Eine Extrawurst für die Dame, bitte

„xx lernt jetzt (ungewöhnliches Instrument einsetzen). Die braucht auch immer was Besonderes.“

„Auf so einen Mist kannst auch nur du kommen.“

„Brauchst du immer eine Extrawurst?“

Ja, brauche ich. Ich hab schon immer versucht, diesem komischen Leben hier ein paar Besonderheiten abzuringen, weil ich nie wie alle anderen sein wollte.Weil ich mich nie gefühlt habe wie all die anderen. Weil ich schon immer fand, das Leben sei zu kurz, um zu sein wie alle anderen. Das konnte ich vielleicht mit sechs Jahren noch nicht  so formulieren, aber gefühlt habe ich mich immer so. Ich wollte nie so unbedingt im Mittelpunkt stehen, aber ich wollte mich trotzdem von der Masse abheben.

Dazu kommt das reflexartige Inangriffnehmen des Gegenteils von dem, was Leute meinen, mir vorschreiben zu müssen. Wenn eine alte Großtante meckerte, weil ich als Kind so selten Röckchen anhatte, zog ich erst recht bei jedem Besuch Jeans an. Wenn der Chefredakteur damals sagte, ich solle den Artikel so und so schreiben, nickte ich, lächelte und schrieb das Ding so, wie ich es für richtig hielt. Sagte mir ein Freund säuselnd, kürzer dürften meine Haare nun aber nicht mehr werden, konnte man Wetten drauf abschließen, dass ich beim nächsten Friseurbesuch sagte: „Ab damit und nicht zu kurz!“ Bücher, die ich „unbedingt lesen“ muss, lege ich mindestens drei Jahre lang in die hinterste Ecke. Wenn mir jemand sagt, es sei albern, Mats Hummels nach einem versemmelten Elfmeter etwas Aufmunterndes an die Facebook-Pinnwand zu schreiben, mache ich genau das. Und zwar noch herzlicher, als ich es eh schon vorgehabt hatte. Möglicherweise schränke ich danach den Kontakt mit den Leuten ein, die mir Sachen ausreden wollten. Nicht, weil mir peinlich wäre, was ich gemacht hab, sondern um mir das dumme Gelaber nicht mehr anhören zu müssen.

Blöderweise verlor ich zwischenzeitlich die Lust am Anderssein und Gegenteilmachen, weil jeder immer genau das an mir auszusetzen hatte, was ich besonders anders und schön an mir fand. Das hält man auch mit einer sehr gefestigten Persönlichkeit nicht ewig durch.

Allmählich aber bilde ich mir ein, dahinter zu kommen, was andere Leute so für Probleme mit mir haben, wenn ich mal wieder genüsslich meine Extrawurst mit viel Curry esse: die nackte Angst. Und Neid. Alles, was an anderen Menschen anders ist als bei einem selbst, wird kleingeredet, weil das einfacher ist als sich Gedanken darüber zu machen, warum das eigene Leben zu langweilig und spießig ist. Andere kleinzureden, ist einfacher, als selber den Arsch hochzukriegen und was zu ändern. Sich vielleicht endlich mal zum Klöppelkurs anzumelden, obwohl der Freund das unsexy findet. Mal alleine in den Urlaub zu fahren, obwohl dann vielleicht alle denken, man habe keine Freunde. Ob das anstrengend ist? Wie Hölle, natürlich! Ich hab auch nie gesagt, dass es einfach ist. Aber die Zufriedenheit und der Friede mit sich selbst sind ein paar dumme Kommentare wert, glaubt es mir.

Aber auch ich komme erst allmählich wieder an den Punkt, an dem ich auf das scheißen kann, was andere von mir denken.  Ich muss mir nicht mehr von 25-jährigen Püppchen vorhalten lassen, ich fluchte wie ein Bierkutscher. Ich weiß das, und ich fluche noch mehr, je mehr sich jemand darüber aufregt. Ich werde meinen Urlaub weiter „allein“ am Arsch der Welt verbringen und nicht damit aufhören, weil alle anderen zum Zelten nach Dänemark fahren und sich damit für kosmopolitisch wie Sau halten. Ich fahre weiter mit dem BVB-Schal im Auto rum, auch wenn andere das kindisch finden. Und mit dem Kugelstoßen hör ich schon mal gar nicht auf, nur weil die anderen alle in ihren rosa Tchibo-Klamotten joggen gehen.

Wenn Euch meine Individualität Angst macht, ist das nicht länger mein Problem. Also könnt Ihr auch einfach genauso gut die Fresse halten.


6 responses to “Eine Extrawurst für die Dame, bitte

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