On the Nightmare-Nachtzug

Ich schulde der geneigten Leserschaft (haha) ja noch die Geschichte, wie ich am Mittwoch zum Charakterzeigen nach Dortmund anreiste und vor allem, wie ich wieder zurückkam.

Man bescheinigte mir schon vor dem Spiel ein beneidenswertes Vertrauen in die Deutsche Bahn, doch es ließ sich nicht ändern. Meinen Dienst wegtauschen konnte ich nicht, also musste ich nach der Schicht nach Dortmund fahren und nach dem Spiel wieder zurück nach Hamburg, wo ich am folgenden Tag frisch wie der junge Frühling um 12 Uhr wieder in der Redaktion zu stehen hatte. Und da wir alle wissen, wie es ausgeht, wenn ich mit dem Auto zu einem Champions-League-Spiel fahre, schien mir der Schienenverein diesmal die entspanntere Lösung.

Ich huschte also ein bisschen früher aus dem Büro (wobei ich meine Schicht aber auch früher angefangen hatte), nachdem mich die Kollegen schon den ganzen Morgen mit „Wieso bist du eigentlich noch hier?!“, „Warum fährst du denn so spät, du bist viel zu pflichtbewusst!“ und „Du bist ja immer noch hier!“ unterhalten hatten, ging es um 16.42 Uhr ab Bahnhof Dammtor los. Wo ich übrigens nicht die Einzige war, die von dort aus ins Stadion fuhr. Allerdings wird sich der junge Mann im gelben Trikot wahrscheinlich heute noch fragen, warum ich ihn so debil angrinste. Da ich mein Trikot noch nicht trug, war ich nicht als BVB-Fan zu identifizieren, und so wertete er es wohl als Flirtversuch. Und tat das, was alle Männer tun, die ich nett anlächle. Er flüchtete.

Über die Zugfahrt gibt es nicht viel zu berichten, außer, dass ich natürlich wieder den ach so witzigen und lauten Kegelclub in meinem Abteil hatte und von der älteren Dame neben mir entsetzt angestarrt wurde, als ich mir kurz hinter Osnabrück mein BVB-Trikot überzog.

Doch so richtig begann der Spaß erst nach dem Spiel. Noch schnell einen Zwischenstopp am Schwimmbad gemacht und ein Fahrbier erworben, dann ab an den Bahnsteig, um auf den Sonderzug zu warten, der natürlich viel zu spät kam. Aber das gab dem freundlichen Service-Mitarbeiter mit dem Megafon die Gelegenheit, uns nicht nur die nächsten Züge anzukündigen, sondern uns auch gleich einzupeitschen für das Spiel gegen die Bayern in weniger als zwei Wochen.

Der beste Freund nahm einen Zug vor meinem und ließ mich somit mit meinem Fahrbier allein zurück, doch der nächste Sonderzug ließ nicht lange auf sich warten. Ich weiß ja nicht, wie ich nach einem solchem Spiel so rede, aber mein Abteil war eine einzige Logopädie-Selbsthilfegruppe. Wobei Protzizussion aber auch echt ein schwieriges Wort ist.

In Hamm erwarb ich gleich das nächste Fahrbier am zum Glück noch geöffneten Kiosk. Und wenn mir die Dame, die da arbeitet, mal bei Gelegenheit erklären würde, wie sie es schafft, um Mitternacht in einem Haufen grölender Fußballfans noch so eine gute Laune zu haben, wäre ich dankbar.

Zwischendrin mal ein paar Bilder, die die ganze Einsamkeit einer solchen Nacht deutlich und sehr betroffen machen. Vor allem, wenn man noch das Rauschen des Torjubels von 60.000 Menschen im Ohr hat.

Bahnsteig_Hamm

Bahnsteig_einsam

Fahrbier

Dann begann der schlimme Teil der Reise. „Im Nachtzug nach Hamburg“ klingt wie ein schlechter Schlagertext, und so fühlte sich das auch an. Zunächst kam der Zug nicht auf Gleis 6 an, sondern auf Gleis 9, was vor allem den netten Herrn aus Sao Paulo verwirrte, der auch im Stadion gewesen war und mit dem ich ein anregendes Gespräch über europäischen und brasilianischen Fußball führte, bis der Zug dann endlich kam.

Ich weiß bis heute nicht, wohin dieser Zug eigentlich fuhr. Als ich einstieg, fuhr er nach Berlin und Warschau, als ich ausstieg, stand an der Anzeige Kopenhagen. Ich tippe aber auf Osteuropa, denn gleich in der Tür empfing uns eine ebenso giftige wie uniformierte Zugbegleiterin, die auf mein freundliches „Guten Abend!“ sogleich die „TICKCHETS!“ verlangte. Ich schlug die Hacken zusammen und gab ihr meine Fahrkarte, woraufhin sie mir ein “ TO DORTMUND?!“ entgegenbellte, was ich mit einem auf einer hoffentlich nicht zu dezenten Bierfahne reitenden „NOOH, TO HHHAMBURGHHHHH!“ konterte.

Ich fand recht schnell mein Abteil, konnte meine Freude darüber aber nicht allzu lange genießen. Denn dort saßen bereits vier Herren und – ohne jemandem zu nahe treten zu wollen – so roch es da auch. Nach Urologen-Wartezimmer, Füßen, die zu lange in Turnschuhen steckten und dem guten alten Axel. Axel Schweiß, Ihr wisst schon.

Aber da das Fahrbier allmählich zu wirken begann, war es auch fast egal. Allerdings schob mir der eine der Herren mit schon fast unheimlichem Timing seine Tasche immer dann ins Kreuz oder in die Rippen, wenn ich gerade eingenickt war. Dass er dann irgendwann begann, im Takt der Musik auf seinem MP3-Player auf seiner Tasche herumzutrommeln, wusste ich aber mit einem einzigen Blick abzustellen. Doch es wurde nicht besser. Der Zug stand aus mir noch immer unbekannten Gründen mehr als zwei Stunden in Hannover herum, auf dem Gang unterhielten sich dauernd zwei Idioten, das Klo war siffig, mein Handy-Akku leer, mein Kopf müde, mein Rücken sowieso und noch ein Fahrbier wollte ich nicht trinken.

Ich weiß nicht mehr, wie ich genau in Hamburg ankam, aber es war schon hell, es war kalt, aber ich wollte keine Jacke anziehen, weil man ja sonst mein Trikot nicht mehr gesehen hätte. Und wann sonst kann man das in der Fremde schon mal stolz durch die Gegend tragen wenn nicht nach einem solchen Abend?

Und zuguterletzt verdanke ich dem Trikot noch die nette Bahnsteig-Bekanntschaft mit einem Quasi-Kollegen, der neben mir auf die U1 wartete und mit dem ich auf dem Weg nach Hause noch nette Exil-BVB-Geschichten austauschte.

Das ist mir jetzt viel zu lang geraten, aber ich wollte es trotzdem mal aufschreiben. Auch solche Geschichten schreibt der Fußball nämlich.


2 responses to “On the Nightmare-Nachtzug

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

%d Bloggern gefällt das: