Der Rest ist glückselige Heiserkeit

Champions League,Viertelfinalrückspiel BVB – FC Málaga 3:2

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Sprechen kann ich noch nicht wieder, aber es gibt sowieso kein Wort, das auch nur annähernd die letzten Minuten des gestrigen Spiels beschreibt. Unfassbar, der Hammer, geil, unglaublich – ich könnte drei Stunden Superlative sammeln und dazu alle mir bekannten Fremdsprachen zu Hilfe nehmen, und es wäre nicht genug.

Ich kann noch immer nicht glauben, was da gestern passiert ist – und ich werde nie aufhören, dankbar dafür zu sein, dass ich dabei sein durfte bei dieser grandiosen Kampfleistung, dieser unglaublichen Nachspielzeit, diesen beiden Toren, dem Jubel, der einzigen echten und wahren Liebe, die ein Mensch empfinden kann: die Liebe zwischen einer Frau und ihrem Fußballverein. Immer, wenn ich denke, ich habe mit diesen schwarzgelben Jungs jetzt alles erlebt, setzen sie noch einen drauf und bringen mich zum Weinen. Immer wieder.

Als der beste Freund und ich uns gestern an unsere Plätze begaben, grinsten wir uns nur debil an und freuten uns auf einen weiteren schönen Champions-League-Abend. Auf eine enge Kiste zwar, aber doch sicher auf einen Sieg. Und, wie ich sagte: „Selbst wenn das heute schief geht, bin ich immer noch saustolz auf die Jungs.“ Der beste Freund fügte hinzu: „Und stell dir vor, das geht so weiter. Nächste Saison stehen wir wieder hier.“ Und wir grinsten weiter, freuten uns, verloren unsere Stimmen schon bei „You’ll never walk alone“, hielten die Pappen hoch und freuten uns weiter. Und auch wenn ich das jedes Mal sage: So laut war es noch nie.

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Ich verlor meine gute Laune auch nicht, als das Spiel das zu werden begann, was vom Spielerischen her wohl das am wenigsten gute (man beachte die geschickte Vermeidung des Wortes „schlechteste“) CL-Spiel war, das wir bislang gesehen hatten.

Aber hey – nicht vergessen, dass die Jungs zusammengerechnet immer noch jünger sind, als Jérémy Toulalan aussieht. Auch beim 0:1 dachte ich immer noch „Ist doch nicht schlimm, das wird noch.“ Was Reus mit seinem genialen Hackenpass und Lewandowski mit dem Traumtor ja auch zu beweisen schienen. Dass dann die eigenen Nerven im Weg standen – meine Güte, passiert halt. (Das nur für das ahnungslose Mäuschen hinter mir, dass mir nicht nur regelmäßig Kopfnüsse verpasste, sondern nicht nur keine Ahnung, sondern auch eine furchtbare Stimme hatte, mit der es diese Ahnungslosigkeiten absonderte. Aber ich hatte fest vor, mir nicht die Laune verderben zu lassen.)

Es mag komisch klingen, aber noch nicht mal der zweite Führungstreffer von Málaga regte mich auf. Es hatte irgendwie so kommen müssen, und ich dachte lediglich dran, dass ich am Freitag in der Kantine wieder den Kollegen das Essen ins Gesicht würde werfen müssen, weil sie dummes Zeug über den BVB reden wollen würden.

Aber dann begannen die magischen Minuten. Für mich kam die Wende im Grunde mit der Einwechslung von Hummels, also einem Abwehrspieler. Von da an kamen die langen Bälle nach vorne wieder an, es kam mehr Ruhe ins Spiel. Sofern man zu diesem Zeitpunkt noch von Ruhe sprechen konnte.

Aber ich gebe zu, dass ich nicht mehr an eine Wende geglaubt hatte. Ich hatte im Kopf schon begonnen, diesen Post vorzuformulieren und mit „Jungs, ich bin trotzdem stolz auf euch“ beginnen wollen. Ich hatte überlegt, schon mal aufs Klo zu gehen (was ich sonst nicht mache, aber es war wirklich dringend), damit wir den ersten Zug nach Hause kriegen. Die Kamera hatte ich zwar noch draußen, aber nur, weil ich sie ganz vergessen hatte. Dann fiel das 2:2, und ich dachte: „Prima, wenigstens scheiden wir jetzt doch ungeschlagen aus.“ Zum Glück dachten die Jungs nicht so. Torschütze Reus hielt sich nicht lange mit Jubeln auf, sondern schnappte sich den Ball und raste sofort zum Mittelkreis zurück. Vielleicht gab es ja noch eine Chance, vielleicht ein Wunder?

Aber erst nach dem 2:2, als der Ball in Nähe der Dortmunder Trainerbank ins Aus ging, Teddy de Beer hinterherhechtete wie früher, Schmelle wie angestochen an die Linie sprang, um möglichst schnell wieder einzuwerfen, und plötzlich die Stimmung noch ein bisschen mehr hochkochte, dachte auch ich: „Jetzt passiert doch noch mehr.“

Und viel mehr weiß ich nicht. Es war ein einziger Jubelschrei, ich sah meine eigenen Hände wie bei einem außerkörperlichen Erlebnis in den Dortmunder Nachthimmel zeigen und immer höher fliegen, hörte den besten Freund neben mir zehn Minuten schreien, ohne Luft zu holen, landete irgendwann in der Achselhöhle des 2-m-Mannes neben mir, umarmte dreimal den besten Freund und zwischendrin immer wieder wildfremde Menschen, bekam eine weitere Kopfnuss und jubelte, jubelte, jubelte. Darüber, dass man einen Ball mit bloßem Willen über die Linie schieben kann, dass es Santana war (ausgerechnet, woll?!), dass ich dabei sein durfte, dass das Märchen weitergeht, dass die Jungs nie aufgehört haben, an sich zu glauben, dass … und überhaupt alles.

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Und wenn mich demnächst wieder einer dumm fragen muss, was in Gottes Namen ich denn an Fußball so toll finde, werde ich nur milde lächelnd sagen: weil es im Fußball Abende wie den 9. April 2013 gibt.


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