Über Mädchen, die Sport machen

In meinem Flur hängt ein Zettel mit der Aufschrift „Mädchen, die Sport machen, wissen, wer sie sind und was sie wollen“. Das stammt aus irgendeiner Sportartikel-Werbung, und da, wo es hängt, sehe ich es immer gleich, wenn ich klatschnass geschwitzt, pottdreckig und humpelnd vom Training komme und mich frage, warum ich den ganzen Mist immer noch mache, da doch alles eigentlich nur eine einzige Quälerei ist.

Nachdem ich ja hier schon mal erklärt hatte, warum es nun gerade Kugelstoßen sein muss, muss ich jetzt doch noch mal was zum Sport allgemein sagen. Zumal mir seit ein paar Tagen etwas im Kopf rumgeht, was mir jemand kürzlich an den Kopf warf: Ich sei ja total verbissen mit meinem Sport, wenn ich auch noch Wettkämpfe machte und mich mindestens zweimal die Woche in aller Herrgottsfrühe vor der Arbeit zum Training quälte und dann auch noch darauf aus sei, meine Bestweite vom 2010 zu übertreffen. Ob es denn in meinem Alter (!) nicht auch ein bisschen joggen und radeln tun würden.

Ich musste kurz schlucken, konnte aber nur erwidern, dass ich das nicht so empfände. Dann hab ich eine Woche lang überlegt, ob mein Gesprächspartner wohl Recht hatte. Inzwischen denke ich: Nein, hatte er nicht. Ich bin nicht verbissen, sondern ehrgeizig. Das bin ich im Job auch, und da scheint es okay zu sein. Sobald man aber im Sport noch was erreichen möchte, ist man verbissen. Ich weigere mich, das zu verstehen.

Im Übrigens ist es nicht so, dass der Sport mein Leben bestimmt. Aber der Sport macht zu einem großen Teil aus, wer ich bin und vor allem, wie es mir geht. Das ist ein himmelweiter Unterschied. Ohne Sport gehe ich nicht nur auseinander wie ein Pfannkuchenteig, ich werde auch unleidlich. In den Sport stecke ich die Aggressionen, die sich sonst in Kinder ärgern, Leute anbrüllen, Rentner anpampen und Idioten zur Sau machen entladen würde. Und wer mich näher kennt, möge sich jetzt vorstellen, wie viel ich ohne Sport erst rumpöbeln würde.

Im Übrigen laufe ich auch nicht die ganze Zeit durch die Gegend und denke, was bin ich großartig, dass ich so gut im Sport bin. Denn das bin ich gar nicht. 10,05 m, meine aktuelle Bestweite, sind im Kugelstoßen keine allzu grandiose Leistung, aber sie sind wahnsinnig gut für mich. Sie sind eine Belohnung für ungeheuer viel Arbeit und Quälerei. Meine Bestleistung mit 18, bevor ich wegen des Studiums für eine Weile mit dem Sport aufhören musste, waren 8,50 m. Das heißt, ich habe die 10 m gestoßen, als ich doppelt so alt war. Wer ein bisschen Ahnung vom Sport hat, kann sich vorstellen, wie viel Arbeit sowas kostet.

Dabei ist Kugelstoßen aber auch alles, was ich kann. Ich kann nicht besonders gut lange oder schnell laufen, ich verfüge über keinerlei Sprungkraft und gut werfen kann ich auch nicht. Wenn ich zwei Tage hintereinander trainiere, bin ich platt. Mir ist im Sport nie wie vielen anderen alles zugeflogen, ich musste hart für das Bisschen kämpfen, was ich inzwischen kann. Meine kleinen Erfolge sind für mich ein großes Geschenk. Beim Sportunterricht wurde ich meistens als Letzte in die Mannschaft gewählt und dann zum Beispiel im Basketball so gut wie nie angespielt. Jeden Winter haben wir im Sportuntericht geturnt und ich hätte jedesmal heulen können, weil ich furchtbare Angst vor sämtlichen Turngeräten hatte. Jazzdance hat Narben auf meiner noch jungen Seele hinterlassen. Im Verein wurde ich mal beim Krafttraining ausgelacht, weil ich mich beim Beinpressen mit Gewichten abquälte, die andere mit dem kleinen Finger hätten heben können. Und heute kann ich immerhin bei Westfalenmeisterschaften und sogar Westdeutschen Meisterschaften starten und nicht Letzte werden. Darüber staune ich, und darüber freue ich mich sehr, weil ich weiß, dass ich das ganz allein mit Arbeit und Quälerei erreicht habe. Dazu kommt, dass ich aufgrund meiner mehr als unregelmäßigen Arbeitszeiten die meiste Zeit allein trainiere und es seltsamerweise auch immer wieder schaffe, mich zu motivieren und um 6 Uhr aufzustehen und zum Sportplatz zu fahren.

Aber wenn man sich in der Schule oder im Job anstrengt, wird man gelobt, wenn man mit ein bisschen Ehrgeiz im Sport Leistung anstrebt, bekommt man zu hören, dass man eine verbissene Ziege sei. Aber denkt doch, was ihr wollt. Ich pampe Leute auch nicht an, die keinen Sport machen, also lasst ihr mich bitte auch in Ruhe mein Zeug machen. Es sei denn, ich bin für euch das personifizierte schlechte Gewissen, dass es euch verleidet, untätig auf dem Sofa rumzuliegen. Dann aber kriegt doch bitte einfach den Arsch hoch und lasst unschuldige Kugelstoßerinnen in Frieden.

Für mich ist der Sport ein Geschenk, und das lass ich mir nicht kaputt reden. Und so möchte ich mit einem weiteren Zitat schließen, das um ein Vielfaches hochtrabender klingt als der Eingangsspruch: „Man trägt ein göttliches Gefühl in seiner Brust, wenn man erst weiß, daß man etwas kann, wenn man nur will.“ (Turnvater Jahn)


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