Stellt euch mal an!

Sind Frauen, die sexuelle Übergriffe erleben, Opfer? Selbst schuld? Zu sexy angezogen? Mit zu wenig Selbstbewusstsein ausgestattet? Zu empfindlich?

Sind Frauen, die Sexismus benennen, unentspannt? Untervögelt? Frigide Zicken, die keinen Mann abkriegen? Nervtussis? Männerhasserinnen?

Man könnte diesen Eindruck gewinnen.

Auf Twitter und in anderen Foren geht es gerade vermehrt um Sexismus im Alltag, Übergriffe und Gewalt gegen Frauen. Viele von ihnen schildern, in welchen Formen sie Sexismus, Belästigungen und sexuelle Übergriffe erlebt haben. Und ich weiß nicht, was ich schockierender finde: die geschilderten Erlebnisse oder wie manch andere User auf die Schilderung der Erlebnisse reagieren.

Als ich anfing, die Beiträge auf Twitter zu lesen, dachte ich noch: „Uff, gut, dass mir sowas noch nicht passiert ist.“ Aber nicht im Sinne von „Diese Frauen sollen sich alle mal nicht so anstellen“, sondern eher im Sinne von „Bis hierhin Glück gehabt.“ Denn ich habe keine Zweifel daran, dass all diese Geschichten wahr sind, dass Frauen täglich sexuell belästigt werden, dass ihnen Chancen aufgrund ihres Geschlechts verwehrt werden, dass ein Mann meint, die Frau habe es doch nicht anders gewollt, weil sie doch diesen kurzen Rock getragen habe. Zum Thema „Nicht anders gewollt“ empfehle ich übrigens „Lucky“ (auf Deutsch „Glück gehabt“) von Alice Sebold, eines der mutigsten Bücher, das ich je gelesen habe. Sebold schildert darin ihre Vergewaltigung und wie sie damit fertig wurde. Lest das mal und sagt dann noch „Die hat das doch so gewollt“.

Und weil ich mit Twitter nicht so richtig warm werden, hier meine Beiträge zum Thema:

  • Der Mitschüler im Religionsunterricht, der mich (damals 13) angrapschte, mir Fragen zu meiner körperlichen Entwicklung ins Ohr flüsterte und dem ich in der zweiten Stunde mit Ansage eine langte, dass es nur so flatschte.
  • Der Religionslehrer, der daraufhin MIR entsetzt sagte, Gewalt sei keine Lösung und nicht mal ansatzweise auf die Idee kam, das meine Backpfeife nur die Antwort auf eine andere Art von Gewalt gewesen war.
  • Die ältere Dame, die mir (damals 16) beschied, Abitur sei ja für Mädchen wohl nicht so wichtig.
  • Der Frotteur in der rappelvollen Stuttgarter U-Bahn, den ich (damals 20) loswurde, indem ich instinktiv meine große Klappe gebrauchte und ihm laut sagte, er solle seine Hand dahinstecken, wo keine Sonne scheint, und der daraufhin an der nächsten Station mitten im Nirgendwo ausstieg.
  • Der Typ, der mich (so Mitte 20) in der Disko ständig antanzte und anrempelte, bis ich ihn wie einen jungen Hund, der in die Ecke gekackt hatte, im Nacken packte und sagte, beim nächsten Mal würde er sich eine fangen.
  • Die „Freundin“, die daraufhin meinte, ich (!) solle woanders peinlich sein.
  • Jeder Anrufer in der Zeitungsredaktion, der, wenn er mich am Telefon hatte, „einen Redakteur“ zu sprechen verlange oder von mir einen Termin für einen „der Herren“ wollte, weil ich als Sekretärin ja sicher Einblick in die Kalender hätte.
  • Jeder Besucher, der in die Redaktion kam, keinen „der Herren“, sondern nur mich sah und fragte: „Ist denn keiner da?“
  • Der Typ, der mich (Anfang 30) nicht einstellen wollte, obwohl er meine Bewerbung ganz toll fand. Aber er habe nun mal einen Mann für den Posten gewollt.
  • Der Therapeut, der mir nach fünf Minuten sagte, ich sei selber Schuld, wenn man mich so behandele. (Die Hintergründe kennen der betreffende Mann und ich , der Rest geht keinen was an. Es war aber kein Übergriff, der Typ war und ist nur eine arme, feige Wurst.)

Alles nicht so schlimm? Weil nichts wirklich Schlimmes passiert ist? Weil ich mich ja offensichtlich schon immer gut wehren konnte? Mag sein. Ich habe alles überlebt, vieles vergessen oder zumindest verdrängt, ich kann mich wehren, habe beruflich gesehen heute eine Stelle, die die von damals um Längen schlägt und bin privat sehr glücklich und zufrieden. Aber ich habe mich im jeweiligen Moment trotzdem wahlweise schuldig, beschmutzt, hilflos oder wütend gefühlt. Da kann mir heute gern jemand sagen, dass das doch alles nicht so schlimm war, die Gefühle, die ich damals hatte, waren wahr. Und niemand hat das Recht, ihnen die Berechtigung abzusprechen. Meine Grenzen sind meine Grenzen, ich bestimme, was ich lustig finde. Und wenn ein Thema solche Wellen schlägt, wurde es offenbar höchste Zeit, drüber zu sprechen.

Und was wäre denn gewesen, wenn ich  mich bei den körperlichen Geschichten nicht so gut hätte wehren können? Wenn mich aus dem Gebüsch drei Männer gleichzeitig ansprängen, käme ich mit Backpfeifen auch nicht weit. Und was dann? Pech gehabt? Selbst Schuld, weil ich zu dicht an Gebüschen lang gehe?

Aber alles in allem passieren mir solche Geschichten nicht wirklich oft; keine Ahnung, warum. Wahrscheinlich wirklich Glück und Zufalle. Ich will mich auf keinen Fall auf eine Stufe stellen mit Frauen, denen richtig schlimme, köperlich und seelisch kaputtmachende Dinge passiert sind und die unter Aufwendung von bewundernswerter Energie und Kraft aufstehen, weitermachen und kämpfen.

Jetzt denken sicher einige: „Die macht ja auch Sport, zieht sich nicht  aufreizend an, ist selbstbewusst, strahlt halt was aus, was übergriffige Männer abschreckt und hat eben genug Selbstbewusstsein und Kraft, mit Sexismus fertig zu werden.“ Das mag sein – aber das wirft alle anderen Frauen in die „Selbst-Schuld-Kiste“, die keine Kugeln durch die Gegend stoßen, gerne kurze Röcke tragen und zarter aussehen als ich. Und das wäre doch wohl Bullshit. Lernt das endlich!

Das Dümmste, was ich in diesem Zusammenhang gelesen habe, war aber nicht auf Twitter, sondern in einer anderen Online-Diskussion. Da stellte sich eine Frau hin und sagte, Sexismus mache nichts mit ihr, weil sie ja ein ach so gesundes Verhältnis zu ihrem Körper und zudem ein gefestigtes Selbstbild habe. Da könne ihr das alles nichts anhaben. Und alle anderen hätten eben große Probleme mit sich selbst, wenn sie damit nicht klar kämen. Ja, danke auch. Das hilft sehr in der Diskussion. Genauso wie der beleidigte Aufschrei „Aber ihr blöden Frauen seid doch auch sexistisch!“

Ich fordere keine weibliche Solidarität,weil ich nichts davon halte, per se alle Frauen toll zu finden und alle Männer scheiße. (Ich weiß, das meinen die meisten nicht, wenn sie weibliche Solidarität einfordern. Aber wir kriegen nun mal keine Gleichberechtigung, wenn wir weiter in „männlich“- und „weiblich“-Schubladen denken. Kleine Jungs und Männer sind auch manchmal arme Säue.) Stattdessen wäre es schön, wenn alle mal das Hirn einschalten und Mitgefühl zeigen mit Menschen, denen schlimme Sachen widerfahren sind. Und nicht immer dieses „Stellt euch doch nicht so an!“ oder „Sind die Weiber doch selbst schuld!“ Leuten, die sowas absondern, möchte ich gerne Folgendes sagen: Was für arme Würstchen seid Ihr eigentlich?! Je älter ich werde, desto mehr verachte ich Leute, die andere nicht mit Respekt behandeln. Ihr kotzt mich an, ganz ehrlich. Weil Ihr keinen Arsch in der Hose habt, weil Ihr nicht den Mut habt, Euch mit eigenem Fehlverhalten auseinander zu setzen, weil Ihr ganz kleine Leuchten seid und so beschränkt, dass Ihr dafür eigentlich ein Schild um den Hals tragen solltet, damit man ganz langsam und deutlich  mit Euch spricht, weil Ihr es ja sonst nicht peilt.

Also: Verdammte Scheiße, stellt Euch an!


2 responses to “Stellt euch mal an!

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