Schmelle sein Schuss und Casillas sein Hintern

Borussia Dortmund – Real Madrid (REAL MADRID, ALTER!) 2:1

Es gibt diese seltenen Momente im Leben, in denen man plötzlich weiß, dass man vor zehn Jahren etwas sehr, sehr richtig gemacht hat. Dass sich alles irgendwie gelohnt hat. Solche Momente hauen einen um, wenn es soweit ist. Man steht mit offenem Mund da und versucht zu begreifen, was da gerade Großes passiert ist. Man versucht, alles aufzunehmen, weil man weiß, dass man gerade ein historisches Ereignis erlebt.

Am vergangenen Mittwoch war so ein Moment. Er dauerte 90 Minuten samt Nachspielzeit.

(Leute, die sich nicht für Fußball interessieren, setzen möglicherweise andere Prioritäten.)

Ich habe ja nun schon einige Spiele im Westfalenstadion erlebt, aber das Spiel gegen Real Madrid toppt für mich alles bisher Dagewesene. Ich war noch nie vor einem Spiel so aufgeregt, habe mit dem besten Freund im Zug noch nie so viel Unsinn bei der Anreise geredet (also ich jetzt, bei ihm ging’s eigentlich), mich noch nie für einen Spieler so gefreut, dass er ein Tor geschossen hat (ausgerechnet Schmelle, hömma!) habe noch nie in den letzten 70 Minuten eines Spiel so gebetet, dass PFEIF DAT DINGEN AB, WIR HAM GEWONNEN!!! und musste mich noch nie nach einem Spiel setzen, weil stehen nicht mehr ging. Im Fernsehen soll es gar nicht so dramatisch gewesen sein, hörte ich nachher, aber im Stadion war es die Hölle. Nicht nur, weil ich Schwierigkeiten hatte zu erkennen, ob der Ball gegenüber am Tor von Weidenfeller drei Zentimeter oder 30 Meter vorbeiging. Sondern vermutlich vor allem, weil ich nicht glauben konnte, dass das alles wirklich passierte. Dass meine schwarz-gelben Jungs Real Madrid (REAL MADRID, ALTER!) schlagen und das nicht nur mit einem schmutzigen 1:0 mit einem geschenkten Elfmeter in der 90. Minute, sondern, weil sie es, verdammt noch eins, wirklich verdient hatten!

Und so kann man den besten Freund und mich doch wirklich für unsere Weitsicht bewundern. Denn vor nicht ganz zehn Jahren entschieden wir uns (ich mehr als er, aber das wird er vermutlich vehement abstreiten, wenn man ihn danach fragt) für eine Dauerkarte auf der Dortmunder Südtribüne. Ich aus unsterblicher Liebe zu diesen netten jungen Männern in den schwarzgelben Trikots, er, um in der Stadt, in der er damals wohnte, Champions-League-Fußball sehen zu können. Natürlich ließen wir die CL-Option auf den Karten weiterschreiben, denn damals gingen wir natürlich alle davon aus, dass das nun, 2002, alles locker so weiter gehen würde, „Keiner spielt so schön wie Amoroso“, Kohle satt, Geld schießt doch Tore, heja BVB. Dass es nicht so kam, wissen wir alle, es ist eine lange, traurige Geschichte mit Niederlagen gegen Arminia Bielefeld und dem schaurigsten Herumgeschiebe des Balles im Mittelfeld, für das ich jemals Geld bezahlt hab.

Wie der beste Freund mehrfach während der Anreise nach Dortmund sagte: „Jetzt wird endlich geerntet.“ Ich glaube, wir freuten uns beide nicht nur auf den BVB, sondern auch auf Real Madrid (REAL MADRID, ALTER!). Ich speziell auf den Arsch von Iker Casillas, der ja 45 Minuten vor meiner Nase rumhüpfen würde. Ich hatte die Spanier zwar schon mal in unseren heiligen Hallen gesehen, aber ein  Testspiel zähle nicht, musste ich mir bescheiden lassen.

Es war wie schon beim Spiel damals gegen Arsenal London. Die Stimmung bei internationalen Begegnungen ist einfach eine andere, und irgendwie ist es gar nicht so schlimm, dass es nur alkoholfreies Bier im Stadion gibt, das man sich auch gleich in den Schritt schütten kann. Man ist sowieso schon besoffen von der Stimmung. Das war auch dem jungen Herrn Götze anzusehen, der von einem Ohr zum anderen vorfreudig grinste, als er zum Warmmachen auf den Rasen gesprintet kam. Da ich sonst nicht so nah am Spielfeld stehe, weiß ich natürlich nicht, ob der sich immer so freut, aber ich möchte mir gerne einbilden, dass er an diesem Abend wirklich ahnte, dass was Besonderes im Anflug war.

Und so war es tatsächlich. Dass die Jungs zu einem Tänzchen bereit waren und diesmal im Gegensatz zum Derby auch die Führung übernehmen wollten, anstatt sich wie eine strunkelige Tussi an den Haaren durch die Disse schleifen zu lassen, war von der ersten Minute an klar. Beim Tor von Lewandowski sah ich in den Dortmunder Nachthimmel und dachte, der Jubel von der Süd, der mir in den Rücken wehte, müsse mich direkt aufs Spielfeld fegen. Und dass Ronaldo gleich darauf den Ausgleich erzielte – geschenkt! Ich dachte, ein Tor gegen Real Madrid (REAL MADRID, ALTER!) mal live gesehen zu haben, wäre schon das Größte, aber meine schwarzgelben Jungs wären nicht meine schwarzgelben Jungs, wenn sie nicht noch ein paar Pfeile im Köcher gehabt hätten. Nach einem Tor aufhören, wo kommen wir denn dahin?

Ich stand Schmelle quasi direkt gegenüber, als er zum Schuss ansetzte und ähnlich dem seltsam-außerkörperlichen Erlebniss, das ich damals hatte, als Weidenfeller den Elfer von Robben hielt, lief alles plötzlich für mich Zeitlupe ab. Was schön ist, denn so hat man ja länger was davon. Ich sah den Ball wie ein Zeitlupe zwischen Freund und Feind hindurchschießen und im Tor landen. Dem anschließenden Jubel verdankte ich taube Ohren und eine noch zwei Tage später heisere Stimme, aber ich bereue NICHTS! Ein Tor gegen Real Madrid (REAL MADRID, AL*hust*)! Von „meinem“ Schmelle! Vor meiner Nase! Hömma!

Von der nächsten knappen halben Stunde weiß ich nur noch, dass ich alle 90 Minuten auf die Uhr sah und nur jeweils drei Sekunden vergangen waren. Die Hölle auf Erden, ehrlich. Dass es tatsächlich beim 2:1 geblieben ist, kann ich bis heute nicht so recht fassen. Zum Glück gibt es ein Beweisvideo (von dem ich bis eben vergessen hatte, dass ich es überhaupt aufgenommen hatte, so schwarzgelb umnachtet war ich):

Und zum Abschluss würde ich gern noch einmal zitieren, was ich Herrn Schmelzer bei Facebook auf die Pinnwand geschmiert hab (und wofür ich immer noch auf ein LIKE! warte, junger Mann!): „Die Stimme noch weg, die Nase dicht, Beine lahm, Rücken steif, Geisteszustand „Hab-meinen-Namen-vergessen“, Glückshormon-Spiegel auf Level „Schmelle“. Danke für einen wunderbaren Fußball-Abend und Glückwunsch zu diesem wunderbaren Tor! Und niemandem hätte man es mehr gegönnt, mach weiter so! :-)“

Bitte was? Ich bin peinlich wie ein Teenager? Pffffffft. (Immerhin hab ich keine Herzchen dazu gemacht!)

Ach, und bevor ich es vergesse:


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