Strickzeug oder Stock?

Wenn ich früher mal so richtig schlimm eine Frau beleidigen wollte, die – wie man im Westfälischen so schön sacht – einen Stock in’n Arsch hat, nannte ich sie gerne mal „Du blöde Feministin“ oder – noch schlimmer – „Du dämliche Emanze“. Das Gespräch schloss ich dann gerne ab mit dem wohlmeinenden Ratschlag, doch das eben erwähnte Gehölz aus dem Hinterausgang zu nehmen.

So was ist nicht nett, aber zu meiner Verteidigung möchte ich anfügen, dass man beim Studium in einem Nest wie Marburg sehr viele schlimme Frauen kennenlernt, die ihre Rechte mit einem glühenden Fanatismus verteidigen, der niemandem gut tut. Die sprichwörtlichen Männerhasserinnen – es gibt sie, und ich habe gefühlt alle von ihnen kennengelernt.

Lange Jahre habe ich deshalb von mir immer gesagt, ich sei „keine Feministin, aber sehr wohl emanzipiert. Aber keine Emanze, um Gotteswillen“. Ich fand Diskussionen um Frauenquoten, männliche und weibliche Anrede in Texten und vor allem große Binnen-I furchtbar und wollte damit ungefähr so viel zu tun haben wie mit Paartanz. (Wobei die doppelte Anrede in Texten diese nicht besser macht und große Binnen-I weiterhin verwendet werden sollten, um den Verfasser damit zu schlagen. So was wird nie gut sein, machen wir uns nix vor.)

Doch wie das so ist – man wird älter und weiser, und das macht auch vor mir nicht Halt. Mit der Zeit kommt man ja doch ins Grübeln. Zum Beispiel nachdem man sich auf eine Stelle beworben hat, die man nicht bekommt und von der man später hintenrum hört: „Die Bewerbung von Frau Konradi war der Knaller, aber ich wollte ja von Vorneherein einen Mann auf der Stelle. Sorry.“ Dabei kann ich doch lauter rülpsen als alle Männer, die ich kenne, mag Fußball und mache mich gerne dreckig beim Sport. (Kommt, so viel Klischee muss sein!) Da fragt man sich, ob da nicht gründlich was falsch läuft und ob man solche Dummbeutel nicht mal darauf hinweisen sollte, dass wir nicht mehr im Mittelalter leben.

Unter Emanzipation hab ich eigentlich immer verstanden, dass ich meinen eigenen Scheiß machen kann, dass ich mit meinem Leben machen kann, was ich will, leben kann, wo, wie und mit wem ich will. Das haben mir meine Eltern so beigebracht und dafür gesorgt, dass ich die Grundlagen mitbekomme, die mir das ermöglichen: eine vernünftige Schulbildung und das emotionale Rüstzeug, sich nicht verbiegen zu lassen. Wenn mir 20 Leute sagen, ich solle dieses oder jenes tun, weil „man“ das so mache, kann man sich sicher sein, dass ich das Gegenteil tue.

Ich bin also so aufgewachsen, dass ich werden und machen kann, was ich will. Stricken, Fußball gucken, rosa anziehen und Bier trinken. Meine erste Diskussion um Frauenrechte fand im Kindergarten statt und endete mit einer Backpfeife. Ich langte dem Blödmann, der sagte, ich könne keine Kiste mit Autos haben, weil Mädchen nicht mit Autos spielen, kurzerhand eine. Damit war die Diskussion für mich bis weit ins Erwachsenenalter erledigt.

Was ich dabei lange nicht verstanden habe, war, dass ich ja eigentlich gar keine Feministin sein musste – weil andere Frauen das schon vor mir gewesen waren. Wenn nicht andere Frauen für unsere Rechte gekämpft hätten – wer weiß, ob ich studiert hätte, eine Ausbildung hätte machen können und heute in der Lage wäre, meinen Lebensunterhalt selbst zu bestreiten. Mit einem Job, bei dem man schon ein bisschen was in der Birne haben muss und nicht nur dekorativ in der Gegend rumstehen muss. Und deswegen stünde es uns gut zu Gesicht, der Generation von Alice Schwarzer dankbar zu sein. Man mag sie mögen oder nicht, aber ihr haben wir zu verdanken, dass ein großer Teil des Kampfes schon gekämpft ist. Wobei natürlich für uns noch genug zu tun ist. Da muss man sich ja nur mal das Frauenbild in der Werbung angucken, was einem als Frau mit Hirn (jetzt hätte ich fast „mit Eiern“ geschrieben) das Wasser in die Augen treibt.

Aber der Kampf wird schwierig, wenn die Mitstreiterinnen so drauf sind wie die Damen, die ich im Studium kennengelernt hab. Die mit einem männerhassenden Gebaren zu Werke gehen, dass ich mich fremdschämen muss. Das ist nicht meins. Ich teile meine Mitmenschen nicht in Männer und Frauen, sondern in Arschlöcher und Nicht-Arschlöcher. Denn das Arschloch-Sein lässt sich nicht auf ein Geschlecht festlegen. Ähnlich vertritt das auch Caitlin Moran, deren Buch „How to be a Woman“ hier sehr fein besprochen wird und das jede Frau lesen sollte, der der Wind nicht durch den hohlen Schädel pfeift. Das Buch hat mir die Augen geöffnet, denn Morans Definition zufolge bin auch ich Feministin. Aber wenn das plötzlich auch beinhalten kann, dass man Männer mag und auch mal witzig sein darf, bin ich gerne dabei.

Und bin auch gerne bereit, für ein Projekt meine Nase in die Kamera zu halten, das Frauen in all ihren Facetten abbildet, sie teils ernst, teils mit einem Augenzwinkern betrachtet und sie im Grunde so sieht, wie ich selber mein Leben betrachtet haben möchte. Ohne Stock im Arsch. Aber gerne mit Kugel und Strickzeug in der Hand.

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 Fotos: die wunderbare Juliana Socher

Falls am Ende dieser zu langen Vorrede also noch Leser da sind, möchte ich sie gerne auf das Projekt Face Feminism aufmerksam machen, an dem ich im Sommer teilgenommen habe. Und an dem ich nur teilnehmen wollte, weil Juliana, die Fotografin, so ein unglaublich netter Mensch ist und die Welt auch in Arschlöcher und Nicht-Arschlöcher einteilt. Wobei sie es vermutlich etwas feiner formulieren würde als ich. Das Projekt bewegt sich fernab von Klischees – und wenn es ihnen doch einmal nahe kommt, dann nur, um sie ironisch zu brechen. Sowas gefällt mir ja immer gut. Das Projekt zeigt lauter Frauen, die einfach ihren Kram machen. Weil sie es können, aber auch, weil Generationen vorher dafür gekämpft haben. Und für uns heute ist auch noch genug zu tun. Aber es schadet sicher nicht, wenn wir in den Kampfpausen ab und zu ein Bierchen zischen und uns selber nicht allzu ernst nehmen.


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