Wohlergehen gefragt worden wie in den vergangenen zwei Tagen. Selbst die Leute, die sich überhaupt nicht für Fußball interessieren, versicherten mir, an mich gedacht zu haben, als Arjen Robben den Ball ins Netz donnerte und klar war, dass das Champions-League-Märchen des BVB an dieser Stelle zu Ende war. Ohne Happy End.

Und trotzdem oder vielleicht gerade deswegen antwortete ich jedes Mal auf die Frage nach meinem Wohlergehen: „So traurig wie selten und so stolz wie selten.“

Natürlich hat mir das Tor von Robben mein schwarz-gelbes Herz zerschossen. Ich sank auf dem Sofa zusammen und murmelte nur vor mich hin: „Es ist noch nicht vorbei, wir brauchen nur 69 Sekunden, um ein Spiel zu drehen, es ist noch nicht vorbei, wir brauchen nur 69 Sekunden, es ist noch nicht …“ Und dann war es doch vorbei. Und wir waren nicht Champions-League-Sieger.

Ich war leer. Geschockt. Unfassbar traurig. Enttäuscht. Wir hatten doch alles gegeben, warum wurde das nicht belohnt?

Aber nur wenige Minuten nach dem Abpfiff wurden die Bilder des Tors und des Jubels der Bayern überlagert von den Bildern dieser Saison. In einer Mischung aus außerkörperlichem Erlebnis und Rückschau sah ich mich wieder die Champions-League-Gruppenauslosung schauen und denken: „Ach, du Scheiße.“ Ich sah mich in der Kneipe sitzen und Fingernägel kauen, bis Robert Lewandowski endlich Ajax Amsterdam den Ball ins Tor hämmerte (das war das einzige Heimspiel, zu dem ich nicht im Stadion war, aber meine Eltern vertraten mich würdig). Ich sah „meinen“ Schmelle den Ball ins Netz von Real Madrid (REAL MADRID, ALTER!) zimmern. Ich sah Joe Harts Hintern wieder vor mir herumhüpfen (ein Highlight dieser außerkörperlichen Rückschau), Donezk aus dem Stadion fliegen, sah mich, wie ich verzweifelt versuchte, über ruckelige Live-Streams, die immer in den besten Momenten von Mops-Werbung unterbrochen wurden, Spielen zu folgen, während das Netradio schon fünf Minuten weiter war. Ich durchlebte die Hölle bei diesem unglaublichen Spiel gegen Malaga und heulte noch mal Rotz und Wasser, als wir plötzlich doch nicht raus waren. Ich war wieder im Stadion, als wir Real Madrid zum zweiten Mal vernaschten, Mats Hummels das Gegentor verschuldete und die ganze Südtribüne seinen Namen skandierte, um ihn wieder aufzubauen. Ich erinnerte mich daran, wie ich fast zum Raucher geworden wäre, als der Schiri im Halbfinal-Rückspiel 120 Minuten Nachspielzeit anzeigte. Und daran, wie glücklich ich war, als wir es doch ins Finale geschafft hatten und ich einsam und allein durch Hamburg nach Hause radelte und plötzlich so fürchterliches Heimweh nach dem Ruhrpott hatte, dass ich Herzschmerzen bekam. Alles wegen dieser schwarz-gelben Jungs und ihrem Trainer.

Und plötzlich überwog nach dem Finale wieder der Stolz auf diese Jungs da unten auf dem Rasen, deren ich das beste Fußball-Jahr meines bisherigen Lebens verdanke. So viele unvergessliche Abende, die so viel mehr wert sind als ein blödes Gegentor, so weh es auch getan hat. Dafür möchte ich mich von Herzen bedanken, Roman, Schmelle, Mats, Neven, Felipe, Lukasz, Sebastian, Sven, Moritz, Ilkay, Mario, Kuba, Kevin, Nuri, Robert, Marco, Julian, Jürgen. Für mich seid Ihr die Größten, und wenn Ihr am Samstag gewonnen hättet, könnte ich kaum stolzer auf Euch sein. Vor allem, weil Ihr gekämpft habt wie die Löwen, Euch nicht habt vernaschen lassen wie Barcelona (ALTER!) mit 0:4. Und bald, wenn der erste Schmerz verblasst ist, werdet auch Ihr Euch über das Geleistete freuen können.

Am Sonntag nach dem Finale hatte ich Dienst und schaute in der Redaktion die Bilder des Empfangs der Mannschaft im Stadion und war schon wieder stolz. Ich gestehe, dass ich angefangen hab zu flennen, als die Mannschaft den Rasen betrat und Tausende im Stadion „You’ll never walk alone“ sangen. Zum Glück hatte ich einen verständnisvollen Kollegen an meiner Seite, der mein Schniefen völlig normal fand, obwohl er sich nicht die Bohne für Fußball interessiert. Aber dass 15.000 Menschen ins Stadion kommen, um die Mannschaft zu empfangen, die nicht gewonnen hat (ich vermeide bewusst das Wort „verloren“), machte mich so stolz, dass ich nicht an mich halten konnte. Ich freue mich, dazuzugehören zu allem, was diese Borussia ausmacht. Es war ein Fairytale, ein Märchen, und das war es auch an diesem verregneten Nachmittag in Dortmund. Es hatte vielleicht ein anderes Ende, als wir alle gerne gehabt hätten, aber es ist noch immer eine so wunderbare Geschichte, dass wir alle dankbar dafür sein sollte, dass wir sie miterleben durften.

Und ich freue mich so unglaublich auf die nächste Saison, auf all die wunderbaren neuen Geschichten, die diese Jungs ohne Zweifel schreiben werden, dass ich vor lauter Vorfreude schon wieder heulen könnte. Denn ich weiß, dass unser Märchen dort nicht endet. Diese Jungs sind noch für einige Geschichten gut.

Der eingangs verlinkte Artikel schließt mit den Worten: „Alles ist gut.“ Und ich setze noch einen drauf und sage: Es ist nicht nur gut, ist es grandios. Denn es geht weiter. Ganz sicher. Genießt die Sommerpause.

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5 responses to “Und es gibt nienienie einen anderen Verein!

  • Nick

    Schön, dass du deine Erinnerungen noch aufgeschrieben und geteilt hast! Mir ging es in vielem ganz ähnlich und ich glaube, auch der großen Mehrzahl der Fans, die unseren Verein verstehen und an ihm hängen. Es gibt eben wahnsinnig viele, für die der BVB ein wichtiger Teil ihres Lebens ist und mit denen teilen wir dieses Gefühl des traurigen Stolzes, das auch Weide beschrieben hat. Denn wer die Geschichte des BVB in den letzten Jahren mitgemacht hat, wie sie ja auch im schwatzgelb-Beitrag beschrieben wird, der kann gar nicht anders, als der Mannschaft und natürlich Jürgen Klopp dankbar zu sein – auch für diese tolle Saison.

    Und dann freut man sich auch auf die nächste, trotz aller Ungewissheit. Obwohl ich irgendwie auch froh bin, dass dieses Finale jetzt vorbei ist, freue ich mich tatsächlich zum jetzigen Zeitpunkt schon wie selten auf die nächste Saison.

  • Marc

    Du sprichst mir mit deinen Worten tief aus dem Herzen.

    Meine Enttäuschung und Wut über das 1:2 ist ganz schnell Samstag Abend einem ungeheuren Stolz gewichen.

    Und wenn meine beiden Söhne die Reportage im Netradio vom Spiel gegen Malaga auswendig (!) aufsagen, bekomme ich direkt wieder Gänsehaut.

    • Kirsten

      Danke schön!

      Mir geht es mit dieser Reportage sicher bald wie mit Zimmermanns legendären „Aus dem Hintergrund müsste Rahn schießen …“ :-) Ich krieg schon Gänsepelle, wenn ich nur höre „Jetzt kommt das Wunder von Dortmund!“

  • Der Traum geht weiter. | Neverevertown

    […] und hinterließen mich zunächst in einem seltsamen Zustand. Ja, natürlich war ich enttäuscht. Kirsten schrieb, das Tor von Robben habe ihr ihr schwarz-gelbes Herz zerschossen und das trifft es ziemlich […]

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