Der Sportsgeist wohnt hier nicht mehr

Ich habe mich in letzter Zeit – sportlich gesehen- über so vieles aufgeregt, dass ich gar nicht weiß, wo ich anfangen soll. Vielleicht  mit dem jüngsten Vorfall.

Also bei der Tatsache, dass Jogi Löw ein Vollpfosten ist, der im Gegensatz zu 80 Millionen zur Verfügung  stehender Bundestrainer keine Ahnung von irgendwas hat, von Mats Hummels, der ja nun wirklich überhaupt nicht Fußball spielen kann (im Gegensatz zu 80 Millionen, die schon früher in der Kreisliga bessere Pässe gespielt haben) und überhaupt allen anderen Luschen, die sich Fußballnationalmannschaft schimpfen, aber noch nicht mal die Hymne mitsingen können.

LEUTE!

Wenn man sich die Schlagzeilen der vergangenen Tage und die Kommentare all dieser Möchtegern-Experten anschaut, könnte man denken, es sei wer weiß was passiert. Dabei haben wir doch eigentlich nur ein Fußballspiel verloren. Das musste irgendwann man passieren – schade halt, dass es in einem Halbfinale war. Das ist aber im Grunde auch schon alles, was es dazu zu sagen gibt. Natürlich war die Niederlage schmerzhaft, natürlich hätte es die Mannschaft verdient, ins Finale einzuziehen, aber wir sind doch immer noch unter den vier besten Mannschaften Europas und sogar die drittbeste in der Welt, ausgehend vom Ergebnis der WM 2010. Wenn die Jungs im Spiel gegen Italien 90 Minuten nun nasebohrend und kronjuwelenschaukelnd auf dem Rasen gestanden und den Italienern dabei zugesehen hätten, wie die Zauberfußball spielten, könnte ich den Shitstorm der vergangenen Tage ja noch verstehen. Aber meine Güte, die anderen waren einfach einen Tick besser und abgezockter an dem Tag. Das passiert im Sport einfach. (Und soweit ist es schon gekommen, dass ich die Italiener lobe, die mir am 4. Juli 2006 so tiefe Wunden geschlagen haben, dass ich heute immer noch daran denken muss und es bei Wetterumschwung an den Nerven kriege!)

Auch mir tat die erneute Niederlage gegen Italien weh, ich wollte am liebsten gar nicht mehr hinschauen. Aber weniger, weil ich schlecht verlieren kann, sondern weil mir Angst und Bange wurde vor den Schlagzeilen am nächsten Tag. Ich habe die dann auch  weitestgehend vermieden, bis ich über Arnd Zeiglers großartigen offenen Brief  (man muss ein bisschen runterscrollen) gestolpert bin, der eigentlich alles sagt und dem nichts hinzuzufügen ist.

Es scheint tatsächlich nichts mehr zu geben zwischen Vollversager und Europameister. Das merke ich ja sogar schon im Kleinen. Wenn ich sage, dass ich Kugelstoßen mache, ist das per se schon mal komisch, aber das ist noch mal ein ganz anderer Blogbeitrag. Die erste Frage ist dann meistens die danach, wie weit ich „werfe“. Auch das ist falsch, aber egal. Wenn ich meine Bestleistung nenne, ist in 90 Prozent der Fälle die zweite Frage „Und was ist der Weltrekord?“ Und obwohl das eine vor Dummheit strotzende Frage ist, gebe ich dann gerne zu, dass ich den Weltrekord auch dann noch um 2,53 m verfehlen würde, wenn ich doppelt so weit stieße, wie meine derzeitige Bestleistung ist. Dann sei das ja wohl nicht so toll, bekam ich daraufhin einmal zu hören. Mein ganzes Training, meine Quälerei, meine Freude über meine ersten 10 m – alles mit einem Satz in die Scheiße gezogen und noch mal drauf rumgetreten. Der Sportsgeist zieht sich getroffen zurück und geht in einer stillen Ecke weinen.

Aber selbst wenn man dann mal gewinnt oder einen guten zweiten Platz macht, gibt es Gerede. Gerne die mit einem Grinsen gestellte Frage: „Echt? Zweite? Waren nur zwei da, oder was?“ Das soll lustig sein, ist es aber nicht. Und witzig ist es schon gar nicht, es ist nur verletzend. Wenn ich dann mal Zweite werde, aber mit meiner Leistung nicht zufrieden bin, heißt es gerne mal: „Aber wenn die Erste sowieso drei Meter weiter gestoßen hat, ist es doch egal …?“ – Dass man sich über einen zweiten Rang mit einer guten Leistung mehr freut als über einen mit einer schlechten Leistung, scheint keiner verstehen zu können. Zweiter Platz ist erster Verlierer, und wenn du verlierst, bist du scheiße. Und auch, wenn du vorher drei Jahre lang toll warst – so schnell, wie du wieder scheiße bist, kannst du gar nicht gucken. Du darfst dir keinen Fehler erlauben, wie es menschlich wäre, du hast zu funktionieren und dem Pöbel zu geben, wonach er verlangt – SIEGE! – obwohl er seit 20 Jahren unter seiner Wampe seine Füße nicht mehr gesehen hat.

Es gibt ja Leute, die ihre Lieblingsmannschaft schon vor einem Spiel hochjubeln bis zum Geht-nicht-mehr und dann erleben müssen, wie die 0:5 untergeht. Peinlich genug. Das sind dann aber auch die gleichen Leute, die vor Arroganz fast platzen, wenn die Mannschaft mal gewinnt, sich Siege selbst anrechnen und auf dem Verlierer rumtrampeln, dass man sich mit Grausen abwendet. Ich glaube, die Leute, die jetzt am lautesten die Nationalmannschaft bepöbeln, sind nur sauer, weil sie nun zugeben müssen, dass es vielleicht ein bisschen vermessen war, nur noch über die Höhe des Sieges im Finale gegen Spanien zu spekulieren. Warum kann man nicht ganz sachlich am Anfang mal den Ball flach halten und sich am Ende ganz normal freuen, wenn es geklappt hat? Auf den Sportplatz zu gehen und von Vorneherein zu behaupten, man sei der Größte (auch wenn es vielleicht stimmen mag), ist unsportlich und vor allem respektlos dem Gegner gegenüber. Und die Leute, die sich so verhalten, haben in den allermeisten Fällen im Falle einer Niederlage nicht den Arsch in der Hose, dem Gegner zum Sieg zu gratulieren. Das ist im Großen so und im Kleinen nicht anders. Leider weiß ich nicht, wie man das ändern kann. Ich weiß nur, dass es mich ankotzt.


10 responses to “Der Sportsgeist wohnt hier nicht mehr

  • Blinkfeuer

    Wie? Die haben doch selbst getönt, dass sie reif für den Titel sind. Wer aber in regelmäßiger Folge kurz davor ängstlich agiert und hilflos, hat wahrscheinlich zu lange trainiert, jeden Mist. Wie die Frauen letztens, 7 Wochen, null Erfolg. Liegt am/n Trainer/in, wenn die Spieler besser als das Team ist. Wird in der Liga stets akzeptiert, wenn da gewechselt wird.
    Was die üben, weiß ich nicht. Millionäre, die keinen ruhenden Ball treten können, sind schon lächerlich, und zwar, weil sie gegen harmlose Freiburger erst noch drum knobelten. Ich merke mir die Bayerngroßmäuler und ihre nun 2 Krakeeler schon. Und den FCB Freak Jogi.
    Und nach Brasilien sollte man ohne Außenverteidiger gar nicht erst anreisen.

  • sopimaton

    Und wenn tatsächlich mal nur zwei Leute bei einem Wettbewerb antreten und man dann gewinnt, kriegt man gerne ein total lustiges „Och, nur Vorletzter?“ zu hören. Alternativ auch „jaja, unter den Blinden ist der Einäugige König“. Wahre Geschichte, nicht ausgedacht…

    • Kirsten

      Glaub ich unbesehen. Hab ich auch schon mal gehört. Könnte mich auch sofort wieder aufregen, wenn ich dran denke. Lohnt sich zwar nicht, aber na ja. ;-)

  • Daniela S. (@danielasgedanke)

    Es gibt einen Grund, warum ich Sport in der Schule gehasst habe. Dieses \”Erster, Zweiter … Letzter\”-Denken kotzt mich ganz schön an. Erst durch meinen Schüler-Job im Fitnesscenter hab ich gelernt, dass körperliche Bewegung mir einfach gut tut und Spaß macht, weil auf einem Spinningrad oder dem Bauchtrainer einfach niemand Erster oder Letzter werden kann :)

    Ansonsten: WORD! Natürlich redet man \”seine\” Mannschaft – mit der ich persönlich eh noch nie ein Wort gewechselt habe – nicht vor einem Spiel klein, und natürlich hab ich auch sowas wie \”zum Finale gibts bei uns spanisches Essen, wir verputzen die hier am Tisch\” von mir gegeben.

    Doch was mich, als nicht aktive Sportbraut, sehr nervt, sind sinnfreie Kommentare während und nach dem Spiel, von \”die waren eben besser\” über \”ist doch nur Fußball\” bis hin zu \”diese eine Minute hätte denen jetzt auch nix gebracht\”. Am nächsten Tag sehe ich das auch so so, ganz klar. Aber in den Minuten nach dem Schlußpfiff wäre ich ganz gern mit mir und meiner Trauer/Enttäuschung/Euphorieabbau allein. Wenn ich schon mal die Klappe halte, dann hat das sicherlich ne Bedeutung.

    …. haha … wie gut dass ich den Text noch im Zwischenspeicher hatte :)

    • Kirsten

      Es ist ja auch völig okay, nur Sport zu treiben, weil es einem Spaß macht oder gut tut , da rede ich auch keinem rein. Im Umkehrschluss will ich aber auch meine Wettkämpfe machen dürfen, ohne dass mir einer sagt, ich sei von Ehrgeiz zerfressen. Was ich nicht bin und von „Leistungssport“, wie mir gerne mal unterstellt wird, bin ich ja auch weit entfernt. Ich trainiere nur eben und freu mich dann, wenn eine gute Leistung dabei herausspringt – das war beim Lernen in der Schule nicht anders. Und dann hätte ich auch gerne, dass die Leistung anerkannt wird und ich keine blöden Sprüche kriege.

      Klar hab ich auch vorher gesagt, hoffentlich schlagen wir die Italiener. Aber ich stell mich nicht breitbeinig hin und brülle: „Die hauen wir weg“, weil ich weiß, wie leicht im Sport Sekunden oder Zentimeter entscheiden können. Hatte ja auf Facebook auch mein Foto zum Spieltag mit „HOffe ich“ versehen. ;-)

      Und solche Kommentare wie „Na ja, die waren eben besser“, will ich auch erst am nächsten Tag hören, wenn überhaupt. Ich musste mir das Gedöns schon nach dem Italien-Spiel 2006 anhören, als ich am Boden zerstört war. Von wegen, ich solle mich nicht aufregen, das sei doch nur ein Spiel etc., das volle Programm. Ich bin dann auch ganz schnell gegangen, bevor ich pampig werden musste. ;-)

      • Daniela S. (@danielasgedanke)

        Mein „ich beweg mich ohne Wettkampf“ war auch weniger Kritik an Deiner Art, Sport zu treiben, sondern eher eine Ergänzung. Es gibt tatsächlich immer noch Leute, die fragen so etwas wie „Gibt es da denn irgendeine Meisterschaft? Trainierst Du auf ein Event hin? Was bringt denn das, in so einem muffigen Studio herumzulungern, wenn man draußen doch so toll laufen gehen kann?“ (letzteres ist gerade für mich als Allergiker so gar keine Option *grummel*)

        „Das ist doch nur ein Spiel“ gehört zu den Sätzen, mit denen man sich ganz fix als meine Begleitung bei Sportereignissen disqualifiziert. Deshalb wähle ich derzeit, wen ich am 20.4. zum Spiel HSV vs. F95 mitnehme :)

  • Scholli

    Word! Wir sind, wie so oft, einer Meinung.

  • Flori

    Sportgeist und Fairnes von Leuten zu erwarten die selber keinen Sport machen und nur auf sich bezogen sind sollte man nicht zu ernst nehmen.
    Wie soll man von solchen Menschen erwarten das sie mit dem nötigen Respekt eine Leistung beurteilen, wenn sie selber nicht wissen und beurteilen können was dafür nötig ist um eine bestimmte Leistung zu erbringen.
    Diese Leute sind doch in Ihrem Beruf meist auch nicht die besten der Welt, obwohl sie dort der bezahlte Profi sind. Geben sich dort aber mit Ihrer Leistung ganz selbstverständlich zufrieden, mit welchem Recht? Nur weil sie nicht in der Öffentlichkeit stehen? Die Schizophrenie mancher Menschen ist schon zu bewundern.

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